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Posts Tagged ‘Geheimnis’

„Henry starb vor zwei Jahren. Heut habe ich ihn das erste Mal gesehen.“

Elly holte tief Luft. Sie fasste Sara am Arm. Sie blieben stehen.

„Das hat aber lange gedauert.“

Sara nickte. Sie sah Elly mit großen Augen an. Elly war ihre beste Freundin und der einzige Mensch, der von ihrem Geheimnis wusste.

„Ich habe ihn gefragt, wo er solange gewesen ist. Aber er wusste es auch nicht.“

„Glaubst du, er war in der Hölle oder im Fegefeuer.“

„Ach, Quatsch. Das gibt es nicht. Es gibt keinen feurigen Ort an dem die Seelen gequält werden. Es gibt nur die Geister und das Licht. Wenn sie dorthin gehen, dann sind sie erlöst.“

Sara kramte in ihrer Handtasche herum, zog zwei Schokoriegel heraus und drückte Elly einen in die Hand.

„Aber wo war Henry dann die ganze Zeit.“

Elly riss das silberne Papier des Schokoriegels auf und biss eine Ecke ab.

„Das ist es, was ich unbedingt herausfinden muss.“

Die beiden setzten ihren Weg fort. Sara pellte ihren Riegel ebenfalls aus.

„Wo gehen wir hin?“, nuschelte Elly mit vollem Mund.

„Zu Madame Breda“, nuschelte Sara zurück.

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„Der geflügelte Löwe“, flüsterte Karan, „es gibt ihn wirklich.“

„Meinst du, es ist wahr und hier liegt das Geheimnis der Fürsten der alten Reiche verborgen?“

Alynd berührte sacht Karans Arm. Er erschrak, so sehr bannte das große Siegel seine Gedanken. Karan kannte den Zauberspruch, der es öffnen konnte. Besessen war er davon gewesen, die Burg der Alten zu finden und dem Wahrheitsgehalt der Legenden auf den Grund zu gehen. Nun da Karan sein Ziel fast erreicht hatte, schien ihm das Ganze nichts mehr zu bedeuten. Zu viele Opfer hatte er bringen müssen und niemand war Schuld dran, nur er allein.

„Willst du den Spruch nicht sagen?“

Alynd sah ihn fragend an. Karan vermied es zurückzuschauen.

„Sollen die Opfer umsonst gewesen sein? Der Schmerz, die Tränen und Entbehrungen?“, fragte sie sanft.

Karan wandte ihr das Gesicht zu. Kein Vorwurf über sein Versagen lag in ihren dunklen Augen, nur unendliche Liebe. Sie liebte ihn, hatte es schon immer getan. Jetzt, am Ende des Weges, erkannte er es. Wie war das möglich? War das die Antwort auf alle Fragen? Den Sinn, die Tiefe, die Essenz des Lebens an sich? Die Liebe.

„Bist du sicher? Wollen wir das wirklich tun?“, fragte er.

Alynd nickte.

„Ja. Ich werde immer bei dir sein. Wohin du auch gehst. Ob zum Guten oder Schlechten. Nichts wird mich von dir trennen.“

Sie griff nach seiner Hand. Spürte die rauen Stellen, die Schwielen der harten Arbeit an seinen Fingern. Hände die hart zupacken und sanft streicheln konnten. Karan hob Alynds Hand zum Mund und küsste ihren Handrücken. Ihre Augen versanken in einander. Die Prinzessin und der Schmied. Das waren sie einmal gewesen. Alynd kam es vor, als wäre es Zeitalter her. Nun waren sie Liebende. Sie lächelte ihm ermutigend zu.

Karan legte die frei Hand auf das große Siegel. Er spürte das Relief des geflügelten Löwen unter seiner Handfläche. Dann sprach er den Zauberspruch.

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„Komm, lass uns gehen!“ Jenny zupfte mich am Ärmel. „Bitte, so etwas geht nie gut aus.“

Ich lachte.

„Sei kein Angsthase! Was soll passieren? Sie schmeißen uns vom Grundstück oder rufen Mum und Dad an.“

Seit Monaten schlich ich an der geheimnisvollen Tür vorbei und malte mir aus, welche Wunderdinge sich dahinter verbargen. Es wurde Zeit das Geheimnis zu lüften. Wenn nicht jetzt, wann dann?

„Nein, tu das nicht“, jammerte Jenny und hängte sich mit ihrem ganzen Gewicht an meinen Arm.

Ich schüttelte sie ungnädig ab.

„Du musst ja nicht mitgehen. Lauf heim und geh petzen.“

Jenny schniefte leise und wischte sich ein paar Tränchen aus den Augenwinkeln. Ich reichte ihr ein Taschentuch.

