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Posts Tagged ‘Gesellschaft’

„Ich habe es gesehen!“

Doktor Humpert strich sich nervös durch die Haare.

„Das ist unmöglich.“

„Nein, ist es nicht“, Letizia schüttelte bekümmert den Kopf, „aber es würde das Ende unserer Gesellschaft bedeuten, wie wir es kennen.“

Doktor Humpert wendete sich ab und trat ans Fenster. Vor ihm breitete sich der weitläufige Park der Universität aus. Die Sonne legte die letzten Strahlen über die friedliche Landschaft. Noch vor vier Wochen hätte er Letizias Vision als Unfug abgetan. Er war Wissenschaftler. Für ihn zählten die Fakten. Doch er hatte gesehen, wie sich ihre Voraussagen erfüllten.

„Nicht nur unserer Gesellschaft“, flüsterte er, „sondern das Ende unserer Welt.“

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Meine Zeitreise würde in die 20er Jahre nach Paris gehen. In eines dieser Cafés, in denen sie sich alle Treffen – die literarische Boheme. Besonders Hemingway und Fitzgerald. Mich würde interessieren, wie Zelda wirklich war – hat sie so viel getrunken, wie man sagt und war sie eifersüchtig auf seinen Erfolg?

Die zweite Zeitreise würde in das England Jane Austens gehen. Ich würde sie gerne kennenlernen. Wie war sie? Warum hat sie nicht geheiratet? Waren die englischen Gentlemen wie in den Büchern und die meisten Mädchen nur darauf aus eine gute Partie zu machen? Ich würde gerne auf einen Ball gehen und mir die Gesellschaft anschauen.

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„Rosalie“, Anthonys Stimme reißt sie aus ihren Gedanken, „sie sind noch auf?“

Er nimmt sich einen Stuhl und setzt sich neben sie an den Herd. Rosalie lächelt. Er trägt dicke Wollsocken, hat aber noch Dinnerhose und Hemd an, nur ohne die enge Krawatte. Sein blondes Haar ist zerzauster als sonst.

„Ich konnte nicht schlafen. Mir geht so viel im Kopf herum. Möchten sie auch einen Tee?“

Sie steht auf, füllt das kochende Wasser aus dem Kessel in die Teekanne und holt eine zweite Tasse für Anthony aus dem Küchenschrank.

„Sehr gerne. Darf ich fragen, welche schweren Gedanken ihren Schlaf vertreiben?“

„Oh, diese Familie lässt mir einfach keine Ruhe“, seufzt Rosalie und fragt, „Zucker?“

Anthony nickt und lässt seinen Blick über Rosalies schlanke Figur gleiten, die von dem seidenen Morgenrock sanft umspielt wird. Ihr Haar fällt in weichen Wellen über den Rücken. Vor Anthonys geistigem Auge erscheint das Bild von Rosalie, nackt in seinem Bett, nur geschmückt mit ihrem langen wundervollen Haaren.

Rosalie gießt den Tee ein und reicht Anthony eine Tasse.

„Danke“, er lächelt sie an, „es ist selten, dass ich schlaflose Nächte nicht bedauere.“
Rosalie nippt an ihrem Tee.

„Anthony“, beginnt sie unsicher und sucht nach den richtigen Worten, während er seinen Stuhl näher rückt, „sie sind wirklich ein Lichtblick in dieser unterkühlten Gesellschaft“, sie wird von einem schrillen Aufschrei unterbrochen.

Poltern und Scheppern ist zu hören, dazwischen weitere Schreie. Eine unheimliche Stille tritt ein. Rosalie und Anthony blicken sich für eine Schrecksekunde an, dann springen sie auf und laufen in die große Halle hinaus. Am Fuß der Treppe liegt Lady Edna verdreht wie eine Gliederpuppe in einer Blutlache. Ihr Stock liegt einige Meter weit weg. Die beiden bleiben wie erstarrt vor ihr stehen. Rosalie blick auf. Am oberen Ende der Treppe steht Gil und blickt zu ihnen hinunter. Misses Morse, Mister Smith und die anderen Dienstboten erscheinen wie Geister aus den Schatten. Leise tuschelnd halten sie Abstand. Misses Morse schluchzt gedämpft in den weiten Ärmel ihres Morgenrocks. Rosalie fasst sich als erste.

