Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘flau’

„Die Arbeit ist, verstehe sie mich recht, ein wenig ungewöhnlich“, sagte Mister Gordon.

Sein merkwürdiges Lächeln hätte mich misstrauisch machen müssen. Aber ich seit drei Wochen wartete ich auf einen halbwegs gutbezahlten Job um meine Rechnungen bezahlen zu können, aber mein Büro schien in ein schwarzes Loch gefallen zu sein. Ich brauchte dringend einen Auftrag, egal von wem. So wischte ich das flaue Gefühl in meinem Magen beiseite, dass ich fataler Weise für Hunger hielt und sagte:

„Das ist kein Problem für mich. Ich hoffe nur, dass sie sich meine Dienste leisten können.“

Mister Gordon lachte und ein leiser Schauer rieselte über meinen Rücken hinab. Er zog einen Umschlag aus der Innentasche seines feinen Wollmantels und schob ihn mir über den Schreibtisch zu.

„Mister Morgan, wenn sie wüssten wer ich bin, würden sie solche Fragen nicht stellen. Die einzige Frage, die wirklich wichtig ist, kann ich ihnen vertrauen?“

Abrupt verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht. Dabei verengten sich seine schwarzbraunen Augen zu kleinen Schlitzen und musterten mich scharf. Unwillkürlich musste ich an einen Hai denken. Sobald er mein Büro verließ, würde ich Erkundigungen über ihn einziehen, dachte ich, griff nach dem Umschlag und hob die Klappe leicht an. Ein dickes Bündel 500 Euroscheine strahlte mir entgegen und wischte meine Skrupel hinweg.

„Natürlich können sie mir vertrauen“, erwiderte ich im Brustton der Überzeugung und dachte, es wird schon gutgehen.

Read Full Post »

„Es handelt sich um eine wahre Geschichte, die zufälligerweise nicht passiert ist.“

Jeanne schlug die Arme übereinander und blickte Mellie mit düsterem Blick an.

„Ich bitte dich! Du willst mich wohl auf den Arm nehmen?“

Mellie gab Jeanne das Gedicht zurück. Es kostete Jeanne unglaubliche Mühe nicht wie ein trotziges Kind mit dem Fuß aufzustampfen und in Tränen auszubrechen. Nicht nur, dass sie in diesem furchtbaren Internat festsaß, nein, sie hatte dermaßen fantasielose Mitinsassen, dass ihr graute.

„Du verstehst überhaupt nichts!“, erwiderte Jeanne lauter als beabsichtigt, „das Leben schreibt die Kunst und die Kunst das Leben. Wäre in deinem Kopf etwas weniger Vernunft und etwas mehr Fantasie, hättest du mir diese Frage nie gestellt!“

Mellie erhob sich und trat zum Fenster. Die beiden ungleichen Mädchen schwiegen. Die eine wütend, weil sie sich missverstanden fühlte, die andere weil sie nach dem Körnchen Wahrheit in der Behauptung ihrer Zimmergenossin suchte.

„Beweise es.“

Mellies ruhige Stimme durchbrach die Stille. Jeanne sah auf. Mellie blickte immer noch aus dem Fenster. Die untergehende Sonne färbte den Himmel in alle Schattierungen der Rotpalette. Jeanne hatte an diesem Abend keinen Blick für die Schönheit der Natur.

„Was beweisen?“, fragte sie verwirrt.

„Das die Kunst das Leben schreibt.“

Mellie drehte sich um und sah Jeanne mit merkwürdig fiebrigem Blick an. – Das passt gar nicht zu ihr, dachte Jeanne, als wäre sie in einer Art Trance. –

„Und wie stellst du dir das vor?“, fragte sie wachsam.

„So wie es Wissenschaftler machen: in einem Feldversuch. Ich stelle die Versuchsanordnung auf und du schreibst die Veränderungen, die geschehen sollen. Immer nur in Teilstücken natürlich und ich habe das letzte Wort darüber. Ich werde sie lesen, dann werden wir sie auf einem Altar opfern und sehen was passiert.“

Jeanne sah Mellie mit mitleidigem Blick an.

„Bist du verrückt? Brauchst du Hilfe?“

Jeanne hätte sich nicht gewundert. Lange konnte es ein hungriger Geist in dieser freud – und lieblosen Umgebung nicht aushalten, ohne psychische Anomalitäten zu entwickeln. Mellie lachte laut auf und warf den Kopf mit dem dunklen Locken in den Nacken.

„Ich war selten so klar“, sie kam auf Jeanne zu und blickte sie herausfordernd an, „also, machst du es?!“
Jeanne nickte ergeben.

„Na gut. Wann geht`s los?“

„Morgen früh.“

Mellie wandte sich ab, setzte sich an ihren Schreibtisch und zog einen Stapel Papier aus einer Schublade. Einen Moment zögerte sie, dann brachte sie die ersten Zeilen zu Papier. Jeanne beobachte sie mit wachsender Spannung. Ihre Behauptung über die Kunst schien einen verschlossenen Bereich in Mellies Persönlichkeit freigesetzt zu haben. Ein unbestimmtes flaues Gefühl breitete sich in Jeannes Körper aus. – Warum musste ich so anmaßend sein, ihr mein vermeintliches Talent zu beweisen, dachte sie und knetete nervös ihre Finger, naja, was kann sie sich schon Besonderes wünschen? –

Der Satz stammt aus dem Buch: Das verflixte Dolce Vita, von Rosalind Erskine.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: