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Posts Tagged ‘Fantasie’

‚Leben, Schreiben, Atmen‘, heißt das Buch von Doris Dörrie. Für mich müsste es anders heißen: Schreiben, Atmen, Leben. Im ersten Kapitel schreibt Doris: Schreibend halte ich mich am Leben und überlebe. Jeden Tag wieder.

Das spricht mir aus der Seele und aus meinem tiefsten Herzen. Ich wüsste nicht, was ich tun sollte, wenn ich nicht schreiben könnte. Den Stift in die Hand nehmen und Buchstaben auf das Papier setzen.

Wie viele Tränen, Träume, Hoffnungen und Wünsche habe ich schon auf Papier gebannt? Wie viele Worte, Buchstaben gekritzelt, gemalt, schön geschrieben? Wie viel Tinte, Bleistiftminen, Kugelschreiber, Radiergummi, Zettel, Post its, Blätter, Notizhefte usw verbraucht, nur um meine Befindlichkeiten und meine Geschichten aufzuschreiben?

Weiter heißt es im Buch: Ich schreibe, um einen Sinn zu finden, obwohl es am Ende wahrscheinlich keinen gibt. Und auch das ist wahr. Wie oft habe ich die Frage nach dem Sinn gestellt und für mich erörtert und wie oft bin ich gescheitert? Ich kann es nicht zählen und am Ende ist das Schreiben der Sinn. Es hört sich wie eine Feststellung an, aber es ist eher eine Frage. Und die Antwort ist für jeden, der schreibt, eine andere.

Meine Antwort ist: Ich lebe und atme, weil ich schreiben kann. Mein Kopf würde platzen und mein Herz zerspringen, wenn ich nicht schreiben könnte. Wirre Gedanken nehmen Form an, klären oder relativieren sich. Pläne entstehen, Ängste verringern sich und der Mut wird gestärkt. Ich schwelge in Träumen und suche die wunderbaren Orte meiner Kindheit auf. (Ja, es gibt sie tatsächlich, auch wenn sie nicht immer sofort zu erblicken sind.)

Ich erinnere mich… an den Pflaumenweg hinter der kleinen Dorfschule. Obwohl ich nicht weiß, ob er tatsächlich so hieß oder wir ihn nur so nannten. Wir rasten mit unseren Klapprädern hinunter und es war eine Kunst die Kurve zu kriegen und nicht in die Brennnesseln am Zaun zu stürzen, der gegenüber der Einmündung lag.

Ich erinnere mich… an die große unbebaute Wiese neben unserem Haus, mit dem hohen Gras und dem knorrigen Apfelbaum, in den ich zwar hineinklettern konnte, aber nicht wieder herunter.

Ich erinnere mich… an den Geruch der Kartoffelfeuer, an nebligen Herbsttagen und die stillen, dunklen Wintermorgen. Die dicken Schneeflocken, die unter der Laterne vor dem Haus tanzten und die unberührte Schneedecke, in die ich die ersten Fußabdrücke setzte wenn ich zur Schule ging.

Ich erinnere mich… an meine Schulfreunde, die im Lauf der Jahrzehnte „verloren gegangen“ sind. Peter, Andrea, Gesa, Thomas, Andreas, Manuela, Claudia, meine Klassenlehrerin, die Schulräume, und das Klettergerüst von dem ich gefallen bin.

Und so ließe sich die Reihe der Erinnerungen fortsetzen. Ich schreibe schon seit dich die ersten Buchstaben aufs Papier bringen konnte. Es hat mich immer fasziniert und jede Geschichte, jedes Märchen, jedes Bucht hat meine Fantasie befeuert.

Doris schreibt: Wir sind alle Geschichtenerzähler. Genauso sehe ich mich, als Geschichtenerzählerin. Ich habe meinen Freundinnen Geschichten erzählt, da war ich 12, meinem jüngeren Bruder, da war ich 7 oder 8 Jahre alt, lange Jahre meinen vier Kindern und ich erzähle mir selbst Geschichten, seit ich denken kann. Gegen die Angst, gegen die Traurigkeit, gegen Schlaflosigkeit, gegen die harte Realität, aus Spaß, aus Lust am Abenteuer.

Schreiben ist so wichtig wie Atmen. Ohne Atmen kann ich nicht leben, und ohne Schreiben auch nicht.

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Der Besuch in Bredevoort war längst überfällig. Seitdem ich durch einen Freund davon hörte, ging es mir nicht mehr aus dem Kopf. Eine ganze Stadt voll Bücher!

boekenstad

In meiner Fantasie sah ich mich, wie in der Erzählung von Walter Moers „Die Stadt der träumenden Bücher“, knietief durch ein Büchermeer wandern. Von dem englischen Gegenstück „Hay-on-Wye“ hatte ich gehört und war fasziniert. Nun war der Traum von einer Stadt der Bücher in erreichbare Nähe gerückt.

Am Ostersamstag machte ich mich endlich auf den Weg und mein erster Eindruck von Bredevoort: verschlafen. An einem Ostersamstag, wo im größeren Winterswijk Markttag ist und die Läden zum Einkaufen einladen, indes nicht verwunderlich.

Dorfstraße Bredevoort

Mir war das gerade recht. Die Stille nach der Fahrt, die frische Morgenluft und die Gelegenheit ungestört durch die gepflegten Altstadtgassen zu laufen und mir die Buchläden anzusehen, gefiel mir (gefällt mir immer sehr). Die Fahrt war so störungslos vergangen, dass bei meiner Ankunft noch kein Buchladen geöffnet hatte.

Um die Zeit zu überbrücken, gönnte ich mir eine Kaffeepause in dem gemütlichen Café/Bistro „De Heerlyckheit“ – die Herrlichkeit – und so war es. Sehr freundliches Personal, ein super Cappuccino, dazu ein Likör mit Sahnehaube und ein Gläschen Wasser für 2,60 Euro (könnten wir das in Deutschland bitte auch einführen?). Ich machte es mir gemütlich und schrieb meine ersten Eindrücke nieder.

Gegen halb elf brach ich auf und erkundete den Ort. Das erste kleine Schmankerl wurde mir direkt auf dem Marktplatz serviert. Dort steht eine Statue von Hendrikje Stoffel.

Hendrijke

Ihres Zeichens Rembrandt van Rijns Geliebte, Model und Mutter seiner unehelichen Tochter. Sie stammte aus Bredevoort und wohnte in der hübschen Gasse auf dem folgenden Foto.

Hendrijke Gasse

„Das Spiel ist verloren, Hendrikje starb. So musste ich also auch dies ertragen und sehen, wie ich mich damit abfinde. Heute Mittag haben wir sie begraben. Was damit für mich unter die Erde sank, ist gar nicht auszusprechen.“

Aus Rembrandts Tagebüchern

Auf meinem Streifzug kam ich am englischen Buchladen vorbei, der sehr distinguiert und aufgeräumt ist.

Englischer Buchladen

Ich machte einen Abstecher in die Touristeninfo. Ein sehr netter älterer Herr gab mir einen Stadtplan, erklärte mir, wo sich die Ausstellung des chinesischen Zeichenkünstlers He Jiang befand und was man sich in der Umgebung anschauen kann. Außerdem gab er mir einige Infobroschüren über die Landschaft und Sehenswürdigkeiten des Achterhoek (so etwas wie die Wetterau für die Bad Nauheimer) in Gelderland (so etwas wie Hessen für die Deutschen).

Weite

Dabei sind die Sehenswürdigkeiten direkt vor meiner Nase. Das Wort Sehenswürdigkeit setzt sich aus Sehen und Würdigkeit zusammen und in Bredevoort gibt es diese Kleinodien an jeder Ecke zu bestaunen. Ob es das Fenster eines Antiquitätenladens ist, in dem es kleine skurrile Ausstellungsstücke zu betrachten gibt, die liebevoll dekorierten Eckchen und Vorgärten oder die vielen Fenster mit Schmuckstückchen. Wer die Augen offenhält wird mit verschwenderischen Aus- und Einblicken belohnt.

de hoek II

Ausblick II

Ich wusste von der Internetseite Bredevoorts Bredevoort Bücherstadt , dass es auch einen deutschen Buchladen gibt und natürlich war ich gespannt, was für Bücher ein deutscher Buchladen in den Niederlanden verkauft und machte mich auf die Suche. Dabei kam ich an vielen kleinen und größeren Buchantiquariaten vorbei. Außerdem an zahlreichen Bücherregalen, die vor den Läden und auch vor privaten Häusern aufgestellt sind.

Bücherregal 1

Bücherregale IV

Ein Buch kostet zwischen einem und zwei Euro. An den Regalen sind Hinweise angebracht und ein Verweis, wo das Geld einzuwerfen ist. Es lohnt sich also Kleingeld einzustecken, um für etwaige Schatzfunde gerüstet zu sein. Denn auch zwischen den niederländischen Büchern lassen sich deutschsprachige Bücher finden. Wie meine beiden hübschen Ausgaben von Wieland zeigen.

Nicht weit von der Touristeninformation stieß ich in der Landstraat 13 auf den deutschen Buchladen. Der Besitzer, Herr Heeke, war lud gerade Bücher aus. Ich stöberte in den Regalen vor dem Haus und erstand ein Exemplar von „Die blaue Blume“, ein Roman von Penelope Fitzgerald, nachdem Herr Heeke den Laden geöffnet hatte. In seinem Antiquariat konnte ich viele antike Bücher bestaunen, und ich meine wirklich antik (!). Außerdem durfte ich ein Buch anfassen und hineinschauen, das über fünfhundert Jahre alt ist. Dafür braucht man im Allgemeinen weiße Handschuhe und eine extra Genehmigung.