„Entschuldige, aber ich muss das tun. Entweder du kommst mit oder du gehst nach Hause.“

Ich konnte ihr den Zwiespalt ansehen. Sie zögerte noch einen Moment und sah mich flehend an. Dann drehte sie sich um und rannte davon. – Es ist besser so. Wenn sie jemand schnappen, dann reicht es ja, wenn ich es bin. – Ich atmete einmal tief durch, dann lehnte ich mich gegen die Tür. Lautlos schwang sie auf.

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„Natascha, haben sie alles notiert?“

„Ja, Professor“, schnell überfliege ich meine Aufzeichnungen, „alles vollständig.“

Professor Matika nimmt die dünne Goldrandbrille ab und reibt sich die Augen. Es ist weit nach Mitternacht und wir sitzen schon seit den frühen Morgenstunden an einer Übersetzung eines antiken Tagebuches. Der Professor fand es in einer halbzerfallenen Truhe in einem Kellerarchiv. Warum er dort suchte, erzählte er mich nicht, aber als Assistentin gehört es nicht zu meinem Kompetenzbereich, diese Dinge zu wissen.

Das Tagebuch gehörte einem Astronom und Mathematiker, Georg Joachim Rheticus. Er war ein Schüler des Kopernikus und an der Verbreitung der Idee des kopernikanischen Weltsystems beteiligt. Zu seinen Lebzeiten revolutionär.

„Haben sie gefunden, was sie gesucht haben, Professor?“

Er schaut auf und lächelt.

„Ich denke schon. In den mathematischen Formeln sind die Ansätze des Experiments enthalten. Ich bin sicher, es existieren weitere Aufzeichnungen. Wenn wir sie ausfindig machen können, dann“, Professor Matika bricht ab.

Sein Blick wandert zu einem imaginären Punkt an der gegenüberliegenden Wand. Ich fixiere ihn mit einem fragenden Blick und räuspere mich. Als könnte ihn das zum Weiterreden bewegen. Zu spät. Wenn der Professor in seine Betrachtungen versinkt, kann eine Bombe einschlagen, er würde es nicht bemerken. Für die nächsten zwei, drei Stunden ist er nicht ansprechbar.

Ich klappe meine Notizen zu und erhebe mich.

„Ich bin gleich wieder zurück, Professor.“

Er erwidert nichts. Ich gehe hinaus, schließe leise die Tür. Es wird Zeit die Suche nach weiteren Aufzeichnungen voranzutreiben. Der Professor fühlt sich der Wissenschaft verpflichtet, das Geheimnis um das Rheticus-Experiment zu lüften. Meine Absichten sind handfesterer Natur. Sollte die Formel funktionieren, werde ich so unvorstellbar reich sein, dass Krösus nur ein armer Wicht gewesen ist.

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Ich ging die langen Regalreihen entlang und ließ meinen Blick über die Bücher schweifen. Es waren große Folianten, in Leder gebunden, mit goldenen Aufschriften, teilweise verblasst.

„Du wirst wissen, welches Buch es ist, wenn du es siehst“, hatte Pater Marcus gesagt.

Ich hasste seine kryptischen Aussprüche und argwöhnte, dass er so etwas nur sagte, um zu sehen, wie ich reagierte. Diesmal gab ich mir keine Blöße und stellte eine undurchdringliche Miene zur Schau. Marcus lächelte, dann nickte er mir zu. Ich war entlassen. Gemächlich machte ich mich auf den Weg in die Bibliothek. Nicht ohne mir vorher noch einen Apfel aus der Klosterküche zu holen. Pater Petronius schallt mich eine Schlemmerin, aber ich zuckte nur mit den Schultern. Fastentage machten mich immer so hungrig.

Ich hatte gut daran getan, meinen knurrenden Magen zu füllen. Seit einer gefühlten Ewigkeit wanderte ich zwischen den Regalen umher und wartete auf die Erleuchtung. Seufzend ließ ich mich auf einem Schemel nieder und stützte den Kopf auf die Hände. In der kühlen Stille zwischen den Büchern konnte ich meinen Träumen nachhängen, ohne getadelt zu werden. Durch ein rundes Fensterchen fielen vorwitzige Sonnenstrahlen auf die rauen Steinplatten. In ihrem Licht schwebten Staubteilchen, wie winzige Feengeschöpfchen.