„Wir müssen einen Arzt rufen. Und den Bestatter.“

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Anthony schien sich auf die Fahne geschrieben zu haben, Rosalie zu unterhalten. Bis zur Testamentseröffnung am Nachmittag zeigte er ihr sämtliche Räume des Schlosses, einschließlich seiner Geschichten und Legenden. Einige kannte sie von ihrem Vater, andere waren ihr neu. Am meisten beeindruckte sie die Bibliothek von gigantischen Ausmaßen.

Rosalie hätte dort gerne mehr Zeit verbracht, aber Anthony war kein großer Bücherliebhaber und lotste sie beinahe im Laufschritt hindurch. Er interessierte sich eher für die unterirdischen Gänge des Hauses, die seit langem verschlossen und ihre Eingänge vergessen waren. Rosalie war der Überzeugung, dass es zwischen den Tausenden Büchern Lagepläne des Hauses geben musste, behielt ihre Meinung aber für sich.

Als sie nun in dem düsteren Arbeitszimmer ihres verstorbenen Großvaters vor dem großen Schreibtisch sitzt, gilt ihre ganze Neugier der Dame des Hauses, Lady Edna und dem neuen Herrn der Familie, Gilbert de Clare. Die beiden ließen sich beim Frühstück entschuldigen und vertrauten Anthony die Rolle des Gesellschafters bereitwillig an.

In der unangenehmen Stille, neben Lady Edna im steifen Witwenkostüm, das ihre faltige blasse Haut hervorhebt, und die sie keines Blickes würdigt, und unter den scharfen Blicken von Gilbert, der ihr gegenüber am Kamin steht, vermisst sie ihn beinahe. Rosalie hat kein ängstliches oder leicht zu beeinflussendes Wesen, aber sie bevorzugt im Allgemeinen die Gesellschaft fröhlicher Menschen.

Lady Ednas schrille Stimme zerreißt jäh die Stille und Rosalie zuckt unmerklich zusammen.

„Wo bleibt er denn nur? Unzuverlässig wie immer, dieser blutsaugende Winkeladvokat!“

Lady Edna stampft mit ihrem Stock auf den Fußboden. Rosalie bemerkt ein Lächeln auf Gils sonst so ernstem Gesicht, das sofort wieder verschwindet, als er ihrem Blick begegnet. Tatsächlich hat die Szene etwas sehr Skurriles an sich, das entging nicht einmal dem arroganten Gil. Rosalie fragt sich, ob Gil jemals Leidenschaft für eine Frau empfunden oder einer die Chance gegeben hat, sein Herz zu erobern.

So wie er dort steht, aufrecht beinahe steif, glatt und unnahbar, fällt es ihr schwer sich das vorzustellen. Andererseits hat Rosalie mit einem Mann ähnlichen Kalibers, eine der aufregendsten Liebesnächte ihres bisherigen Lebens erlebt, nachdem das Eis aufbrach und das Feuer daraus hervorsprudelte.

Gil beobachtet Rosalie aus den Augenwinkeln. Verdammt, denkt er, warum lächelt sie so geheimnisvoll und warum ist sie nur so unglaublich schön. Im Geist löst er ihr helles Haar und stellt sich vor, wie es über ihre nackten Schultern den Rücken hinabfällt. Bevor Gil weiter über Rosalies Vorzüge nachdenken kann, fliegt die Tür des Arbeitszimmers auf und besagter Winkeladvokat stolpert herein.

„Entschuldigen sie, Mylady, Mylord.“

Er nickt beiden Herrschaften diensteifrig zu und platziert seine abgegriffene Aktentasche auf dem Schreibtisch. Die Schnalle der Tasche löst sich und ein Stapel Papiere rutscht heraus.

„So, so, so“, der dickliche kleine Mann sammelt sie mit fahrigen Fingern wieder ein. Schweißtropfen bilden sich auf seiner Stirn, die er mit einem riesigen Taschentuch abtupft. Rosalie muss sich ein Lachen verkneifen. Die ganze Situation wird immer absonderlicher, geht es ihr durch den Kopf.

„Sie müssen Rosalie Graville sein“, inzwischen hat sich der Notar gefasst und blickt Rosalie über seine Brille hinweg an.

„Das ist richtig. Und sie müssen Mister Blythe sein.“

Sie streckt ihm die Hand entgegen, die er verlegen ergreift, ohne recht zu wissen, was er machen soll.

„Wie lange soll das dauern“, keift Lady Edna, „fangen sie an Blythe, wofür bezahlen wir sie!“

Rosalie befürchtet, die alte Dame könnte den Stock gegen den Notar erheben.