Herr Heeke erzählte mir, dass er seit den Anfängen des Bücherdorfes im Jahr 1993 dabei ist. Er suchte schon länger nach einer Gelegenheit etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen, wie die Einwohner von Hay-on-Wye. Als er hörte, dass die Bredevoorter vorhatten eine Bücherstadt zu gründen, war für ihn klar, dass ist die Chance. Mit einigen Kollegen aus Bredevoort verfasste er ein Buch über das Dorf der träumenden Bücher, unter dem Titel: Die Praktikantin, Le Bookinist & De Boekenstadt.

Nach unserem Plausch ging ich zum Restaurant, Hotel Bertram zurück, das sich am Marktplatz befindet. Die nette Besitzerin führte mich in das Gästehaus in der Seitengasse.

Gästehaus Bertram

Ein schönes, sauberes, gemütliches Zimmer wartete auf mich. Das wurde am Sonntag noch durch ein tolles Frühstück getoppt. Der Innenraum der Gaststätte ist im Stil einer mittelalterlichen Schenke gehalten. Mit rustikalen Tischen, Bänken, einem Kamin, Butzenfenstern und dicken Deckenbalken. Die Chefin erzählte mir, dass das Haus 1704 erbaut und 1994 renoviert wurde.

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Sonntag

Der Wetterbericht hatte drei Tage schlechtes Wetter angesagt. Regen, Schnee, Hagel usw. Tatsächlich war es sonnig, mit einigen Wolken und wunderschön. Bis auf den Sonntagmorgen. Der Himmel grau und es nieselte. Genau der richtige Zeitpunkt die Villa Mondrian in Winterswijk zu besuchen und nachzuholen, was ich bei meinem ersten Besuch verpasste. Nach einem super leckeren Frühstück, mit allem drum und dran, einschließlich frisch gepresstem O-Saft und Ei, machte ich mich auf den Weg ins benachbarte Winterswijk (circa 10 Kilometer).

Mondrian lebte ab dem Jahr 1880 bis ca. 1892 in dem hübschen Städtchen, in der Zonnebrink 4, als er achtjährig mit seiner Familie dorthin übersiedelte, da sein Vater Piet Mondriaan Senior, dort als Lehrer arbeitete. Bis zum Jahr 1901 kehrte er immer wieder dorthin zurück, um zu arbeiten.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, bin ich, was die modernen Meister angeht eher skeptisch. So wie ich bei Büchern den Klassikern zu neige, so bevorzuge ich in der Malerei die gegenständlichen Werke. Allerdings, wenn sich das Mondrian Museum direkt in Reichweite befindet, dann sollte man es auch besuchen und einfach sehen, was kommt. Augen auf, neugierig sein und sich inspirieren lassen.

Das Museum besteht aus dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Mondriaan und einem Anbau, der es mit dem Eckhaus verbindet.

An der Kasse wurde ich von einer sehr freundlichen Dame begrüßt, die mir den Audio-Guide einstellte und erklärte. Sie machte mich darauf aufmerksam, dass mit der Eintrittskarte (9 Euro) ein Kaffee/Tee im gemütlichen Cafe eingenommen werden kann.

Wenn wir an Mondrian denken, dann fallen uns meistens blaue, gelbe, rote Quadrate, schwarze Linien und weißer Untergrund ein. Bei meinem Eintritt in den ersten Saal des Museums, war es das, was ich erwartete und wurde zu meiner Freude enttäuscht. Das erste Bild, das mir sofort ins Auge fiel war eine Wandtafel mit dem Spruchband „Dein Wort ist Wahrheit“. Es wurde von Mondriaan Senior entworfen und von Piet gemalt.

Vater Mondriaan war ein sehr guter Zeichner und Lithograf (einige seiner Arbeiten sind ausgestellt). Das Bild „Dein Wort…“ ist voller Symbole und Zeichen, wie es bei den alten Meistern üblich war. Kannte man sich aus, konnten die Bilder, wie Bücher gelesen werden. (Sanduhr – Zeit, Flamme – Liebe, Taube – Frieden, usw.) Teilweise gab es zu den Lithografien kleine Hefte in denen die verschiedenen Symbole erklärt wurden, damit der Betrachter das Bild lesen konnte.

Daneben wurden Bilder gezeigt, die Mondrians malerischen Werdegang zeigen. So Kopien alter Meister, zu Übungszwecken. Die Kopien durften dabei nie ganz den Originalen entsprechen. Sie mussten sich in den Formaten und in gewissen Details unterscheiden, damit man sie auseinanderhalten konnte.

Unter anderem zeigt die Villa Mondrian auch Gemälde seiner Malerkollegen, Theo van Doesburg, Vilmos Huszar usw., die sich mit weiteren Künstlern zu der Gruppe „De Stijl“ zusammenschlossen. Die Mitglieder bekannten sich zu einer geometrisch-abstrakten, „asketischen“ Darstellungsform in Kunst und Architektur. Sie wollten die naturalistischen Formen komplett in Farben und geometrische Muster auflösen. Dazu gibt es verschiedene Beispiele in Mondrians Arbeiten, die die fortlaufende Wandlung eines Sujets in Auflösung der Geometrik zeigen.

In einem Raum sind Bilder von Frits Mondriaan ausgestellt. Onkel Frits, der Bruder des Vaters, war Landschaftsmaler. Er nahm den jungen Piet mit in die Natur, um zu malen. Onkel Frits Bilder gefallen mir übrigens sehr gut.

Ein Bild von Mondrian, das mir in der Ausstellung sehr gefiel, war eine Weide, gelegen an einem Fluss, mit alten knorrigen Bäumen und grasenden Kühen.

Desweiteren gibt es Filme über Mondrians Leben, Werdegang und später die Zusammenarbeit mit Cornelis Bruynzeel, der Möbel herstellte. Außerdem ist in diesem Jahr eine wechselnde Reihe niederländischer Designer ausgestellt, die das moderne Dutch Design zeigen.

Mondrian sagte: „Ich habe kein Interesse an Gemälden, sondern an Entdeckungen.“ Daneben liebte er Musik, besonders Jazz, tanzte sehr gerne und liebte die Damen. Es gibt sogar ein Quartett mit 52 Damen, die in Mondrians Leben eine Rolle spielten.

In einem Raum wurde sein Arbeitszimmer gezeigt. Die Wände und Möbel waren weiß, bis auf verschiedene farbige Vierecke an den Wänden, die nach Belieben verändert werden konnten. Auf seinem Tisch lagen die verschiedenen Komponenten (farbige Vierecke) für seine Bilder, die er dann auf weißem Untergrund montierte.

Die Informationen waren vielfältig und für einen Mondrian Neuling ausgesprochen spannend und inspirierend. Tatsächlich hat mir die Ausstellung verdeutlicht wie Mondrian zu seiner Sicht der Dinge gekommen ist, wie sich seine Malerei entwickelte und auch in Ansätzen, was für ein Mensch er war. Ich kann das Museum unbedingt empfehlen und werde es auf jeden Fall wieder besuchen.

Nach meinem Besuch im Museum bin ich „durch die Gegend gefahren“. Und das Achterhoek hat eine Menge davon. Hübsche Dörfchen, Höfe, Wäldchen und Bäche, Wiesen, und einen endlosen Himmel.

Wiesen II

Zurück in Bredevoort, machte ich einen Spaziergang durch den Ort, den Park an der großen Gracht entlang, die sich in mittelalterlichen Zeiten um die Stadtmauer zog. Die ersten Grachten wurden um 1100 in Bredevoort ausgehoben. Leider ist davon nur noch eine große Gracht und eine kleine (ziemlich klein) vorhanden.  Im September findet dort das Lichterfest statt.

Ich gab mich den Betrachtungen des Wassers und der Wolken hin und genoss die Stille, wenn Bäume Geschichten erzählen und die Spatzen Neuigkeiten von den Dächern pfeifen.

Auf dem Rückweg zu meinem Zimmer kam ich am „De Zwaan“ vorbei.

Der Schwan II

Ein Musik-Cafe mit langen Regalen antiquarischer Bücher. So eine Besonderheit konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

Ich machte es mir an einem der Tische gemütlich und zückte mein Schreibzeug. Der Kaffee war gut und der Besitzer sehr freundlich.

Ich bedauere außerordentlich, dass ich nur zwei Tage zur Verfügung hatte, auch wenn die Niederlande jedes Mal eine Erholung für mich sind, reicht es einfach nicht aus, um weiter einzutauchen und komplett abzuschalten.

Aus welchem Grund auch immer, aber sobald ich die deutsche Grenze nach den Niederlanden übertrete, hab ich das Empfinden die Zeit schaltet um. Es ist ein tiefes Durchatmen, das alles erfasst. Mag es an der Weite des Himmels liegen, den Gedanken an das nahe Meer, dem unnachahmlichen Licht, das den besonderen Reiz der niederländischen Maler ausmacht oder auch dem freundlichen, entspannten Wesen seiner Einwohner. Sicher von allem etwas.

Selbst Mondrian kehrte frustriert aus Spanien zurück. Es war nicht das Licht seiner Heimat und er konnte dort nicht malen. Vielleicht ähnlich wie van Gogh, der mit der gleißenden Sonne Frankreichs seine Mühe hatte.

Ich verstehe Mondrian nur zu gut. Das Grün der Wälder und Wiesen im Zusammenspiel mit dem unendlich weiten Himmel und den Wolken ist besonders.

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Das ist nicht für jeden Menschen geeignet. In den Niederlanden gibt es viele Orte an denen es so „still“ ist, dass einen die Gedanken regelrecht anschreien. Man kann sie nicht überhören und mit nichts übertönen.

