Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Engel’

Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, –
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt…

R.M.Rilke

Read Full Post »

Hülle, Waffe, Flügel, Faden, hoch,weiß                                     

 

Ich starrte auf die riesigen weißen Flügel des Mannes.

„Wer bist du“, stieß ich hervor.

Er senkte die blutige Waffe. Sein ebenmäßiges Gesicht zeigte keine Gefühlsregung. Die Augen waren von dunklem Braun mit goldenen Sprenkeln, seine schwarzen Locken leicht zerzaust durch den Kampf. Die weiße Rüstung mit dem goldenen Emblem war blutgespritzt. Er schien es nicht zu bemerken oder es war ihm egal.

Obwohl ich etwa 1,70 Meter maß, kam er mir wie ein Riese vor. Ich musste meinen Kopf in den Nacken legen, um ihn anzuschauen.

„Wer bist du“, unternahm ich einen neuen Versuch.

„Ich bin Adrael“, hörte ich eine tiefe Stimme, ohne dass er den Mund öffnete.

„Warum hast du das getan?“, fragte ich fassungslos.

Ich deutete auf die Toten, die überall im Einkaufszentrum herumlagen.

„Es musste getan werden“, hörte ich ihn.

„Warum sprichst du nicht?“

„Dein Trommelfell würde platzen, wenn ich mit dir sprechen würde.“

„Ich nehme an, du bist ein Engel, oder zumindest sowas ähnliches“, wagte ich mich vor und hoffte inständig, dass er kein Dämon war. Sie waren Meister der Täuschung, ich hatte einige gesehen, doch noch nie einen Engel. „Warum hast du das getan?“

„Wer bist du, dass du mit mir rechtest?“, seine Stimme zitterte. Erschien wütend zu sein, doch sein Gesicht blieb unverändert ausdruckslos.

„Niemand“, erwiderte ich, obwohl er wohl eher eine rethorische Frage stellte. Ob Engel oder Dämon, ich war mir sicher, er wusste, wer ich war. Ich senkte den Blick unterwürftig, „Engel erscheinen in der biblischen Geschichte, wenn sie Gottes Strafgericht ankündigen oder ausführen. Hast du deinen Auftrag erfüllt oder wird Schlimmeres geschehen?“

Die Angst in meiner Stimme konnte ich nicht unterdrücken.  Ich sah, wie Adrael all diese Menschen hingeschlachtet hatte. Er war gekommen wie ein Wirbelwind und hinterließ eine Schneise der Vernichtung. Leichen über Leichen. Der Boden, die Wände, die Fenster und Gegenstände waren mit Blut bedeckt. Nur ich war übrig geblieben, ohne einen Kratzer.

„Du stellst zu viele Fragen.“

Er machte einen Schritt auf mich zu, ich wich furchtsam zurück. Würde er mich jetzt töten?

„Sie genau hin!“, hörte ich ihn, „dann wirst du sehen, dass es nur Hüllen sind.“

Ich betrachtete eine der Leichen. Tatsächlich schien sie nur noch aus Haut zu bestehen. Die Körper waren in sich zusammengeschrumpft, als hätte man einem Ballon die Luft herausgelassen. Sogar ihre Köpfe waren nur noch Knochen mit Haut überzogen.

„Wir müssen gehen“, er war plötzlich vor mir, schlang seinen Arm um mich, „sie kommen.“

Read Full Post »

Es ist genau acht Uhr, als Inspektor Robins in Begleitung eines jungen Sergeant, den schweren Türklopfer gegen die Eingangstür krachen lässt.

Misses Morse zuckt nervös zusammen und blickt Rosalie irritiert an.

„Wer kann den jetzt noch kommen?“

Ihre Augen sind vom Weinen gerötet und ihre Hand zittert, als sie an ihrem Tee nippt. Rosalie streicht beruhigend über ihre kleine, mollige Hand.

„Ich nehme an, die Polizei. Wären sie so nett, den Herren einen frischen Tee aufzubrühen und im Arbeitszimmer servieren zu lassen?“

„Natürlich, Miss“, sie springt eifrig auf und macht sich an die Arbeit.

Rosalie verlässt die Küche und begibt sich in die Eingangshalle. Ehe sie sich bemerkbar machen kann, hat der Inspektor sie bemerkt. Er steht zwischen Anthony und Gilbert, mit dem Rücken zu ihr. Als sie sich nähert, dreht er sich um. Der intensive Blick lässt ihr Herz für einen Moment schneller schlagen.