„Ja, nun“, stammelt Mister Blythe und lässt Rosalies Hand fallen, als hätte er sich die Finger verbrannt. Mit schuldbewusst gesenktem Kopf huscht er hinter den Schreibtisch. „Dann lassen sie uns anfangen.“

Mister Blythe setzt sich und versinkt beinahe in dem riesigen Ledersessel. Gils und Rosalies Blicke begegnen sich und in diesem winzigen Moment blitz etwas wie verstehen zwischen ihnen auf. Um nicht laut aufzulachen wendet sich Rosalie dem herrlichen Ausblick auf den Garten zu. Der Notar hat inzwischen das Testament aus dem Zettelgewirr herausgesucht.

„Darf ich um ihre geschätzte Aufmerksamkeit bitten“, Mister Blythe blickt von einem Anwesenden zum anderen. „Seine Lordschaft hat in seinem letzten Willen verfügt, dass Gilbert de Clare als nächstem Angehörigen, das gesamte Erbe, beweglich und unbeweglich, zufällt. Seine geliebte Frau Lady Edna wird natürlich bis zu ihrem Lebensende Wohnrecht in ihrem geliebten Zuhause erhalten und eine Apanage von 1000 Pfund im Jahr“, Mister Blythe macht eine kurze Atempause, wischt sich die Schweißtröpfchen von der Stirn. „Des Weiteren wird meine Enkeltochter Rosalie Graville, nach dem Tod Lady Ednas, das Familiengeschmeide der de Clares erben.“

„Unmöglich!“, Lady Edna springt erstaunlich agil aus ihrem Sessel auf, „dieses Bastardkind wird nicht meine Juwelen erben. Das ist unmöglich.“

Drohend schwingt sie den Stock und Rosalie überlegt, wie sie sich der alten Lady erwehren soll, als Gil ihren Arm nimmt und sie von Rosalie weg zieht.

„Bitte, Tante Edna, beruhige dich“, sagt er leise, aber bestimmt.

„Ich will mich nicht beruhigen! Das ist eine Schande, eine Schmach. Wie konnte er unser Familie das antun?!“

Rosalie hält es nicht mehr auf ihrem Platz. – Es reicht! Eine absolute Unverschämtheit! Der alte Lord macht einer jungen naiven Frau ein Kind und mein unschuldiger Vater muss noch, nach seinem Tod dafür büßen. – Kerzengrade geht sie auf Lady Edna zu. Gil wirft ihr einen warnenden Blick zu, aber es ist zu spät. Rosalie hat nicht vor, für Gils Seelenfrieden auf ihre Genugtuung zu verzichten.

„Ich kann ihnen sagen, warum!“, ihre Stimme ist ruhig, aber innerlich brodelt es in ihr, „weil er es meiner Familie zuerst angetan hat!“

Lady Edna klappt den Mund auf und wieder zu. Sie wirft Rosalie eisige Blicke zu, dann lässt sie sich von Gil hinausführen.

Mister Blythe sitzt eingesunken hinter dem Schreibtisch und tupft sich erneut die Stirn ab. Er hat einen Eklat befürchtet und ist froh, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist. Rosalie wendet sich an den Anwalt. Die schöne junge Frau, die sich vor dem Schreibtisch aufbaut und ihn scharf ansieht macht ihn nervös. Unkontrolliert beginnen seine Lider zu zucken.

„Mister Blythe, bitte erklären sie mir diese Farce!“ Rosalie stützt sich mit den Händen ab und beugt sich vor, „ich komme doch nicht den weiten Weg aus London hier her, um mir Frechheiten gefallen zu lassen – für ein paar Juwelen. Das interessiert mich nicht!“

„Was interessiert sie dann?“

Gil ist lautlos ins Arbeitszimmer zurückgekehrt. Seine Stimme ist zwar kühl, lässt aber auch Interesse erkennen. Rosalie ist versucht ihm eine Antwort zu geben, überlegt es sich dann aber anders.

„Ich glaube kaum, dass sie das verstehen werden.“

Ihre blauen Augen funkeln zornig. Sie strafft die Schultern und geht ohne ein weiteres Wort hinaus.

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4. Manchmal hat die Liebe einen Preis.