Wir sind nur ein Hauch. Im Vergleich zur Ewigkeit. Weniger als ein Blatt im Wind. Zerbrechlich wie Strohhalme. Am Ende sind wir gegangen, ehe wir richtig angekommen sind. Wenn wir erkannt haben, dass wir nichts wissen, ist es vorbei. Doch das Land bleibt ewig, das wusste schon Scarlett O`Hara. Wenn wir lange vergessen sind, wachsen die Bäume weiter, fliegen die Vögel über Wiesen und Wälder, grasen die Kühe auf den Weiden, blühen die Blumen. Es zählt nur dieser Moment, denn was im nächsten kommt wissen wir nicht.

Und so packte ich früh am Montag meine Tasche, frühstückte im Restaurant und machte mich bereit nach Hause zu fahren, doch nicht ohne den Händlern beim Auspacken ihrer Bücherkisten für den Bücherflohmarkt auf dem Marktplatz zuzusehen, auf dem am Tag vorher die Stände aufgebaut worden waren und noch ein Buch zu erstehen. Schätzchen fallen einem meistens unerwartet in die Hände.

Büchermarkt II

Für die, die Lust gekommen haben Bredevoort einen Besuch abzustatten, hier weitere Termine für den großen Büchermarkt 2017:

Internationaler Büchermarkt, Pfingstmontag, 5. Juni, 10 – 17 Uhr

Büchermarkt für Privatleute, Samstag, 8. Juli, 10 – 17 Uhr

Internationaler Büchermarkt, Samstag, 29. August, 10 – 17 Uhr

Die Buchläden in Bredevoort haben vorzugsweise am Wochenende von 11 – 17 Uhr auf und am Nachmittag. Ein Besuch in der Stadt der träumenden Bücher lohnt sich auf jeden Fall und sei es, um einen Kaffee zu trinken und dazu ein Stück Apfelkuchen mit Nüssen zu essen. In Bredevoort hat man Zeit zu plauschen und zur Ruhe zu kommen. Herr Heeke schreibt in seinem Flyer so schön:

„…einfach mal reinschauen – die Eingangstür klemmt, der Holzofen brennt & de Koffie is klaar.“

PS.: Noch eine Frage in eigener Sache. Falls mir jemand sagen könnte, ob der Titel dieses Buches

Poesie

tatsächlich wörtlich zu verstehen ist? Schnelltrocknende Poesie? 

 

 

 

 

 

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Kraftlos erschöpft ausgeliefert

Der Langeweile des Alltags

Trauere ich um vergangene Leidenschaft

Ungehört vertrocknen meine Tränen

 

Ich stehe im trockenen Flussbett

Nackt und bloss

Sehne das Wasser herbei

Kein Regen bringt Erlösung

 

Eisiger Wind umtost mich

Friere in der Dunkelheit

Worte klingen im Sturm

Sinken in meinen Körper

 

Gedanken regen sich

Gefühle fangen Feuer

Wasser umspült meine Füße

Mein Herz atmet auf

 

Der Fluss füllt sich

Fließt in seinem Rhythmus

Er hält mich

Trägt mich wieder

 

Füllt meinen Körper mit Schwingungen

Füllt meine Seele mit Gefühlen

Weckt Träume auf

Gibt Fantasien Farbe

 

Ich tauche hinab

Immer tiefer auf den Grund

Die Angst vergeht

Bin nicht allein

 

Höre deine Worte

Sprichst meine Sprache

Unausgesprochenes Verstehen

Deine Hand hält meine

 

Körper tanzen umeinander

Gedanken winden sich in einander

Fantasien verweben sich

Zu einer neuen Geschichte

 

Erst nur ein Flüstern

Von Mund zu Mund

Küssen uns die Musen

Und du mich?

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Ignoranz

Sam sah ihr nach. Sie trug ein weich fließendes Kleid, das jede ihrer perfekten Rundungen nachzeichnete und kaum Platz für Fantasie ließ. Sie war schön und sie wusste es. Ihr Gang war beinahe provozierend, wenn die sie sich leicht in den Hüften wiegte. Das lange blonde Haar fiel wie ein seidiger goldener Schleier über ihre schmalen Schultern und wippte über ihrem runden Po leicht auf und ab.

Sam prägte sich jede Linie, jeden Bogen und Hügel ihres begehrenswerten Körpers ein, damit er sich die Details in seinen einsamen Nächten ins Gedächtnis rufen konnte.

Diese Frau würde ihn niemals auch nur ansehen, geschweige denn in Erwägung ziehen ein Wort mit ihm zu wechseln. Ihre Haltung war kalt und abweisend. Sie blickte nicht nach rechts oder links.

Alles an ihr war teuer. Das Kleid, die Federstola, der schwarze Ebenholzstock mit dem silbernen Knauf und die glitzernden Diamantohrringe. Um eine Frau, wie sie, zu halten, brauchte man Geld, viel Geld. Geld, das Sam nie mehr haben würde.

Er hatte es einmal besessen, dieses Geld und eine Frau gekannt, die war wie sie. Sam sah sie auf einem Fest, dass er für die Belegschaft seiner Firma und Geschäftsfreunde hab. Sie war die Frau eines neuen Kunden. Sam war sofort angefixt. Er musste sie haben und nahm sich was er wollte. Doch alles hat seinen Preis, und Sam musste bezahlen. Mit einem Leben auf der Straße.

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Mia hatte das Gefühl jemand würde ihr inwendig die Haut abziehen. Alles in ihrem Körper fühlte sich wund an. Sie hatte den Eindruck ihr Herz würde sich zu einem unbeweglichen, harten Klumpen verkleben und ihre Seele schrumpfte zu einem zerknitterten, unkenntlichen Etwas zusammen.

Es war also nur darum gegangen. Sie bedeutete ihm nichts. Er hatte sie genommen und benutzt. Das Gefühl aus ihr herausgesaugt. Darum war er ihr die ganzen Jahre ausgewichen, wenn sie ihn fragte, warum liebst du mich.

Er sagte die Worte, aber es waren nur Laute ohne Bedeutung. Mia glaubte ihm, wollte ihm glauben, nun verkehrte sich das Ganze ins Gegenteil. Dabei hatte sie sich damals geschworen, nie wieder würde sie einen Mann so sehr lieben, dass er ihr wehtun konnte. Es war ihr nicht gelungen.

Lieben konnte Mia nur ganz. Mit allem, was sie ausmachte. Sie hielt nichts zurück. Gab ihre Wünsche und Sehnsüchte preis, ihren Körper, ihre Kraft, ihre Fantasie. Nun ließ er sie zurück. Er hatte etwas Neues gefunden, das ihn nährte.

Alles in ihr begehrte auf. Übelkeit kroch durch ihren Bauch, hinauf in ihre Speiseröhre und ihren Rachen. Der Schmerz erfasste jede Zelle, jeden Gedanken. Ihr Kopf glühte und ihr Körper erzitterte unter einem Schüttelfrost.

Mia wollte nur noch schlafen, schlafen, nichts mehr denken, nichts mehr fühlen. Sie sehnte die Dunkelheit herbei, aber sie kam nicht. Wenn es kein Ende gab, stand sie wieder am Anfang. Sie wusste nicht wie, aber sie musste überleben.

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Eine gute Frage. Die Frage überhaupt. Nicht zum ersten Mal, dass ich mir darüber Gedanken mache (und ich bin damit sicher nicht allein). Um ehrlich zu sein, geht mir der Gedanke in letzter Zeit häufiger durch den Sinn. Ich könnte einfach aufhören zu schreiben. Doch in den Phasen, in denen ich nicht schreibe, denke ich viel über das Schreiben nach. Was ich schreiben will, wie ich einen Text am besten verpacke. Ich notiere Ideen, von denen ich nicht wenige habe. Und schreibe darüber, warum ich gerade nicht schreiben kann. Seitenweise.

Braucht ein Künstler einen emotionalen Notstand, sei er positiv oder negativ, um kreativ zu sein? Den Eindruck habe ich. Und das ist nicht nur mein Erfahrungswert. Viele Schriftsteller (und andere Kunstschaffende) quälen sich mit ihren dunklen, unerfüllten Sehnsüchten, Ängsten, Unsicherheiten usw.

Graham Green, zum Beispiel, sah seine Schriftstellerei als Möglichkeit, dem Wahnsinn und er Melancholie der menschlichen Existenz zu entgehen. Es war ihm unerklärlich, wie andere Menschen ihr Leben meisterten, ohne durch Schreiben, Komponieren oder Malen (oder andere kreative Tätigkeiten) ihre Ängste lindern zu können.

Es liegt im menschlichen Geist, das Gefühl: da muss noch etwas sein! Wie weit kann ich gehen? Oft habe ich das Gefühl, wir schreiben aus einem Mangel heraus. In unseren Texten kompensieren wir, was wir in unserer „normalen“ Alltäglichkeit vermissen.

Für mich persönlich kann ich das bejahen. Tatsächlich geschehen in meinem Leben kaum aufsehenerregende Dinge – ständiger Ausnahmezustand kann echt anstrengend sein – aber in meinen Tagträumen und meinen Texten geben sie sich die Klinke in die Hand. Bin ich süchtig nach Abenteuer? Zu Hause ist es sicher und in meinen Geschichten kann mir nichts passieren – für den Fall der Fälle gibt es immer einen Twist, der mich aus dem Feuer rettet, das ich selber gelegt habe.

Wie viel (selbst erzeugtes) Chaos und Emotionen brauche ich, um schreiben zu können? Was ist das Loch in meinem Herzen, dass ich durch das Schreiben zu stopfen versuche und was passiert, wenn es sich schließt? Ist Schreiben dann noch möglich?