„Sie müssen Miss Graville sein“, seine Stimme ist tief und angenehm. Er reicht ihr die Hand. Sie erwidert seinen festen Händedruck und ein flüchtiges Lächeln umspielt seine etwas zu sinnlichen Lippen. „Inspektor Nathan Robins.“

Zwischen den beiden athletischen, blonden Männern mit den ebenmäßigen Gesichtszügen, wirkt der drahtige Inspektor mit dem dunklen welligen Haar, dem etwas zu eckigen Gesicht, der charakterstarken Nase und den tiefbraunen, fast schwarzen Augen, wie ein dunkler Engel. Ein Wort, eine Geste von ihm könnte Anthony und Gil aus ihrem zerbrechlichen Himmel stürzen lassen.

„Wie mir mein Sergeant berichtete, haben sie uns rufen lassen.“

Nathan lässt Rosalie nicht aus den Augen.

„Das stimmt.“

Anthony lächelt schief, während Gils Gesichtsausdruck keine Emotionen erkennen lässt.

„Sie glauben nicht, das der Sturz von Lady Edna ein Unfall war?“

Seine Blick streift die Runde und bleibt wieder bei Rosalie hängen.

„Dazu kann ich mir kein Urteil erlauben, ich bin kein Arzt. Sie war eine alte gebrechliche Dame.“
Gil unterbricht Rosalie durch einen verächtlichen Laut. Sie runzelt unmerklich die Stirn und ist sicher, dass der Inspektor es gesehen hat.

„Es wäre ein Leichtes gewesen, ihr einen Schubs zu geben, damit sie die Treppe herunterstürz“, fährt sie fort, genauso gut könnte sie gefallen sein. Aber deswegen sind sie nicht hier.“

„Nicht?“

„Nun ja, irgendwie schon“, Rosalie zuckt entschuldigend mit den Schultern, „sie sind hier, weil die Familienjuwelen aus dem Safe gestohlen wurden. Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang?“

„Wo befindet sich der Safe, Mister de Clare?“

Gils Gesichtsausdruck ist Ablehnung pur. Nathan zieht eine Braue hoch, ohne die Schärfe seines Blicks zu mildern. Männer wie Gilbert de Clare lehrten Nathan nicht klein beizugeben und zu kämpfen.

„Der Safe mit dem Familienschmuck befindet sich in Lady Ednas Zimmer“, lässt Gil sich zu einer Antwort herab.

„Wann wurde der Diebstahl bemerkt?“, Nathan wendet sich erneut Rosalie zu. Miss Graville passt überhaupt nicht in dieses Haus, geht es ihm durch den Kopf, sie scheint die einzige mit gesunden Menschenverstand zu sein.

„Nachdem der Bestatter eintraf. Etwa gegen sechs Uhr. Ich sollte ein Kleid für Lady Edna heraussuchen. Sie ist im Nachthemd gestürzt“, fügt sie hinzu, als würde diese Erklärung ausreichen.

„Wo befanden sie sich alle, als Lady Edna stürzte?“

„Ich war mit Miss Graville in der Küche“, kommt Anthony Rosalie hilfsbereit zu vor.

Nathan runzelt die Stirn.

„Und sie, Mister de Clare?“

„In meinem Bett“, Gils Ton lässt deutlich erkennen, dass er die Frage des Inspektors für eine Zumutung hält.

Nathan ignoriert es und sagt zu seinem Sergeant:

„Collins, befragen sie die Angestellten.“

„Ja, Sir.“

Der junge Mann eilt dienstbeflissen in die Küche, in der sich die Dienstboden zur Verfügung halten sollen.

„Miss Graville, würden sie mir bitte den Tatort zeigen?“

Nathan macht eine einladende Handbewegung. „Darf ich sie bitten voranzugehen.“

Rosalie setzt sich in Bewegung. Gil und Anthony wollen ihr folgen, aber Nathan schüttelt den Kopf.

„Sie warten bitte in der Bibliothek.“

„In meinem Haus haben sie gar nichts zu befehlen“, Gils Stimme ist gefährlich ruhig.

Nathan lächelt überlegen.

„Ich habe nichts befohlen. Ich habe bitte gesagt.“

Über Rosalies Gesicht huscht ein Lächeln und sie ist froh, dass Gil ihr Gesicht nicht sehen kann.

Read Full Post »

Liebeslied – Rilke
Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?

Ach, gerne möchte ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn die Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.

Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Ich sah ihn an. Die fröhlichen Augen, das einnehmende Lächeln. Was konnte ich tun? Nichts. Ihn nicht zu mögen war unmöglich – ihn zu lieben möglich. Mochte auch vieles, vielleicht alles, dagegen sprechen – wer weiß, was im Herzen eines Menschen geschieht, wenn er einem Gegenüber begegnet dessen Persönlichkeit sich mit der eigenen so elegant und mühelos verbindet? Wer weiß, welcher Schöpfer unser Inneres in Schwingungen versetzt, die sich mit denen eines anderen zu einer harmonischen Melodie verbindet?

Ich versteckte mich im Dunkel der Nacht, hieß mein Herz stille sein. Blickte in meine Abgründe, verhandelte mit Engeln und Teufeln. Wurde zurückgeworfen auf mich selbst. Und weiß nur eins: ihn nicht zu mögen ist unmöglich – ihn zu lieben ist möglich. Wir haben uns angerührt. Versuchen die Masken abzulegen, uns zu sehen, wie wir sind. Herz und Gedanke, nackt und bloß, Seele in der hohlen Hand. Es ist alles was wir haben. Nur er und ich.

Uns nicht zu mögen ist unmöglich – uns zu lieben ist möglich.

Wer kann die Unausweichlichkeit der Liebe besser beschreiben, als Rilke in diesem wundervollen Gedicht? Ich weiß es nicht? Ihn nicht zu mögen ist unmöglich – ihn zu lieben ist möglich.

Read Full Post »

Die Texte entstanden aus einer Aufgabe heraus. Schreibe eine schwarze, weiße, graue Geschichte. 🙂

Grau

Die Welt ist ein Ort aus Grau. Durch Asche verschmutzte Luft schluckt jede Farbe und legt sich als undurchlässige Schicht über Haus, Baum, Tier und Mensch. Der Wechsel zwischen Nacht und Tag findet zwischen Schwarz, dunklem Grau, hellerem Grau statt.

Ich bilde mir manchmal ein, ich sähe ein Stück blauen Himmel. Obwohl ich weiß, dass es nicht möglich, nur ein Déjà-vu aus einer anderen, besseren Welt ist. Ich sehne, ja verzehre mich, nach diesem Blick auf das azurblau eines Sommerhimmels.

Das Blau verfolgt mich bis in meine Träume. In dieser lichtlosen, menschenfeindlichen Umgebung, in der es kein Lächeln, keine süßen Blumendüfte, keine Schönheit zu geben scheint, sind es die Träume, die mich am Leben halten.

Weiß

Vor mir liegt eine Welt aus weißen dicken Flocken, die schläfrig vom Himmel fallen und sich wie eine sanfte Decke auf die kahlen Felder und die blattlosen Bäume legt. Es ist früh am Morgen. Ich stehe am Fenster meiner Kindheit und sehe fasziniert hinaus. Im Licht der Straßenlaterne glitzern die silberweißen Eissterne wie Diamantstaub. Ich halte den Atem an, kann die Stille beinahe fühlen. Sie breitet sich in mir aus, immer weiter, tiefer. Ich bekomme Angst, dass sie mich verschluckt und ich nie wieder ein Wort sprechen kann.

Plötzlich höre ich einen hellen Ton. Dann noch einen. Erst leise, dann lauter. Aus den einzelnen Tönen wird eine wundersame Flötenweise. Ein Märchen aus Melodien.

Suchend schaue ich mich nach dem virtuosen Spieler um. Ich kann ihn nicht entdecken. Eilig schlüpfte ich in meine Winterjacke und Stiefel. Ich öffnete die Haustür. Da steht er. Nur ein paar Armlängen von mir entfernt. Noch nie begegnete mir ein schönerer Mann. Ich blicke ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Er sieht aus wie ein Engel oder so, wie ich mir einen Engel vorstelle. Als er meine Verwunderung bemerkt, hält er im Spiel inne und lacht. Es klingt wie Perlen, die auf Marmorboden fallen.

Schwarz

Es war ein Tag im Sonnenschein. Mai. Ich saß im Cafe und las „Stolz und Vorurteil“. Er kam an meinen Tisch und stellte sich vor. Aidan. Sein Lächeln versüßte mir den Tag, die Woche, zehn Jahre. Jeder Tag Sonnenschein. Ab und zu ein Wölkchen, aber sein Lächeln pustete sie immer fort.

„Kommst du Liebes?“
Sara sieht mich fragend an. Ich nicke und stehe auf. Jede Bewegung fühlt sich steif und verkrampft an. Ich trete aus der Haustür. Es ist ein Tag im Sonnenschein.

Die Tür eines Autos öffnet sich vor mir. Ich steige ein. Sie klappt zu.
Die Autotür öffnet sich. Ich steige aus. Sie klappt zu.

Der Kies knirscht unter schwarzen Schuhen. Meinen Schuhen. In ihnen stecken Füße in schwarzen Strümpfen. In einem schwarzen Kleid ein Körper, den tiefste Finsternis ausfüllt. Mein Körper.

Ich bin verloren. Verirrt in der Dunkelheit. Ich finde keinen Gedanken. Kein Gefühl. Ich kann kaum atmen. Schlägt mein Herz? Wo ist der Schmerz, wenn ich ihn brauche?

Ich höre Worte. Der Sarg senkt sich in die Grube. Ich starre hinab. Erdklumpen donnern auf den Deckel. Es hallt in meinen Ohren, wird vom Nichts in mir gefressen. Ich drücke Hände. Mehr Hände. Mehr Worte.

Keine Worte dieser Welt können Aidans Lächeln ersetzen. Kein Mitleid dieser Welt bringt mir Aidan zurück. Mit ihm erlosch mein Licht.

An einem Tag im Sonnenschein.

Read Full Post »

Traum

„Traum ist Brokat der von dir niederfließt,

Traum ist ein Baum, ein Glanz der geht, ein Laut -;

ein Fühlen das in dir beginnt und schließt

ist Traum; ein Tier das dir ins Auge schaut

ist Traum; ein Engel welcher dich genießt

ist Traum. Traum ist das Wort, das sanften Falles

in dein Gefühl fällt wie eine Blütenblatt

das dir im Haar bleibt: licht, verwirrt und matt -,

hebst du die Hände auf: auch dann kommt Traum,

kommt in sie wie das Fallen eines Balles -;

fast alles träumt -,

du aber trägst das alles.“

Auszug aus Rilkes „Und sagen sie“, Paris Juni 1906

Rilke ist einer der besten Dichter, die ich je gelesen habe. Tatsächlich findet er Worte für Dinge, Situationen, Gefühle, für die es kaum welche gibt. Ich finde ihn großartig.

Read Full Post »

Die letzten Gäste waren gegangen. Ich seufzte. Am liebsten wäre ich ihnen sofort gefolgt, aber es gab noch einiges zu tun, bevor ich nach Hause gehen konnte. Die benutzten Gläser mussten gespült, die Tische abgewischt, der Pub ausgefegt und abgeschlossen werden. Ich hatte eine anstrengende Nacht hinter mir. Sam, mein Barkeeper und einziger Angestellter, hatte sich eine Grippe zugezogen und hütete das Bett, während ich den Laden alleine schmiss. Ausgerechnet an einem Freitag!

Ich hatte die Gläser gespült, mir ein kleines Eimerchen mit Wasser und Spülmittel gefüllt, um die Tische abzuwischen, als ich ein Geräusch hörte.

„Hallo! Ist da wer?“

Suchend blickte ich mich um. Niemand zu sehen. Wieder dieses Geräusch. Mein Herz schlug schneller. Ein mulmiges Gefühl machte sich in meinem Bauch breit.

„Zeigen sie sich“, rief ich, „ich kann Karate!“

Das entsprach nicht ganz den Tatsachen. Ich hatte einen Selbstverteidigungskurs für Frauen besucht, gefühlte hundert Jahre her, aber manchmal heiligt der Zweck die Mittel.

„Was soll denn das sein?“, hörte ich plötzlich eine tiefe Stimme neben mir, die mir einen heißen Schauer den Rücken hinunter jagte.

Erschrocken fuhr ich herum und stieß den Eimer vom Tisch. Das Wasser ergoss sich über den Fußboden und versickerte langsam zwischen den dicken Dielenbrettern.

„Was wollen sie?“

Mir stockte der Atem, beim Anblick des hünenhaften Mannes, der vor mir stand. Sein dunkles, dichtes Haar fiel in langen Locken bis auf die breiten Schultern. Seine irisierend blauen Augen maßen mich mit einem intensiven kritischen Blick. Er war ganz in Schwarz gekleidet, was ihn unheimlich und Furcht einflößend erscheinen ließ. Aber das, was mich wirklich aus der Fassung brachte, waren seine riesigen Flügel aus glänzend blauschwarzen Federn. Ein Rabe, der sich in einen Menschen verwandelt hat, dachte ich.

„Bist du Lea Winter?“, antworte er mit einer Gegenfrage.