„Manchmal hat die Liebe einen Preis.“
Schrieb ich oben auf das Blatt. Darüber sollte ich einen Aufsatz schreiben?! Super. Manchmal hat die Liebe ihren Preis. Wann hat sie keinen Preis? Irgendwas ist immer. Man verbiegt sich, um zu gefallen, macht sich kleiner als man ist, hält Dinge aus, die man sich unter anderen Umständen nie gefallen lassen würde und trotzdem liebt man, zahlt und zahlt.

Oder meinen die so eine Märchensache. Wenn du den Prinzen retten willst oder die Prinzessin, dann gibt`s du deinen Reichtum hin, deine Schönheit, deine Jugend und dann kriegst du sie oder ihn zurück. Im Märchen hat das ganze Bezahlen allerdings immer ein Happy End, die Opfernden kriegen den Preis zurück.

Als meine Mutter meinem Vater hinterher brüllte: „Ich habe dir die besten Jahre meines Lebens geopfert“, hat sie das sicher nicht gemeint. Sie sagt heute noch: Ich habe alles gegeben und was hatte ich davon? Und: Lass dir das eine Warnung sein! Mach nicht denselben Fehler wie ich.

Was meint sie damit? Dass ich nicht lieben oder dass ich keinen Mann, wie meinen Vater lieben soll? Ach, was weiß ich. Manchmal hat Liebe einen Preis – Liebe. Einfach nur wieder lieben. Das Herz öffnen und lieben. Es ist eine Gabe, kein Preis. Ich habe einen interessanten Satz gehört: Du kannst kein Preisschild an die Liebe hängen. Das stimmt! Doch hängen sie überall. Ich gebe dir Geld, Geschenke, Auto, Wohnung usw. und dafür bekomme ich Aufmerksamkeit, Sex, Gesellschaft von dir.

Ich erinnere mich an einen Kommentar meiner Mutter über meinen neuen Freund: „Wieder ein Mann ohne Geld.“ Er nagt nicht am Hungertuch, aber Millionär ist er nicht. Allerdings hat er ein großes Herz, eine unerschütterliche Ruhe, ist Hilfsbreit und liebt mich, so wie ich bin. Wenn er ein dickes Bankkonto hätte, könnte er mich nicht mehr lieben. Also was soll das Gerede vom Preis? Die anderen können ihre Preisschilder tragen, meins liegt schon lange im Papierkorb.

(Nach der ersten, irgendwie ernsten Betrachtung, brauchte ich eine) Zweite Version:

„Manchmal hat die Liebe einen Preis“, sagte ich leichthin und stellte ihm den bestellten Rotwein auf den Tresen.

Er sah auf mich herunter und lächelte.

„Und welchen Preis hat ihre Liebe?“, seine dunkle Stimme traf mich bis in den Bauch.

Ich errötete und schlug die Augen nieder. Warum fragte er mich das?

„Auf so privaten Fragen antworte ich nicht“, erwiderte ich.

„Und was muss ich tun, um eine Antwort zu bekommen?“

Er griff in die Innentasche seines teuren Jacketts, zog einen Geldschein heraus und schob ihn mir zu. Fünfzig Euro. Die Antwort schien ihm wichtig zu sein, aber mich konnte er nicht kaufen. Ich schob den Schein zurück. Bevor ich meine Hand wegziehen konnte, hielt er mein Handgelenk sanft fest. Erstaunt sah ich auf.

„Was muss ich tun?“, wiederholte er seine Frage eindringlich.

Mein Widerstand schien ihn zu reizen. Das passierte ihm scheinbar nicht oft. Er sah sehr gut aus. Vermutlich würden ihn viele Frauen als schön bezeichnen, obwohl da diese kleine Narbe über der Augenbraue war. Und Frauen, die einen zusätzlichen Anreiz brauchten, wurden wohl von seiner Großzügigkeit beeindruckt.

„Mir ihren Namen sagen, wäre ein Anfang.“

Er ließ mein Handgelenk los. Den fünfzig Euroschein ließ er neben seinem Glas liegen.

„Ray Givens.“

Er streckte mir die Hand entgegen.

„Lassen sie nie locker?“, ich konnte mir das Schmunzeln nicht verkneifen und legte meine Hand in seine, „Lea Winter.“

„Stimmt, Lea“, auf seinen vollen Lippen lag ein herausforderndes Lächeln, das ihn noch anziehender machte „ich akzeptiere kein Nein.“

Er schob mir den Geldschein erneut zur.