Meine Augen folgten dem Lichtstrahl. Er streifte einen satt dunkelroten Buchrücken. Sofort richtete sich mein Interesse auf das Buch. Ich stand auf, um es näher in Augenschein zu nehmen. Es war riesig. In der Höhe etwas so lang wie mein Arm, von der Schulter zum Handgelenk und zwei Handbreit. Eine verschnörkelte goldene Schrift zog sich über den Buchrücken. Ich zog es mühsam heraus. Auf den Umschlag waren merkwürdige Zeichen und Symbole geprägt, die ich noch nie gesehen hatte und das Kloster war voller Embleme.

Ich schleppte das Buch zu einem Pult und hievte es hinauf. Andächtig fuhr ich mit den Fingerspitzen über das weiche Leder, ertastete die fremdartigen Zeichen. Ich schlug es auf. In endlosen dicht gedrängten Zeilen lief die Schrift über die Seiten. Ich folgte ihr mit Blicken, vermochte keinen Anfang und kein Ende zu erkennen. Pater Marcus erwartete sicher meine Rückkehr, aber ich konnte mich nicht von dem Buch losreißen. Nachdem ich eine Seite angesehen hatte, musste ich die Nächste anschauen. Eine Seite nach der anderen blätterte ich weiter. Meine Hände fühlten sich an wie Blei, meine Augenlider wurden immer schwerer.

„Sarah! Ich habe nicht gesagt, dass du deine neugierige Nase in das Buch stecken sollst!“, polterte Bruder Marcus.

Er riss mir das Buch weg und schlug es zu. Ich zuckte zusammen, schüttelte mich.

„Wo bin ich? Was ist geschehen?“, stammelte ich.

„Zum Glück nichts. Ich dachte mir schon, dass du nicht widerstehen kannst“, brummte Marcus. Er schien erleichtert. „Komm, du brauchst eine heiße Tasse Melissentee, dann geht es dir gleich wieder besser.“

Ich hätte zu gerne mehr über das geheimnisvolle Buch erfahren. Irgendetwas stimmte nicht damit. Es besaß etwas Magisches, Hypnotisches. Ich wusste, dass im Kloster Dinge aufbewahrt wurden, die böse Dinge anrichten konnten, wenn sie in die falschen Hände gerieten. Doch die waren in geheimen Gängen unter dem Gelände gut gesichert unter Verschluss.

Ich beschloss bis nach dem Tee zu warten, um Bruder Marcus das Geheimnis zu entlocken. Immerhin hatte er mich geschickt, es zu holen, dann war es das Mindeste, dass er mir erzählte, was es damit auf sich hatte.

Der Fokus aus früheren Geschichten sind die langen Regalreihen aus dem Bücherturm und das rote Lederbuch aus meiner Traumgeschichte.

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Dunkel, dicht und stark verwoben,
mit der Zeit immer enger verflochten,
Steine, die niemals Menschen schoben
Und Blumen, die immer schon rochen.

Hinter Hecken und Gebüschen,
unter Brücken aus verziertem Stein,
Versteckt in den Gerüchen
muss der Orchideen-Code sein.

Drei Schwestern, sie sangen,
das Lied ihrer Sehnsucht,
übertragen und gefangen,
In Orchideen in der Feen-Bucht.

Der Wind trägt das Geheimnis,
über das Grün des Garten,
Denn solange es geheim ist,
kann es keiner erraten.

Seit hunderten Jahren,
Seit Generationen,
Seit Anfang der Zeit,
… seit Äonen.

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Ein sehr fiktiver Briefwechsel 😉

Liebste herzige Margarete,

du glaubst nicht, wen ich heute kennen gelernt habe! Wolfgang Amadeus Mozart! Er ist der rebellischste, talentierteste und bestaussehende Mann, den ich jemals gesehen habe. Ich weiß jetzt schon, dass ich ihn anbete und ich verrate dir kein Geheimnis, wenn ich dir hier verspreche, dass ich ihm zu Willen sein werde, wann immer er mich dazu auffordert. Oh, Liebste! Du musst bald zu Besuch kommen und ihn kennenlernen. Seine Konzerte sind einzigartig, niemand kann ihm das Wasser reichen.

1000 schwesterliche Küsse,
Deine Constanze

***

Meine herzliebste Constanze,

du weißt, wie sehr mir dein Glück am Herzen liegst und ich muss sagen, dass mich dein letzter Brief in Angst und Schrecken versetzte. Ich hörte das Gerücht, und du weißt, an jedem Gerücht ist ein Körnchen Wahrheit, dass Meister Mozart zwar wegen seiner Musik, wie unser seliger Bach gefeiert wird, aber sich im allgemeinen Umgang mit Frauen, wie ein wilder Stier benimmt und wie eine Biene von Blume zu Blume fliegt. Bitte meine Liebe, habe Geduld und wahre deine Unschuld, bis du dem Richtigen begegnest! Die Erfahrung zeigt, dass Musiker unstete, untreue Gesellen sind. Tu nichts unüberlegtes, meine liebe Constanze, ich werde dich aufsuchen, sobald Mutter mich entbehren kann.

In treuer Zuneigung
Deine Margarete

***

Liebe gute Margarete,

liebste Freundin, ich zweifele nicht an deinen besten Absichten für meine Ehre. Aber wenn du ihn gesehen hättest, dann würdest du nicht anders denken als ich. Sein sprühender Witz, seine außergewöhnliche Liebenswürdigkeit und diese seelentiefen Augen. Welche Frau könnte diesen herrlichen Charaktereigenschaften wiederstehen? Ich jedenfalls konnte es nicht. Als mich der Meister nach seiner letzten Oper, sie hieß die Zauberflöte, auf die Parkbank einlud, um mir die richtigen Flötentöne beizubringen, musste ich einfach Ja sagen. Er weckte eine Flamme in mir, die zur Feuersbrunst erwachsen ist. Oh, Margarete, ich muss dir soviel mitteilen und dir einiges beichten, was mir auf dem Herzen lastet. Ich bin mir sicher, der Herr Mozart wird mein Schicksal sein.

Ich vermisse dich und deinen überlegten Geist
Deine Constanze

***

Liebe Constanze,

ich las deinen Brief mit Erschauern. Konnte ich doch kaum atmen, angesichts der Entwicklung, die du mir berichtetest. Warum hat es denn dein Herr Mozart so eilig? Hat er nicht schon genug unerfahrene Mädchen ins Unglück gestürzt? Es muss ein übernatürlicher Zauber sein, der dir den Verstand geraubt hat. Constanze, ich flehe dich an, halte an dich. Ich werde im wilden Schweinsgalopp zu dir eilen und dir beistehen, deine keusche Jungfernschaft, oder das was davon noch übrig ist, zu bewahren. Ich folge dem Überbringer dieses Briefes auf dem Fuße.

Sei meiner Freundschaft versichert,

deine Margarete

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Geheimnis
Still und stumm
Kreise ich um dich
Herum herum herum

Du zeigst dich nie
Ich weiß
Es gibt dich
Bist der Keim
Von Schmerz und Sprachlosigkeit

Ich kann dich nicht fassen
Bist namenlos
Seit 100 Jahren
Will ich das Unkraut reißen
Muss ich dich benennen
Wie kann es mir gelingen
Die Wurzel zur zu packen

Ich breche das Schweigen
Den Pakt der Generationen
Den zerstörerischen Selbstbetrug
Endlich Schluss mit gnädigen Lügen
Zu lange gewartet?

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Teil I

Erst einmal sollte ich erzählen, wie ich verloren ging. Ehrlich gesagt, ich erinnere mich nicht mehr genau. Mit Erinnerungen ist das immer so eine Sache, in dem erlebten Moment wissen wir nicht, wie wichtig die Dinge sind und in der Rückschau verklären sie sich. Wie auf alten Fotos, die einmal scharf, im Laufe der Jahre mit gelblicher Patina die bitteren Augenblicke mit einem gnädigen Schleier verdecken.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich mich verloren habe, oder ob ich verloren ging, wie ein Ding, das aus einem Loch in einer Manteltasche fiel. Am Anfang ärgert man sich noch, dass man das Eurostück oder das Feuerzeug verlor, aber schon ein paar Stunden später, ist es vergessen.

Das Leben geht weiter. Selbst für die Verlorenen geht das Leben weiter. Nur was ist, wenn du verloren gegangen bist, und dich niemand finden will? Wohin gehst du, dein Haupt zur Ruhe zu betten? Wer leiht dir ein hörendes Ohr? Kann ich gefunden werden und will ich das überhaupt?

Der Anfang meines Verlorenseins begann auf einem Bahnhof. Gibt es einen besseren Ort? Wohl kaum. Ich kenne keine Orte, an denen mehr verloren geht und wieder gefunden wird, als an Bahnhöfen. Gut, es gibt auch Airports, aber das ist nicht dasselbe. Ein Bahnhof hat immer eine ganz besondere Atmosphäre.