Warum schreibe ich? Weil ich auf der Suche bin. Weil ich mir das Leben schön/aufregend schreibe. Andererseits habe ich in der letzten Zeit das Empfinden, angekommen zu sein. In mir. In meinem Leben, meinen Wünschen. Klar, es ist nicht alles perfekt, aber ich bin angenehm zufrieden.

Zufriedenheit ist kein Motor. Das Motto: ich schreibe mir das Leben schön, tritt zunehmend in den Hintergrund. Wie viel Loch ist noch in meinem Herzen? Ich habe es immer als wünschenswert angesehen diesen ausgeglichenen, entspannten Zustand zu erreichen. Allerdings empfinde ich ihn für meine Kreativität als hemmend.

Ist das nur eine der vielen Phasen? Ich kenne zwei Schreiberinnen, die nicht mehr schreiben, obwohl sie vor Jahren sehr häufig geschrieben haben. Ehrlich gesagt habe ich leichte Panik. Was wäre, wenn ich nicht mehr schreiben würde? Was passiert dann mit mir? Darüber nachzudenken empfinde ich schon als Sakrileg. Das darf – das kann unmöglich – sein. Es ist das, was ich kann, will, was mich begeistert, mich erfüllt. Ich will nicht glauben, dass es anders sein könnte!

Muss ich meine Schreibmotivation neu definieren? Wenn ja, wie? Was motiviert mehr, als ein Loch im Herzen, das man stopfen will? Dafür gibt es Mittel aller Art und Stärke, Rauschmittel, Sex, Geld, Arbeit … Kunst. Jeder Mensch hat da seine eigene Präferenz. Mein Mittel war/ist Schreiben.

George R.R. Martin sagte in einem Interview: „Im Kopf gibt es eine perfekte Geschichte, die der Schriftsteller aufzuschreiben versucht. Wie ein Übersetzer.“ Ich denke, da spricht er uns aus dem Herzen. In unserer Vorstellungskraft ist alles da. Der Ort, die Personen, das Geschehen. Und dann sind wir dran. Vorstellungskraft in Worte verwandeln. Das ist nicht so einfach, wie sich das manche Leute vorstellen. Bücher schreiben. Eine Geschichte über Hunderte Seiten am Laufen zu halten. Um was geht es in der Geschichte? Die Figuren zu schaffen, die leben, sie zu bewegen, ihnen eine Seele einzuhauchen, die den Leser zu sich zieht und mit der er sich bestenfalls identifizieren kann. Einen guten Einstieg in die Geschichte zu finden, Spannung aufzubauen, zu halten, und ein sinnvolles Ende zu finden.

Das kann man sich nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Dazu gehört Konzentration, Durchhaltevermögen, Ideen, ein „Auge“ für die Figuren, Zeit, Ruhe, Inspiration, Mut über den eigenen Schatten zu springen und: Handwerk. Schreiben ist eine ebenso anspruchsvolle Kunst, wie andere Künste auch. Harte Arbeit. Trotzdem scheint Schreiben in den Augen anderer, eine der geringeren Künste zu sein. Dazu kann ich nur sagen: schreibt erst mal ein Buch – dann sprechen wir weiter.

Welche Motivation mich am Ende auch antreibt zu schreiben – ich kehre immer wieder an meinen Schreibtisch zurück. Schreiben ist mein Mittel Löcher in meinem Herzen zu stopfen. Mir die Welt zu erklären, meine Ängste im Griff zu haben, Abenteuer zu erleben, den Flow zu spüren, dem Wahnsinn etwas entgegenzusetzen, meinen Geist beweglich zu halten.

Was hinausdrängt, kann niemand für längere Zeit aufhalten. Der Ausdruck sucht sich einen Weg. Immer wieder. Wie Tropfen den Stein aushöhlen, bis der Damm bricht. Deswegen schreibe ich: um den reißenden Strom zu sehen. Wie Seite um Seite sich füllt, die Geschichte wächst, vom ersten Satz bis zum Schlusspunkt. Bilder meiner Fantasie Schwarz auf Weiß. Pure Lust.

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So! Hier der zweite Teil meines kleinen Schreibmarathons. Viel Spaß beim Lesen 🙂 . Die nächsten 13 Sätze für die Nachtbereitschaft warten schon. Werden morgen auf den Schreiberlebentipps gepostet unter dem Titel: 13 Sätze – 13 Geschichten

6.Heute bei der Arbeit…

Heute bei der Arbeit, ich saß im Pyjama auf dem Bett, das Laptop auf den Knien, im Fernsehen lief „Crossing Lines“, hörte ich vor meiner Zimmertür ein merkwürdiges Geräusch. Zugegeben, ich höre öfter Geräusche vor meiner Zimmertür oder über meinem Zimmer. Kein Wunder! Bei 20 Schlaf-Gästen und einem Haus, das mindestens zwei Jahrhundertwenden überdauerte, kann es die verschiedensten Geräusche geben. Türen quietschen oder krachen, Treppen knarren, Holzdielen knarzen und wer weiß, ob nicht die ein oder andere Maus im Spiel ist.

Die Töne heute waren mir jedenfalls nicht vertraut. Ich speicherte meine Datei, stellte das Netbook aufs Bett und stand auf. Das Geräusch nahm an Lautstärke zu. Ich hatte sie schon öfter gehört, nur eben nicht in diesem Haus. Ich zog meine Turnschuhe und meinen Pulli an, griff nach dem Zimmerschlüssel und drückte die Klinke herunter. Sacht zog ich die Tür auf. Ein kalter Luftzug drückte durch den Spalt zu mir herein und verursachte mir eine Gänsehaut. Völlig fassungslos starrte ich auf das Szenario vor mir.

Als Schriftstellerin kann ich mir alle möglichen wilden und abstrusen Situationen vorstellen, das ist mein Job – aber das?! Es war wie eine Szene aus einem Traum! Völlig surreal und mit nichts zu erklären. Denn trotz meiner ausufernden Fantasie bin ich mir der Naturgesetze wohl bewusste, auch wenn ich sie in meinen Geschichten gelegentlich außer Kraft setze.

Vor meiner Tür ankerte ein Schiff. Und nicht irgendein Schiff. Es war ein fünf-Mast-Segelschiff. Am Bug hing eine riesige Meerjungfrau als Galionsfigur. Ihr hellblauer Fischschwanz wand sich über der Wasseroberfläche.
Ich kniff mich in den Arm. Verdammt, das tat weh. Ich drückte panisch die Zimmertür zu. Für einen Moment herrschte Stille.

Dann hörte ich erneut Geräusche. Was stimmte nicht mit mir? Erneut öffnete ich die Tür. Dieses Mal lag vor meinen Füßen ein Bahnsteig. Mir gegenüber stand ein altmodischer Zug. Menschen gingen auf und ab. Sie trugen Kleider, wie aus den BBC Verfilmungen von Jane Austen. Niemand nahm Notiz von mir. Ich schien unsichtbar zu sein. Vielleicht können sie mich sehen, wenn ich auf den Bahnsteig trete, dachte ich und wagte einen Versuch.

7.Nach dem Ball …

Nach dem Ball ist vor dem Ball, denke ich, schleiche mich in die Garderobe und mache mich auf die Suche nach meinem Mantel. Ein langer roter Mantel aus Kaschmir. Passend zu meinen Schuhen. Es ist alles nur geliehen. Ich kann mir so teure Sache nicht leisten. Ich bin arm wie eine Kirchenmaus. Na gut, etwas übertrieben. Aber für das teure Seidenkleid, das ich gerade trage, müsste ich mehr als drei Monate arbeiten. Ich fühle mich wie Cinderella. Der Fehler in meiner Geschichte ist, dass es für sie ein Happy End gab. Ich dagegen habe alles auf eine Karte gesetzt und verloren. Ich habe ihn gesehen, aber er mich nicht. Morgen früh wird es so sein, als hätte es diesen Abend nicht gegeben. Ich bringe die Kleider zurück. Bis auf die Quittung wird nichts mehr daran erinnern, dass ich ein paar Stunden Prinzessin war.

Endlich habe ich meinen Mantel gefunden. Ich streiche gedankenverloren über den weichen Stoff. Er fühlt sich fantastisch an. Der Mantel trägt sich wie eine zweite Haut. Ich muss lächeln. Der Busfahrer wird sich wundern, wenn er sieht wie ich einsteige. Ich werde sagen: Guten Abend, leider habe ich meinen Kürbis verlegt. Ich hoffe, er hat Humor. Ich knöpfe den Mantel zu, schließe den Gürtel. Noch einmal sehe ich zum Ballsaal hinüber. Musik dringt heraus. Ich drehe mich um und gehe auf die breite Marmortreppe zu.

„Sie wollen schon gehen?“

Ich halte inne, sehe über die Schulter. Da steht ein großer blonder Mann in einem tadellos sitzenden Anzug, klassisch schwarz. Gutaussehend, sympathisch.

„Ja, leider. Es ist nach Mitternacht und mein Kürbis ist schon weg.“

Er lacht und kommt näher.

„Darf ich ihr Kutscher sein?“

Ich lächele.

„Ich bin mir nicht sicher. Meine Mutter hat mir immer eingebläut nicht mit fremden Männern mitzugehen. Nur weil sie einen Anzug tragen, heißt das nicht, dass sie vertrauenswürdig sind.“

In seinen blaugrauen Augen blitzt der Schalk auf.

„Dann darf ich mich vorstellen. Thomas Berger.“ Er verbeugt sich galant. „Zu ihren Diensten.“

„Lea Winter. Prinzessin für eine Nacht.“ Ich mache einen Knicks. „Schade, dass sie mich nicht in meinem Kleid sehen konnten.“

„Woher wollen sie das wissen?“, er schmunzelt, „ich habe den ganzen Abend nichts anderes gesehen.“

„Dann muss ich sie tadeln, Herr Berger.“

„Tom, bitte, sagen sie Tom“, unterbricht er mich.