„Dann haben sie ein Problem“, der Schein wanderte wieder zurück, „sie können mich nicht kaufen.“

Diesmal steckte er den Schein zurück in die Jackettasche.

„Um auf die Ursprungsfrage zurückzukommen. Was ist ihr Preis?“

„Den werden sie nicht bezahlen wollen.“

Diesmal war ich es, die ihn herausforderte.

„Wieso sind sie sich da so sicher?“

„Weil sie das mit Geld nicht kaufen können.“

5. Ich bin nicht 100 % sicher, dass er es ist, aber verdammt noch mal, ich hoffe es!

„Ich bin nicht 100% sicher, dass er es ist, aber verdammt noch mal, ich hoffe es!“

Sander starrte seit einer geschlagenen halben Stunde durch das Fernglas.

„Das hast du schon drei Mal gesagt! Und du nervst total!“, zischte ich.

„Was ist denn los mit dir?“

„Wir sitzen seit beinahe drei Tagen in diesem Auto, dass sich immer mehr in einen Mülltransporter verwandelt und dieser Typ da!“, ich deutete auf den verhuschten älteren Herrn in sandfarbenem Mantel und Hütchen, „ist der dritte Mann, den du für „IHN“ hältst.“

Sander machte ein Gesicht, als hätte ich ihm einen Eimer Dreckwasser in den Kragen geschüttet.

„Also“, ich versuchte meine Gefühlsaufwallung zu mildern, „du bist mein bester Freund und ich tue alles für dich, aber diese Observierung ist eine Katastrophe. Ich muss hier raus, sonst gehe ich gleich in Flammen auf.“

Je mehr ich sagte, desto düsterer wurde Sanders Gesichtsausdruck. Ich schnappte meinen Rucksack und stieg aus.

„Hey, du kannst doch jetzt nicht einfach abhauen?“, rief er hinter mir her.

„Und wer hindert mich daran?“, ich beugte mich zum Beifahrerfenster hinunter, „ich bin frei zu gehen, wohin es mir beliebt.“

Sander machte Anstalten auszusteigen. Ich drehte mich um und rannte die Straße hinunter, bog um die nächste Ecke und rannte auf die U-Bahn zu. Sollte Sander mich einholen, würde das nicht gut ausgehen.

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Allerdings war das nur ein Vorwand, um seiner verwirrenden Gesellschaft zu entkommen. Ich wollte nur weg, also lief ich hinüber in den Stall, um mit Brego auszureiten. Noch einmal die vertrauten Plätze besuchen und mir alles genau einprägen. Justin kam vom Haus herüber, als ich gerade vom Hof reiten wollte.

„Eliana! Wo wollen sie hin?“

„Ausreiten!“, antwortete ich einsilbig.

„Ich würde sie gerne begleiten, um mir ein Bild von dem Besitz meines Onkels zu machen. In zwei Minuten bin ich bei ihnen.“

Meine ablehnende Haltung störte ihn nicht, zumindest ließ er es sich nicht anmerken. Brego tänzelte und als Justin aus dem Stall kam, ließ ich die Zügel locker. Er schoss wie ein Blitz davon. Brego kannte den Weg zum See. Ich beugte mich dicht über seinen Hals und ließ ihn laufen. Justin preschte hinterher. Kurz bevor wir den See erreichten holte er mich ein. Brego blieb stehen. Justin sah mich anerkennend an.

„Sie sind nicht nur eine hervorragende Reiterin, sondern auch ausgesprochen waghalsig.“

„Danke!“ Ich lächelte ich ihn an und er erwiderte es. „Ich fasse dass als ein Kompliment von ihnen auf!“

„So war es auch gemeint. – Seien sie vorsichtig, dass sie sich nicht den Hals dabei brechen.“

„Sehen sie es doch so, Mylord, dann löst sich ein Problem von alleine.“

Neckte ich Justin. Bevor er etwas erwidern konnte, gab ich Brego durch  einen leichten Schenkeldruck zu verstehen, dass er weiter traben sollte. Justin folgte mir.

„Wollen sie nicht auch ihre Angelegenheiten regeln? Übermorgen werden wir reisen. Es lässt sich nicht aufschieben, ich habe auch Verpflichtungen auf meinem eigenen Besitz.“

„Das wichtigste nehme ich doch mit, mein Pferd und meinen Hund, alles andere ist ersetzbar.“

Wir hatten den See umrundet und fanden uns auf dem Rückweg zum Haus.

