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Posts Tagged ‘Erzählung’

„Eine erstaunliche Erzählung finden sie nicht auch?“

Ich unterdrückte ein Seufzen.

„Wirklich erstaunlich“, erwiderte ich so enthusiastisch wie es mir unter den gegebenen Umständen möglich war.

Mein Chef hatte mich auserwählt mit ihm auf Geschäftsreise zu fahren. Ein besonderes Privileg, wie er es nannte. Meine Bezeichung für diesen Trip war „Schnapsidee“. Und am liebsten hätte ich mir einige gegönnt, um diese Reise auszuhalten. In Gedanken plünderte ich die Minibar, die ich im Hotel vorzufinden hoffte.

Seit dem Zeitpunkt, als wir uns auf dem Bahnhof trafen, redete Mister McDonald ununterbrochen. Er zählte eine Erfolgsstory, oder was er dafür hielt, nach der anderen auf. Das Dumme, ich kannte die Wahrheit. Jede seiner Geschichten war zum größten Teil erfunden und dort, wo sie nicht erfunden war, hatte jemand anders den Erfolg erziehlt. Mister McDonald pries sich in den höchsten Tönen und während ich lächelte und sporadisch nickte, dachte ich mir die ein oder andere perfide Methode aus, ihn in seinem Redefluss zu stoppen.

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Diane besucht, wie fast jeden Samstagvormittag den Bücherturm, um auf den vier Etagen zwischen den Zehntausenden Büchern zu stöbern. Zuerst geht sie in die 4te Etage. Dorthin verschlägt es die wenigsten Leute und die meisten gehen recht schnell wieder. Philosophie, Religion, fremdsprachige Literatur und Literaturwissenschaften sind nicht jeden Lesers Sache.

Diane hat es eilig. Für den faszinierenden Ausblick, aus dem Turmfenster über das herrliche Tal, hat sie keinen Gedanken übrig.

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Am Samstag zuvor, versteckte sie ein Buch, für das sie kein Geld mehr hatte, ganz hinten im Bereich Literaturwissenschaft, und hofft, dass nach ihr niemand mehr dort gewesen ist. Diane geht zwischen den Regalreihen entlang, bis ganz nach hinten. Im unteren Regal muss es sein, doch es ist weg. Etwas enttäuscht wendet sie sich den anderen Büchern zu. „Na ja“, murmelt sie, „ich werde ein anderes finden. So wichtig ist es auch nicht.“ Diane stöbert in den Anthologien. Eine trägt den Titel: der goldenen Schnitt, großer Erzähler 1890 – 1960. Sie nimmt das Buch heraus und blättert darin herum. Diane setzt sich auf ihren Leseplatz und überschlägt das Inhaltsverzeichnis.

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Ihr fällt eine Erzählung von Annette Kolb auf, Präludium zu einem Traumbuch. – Interessant, denkt Diana, öffnet das Buch auf Seite 261 und liest den ersten Satz – es nahm seinen Anfang, der nie ein Ende fand. – Ein Geräusch lässt sie aufhorchen. Sie blickt sich um und lauscht. Niemand scheint den Raum betreten zu haben. Diane schaut wieder ins Buch und vertieft sich in die Geschichte.

Diane beendet die Erzählung. Sie ist fasziniert. In ihre Gedanken drängt sich eine auffällige Stille. – Merkwürdig. Auch wenn es hier oben ruhig ist, so still ist es nie. Zumindest die Schritte der Besucher müssten zu hören sein. – Diane klappt das Buch zu und steckt es in ihre Tasche.

– Etwas stimmt einfach nicht. – Da ist wieder ein Geräusch. Es hört sich an, als würde etwas über Stein schaben. Diane geht in die Richtung, aus der die Töne kamen. Auf dem Treppenabsatz macht sie halt. Es ist völlig still. Keine Stimmen, keine Schritte oder Türenklappen, auch das schabende Geräusch ist weg. – Haben die mich eingeschlossen? – Diane schaut auf ihre Uhr. – Stehen geblieben? Was ist hier los? Das kann nicht sein. Ich habe doch die Batterie erst vor zwei Wochen ausgetauscht. – Jäh hört Diane wieder das Schabegeräusch. Es ist ganz in der Nähe und der Klang ist grässlich. – Wie Kreide auf Schiefer. – Diane schüttelt sich. Ihre Nackenhärchen stellen sich auf, dann hört sie eine Stimme und ihr bleibt beinahe das Herz stehen.

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