„Gut. Also Tom, wenn das wahr ist, dann frage ich mich, warum sie mich nicht zu einem Tanz aufgefordert haben?“

Er wird ernst.

„Sie hatten ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Herrn gerichtet. Ich war mir nicht sicher, ob sie mir einen Korb geben.“

Ich senke beschämt den Blick und erröte. Hat er recht? Bin ich so durchschaubar.

„Wollen wir das jetzt nachholen?“

Seine Stimme ist sanft. Ich sehe auf. Tom streckt mir die Hand entgegen. Ich lege meine hinein. Er zieht mich zu sich heran, legt die andere Hand in meine Taille. Wir machen die ersten Schritte. Tom ist ein guter Tänzer. Er schafft es problemlos meine Fehltritte auszugleichen. Die Prinzessin hat ihren Tanz zu guter Letzt doch noch bekommen.

„Vielen Dank für diesen Tanz“, sagt Tom, neigt leicht den Kopf und bietet mir seinen Arm, „darf ich sie nach Hause chauffieren?“

„Gerne.“

Ich genieße die Fahrt durch die nächtliche Stadt. Wir reden über Gott und die Welt. Lachen mit einander. Ich fühle mich wohl mit ihm. Tom ist ein guter Autofahrer. Entspannt und sicher. Er findet meine Straße ohne Navi, kennt sich gut aus. Vor meinem Haus steigt er aus, hält mir die Autotür auf und begleitet mich zur Haustür. Er nimmt meine Hand. Warme Finger umfassen meine.

„Darf ich sie wiedersehen?“, fragt Tom.

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“

„Warum nicht?“

„Wie ich schon sagte, ich bin Prinzessin für einen Abend gewesen. Morgen bin ich wieder das Mädchen in der Asche. Ich passe nicht in ihre Welt.“ Ich deute an der Hausfassade hinauf. „Ich bin das Mädchen aus dem Dachgeschoss.“

„Was würde der Prinz jetzt tun?“, ignoriert er meinen Einwand und lächelt.

Ich zögere, sehe in seine strahlenden Augen. Der Mann ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen.

„Die Prinzessin küssen.“

Tom zieht mich in seiner Arme und küsst mich. Ich schließe die Augen, gebe mich dem Augenblick hin.

„Keine Angst Prinzessin“, sagt er, nachdem er mir das Versprechen abgenommen hat, ihn wiederzusehen, „alles ist möglich.“

8.Später beim Picknick…

„Später, nach dem Picknick!“

„Später, später … das sagst du immer!“, mault das Mädchen.

„Nein. Sag ich nicht.“

Sie stapft mit dem Fuß auf. Der Kellner serviert meinen Kaffee.

„Doch! Du hörst dir ja nicht mal selber zu. Du hilfst mir später bei den Hausaufgaben, du gehst später mit mir zum Gartenfest, später redest du mit meinem Lehrer, später, später, später!“

Der Mann sieht erschöpft aus. Er hat etwa mein Alter. Das Mädchen, wohl seine Tochter, zirka 13.

„Bitte, Natalie, beruhige dich. Du weißt, dass ich einen streßigen Job habe.“

„Bei Mama ist es viel besser. Ich will das Mama wiederkommt.“

„Deine Mutter ist aber noch zwei Monate im Ausland. Du wirst es wohl oder übel mit mir aushalten müssen.“

Aha, daher weht der Wind. Scheidungskind, nervt Vater und macht ihm ein schlechtes Gewissen. Natalie scheint zu spüren, dass ihr Vater die Grenze seines guten Willens erreicht. Ich trinke den letzten Schluck Kaffee.

„Bitte, Tom, bitte. Ich habe so einen Hunger“, sie hakt sich bei ihrem Vater ein.

„Na gut, dann mach die Tüte auf! Und nenn mich nicht Tom.“

Natalie zerrt eine Tüte mit Schokoriegelchen aus der Einkaufstasche und reißt sie auf. Ziel erreicht. Sie lächelt triumphierend.

Ich lege das Geld für den Kaffee neben meine Tasse. Tom bemerkt, dass ich die Szene interessiert beobachte. Ich lächele ihm zu und nickte. Er erwidert es verlegen.

„Du Papa“, Natalie zieht die Worte schmeichelnd in die Länge.

Der nächste Angriff kündigt sich an. Ich stehe auf, mache ein überraschtes Gesicht und sage:

„Mensch Tom! Jetzt erkenn ich dich! Ich bin`s die Sandra aus der Schule. Schön dich wieder zu sehen.“
Vater und Tochter sehen mich überrascht an. Ich mache noch einen Schritt nach vorn und umarme Tom stürmisch, Küsschen rechts, Küsschen links, und flüstere ihm ins Ohr:

„Einfach mitspielen, alles wird gut.“

Zu Natalie sage ich:

„Hallo und du bist Toms Tochter?“

„Ja!“, erwidert sie reserviert.

„Freut mich dich kennen zu lernen“, ich sehe zu Tom, „wirklich gut hingekriegt, mein Lieber!“

„Stimmt“, er nickt leicht irritiert.

„Darf ich euch einen Vorschlag machen?“, ich sehe die beiden an und rede einfach weiter, „magst du Pferde, Natalie?“

Bitte sag ja, denke ich, alle Mädchen mögen Pferde.

„Ja, wieso?“

„Mein Bruder hat ein Gestüt. Wenn dein Vater nichts dagegen hat, könnt ihr euer Picknick dort machen und du könntest eine Reitstunde nehmen.“

Mein Vorschlag hat die gewünschte Wirkung.

„Papa, bitte, darf. Bitte, bitte, Papaaaa.“

„Wenn Sandra uns einlädt können wir so ein tolles Angebot nicht ablehnen“, sagt er verhalten.

Ich zwinkere ihm zu.

„Ich geh schon mal zum Auto!“, ruft Natalie und rennt los.

„Ich hoffe mein Überfall hat sie nicht völlig aus dem Konzept gebracht“, grinse ich Tom an, „ich bin auch alleinerziehend und meine Tochter ist im selben Alter. Ich kenne solche Situationen zu gut. Vielleicht verschafft ihnen meine Intervention einen entspannten Nachmittag.“

Tom zieht die Augenbraue hoch und schmunzelt.

„Aha, Leidensgenossin also.“

Ich nicke.

„Sie haben was gut bei mir“, sagt er und sein Blick verursacht einen Herzhopser bei mir. „Ich hoffe, dass war nicht der letzte Überfall.“

9.Wir gingen am Strand entlang…

Wir gehen am Strand entlang. Die Jungs mit großen Schritten vor weg. Ich in sicherem Abstand hinter her. Das Wetter hat sich etwas beruhigt. Der Dauerregen der letzten zwei Tage hält seit ein paar Stunden den Atem an und gönnt uns eine Verschnaufpause. Vermutlich drehe ich sonst durch.

In der kleinen Ferienhütte herrscht ein Testosteronpegel, der ausreichen würde eine ganze Klosterschule flach zu legen. Bei dem Gedanken setzt bei mir ein Kopfkino ganz besonderer Art ein. Nur gut, dass von den Fünf keiner Gedanken lesen kann.

Dass das keiner falsch versteht! Ich liebe Männer. Männer sind toll. Ich komme gut mit Männern klar. Wirklich wahr. Aber fünf Männer auf engstem Raum – alle gut befreundet und ich?!

Der ganze Ausflug fing ganz harmlos an. Wie das bei solchen Sachen meistens der Fall ist. Arbeitsurlaub nannte es unser Boss.

„Alles easy“, höre ich Adam noch sagen und dachte, na wenn er meint.

Wir arbeiten zusammen. Die Fünf und ich. In einer Drehbuchschmiede für eine SiFi-Serie. Vielleicht erklärt das den Frauenmangel im Team. Gestört hat das bis dahin nicht. Klar wird anders geredet, wenn keine Frau dabei ist und tatsächlich habe ich immer das Gefühl gehabt, in der Masse unterzugehen. Ja, hahaha, schon klar. Aber ich bin halt kein Püppchen, sondern Frau. Make up ist nicht meins. Klamotten mag ich gerne bequem, was nicht heißen soll, dass ich in Sacktuch und Asche herumlaufe. Ich bin nicht auf den Mund gefallen und eine klare Sprache macht mir nichts aus. Im Gegenteil. Mein Vater war Vorarbeiter auf dem Bau. Ich kenne den Sprachduktus unter Männern. Eigentlich finde ich es sogar witzig. Wenn es nicht total unterste Schublade ist.

Jedenfalls hatte ich in dem Jahr unserer Zusammenarbeit nicht den Eindruck der Gegenstand von Anmache zu sein, sondern eine Kollegin unter Kollegen. Voll integriert. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich daran etwas ändert, wenn wir in Klausur gehen. Wir waren heilfroh der tristen Büroatmosphäre eine Weile zu entkommen. Das Ganze sollte der Teambildung und der Ideenfindung dienen. Die Serie ist so beliebt, dass man einen Kinofilm drehen will und wir sollen das Drehbuch schreiben. Immerhin ist das unser Baby.

Die ersten zwei Tage ging alles gut. „Alles easy.“ Das Gerangel fing an, als ich am dritten Tag morgens aus dem Bad kam. Ich vergaß meine Klamotten in meinem Zimmer und trug auf dem Rückweg nur ein knappes Handtuch. Das Bad liegt im Erdgeschoss, mein Zimmer in der ersten Etage. Der Weg dorthin führt durch die Küche. Womit ich nicht rechnete war, dass meine lieben Kollegen so früh auf waren, nachdem ich sie die vorangehenden Tage wecken musste. Nein, alle fünf standen, saßen dort und tranken ihren ersten Kaffee. Muss ich noch etwas sagen?