Ich stehe auf dem Bahnsteig, mein kleiner Trolley steht neben mir. Fast hat er etwas Tröstliches an sich, mit seinen winzigen Rädern und den persönlichen Sachen. Kalt pfeift der Wind zwischen den schmucklosen Säulen hindurch. Das Plexiglaswartehäuschen bietet weder Kälte- noch Sichtschutz und die Gitterbänke sind hart und unbequem. Es gibt ein festeingezeichnetes Areal, auf dem sich die Raucher um einen metallenen Ascher drängen. Die Durchsagen dröhnen unpersönlich durch die Lautsprecher. Ein Bahnsteig hat nichts Gemütliches an sich. Ich habe das Gefühl, dass auf Bahnsteigen niemals die Sonne scheint und sich die Regenwolken vornehmlich über Bahnhöfen festsetzen. Die Regentropfen vermischen sich mit den Tränen, die fließen, oder symbolisieren sie für die, die nicht mehr weinen können.

Nirgendwo gibt es so viele Menschen mit gebrochenem Herzen. Ich höre in mich hinein. Bin ich auch eine von ihnen? Es ist möglich, sicher bin ich mir nicht. Wie sicher kann man sich sein, wenn man verloren gegangen ist? Es gibt eine elementare Wahrheit: Nichts ist sicher, nur der Wandel.

Ich schaue dem Treiben auf dem Bahnsteig zu und frage mich, wo ich verloren ging. Da Bahnhöfe austauschbar sind, scheine ich auf meiner Reise die Übersicht verloren zu haben. Ich würde den Bahnhof gerne verlassen und mir die dazu gehörige Stadt ansehen, aber ich fürchte, ich bin noch nicht angekommen. Ich habe mir geschworen erst anzuhalten, wenn ein Bahnhof nach Kaffee und Schokolade riecht(warum, erzähle ich euch später). Bis jetzt war allerdings keiner dabei. Es roch nach vielem: Alkohol, Abort, Rauchschwaden, Menschenmassen, aber nie nach Kaffee und Schokolade. Ich habe in Erwägung gezogen, dass ich diesen einen Bahnhof nicht finden werde, dass er möglicherweise verloren ging, so wie ich. Allerdings habe ich nie gehört, dass ein Bahnhof verloren gegangen ist. Wer weiß?

Da fällt mir ein, ich habe vergessen mich vorzustellen. Wie unhöflich! Mein Name ist Noelle Snow. Ein lustiger Name, ich weiß, wer ihn einmal hört, der vergießt ihn nicht mehr. Allerdings könnte das auch im Zusammenhang mit meinem Äußeren stehen. Jedenfalls sagte mir das der ältere Herr, der mir vor ein paar Stunden im Regionalexpress Gesellschaft leistete. Ich habe feuerrote Haare, grüne Augen mit goldenen Sprenkeln und liebe alle Grünschattierungen mit Glitzerelementen in Gold und Rot. Der ältere Herr lächelte mich verschmitzt an und sagte:

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie sind die schöne Tochter des Weihnachtsmannes.“

„Wer weiß, wer weiß“, erwiderte ich geheimnisvoll und zwinkerte lachend zurück.

Wir unterhielten uns sehr angeregt, und als er ausstieg, machte mich das traurig. ER erinnerte mich an meinen Großvater. Er hatte schlohweiße Haare und einen ebensolchen Bart. Sein Lachen war warm und herzlich und er erzählte seine Geschichten so lebendig, dass ich den Eindruck hatte, dabei gewesen zu sein. Als ich ihn nach seinem Namen fragte, antwortete er rätselhaft:

„Den verrate ich ihnen nicht. Er ist ein Geheimnis, aber sie werden früher oder später selbst darauf kommen.“

Ich machte neugierig, aber ich wollte höflich sein und drang nicht weiter in ihn. Nachdem er ausgestiegen war, fiel mir ein Beutel auf, den er neben seinem Sitz lag.

Oh, nein! Er hat seine Tasche vergessen, hoffentlich ist nichts Wertvolles darin, schoss es mir durch den Kopf.

Ich öffnete die Tasche und erschrak. Sechs Notizbücher lagen darin. Sie waren feinsäuberlich zusammengebunden und oben im Knoten steckte ein Bleistift. Der Zug hatte inzwischen eine längere Strecke zurückgelegt. Ich überlegte fieberhaft, wie ich dem Mann sein Eigentum zurückgeben könnte, obwohl ich seinen Namen nicht kannte und nicht wusste, wie der Bahnhof hieß, an dem er ausgestiegen war. Da bemerkte ich einen zusammengerollten Zettel. Ich zog ihn aus dem Knoten und rollte ihn auf. In sauberer geschwungener Handschrift stand darauf:

„Liebe Noelle,

ich wünsche ihnen auf ihrer Reise alles Gute. Es ist nicht einfach den Platz zu finden, an dem man sich nicht mehr verloren fühlt. Haben sie keine Angst, wenn es etwas länger dauern sollte, haben sie Zutrauen zu sich selbst und sie werden den richtigen Ort finden. Schließen sie die Augen und denken sie an die Dinge, die sie am meisten lieben.“

Ich schloss die Augen und hörte in mich hinein. Ich hörte das Sprudeln der Kaffeemaschine und konnte den Duft von Kaffee und Schokoladenkuchen riechen.

„Haben sie es getan? Dann wissen sie, wo sie aussteigen müssen. Bis dahin können sie sich mit meinen Geschichten die Zeit vertreiben. Aber seien sie vorsichtig, es könnte sein, die Zeit wird ihnen zu lang und sie wollen irgendwo bleiben. Halten sie nicht an, bevor sie wirklich den richtigen Bahnhof gefunden haben.

Mit Hochachtung der Ihre

Ihr Jacob Grimm

PS.: Es ist noch Platz ihre eigene Erlebnisse aufzuschreiben.“

Das konnte unmöglich wahr sein. Jacob Grimm. Etwa einer DER Grimms? Ich kniff mich in den Arm. Das tat weh. Ich schlief nicht. Der Mann war mir tatsächlich begegnet, wer immer er in Wahrheit sein mochte. Vorsichtig, ja fast ehrfürchtig, öffnete ich den Knoten und sah mir die Notizbücher an. Es waren alte Hefte, schwarz-weiß gemustert, mit einem kleinen weißen Feld, in das der Titel jeden Buches eingetragen war:

1. Ferne Jahre

2. Beginn eines unbekannten Zeitalters

3. Das Buch der Wanderungen

4. Erzählungen vom Leben

5. Der Beginn eines verschwundenen Zeitalters

(Wie kann ein beginnendes Zeitalter verschwinden? Weil morgen heute schon gestern ist?) und als Letztes:

6. Die Windrose

Ich höre das Rattern eines Zuges herannahen und muss gleich einsteigen. Woher er kommt und wohin er fährt, weiß ich nicht, aber ich freue mich einzusteigen und mich den interessanten Geschichten in den Notizbüchern zu widmen.

Wenn ich nachts fahre, gehe ich in ein Zugabteil. Dort habe ich Ruhe und kann schlafen, ohne zu oft gestört zu werden. Tagsüber suche ich mir einen Platz am Fenster in einem Großraumwaggon. Ich kann mir die vielen Leute anschauen, die ein- und aussteigen, die hindurch gehen, auf der Suche nach einem Platz oder dem Bordrestaurant. Ich lausche den Atemzügen meines Nachbarn, der gerade eingeschlafen ist, oder höre einem Gespräch zu, das in meiner Nähe geführt wird. Wenn sich jemand zu mir setzt, der mir sympathisch ist, unterhalte ich mich gerne mit ihm.

Ich habe es mir gemütlich gemacht, als unerwartet der junge Mann an mir vorbei geht, der mir auf dem Bahnhof aufgefallen ist, und sich nach einem Platz umschaut. Vorhin als er den Bahnsteig betrat, fiel er mir sofort auf. Ich fühlte, dass es nicht unsere erste Begegnung war. Auch er warf mir einen erkennenden Blick zu und mit einem strahlenden Lächeln sagte er:

„Hallo.“

Ich erwiderte seinen Gruß. Dann war er vorübergegangen. Als er sich kurz nach mir umdrehte und mir zu nickte, setzte mein Herzschlag für einen Moment aus. Nach ein paar Augenblicken verlor er sich im Gewühl der Wartenden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ihn wiedersehen würde. Woher kenne ich ihn nur? Bis jetzt ist es mir nicht eingefallen. Ich höre das Pfeifen des Zugbegleiters und schon setzt sich der Zug in Bewegung, um mich irgendwann an mein Ziel zu bringen.