„Sie sind das merkwürdigste Mädchen, dass ich je kennen gelernt habe, Eliana.“

„Danke, für das Kompliment, Mylord.“

Unsere Blicke trafen sich. Der merkwürdig intensive Ausdruck, mit dem Justin in mich eindrang machte mir Angst. Ohne ein weiteres Wort gab ich Brego die Sporen. Erst als ich bemerkte, dass Justin mir nicht folgte, ließ ich ihn langsamer traben.

Himmel, was für ein widerspenstiges Geschöpf. Justin schüttelte den Kopf. Eliana ritt wie entfesselt. Sie betrachtete das Wort „merkwürdig“ im Zusammenhang mit sich, als Kompliment und führte Buch wie ein Mann. Justin hatte nicht die kleinste Unregelmäßigkeit entdeckt. Es wird nicht einfach sein, einen Mann zu finden, der ihr gewachsen ist, dachte er. Bei Anna war das  einfacher. Sie war gerade erst achtzehn und weicher in ihren Ansichten. Sie würde sich einem Mann sicher leichter anpassen. Eliana war fünfundzwanzig, wie er von Anna erfahren hatte. Seit dem Tod des Vaters und der Krankheit ihrerer Mutter, war sie als Familienhaupt eingesprungen. Bemerkenswert, dass sie diesen Zustand so lange durchgehalten hatte. Justin stellte fest, dass sie sehr sparsam gelebt hatten und Eliana das meiste Geld für Instandhaltungen ausgab. Das was er sah, war in gutem Zustand. Justin nahm sich vor Eliana bei nächster Gelegenheit zu loben. Er musste an ihre fröhlichen blauen Augen denken, als sie ihn bei dem Ritt zum See geschlagen hatte. Es machte ihr Spaß mit ihm im Wettstreit zu liegen, aber er spürte, dass es der Wettstreit mit jemand war, an dem sie sich messen konnte. Das hatte nichts Kokettes oder Unnatürliches ans sich. Eliana schien ihn nicht als Mann wahrzunehmen, sondern als Sparringspartner. Denn wenn er ihr nahe kam oder ihr tief in die Augen sah, wurde sie unsicher und senkte den Blick. Wirklich ein merkwürdiges Mädchen.

                                                           3

Die Reise nach Stanford Park verlief, dank Justins vortrefflichen Vorkehrungen, ruhig und angenehm. Seine Mutter, Lady Amanda, empfing uns höflich. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie nicht sehr erfreut war zwei junge Mädchen um sich zu haben. Wahrscheinlich hatte sie Bedenken, wir könnten ihre Aktivitäten stören.

Die Hausdame  führte uns auf unsere Zimmer, damit wir uns erfrischen konnten. Anna war ziemlich erschöpft, sie wollte sich vor dem Dinner noch etwas hinlegen. Ich war viel zu aufgeregt um zu schlafen. Aufgeregt lief ich in meinem Zimmer auf und ab. Falk , mein Irish Setter sah mich mit schief gelegtem Kopf an.

„Komm Falk, wir wollen sehen wie es Brego geht!“

Er spitzte die Ohren und folgte mir. Stanford Park war ein riesiges Haus und ich befürchtete mich zu verlaufen. Ich ging die große Treppe hinunter, die wir gekommen waren, als ich aus einem Salon aufgeregte Stimmen hörte. Ich hielt inne und lauschte.

 „Das mir mein Bruder diese beiden Mädchen aufhalst! Als ob ich nicht genug zutun hätte“, hörte ich Tante Amanda.

„Mutter vergiss nicht, die Beiden können nichts dafür. Sicher hätten sie eine andere Lösung vorgezogen, aber sie konnten dort nicht alleine bleiben“, versuchte Justin seine Mutter zu beruhigen.

„Nur gut, dass beide gut betucht sind. Da werden sich schnell Ehemänner finden, die uns die Verantwortung abnehmen. Damit sich ihr Aufenthalt bei uns nicht unnötig in die Länge zieht.“

„Aber angemessene Verbindungen, keine Greise!“, warf Justin ein.

Seine Mutter lachte hysterisch.

„Justin, bitte! Seit wann bist du so sentimental!“

„Ich bin nicht sentimental. Ich bitte dich nur etwas Rücksicht zu nehmen, schließlich sind es deine Nichten“, erwiderte er gleichgültig.