Nur so viel. Jerry, der Spaßvogel, grinste und sagte: „Wow Kat, zeig uns mehr,“ und griff nach dem Zipfel meines Handtuchs. Es passierte, was passieren musste. Und auch wenn Jerry sich später bei mir entschuldigte, nachdem ich im Evakostüm posiert hatte, schienen „meine“ Jungs in Erwägung zu ziehen, dass ich mehr sein könnte, als ihre Kollegin und taten alles, um es mich wissen zu lassen.

10.Ich beobachtete den Regenbogen…

Ich beobachte den Regenbogen, der sich in leuchtenden Farben über die Straße spannt. Leider kann ich dabei die Verkehrslage nicht so gut überblicken und werde mit einem heftigen Ruck und Krachen in die Wirklichkeit zurückgeholt. Meine Tasche fliegt durch den Innenraum. Mein Apfel auch. Mist! Und vor mir ein großer BMW. Ziemlich neues Model. Glänzend poliert und chromverziert. Seufzend steige ich aus. Der Halter des BMW steht schon am Heck und beugt sich über die Stoßstange. Anzugträger, teurer Stoff, tadelloser Sitz. Durchgestylt vom Scheitel bis zur Sohle. Der mag bestimmt keine Kratzer. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Ich mache mich auf einen rauen Anpfiff gefasst.

„Hm, nichts zu sehen“, sagt er und sieht mich mit einem freundlichen Lächeln an.

Ich atme auf. Keine verbale Attacke. Leider hat mein fahrbarer Untersatz mehr einstecken müssen. David gegen Goliath. Der linke Kotflügel ist verzogen und die Motorhaube hat sich nach oben gedrückt.

„Zum Glück“, sage ich und denke an meinen Versicherungsbeitrag.

„Leider muss ich ihn in die Werkstatt bringen. Ist ein Firmenwagen“, stellt er beinah bedauernd fest.

„Ok“, ich zucke mit den Schultern.

Die Prozedere kenne ich. Wenn die Schrauber das Auto erst mal in der Mache haben, wird’s teuer. Schließlich bezahlt die Versicherung – denen ist egal ob da nichts zu sehen ist. Hauptsache die Kohle stimmt. Ich krame meine Visitenkarte aus der Geldbörse und drücke sie dem BMW-Mann in die Hand. Er gibt mir seine. Creative Direktor steht drauf. Na sowas aber auch.

Wir steigen wieder in unsere Autos. Hinter uns hat sich eine morgendliche Rush-Hour-Schlange gebildet. Wir fahren weiter.

Der BMW-Mann sah gut aus und nett war er, wieder erwarten. Ich bin froh, dass ich mich in dieser Hinsicht getäuscht habe. Der Crash reicht mir, da brauche ich nicht noch einen wutschnaubenden Fahrer, der mich auf offener Straße zur Schnecke macht.

Ich lächele zufrieden. Immerhin steht auf meiner Visitenkarte Autorin. Das macht ein bisschen was her, Herr Creative Direktor, oder? Auch wenn mein kleiner Reisfresser eher nach Chaos als nach Kaviar aussieht. Aber der erste Eindruck muss ja nicht unbedingt, der richtige sein.

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Poem 7.4

Mein Blau

Himmel
Meer
Vergissmeinnicht
Abschiedsstunde
Zwischen Tag und Nacht

Mein Blau
Bist du
In mir

Legst tröstend Arm und Schatten
Um mich herum
Gibst meiner Seele Ruhe
Nahrung meiner Fantasie

Ich seh das Blau in allen Dingen
Teil dieser Welt
Teil meines Lebens
Mein Blau

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Das Grau der Tage

Ich träume in tausend Farben

Von dir und mir

Wenn ich näher komme

Blitzt es durch

Das Grau des Tages

Asphalt und Regen

 

Suche nach dir

Gehe weite Wege

In meiner Fantasie

Kann dich sehen

Rufe deinen Namen

Erkenne dein Gesicht

 

Du bleibst ein Traum

Die Sehnsucht leerer Stunden

Verzehre mich nach deinen Händen

Deinem Mund auf meinem

Haut an Haut

Eng umschlungene Lust

 

Zehre von Illusionen

In der Wirklichkeit

Eiskalt

Schwarz weiß

Garniert mit Herzblut

 

Komm

Lass es enden

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„Oh, Miss, wie schön, dass sie da sind!“, höre ich die dienstbeflissene Stimme des Bahnhofsvorstehers, „es hat ja lange gedauert, aber heute fährt endlich wieder ein Zug.“

„Wie lange hat es denn gedauert?“, frage ich vorsichtig und ich befürchte insgeheim, die Antwort könnte mir nicht gefallen.

„Nun, der Aufenthalt bei Lady Shelley muss sehr unterhaltsam gewesen sein, wenn sie sich nicht mehr erinnern, wie lange sie hier waren.“ Er lächelt Beifall heischend. „Immerhin ist es schon drei Monate her, dass sie angekommen sind.“

Drei Monate!? Das kann nicht sein. Darf einfach nicht sein.

„Sind sie sicher?“, frage ich ängstlich nach, es könnte ja möglich sein, dass ich mich verhört habe.

„Aber ganz sicher, Miss“, er reckt sich zu voller Größe auf, „ich bin Bahnhofsvorsteher und muss darüber bescheid wissen.“

Der Mann nimmt meinen Koffer und schleppt ihn in den Bahnhof. Antriebslos folge ich ihm. Drei Monate. Raoul. Drei Monate. Der Zug steht auf den Gleisen. Der Schaffner läuft aufgeregt auf und ab.

„Miss, endlich“, atemlos bleibt er vor mir stehen, „wir warten schon seit einer halben Stunde auf sie. Da wird der Zugführer aber ordentlich Kohle schaufeln müssen, um die Zeit wieder aufzuholen. – Kommen sie, steigen sie ein!“

Der Bahnhofsvorsteher wuchtet meinen Koffer in den Zug und schubst mich fast hinter her. Eine halbe Stunde warten? Drei Monate! Ich stehe kurz vor einer Krise. Der Schaffner steigt in den Wagon, lässt den schrillen Ton seiner Trillerpfeife ertönen und schwenkt seine Kelle.

„Gute Reise, Miss.“

Der Bahnvorsteher schwenkt seine Mütze zum Abschied und der Zug setzt sich mit quietschenden Rädern in Bewegung. Ich gehe in ein leeres Abteil, lasse mich erschöpft in den Sitz am Fenster fallen und sehe hinaus. Das kann doch nicht wahr sein? Mein Verstand will nicht verstehen, was mein Herz gesehen hat.

„John, was hast du getan“, flüstere ich.

„Darf es etwas sein? Ein Kaffee vielleicht?“, reißt mich die freundliche Stimme einer Zugbegleiterin aus meinen Gedanken.

„Ja, gerne. Ich habe heute Morgen noch keinen getrunken.“

Mein Magen knurrt.

„Hätten sie auch etwas Essbares?“

„Aber sicher doch. Sie sehen aus, als hätten sie eine schlimme Nacht hinter sich.“

Die nette Dame gießt mir einen großen Becher Kaffee ein und reicht mir einen Teller mit zwei Muffins. Sie verströmen einen tröstlichen Duft nach Frischgebackenem.

„Ja, da haben sie Recht“, sage ich und denke, „drei Monate! Drei!“

Die Dame nickt mir mit einem liebenswürdig Lächeln zu.

„Machen sie sich keine Sorgen, Zeit heilt alle Wunden.“

„Danke“, erwidere ich.

Und die Wunde wird alle Zeiten heilen. Ich habe Raoul verloren, John hat sich für mich geopfert und Lancelot irrt durch die Zeit, um mich zu beschützen. Ich nippe an meinem Kaffee und ein paar Tränen fallen in die heiße Flüssigkeit. Ich fürchte, ich bin nicht nur verloren, sondern auch verflucht. Was sagte Lancelot damals? Es gibt jemand der Menschen verfolgt, die Welten von Fantasie in sich tragen und ich würde zu diesen besonderen Menschen gehören. Kann das wahr sein? Dann wünschte ich, dass sie in diesem Moment verfliegt, damit niemand meinetwegen mehr leiden muss.

„Wünsch dir das niemals!“

Lancelot sitzt plötzlich neben mir.

„Aber siehst du nicht, was geschieht?“, frage ich verzweifelt.

„Alles wird gut“, beruhigt mich Lancelot und streicht zärtlich über meine Hand, „glaub mir. Aber wünsch dir nie wieder, den Verlust deiner Fantasie. Wenn du dies tust, hat ER schon gewonnen und alles was ich und die anderen erlitten haben, wird umsonst gewesen sein.“

„Was soll ich tun?“

„Das, was deine Bestimmung ist. Du musst finden, was du suchst und dein Schicksal erfüllen.“

Mutlos sehe ich Lancelot an.

„Was ist mein Schicksal?“

Lancelot lächelt und küsst sanft meine Hände.

„Sieh in dein Herz und du wirst es wissen.“

Sein Bild verschwimmt vor meinen Augen. Er löst sich in einem Bündel aus Sonnenlicht auf, der durch das Abteilfenster fällt. Zurück bleiben nur die schwebenden Staubpartikelchen, die in den goldenen Strahlen blinken, wie glitzernde Fischschuppen.

„Sei eine Geschichtenerzählerin“, höre ich ein Flüstern.

„Geschichtenerzählerin“, murmele ich.