In diesem Zug ist es nicht sehr voll. Überall sind Plätze frei. Einige der Passagiere dösen vor sich hin, andere schauen aus dem Fenster, oder sprechen leise miteinander. Die Landschaft fliegt vorbei und ich wünschte, ich könnte mehr davon sehen. Aber als Reisende darf man nicht unzufrieden sein. Eines Tages werde ich ankommen und dann kann ich alles ganz genau anschauen. Die Berge oder das Meer. Am liebsten beides. Vor mir das Meer und hinter mir die Berge, Bäume aller Art. Wenn ich es mir aussuchen dürfte, dann Zypressen, Oliven- und Mandelbäume, Korkeichen und Pinien. Ich liebe Bäume. Die verschiedenen Blätter, die raue Rinde, die bei jedem Baum anders ist, wie eine Signatur, ein Fingerabdruck. Ich finde es faszinierend Bäume zu fühlen, ihnen zu lauschen, wenn der Wind durch ihr Laub fährt und sie mit ihrem Rauschen immer neue Geschichten erzählen. Außerdem soll es dort Häuser geben, aus rotem Backstein mit Reetdächern, oder weiß getünchte Häuser, die in der Sonne wie Edelsteine strahlen, mit Dachterrassen, auf denen man die Weite des Meeres und des Himmels sehen kann. Ich wünsche mir einen Ort mit Blumen. Bougainvilleas in ihren wundervollen Farben, Rosen, die mit ihrem zarten Duft die Luft erfüllen. Flieder, Goldregen, Schneebälle und Rhododendron, ich weiß, das sind Büsche, aber ich mag ihre Blüten so sehr. Aber Lavendel, Veilchen, Margeriten, Vergissmeinnicht und Gänseblümchen sind Blumen. Ich bin leider kein guter Blumenkenner, aber ich mag sie außerordentlich.

„Hallo“, sagt eine freundliche Stimme.

Ich blicke auf und sehe in zwei bernsteinfarbene Augen.

„Darf ich mich zu ihnen setzten?“

„Ja, gerne“, antworte ich erfreut.

Der Mann vom Bahnsteig setzt sich mir gegenüber.

„Wo soll es denn hingehen?“, fragt er und lächelt.

„Ich weiß es nicht.“

„Oh, das ist aber selten. Sie wollen also in ein Abenteuer aufbrechen“, stellt er belustigt fest.

„Nein, so würde ich es nicht sagen“, ich schüttele den Kopf, „ich bin verloren gegangen und suche diesen einen bestimmten Ort, wissen sie?“

Da verdunkeln sich seine schönen Augen und eine große Traurigkeit senkt sich auf ihn herab.

„Ja, ich weiß“, sagt er leise, mehr zu sich selbst als zu mir.

Wir schweigen eine Weile, dann hebt er den Blick und sieht mich bedauernd an.

„Ich möchte sie nicht beunruhigen, aber ich fürchte sie werden ihn niemals finden.“

Ein kleiner Stich geht mir durchs Herz. Ob der Mann die Wahrheit sagt. Er sieht aus, als hätte er schon Erfahrungen mit dem Verlorensein und dem Finden gemacht. Doch dann denke ich an Jacob Grimm. Er sagte, ich solle nicht einfach irgendwo bleiben. Ich glaube fest, dass ich meinen Zielort finden werde.

„Wohin wollen sie?“, frage ich den Mann.

„Ich weiß nicht. Irgendwohin. Ich bleibe, wo es mir gefällt, und fahre weiter, wenn ich es nicht mehr aushalte.“

Nervös fährt er sich durch sein pechschwarzes Haar. Seine Haut ist von der Sonne gebräunt und schimmert golden in ihren Strahlen. Meine Haut dagegen ist weiß, wie Schnee und egal was ich tue, sie bleibt es.

„Wenn sie möchten, lade ich sie ein, ein Stück mit mir zu reisen“, schlage ich ihm vor.

Er legt den Kopf etwas schief und ein kleines Lächeln huscht wieder über sein Gesicht.

„Warum nicht“, antwortet er, „ich habe noch nie jemanden wie sie getroffen. Wer weiß, vielleicht, wenn sie ihren Platz gefunden haben, werde ich eine Weile bleiben und sehen, wie das Leben dort ist. Getreu meinem Motto, man muss immer gierig sein, auch wenn man nicht hungrig ist.“

Ich strecke ihm die Hand hin.

„Das ist ein Wort. Mein Name ist übrigens Noelle Snow.“

„Sehr erfreut, Noelle, mein Name ist Raoul Kapoor.“

Er nimmt meine Hand und drückt sie fest. Raoul hat warme, schlanke Hände mit schönen Fingern.

„Sie haben Klavierhände“, stelle ich fest, „sind sie Klavierspieler?“

Raoul schaut mich erstaunt an.

„Woher wissen sie das?“

„Ich weiß es nicht. Ich nehme es nur an. Ihr Name hat so eine eigene harmonische Melodie und ihre grazilen Finger dazu.“

„Ich kann nicht nur Klavier spielen. Ich spiele jedes Instrument, das es gibt.“

„Oh, geht das?“, jetzt ist es an mir erstaunt zu sein.

„Ja“, erklärt er, „natürlich muss ich es in den Händen halten und mich daran gewöhnen, aber es gelingt mir innerhalb kürzester Zeit, jedes Instrument zu erlernen.“

„Was für eine wundervolle Gabe!“, bewundernd sehe ich ihn an.

„Und was für eine Gabe haben sie?“

„Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, ich bin eine Erzählerin.“

Ich höre ganz tief in mich hinein und es fühlt sich richtig an.

„Warum sind sie sich nicht sicher?“

„Weil ich mich verloren habe und nun muss ich mich finden und dazu den Ort, an dem ich gefunden werde.“

„Wer wird sie finden?“, fragt Raoul, „oder weiß jemand, dass sie verloren gingen?“

„Ich weiß es nicht. Bis jetzt scheint niemand nach mir zu suchen.“

„Woher wissen sie dann, dass sie eine Geschichtenerzählerin sind?“, hakt Raoul nach.

„Weil ich Geschichten über alles liebe und mir selbst immer neue Geschichten ausdenke, wenn ich alle anderen schon kenne“, erkläre ich, „dazu ist das Reisen übrigens von Vorteil. Ich sehe und höre soviel, dass mir die Geschichten niemals ausgehen.“

Raoul sieht mich nachdenklich an. Seine Augen ruhen auf meinem Gesicht, als würde er es mit den Fingern abtasten. Ich erröte und senke meinen Blick. Ein warmes Gefühl erfüllt mich. Es fühlt sich ein bisschen so wie finden an. Als ich Raoul wieder anschaue, hängt sein Blick an meinen Lippen und ich spüre ein leichtes Kitzeln, wie von Sonnenstrahlen.

„Sie mögen Schokolade, nicht wahr?“, fragt er ohne Zusammenhang.

„Ja, und wie gerne.“

Ich klatsche in die Hände. Raoul lächelt über meine kindliche Begeisterung.

„Darf ich meine mit ihnen teilen?“

Raoul zieht eine bunte feine Seidentüte aus seinem Rucksack. Er öffnet die goldene Schleife und gibt mir die glitzernde Kordel.

„Für sie“, sagt er nur.

„Danke, wie schön!“

Ich schlinge das Band um meine roten Locken und binde mir einen Pferdeschwanz. Raoul hat ein winziges Päckchen aus der Tüte geholt und hält es mir hin.

„Bitte sehr.“

Er lächelt. In seinen Augen tanzen kleine Funken. Ich nehme das Päckchen, öffne es vorsichtig, um die Verpackung nicht kaputt zumachen. In dem Schächtelchen liegt eine kostbare Praline. Obenauf ist ein winziger Splitter Blattgold drapiert, der das Ganze noch wertvoller macht. Verzückt sehe ich Raoul an.

„Die ist wunderschön! Viel zu schön, um sie zu verspeisen.“

Raoul lacht.

„Bedenken sie aber, dass solch ein Kunstwerk vergänglich ist. Zuviel Wärme, ein Stoß … und schon ist es kaputt und verliert an Geschmack.“

Raoul hat Recht. Ich nehme die kleine Kugel in die Hand und lege sie behutsam auf meine Zunge. Raoul schaut mir gebannt dabei zu. Ich schließe meinen Mund und meine Augen. Man kann besser schmecken, wenn die Augen geschlossen sind, weil sich der ganze Sinn auf das Schmecken konzentriert. Langsam schmilzt der äußere zartbittere Kern und setzt die Nuancen der anderen Zutaten frei. Ich erkenne Mandeln, Orangen, ein Hauch von Lavendel und Rose, und einen Geschmack, den ich nicht kenne.

„Das ist das Gold“, höre ich Raoul.

Als die kleine Kostbarkeit sich aufgelöst hat, öffne ich meine Augen wieder, sehe Raoul an und habe plötzlich das übermächtige Gefühl, als würde ich ihn eine Ewigkeit kennen. Ich zögere einen Moment, dann fasse ich mir ein Herz.

„Raoul, da du mir so eine Kostbarkeit zum Geschenk gemacht hast, darf ich dir auch etwas von mir geben?“, frage ich.

„Ja, sehr gerne. Was ist es denn?“

„Nun, ich habe nichts Kostbares, außer meinen Geschichten.“

„Ich liebe Geschichten.“

Raoul lehnt sich bequem in seinem Sitz zurück und sieht mich erwartungsvoll an. Etwas nervös, weil er mich so genau betrachtet, ziehe ich das goldene Band aus meinem Haar und spiele damit herum, während ich nach einem Anfang suche.

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„Das ist eines der Geheimnisse des Lebens: Die Seele durch die Sinne heilen können – und die Sinne durch die Seele.“

Oskar Wilde

„Das Geheimnis meines Lebens ist: die Phasen zwischen Schreiben und nicht Schreiben möglichst sinnvoll zu überbrücken und unfallfrei hinter mich zubringen.“

Caroline

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