„Nun gut. –  Ich werde sehen, was wir tun können. Aber bevor ich sie den passenden Herren vorstellen kann, muss ich erst noch meinen Frisör und meine Schneiderin kommen lassen. Sonst sieht jeder, dass die beiden frisch vom Land kommen.“

Im Lauf der Unterhaltung hatte sich Zorn und Trauer, wie eine Eisenhand um mein Herz gelegt. Tränen stiegen mir in die Augen. Plötzlich gab Falk ein leises Knurren von sich. Im Zimmer wurde es still.  Sofort setzte ich mich in Bewegung und eilte durch die große Halle, als ich Justin rufen hörte.

„Eliana! Einen Moment, bitte.“

Ahnte er etwas von meinem Lauschangriff? Kopf hoch und ruhig bleiben. Ich drehte mich um und sah ihn kühl an.

„Ja, Mylord?“

„Wohin so eilig? Haben sie sich verlaufen“, spottete er, „oder kundschaften sie das Terrain aus?“

Ich musste mich zusammenreißen, um die Nerven nicht zu verlieren. Konnte man nichts vor ihm geheim halten.

„Ich wollte zu den Ställen, um Brego zu besuchen“, antworte ich hoheitsvoll.

„Wäre es nicht besser, sie würden nach der langen Reise etwas ausruhen?“

Er zog eine Augenbraue hoch und grinste vielsagend. Die Grübchen auf seinen Wangen waren hinreißend.

„Vielleicht“, ich zuckte gleichmütig mit den Schultern, „aber ich bin zu aufgeregt und außerdem muss ich wissen, dass Brego gut untergebracht ist.“

„Trauen sie meinem Stallmeister etwa nicht?“, neckte er.

„Doch, natürlich. Aber selbst sie haben in Staverley Court nach Thunder gesehen“, gab ich zu bedenken.

„Da muss ich ihnen Recht geben. Gut, dann wollen wir gehen und nach Brego sehen! Ich werde ihnen den Weg zeigen.“

Galant bot er mir seinen Arm an.

„Nicht nötig, my Lord. Ich möchte euch nicht von wichtigeren Dingen abhalten, wenn ihr mir einen Diener mitgebt, würde das reichen.“

„Nicht doch. Ich möchte auch sehen, wie es ihrem Pferd geht. Von welchen wichtigen Dingen hörtet ihr denn, von denen ihr mich fern haltet.“

Ich wusste genau, was er meinte.

„Keine bestimmte, Mylord!“, stotterte ich.

Justin schaffte es mit Leichtigkeit mich aus dem Konzept zu bringen.

„Gut dann gehen wir“, sagte er und ich spürte, dass er keinen Widerspruch duldete.

Also nahm seinen Arm. Durch den Stoff seiner Jacke spürte ich seine Wärme. Alles in mir geriet in Aufruhr. Die Gedanken drehten sich und als wir den Stall betraten, war ich so durcheinander, dass ich über die Schwelle stolperte.  Justin konnte gerade noch verhindern, dass ich im Stroh landete. Er hielt mich fest an sich gedrückt, ein herber Duft nach Seife, Leinen, Leder und Justin überfiel meine Sinne. Ich fühlte das Spiel seiner Muskeln unter meinen Händen. Die Erregung ließ mich am ganzen Körper zittern. Ich fürchtete, dass mich mein rasendes Herz verraten würde und wollte ihn wegschieben, aber er ließ mich nicht los. Für einen atemlosen Moment standen wir eng aneinander geschmiegt da.

„Eliana, haben sie sich wehgetan?“, fragte Justin besorgt.

„Nein, alles in Ordnung. Danke, Mylord.“

Meine Stimme war nur ein Flüstern, trotzdem konnte ich meine Nervosität nicht verbergen. Da hörte ich Bregos leises Schnauben. Ich löste mich aus Justins Umarmung und lief hinüber zu seiner Box.

„Brego, Lieber! Wie schön dich zu sehen!“

Ich schlang meine Arme um ihn und drückte mein erhitztes Gesicht an seinen warmen Hals.

 „Nun, da sie gesehen haben, dass alles in Ordnung ist, sollten wir zurückgehen, damit sie sich noch etwas ausruhen können“, schlug Justin vor.

„Aber…“

 „Kein Aber! Ich trage die Verantwortung für sie. Ausreiten können sie morgen. Zum Dinner sollten sie ausgeruht sein.“

Justin klang so bestimmt, dass ich mir meinen Widerspruch sparte und ihm zurück ins Haus folgte.

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