Das wollte ich schon immer sein, aber ich traute mich nicht. Ich las gerne vor, wenn andere mich darum baten, aber eigene Geschichten erzählen? Bin ich dazu fähig? Lancelot sagte, ich sollte auf mein Herz hören, aber ich habe gerade nicht das Gefühl, mein Herz könnte mir irgendetwas Zuverlässiges sagen. Da war die Sache mit John. Während ich Liam als Freund betrachten kann, ist die Sache mit John anders gelagert. Ich kann hören, was mein Herz mir sagt:

„Er hätte der Richtige sein können.“

Und ich bin ehrlich genug es zuzugeben. Ich hatte es gespürt. Aber es war nur ein „hätte“. Denn ich habe mein Herz schon längst verschenkt. Raoul hatte es mit genommen, als er mich verließ. John füllte diese Lücke und ich hatte solche Sehnsucht nach Nähe, Zärtlichkeit, dass ich mir keine Gedanken machte. Raoul hat mir das Kostbarste gestohlen, die Freiheit. Ich kann nicht lieben, wen ich will, denn Raoul lässt es nicht zu. Solange er mein Herz in Händen hält, bin ich verlorener denn je. Es gibt nur eine Möglichkeit, ich muss versuchen mein Herz zurückzuholen. Ich liebe ihn voller Schmerz, aber ein Geschichtenerzähler braucht das Glück genauso, wie den Schmerz. Wir können keine Gefühle auslassen. Freude, Trauer, Angst, Erleichterung, Hochmut, Bescheidenheit, Liebe und Hass, gehören zu unserer Fantasie. Meine Suche wird also weiter gehen. Der Duft der Muffins dringt immer stärker in meine Gedanken. Ich spüre meinen Hunger, nehme das Muffin mit dem feinen Schokoladenguss und beiße hinein. Eine Welle des Wohlgefühls durchströmt mich. Ich werde einen Weg finden, die zu sein, die ich bin.

Ich erwache aus einem tiefen dunklen Schlaf. Ich bin mir sicher, dass ich etwas geträumt habe, denn ein beunruhigendes Gefühl hat mich erfasst. Außerdem fühle ich mich zerschlagen und gereizt. Ich kann mich kaum noch erinnern, wann ich das letzte Mal in einem weichen Bett geschlafen habe. Der Zug durchquert eine steppenartige Landschaft unter einem stahlgrauen Himmel, der heftige Windböen über die niedrigen Gräser jagt. Mir ist kalt. Ich hole einen breiten Wollschal aus meinem Koffer und hülle mich darin ein. Ich bemerke eine silberne Thermoskanne, an der ein Zettel hängt. „Mit besten Grüßen, der Bordservice“, steht darauf. Dem Himmel sei dank, wenigstens ein Kaffee zum Aufwärmen. Froh über das fürsorgliche Geschenk, öffne ich die Kanne und gieße mir einen Kaffee ein. Ich trinke in kleinen Schlucken und genieße es, das heiße Getränk meine ausgetrocknete Kehle hinab laufen zu lassen. Ich seufze leise. Um mir die Zeit zu vertreiben, nehme ich eins der Notizbücher zur Hand. „Beginn eines unbekannten Zeitalters“

Ich schlage es auf der ersten Seite auf und beginne zu lesen:

„Ich war verliebt. So verliebt, wie man es nur sein kann. Nicht in irgendetwas Bestimmtes oder in irgendjemand. Nein, ich war verliebt in das Leben und die Liebe an sich. Ich erhielt mir diese Verliebtheit manchmal sogar auf künstliche Weise. Nur um diesen Rausch, die Ekstase zu verspüren und in einen unglücklich, glücklichen Zustand zu gelangen, der meine Kreativität und meine Inspirationen, gemeinhin als Musenküsse belächelt, frei zu setzen.

Das gelang mir in dem ich, sobald ich eines schönen Mädchens ansichtig wurde, ein romantisches Gefühl für sie entwickelte und in ihr meine große Liebe erkannte, bis mir das nächste Mädchen über den Weg lief. So wurde mir niemals langweilig, da ich nach Belieben eine neue Romanze aus meinen Fantasien schöpfen konnte, ohne jemals in das triste Gefühl eines grauen Alltags abgleiten zu müssen. Die Herzen der Mädchen flogen mir zu und ich konnte mir aussuchen, wem ich mein Herz, oder dass was ich dafürhielt, schenken wollte. Mein Leben malte sich in den buntesten Farben, ohne jemals den bittersüßen Scherz des Verlassenen zu spüren, da ich immer einer neuen Raupe begegnete, die sich in meinen Illusionen zu einem Schmetterling verwandelte.

Damals wusste ich noch nichts von der Liebe, obwohl ich dachte, alles zu wissen. Dann kam der Tag, an dem ich erfahren sollte, was Liebe ist. Das neue unbekannte Zeitalter begann damit, dass ich erkannte, dass ich meine beste Freundin Sara liebte. Wir kannten uns seit Kindertagen, hatten Freud und Leid geteilt. Jeder kannte den Gedanken des anderen, ohne ihn ausgesprochen zu haben. Durch verwickelte Umstände verließ sie mich, weil sie dachte, ich hätte mich ernsthaft in ein anderes Mädchen verliebt. Und noch bevor ich es wusste, wusste Sara, dass zwischen uns mehr war als Freundschaft. Um meine Beziehung zu dem anderen Mädchen nicht zu gefährden, ging sie fort. Es dauerte nicht lange und ich spürte, dass mir etwas fehlte. Sara. Ich dachte immer an sie. Kaum eine Minute verging, in der ich nicht daran dachte, was Sara jetzt sagen oder tun würde, ob sie sich ärgern, oder glücklich sein würde. Nachts sah ich ihr Gesicht in meinen Träumen, spürte ihren biegsamen warmen Körper in meinen Armen, nur um am Morgen aufzuwachen und allein zu sein. Noch nie in meinem ganzen Leben hatte ich mich so einsam und leer gefühlt. Mein törichtes Herz hatte meine wechselnden Schwärmereien für Liebe gehalten, aber die wahre echte Liebe hatte ich nicht gesehen, obwohl sie direkt vor mir gestanden hatte. So begann die Suche nach Sara, meiner einzig wahren Liebe.“

Ich blättere die Seite um und lese weiter. Mit einer Neugier, die man beinahe voyeuristisch nennen könnte, sauge ich die Sehnsüchte eines Mannes auf, der mir noch nie begegnet ist. Andererseits ist es nicht ausgeschlossen, dass der nette Herr Grimm diese Texte nicht selbst geschrieben hat.

„An die Geliebte:

Mein Herz zerspringt vor Sehnsucht. Keine Minute vergeht, in der ich nicht an dich denke. Ich sehe dich vor mir, wie bei unserer ersten Begegnung. Je weiter du fort bist, um so mehr verzehre ich mich nach dir. Meine Seele ist leer ohne deine Liebe. Wo bist du? Gib mir ein Zeichen dich zu finden. Meine Tränen füllen Ströme. Mein Herzblut tropft in einem fort. Du bist mein Herz, mein Leben. Gib mir ein Zeichen, dass ich hoffen kann, wo es keine Hoffnung mehr gibt. Meine Einsamkeit lässt mich erfrieren und doch wärmt meine Liebe zu dir mein krankes Herz. Im Fieber seh ich dein Gesicht, deine dunklen Augen verbrennen meine Seele, deine Lippen kosten meine salzigen Tränen. Warum gingst du ohne ein Wort? Meine Verzweiflung verschlingt mich, ein Abgrund in der Nacht. Ich kann nicht essen, nicht schlafen, nicht atmen ohne dich. Liebe ist wie ein wildes Tier. Hat dich ihr Biss erst infiziert, gibt es keine Heilung. Nimm mir alles, nackt und bloß will ich vor dir sein, aber nimm mir nicht deine Liebe. Meine Haut sehnt sich nach deinen Liebkosungen, mein Körper verzehrt sich nach deinem, meine Lippen suchen deinen Mund. Ohne dich gibt es nichts. Du bist Anfang und Ende. Mein Leben, meine Liebe beginnen mit dir, enden mit dir. Durch dich hab ich mich gefunden. Als du fortgingst hab ich mich verloren. Ich erinnere meine Träume, alle sprechen von dir. Deine Augen wachen über meinen Schlaf. Vergiss mich nicht. Komm zurück und liebe mich.“

Ich schließe die Augen und presse das Buch an meine Brust. Die Worte haben mir aus der Seele gesprochen. Ganz fest stelle ich mir Raouls Augen, sein Lächeln und seine Hände vor. Ich spüre, wie seine Fingerspitzen über die empfindliche Haut an meinem Hals gleiten. Fühle seine sinnlichen Lippen, die den gleichen Weg nehmen, über meine Wangen, meine Stirn und meine Nase, bis zu meinem Mund.

„Hallo, ist alles Ok mit ihnen?“

Erschrocken reiße ich die Augen auf und lasse mein Buch fallen.

„Sorry, ich wollte sie nicht erschrecken“, sagt ein schöner Mund, der zu einem ebenmäßigen Gesicht gehört und aus dem mich zwei dunkelbraune Augen neugierig anschauen.

„Dann hätten sie das nicht tun sollen!“, erwidere ich wütend, reiße ihm das Notizbuch aus der Hand, dass er aufgehoben hat und mir entgegenhält.

„Ich bin übrigens Justin“, stellt er sich vor und streckt mir die Hand entgegen.

Sein entwaffnendes Lächeln macht es mir schwer zornig zu bleiben und ich lege meine Hand in seine.

„Ich bin Noelle“, entgegne ich.

„Schön sie kennenzulernen, Noelle. Darf ich fragen, wohin sie reisen?“, fragt Justin und setzt sich mir gegenüber.

„Sie dürfen fragen, aber ich muss ihnen nicht antworten.“

„Sie scheinen eine misstrauische junge Dame zu sein“, stellt Justin amüsiert fest.

„Früher war das nicht so, aber ich fürchte, dass ich vorsichtiger werden muss, wenn ich mein Ziel erreichen will.“

Justin sieht mich interessiert an, oder sollte ich sagen, er mustert mich ausgiebig. Lässig hat er die Beine übereinandergeschlagen. Sein enges Shirt lässt einen Blick auf seinen trainierten Körper zu, und seine gepflegten Hände hat er ineinander verschränkt in seinen Schoß gelegt. Ein bemerkenswertes Bild aus Selbstbewusstsein und gutem Aussehen. Ich muss zugeben, dass mir ein Mann mit so einem Auftreten noch nicht oft begegnet ist, um nicht zusagen, nie. Es sei denn, er hätte ein gewisses Alter und ein Bewusstsein erreicht, dass ihm dieses Auftreten sichert. Justin ist noch keine dreißig Jahre alt, aber seine Selbstsicherheit ist die eines gereiften, erfahrenen Mannes. Diese Mischung aus Jugend und Reife wirkt sehr anziehend, ja geradezu aufreizend attraktiv. Besonders da Justin sie auf ganz natürliche Weise ausstrahlt. Nichts Aufgesetztes oder Falsches ist an seinem Auftreten zu erkennen.

„Gefällt ihnen was sie sehen?“, fragt er spöttisch.

„Dasselbe könnte ich sie auch fragen“, erwidere ich schlagfertig.

„Touche!“

Justin lacht und die winzigen Fältchen um seine Augen geben ihm den letzten Schliff.

„Sie sind sehr dreist“, bemerke ich, „wir kennen uns nicht und sie stellen solche Fragen.“

„Ich würde das pragmatisch nennen. Denn, wie sie ja wissen, ist Zeit ein relativer Faktor. Da wir uns in einem Zug befinden, aus dem einer von uns demnächst aussteigen könnte, muss man diese Dinge sobald wie möglich klären.“

Vor Erstaunen bleibt mir der Mund offen stehen. Die Direktheit mit er diese These in den Raum stellt, haut mich um.

„Mit welchem Ziel“, frage ich, „müssen sie das feststellen?“

Justin grinst und beugt sich vor. Seine Augen dringen dabei tief in meinen Blick.

„Muss ich dir auf diese Frage tatsächlich eine Antwort geben?“

Ich kann es nicht glauben. Er ist nicht nur dreist, er ist geradezu frech und mein Herzschlag erhöht sich um einige Schläge, während mir die Hitze ins Gesicht steigt.

„Seit wann duzen wir uns?“, frage ich aus Ermangelung einer besseren Idee.

Justin hält meinem empörten Blick stand und schmunzelt nur zufrieden. Es macht ihm Spaß mich aus der Fassung zu bringen. Ich sollte meine Sachen packen und das Abteil wechseln. Noch ehe ich mein Buch in meinem Rucksack verstaut habe, hält mir Justin eine kleine Metalldose unter die Nase. Sie sieht antik aus, ein kleines Kunstwerk. Kleine Blüten sind darauf eingraviert. Justin schüttelt das Döschen.

„Kandierte Veilchen“, lockt er mit sanfter Stimme, „mit Vanille- und Schokoladenaroma.“

Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Ich zögere einen Moment zu lange. Justin hat den Deckel der Dose entfernt und ein unwiderstehlicher Duft strömt mir entgegen. Noch nie habe ich solch ein berauschendes Aroma gerochen. Dabei dachte ich, eine Kennerin von Schokoladen aller Art und Geschmacksrichtungen zu sein. Justin hält mir die Dose hin und schaut mich mit seinem unergründlichen Blick an, der mich immer tiefer in einen Strudel reißt. Mein Sinn, meine Geschmacksnerven verspüren ein unbändiges Verlangen nach dieser Süßigkeit. Dieses verheißungsvolle Aroma gepaart mit Justins betörendem Blick lässt alle Dämme brechen und als er fragt:

„Was bekomme ich dafür?“

Erwidere ich nur:

„Alles, was du willst.“

Justin setzt sich neben mich, die Dose in der Hand und flüstert mir mit rauer Stimme ins Ohr:

„Du weißt, was das bedeutet?“

Ich nicke hilflos.

„Ich will dich. Aber nicht nur deinen Körper. Ich will deine Hingabe mit ganzer Seele.“

Bei diesen Worten läuft ein Schauer durch meinen Körper. Der Duft der Süßigkeit, seine intensive Nähe, der Sog seiner Worte und dieser hypnotische Blick machen mich schwach, lähmen meinen Willen. Je länger er neben mir sitzt und mir zärtliche Worte zuflüstert, um so mehr verliere ich den Sinn für die Wirklichkeit. Seine Gegenwart und sein Zauber verschleiern meine wahren Gefühle und meine Gedanken sind schwer wie Blei. Justin dringt in meine Seele ein und ich kann nichts dagegen tun. Ich schließe die Augen, versuche mich auf Raoul zu konzentrieren, aber es gelingt mir nicht.

„Öffne deinen Mund“, flüstert Justin.

Ich gehorche. Justin legt mir eine kandierte Blüte auf die Zunge. Wie zufällig berührt er mit den Fingerspitzen meine Lippen. Ich schließe den Mund.

„Nicht kauen“, mahnt er mich, „lass es auf der Zunge zergehen.

Ich tue, was er mir sagt. Eine Geschmacksexplosion ist die Folge. Mein Atem geht schneller, meine Haut beginnt zu kribbeln. Alles ist in mir ist in Aufruhr. Justins Lippen gleiten über meine Wange, bis zu meinem Mund und nehmen ihn in Besitz. Ich spüre, wie das Blut in meinen Adern kocht, ein Kreislauf aus Feuer und Eis. Immer schneller drehen sich meine Gedanken. Mein Verstand sackt in eine gnädige Bewusstlosigkeit.

Als ich erwache, halte ich die kleine Dose in meiner Hand. Ich bin in einem Zug, auf der Reise. Alles ist in Ordnung, rattere ich diese Sätze wie Mantren herunter. Das monotone Rattern des Zuges hilft mir mein Gleichgewicht wieder zu erlangen. Nach einer Weile beruhigt sich mein aufgewühlter Geist und mein erregter Körper. Justin hat sich in meine Seele geschlichen. Raffiniert und skrupellos. Hätte mir das jemand vorher gesagt, ich hätte es nicht geglaubt.

Meine Gefühle sind total durcheinander geraten und dass nicht erst seit Justin. Aber seine wissenden tiefgründigen Augen, die mir das Gefühl gaben, dass er alle meine Wünsche erfüllen könnte, hatten mir die innere Balance und Selbstverständlichkeit geraubt.

Ich fühle mich elend. Steht Justins Erscheinen mit dem Brief in Zusammenhang, den ich in dem Notizbuch gelesen habe? Hätte denn nicht Raoul erscheinen müssen? Schließlich hatte ich seine Augen gesehen und nicht Justins. Oder wahr Justin die Essenz aus allen meinen geheimen Wünschen und Neigungen, die sich durch meine Schwärmerei manifestiert haben.

Wenn ich ihn vor mir sehe, dann hat er etwas von allen Männern, denen ich in der letzten Zeit begegnet bin. Sein Aussehen, seine Augen, sein Charme, seine Zielstrebigkeit und sein Wissen, das sich in seinem Verhalten mir gegenüber äußerte. Justin hatte alle versteckten Gefühle in mir angesprochen, die ich unterdrückte, weil ich auf Raoul warte. Das hatte eine Ekstase in mir ausgelöst, der ich nur durch eine Ohnmacht entkommen konnte.

Justin hätte immer mehr von mir Besitz ergriffen, bis Raoul nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung gewesen wäre. Ich muss an Lancelots Warnung vor diesem ominösen Verfolger denken, der meine Fantasie und meine Liebe fresse will, weil ihm diese Eigenschaften zuwider sind. Justin hätte meine Liebe genommen und meine Fantasie, die ich in seiner Person nährte, bis sie aufgebraucht gewesen wäre. Zum Glück hat mir mein Verstand rechtzeitig die Energie entzogen, und mich auf einen halbwegs normalen Zustand heruntergeholt, wenn man bei mir von normal sprechen kann.

Dabei fällt mir ein Mythos aus längst vergangenen Zeiten ein. Der Sukkubus. Ein Dämon, der sich von der Energie und den Träumen schlafender Menschen ernährt, mit denen sie sich nachts paaren. Wirklich eine böse Sache, wenn man überlegt, dass der Schläfer sich nicht wehren kann.

War es möglich, dass Justin so ein Sukkubus war? Mein Verstand wehrt sich dagegen, dass es einem Trugbild möglich sein sollte, mich so sehr zu beeinflussen. Das würde bedeuten, dass ich verführbar bin und mehr als mir lieb ist.

Will ich verführt werden? Ich schüttele den Gedanken ab, weil ich Angst vor der Antwort habe. Denkt Raoul noch an mich, oder lässt er sich verführen, um mich zu vergessen? Ich könnte es ihm nicht einmal verdenken. Was gab es zwischen uns? Blicke, ein wildes Gefühl, dass alles durcheinander wirbelt und diese Stimme, die mich so verzaubert hat. Reicht das, um zu wissen? Lancelot, John und auch Liam haben mir versichert, dass sie mich lieben. Woher diese Gewissheit? Ist es das ständige Kreisen um diese eine Person? Was mich betrifft, muss es wohl so sein, denn Raoul geht mir nicht aus dem Kopf. Ich fühle mich hoffnungslos, verzweifelt und einsam. Verloren gegangen auf meiner Reise zu mir, habe ich die Chance verpasst, den Menschen kennen zulernen, der diese eine besondere Person für mich sein könnte.

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