Ich nickte stumm. Manchmal luden mich die Gäste zu einem Drink ein, aber heute Abend hatte ich keinen einzigen Tropfen Alkohol angerührt. Diese Erscheinung war nicht auf ein Alkoholdelirium zurückzuführen. Ich war durchaus geneigt an mehr zu glauben, als ich sehen konnte, aber dieser Hüne mit den schwarzen Flügeln konnte nicht echt sein. Skeptisch streckte ich die Hand aus und berührte seinen Flügel. Samtweich glitten die Federn durch meine Finger. Bei meiner Berührung spürte ich ein leichtes Zittern im Gefieder. Es war echt, nichts Künstliches oder Ausgestopftes. Er ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Ein spöttisches Lächeln huschte über sein makelloses Gesicht mit der schmalen Nase.

„Meinst du, du bringst heute noch ein Wort über die Lippen?“

„Bist du ein Engel?“, presste ich die Worte heraus.

„Hey gut erkannt.“

Durften Engel so unverschämt sein und waren Engel mit schwarzen Flügeln nicht die von der Gegenseite? Ich reckte mich zu meiner vollen Größe auf und raffte meinen ganzen Mut zusammen.

„Dürfen Engel so frech sein? Oder musst du den Mistkerl raushängen lassen, weil du einer von den üblen Burschen bist?“

Er zog eine seiner fein geschwungenen Augenbrauen hoch.

„Ich glaube, hier geht’s nicht um mich“, dabei sah er mich scharf an, „ich bin nur hier, weil ich dir etwas Wichtiges sagen wollte.“

„Deinen Namen?“, unterbrach ich ihn zornig über seinen anmaßenden Ton, „ganz schön dreist mich erst so zu erschrecken und sich nicht mal anständig vorzustellen.“

„Du solltest aufpassen, was du sagst. Ich kann auch wieder gehen.“

Mein erster Impuls war mich zu entschuldigen. Aber seine Arroganz war so aufreizend, dass ich nicht anders konnte und antwortete:

„Bitte. Es steht dir frei zu gehen. Dort ist die Tür.“

Ich deutete Richtung Ausgang. Doch statt zu gehen, wie ich es erwartet hatte, begann er zu lachen. Seine Flügel wippten auf und ab. Das verursachte einen heftigen Luftzug. Die Gläser in den Regalen klangen und die Lampen schwangen hin und her. Konnte er einen Sturm entfachten, wenn er richtig mit den Flügeln schlug?

„Was ist so witzig?“, fragte ich ungehalten.

Er war wieder ernst geworden.

„Eigentlich nichts. Aber ich beobachte dich schon lange und hätte kaum für möglich gehalten, dass du dich so auflehnen würdest. Ich hatte erwartet, dass du weinst, nach Hilfe rufst oder etwas in der Art, wenn wir uns begegnen.“

Ich zuckte mit den Schultern. Er war wirklich ausgesprochen eingenommen von sich. Meiner Vorstellung von einem Engels entsprach das nicht.

„Tut mir leid, dass ich deinen Fantasien nicht entspreche. Wenn du mich so lange beobachtest, wie du sagst, solltest du mich besser kennen“, erwiderte ich und dann, „und was heißt hier, du beobachtest mich?! Bist du etwa ein Stalker?“

„Nein. Wenn ich bei dem menschlichen Terminus bleibe, würde ich mich eher als Voyeur bezeichnen.“

Er ging zum Tresen hinüber, nahm sich ein Glas und goss zwei Fingerbreit von meinem besten Whiskey ein.

„Das ist auch nicht viel besser!“, ich war empört, „was bildest du dir ein? Kommst hier rein, erschreckst mich, bist unhöflich und sagst mir solche“, ich suchte nach den passenden Worten und fand keine, „solche Dinge. Was willst du von mir!“

Er nahm einen Schluck. Dabei schloss er die Augen und ließ sich den honiggelben Alkohol genüsslich die Kehle hinab laufen.

„Ich stelle ihn mir samtig und süß wie Honig vor“, murmelte er.

„Eher rauchig, malzig, mit einem scharfen Zug im Abgang“, erwiderte ich gereizt.

Er verschluckte sich und stellte das Glas mit einem lauten Klacken auf dem Tresen ab. Ich verkniff mir ein Grinsen, als er sich mit einer ruckartigen Bewegung umdrehte und mich ärgerlich ansah.

„Du hast es verdorben. Die schöne Vorstellung verdorben.“

„Whiskey ist nun mal hochprozentiger Alkohol. Dein Realitätssinn scheint nicht sehr ausgeprägt zu sein“, spottete ich.

Als er auf mich zu kam, hob ich abwehrend die Hände. Selbst wenn ich Karate beherrschte, hätte ich mich nicht gegen diesen Riesen wehren können. Dicht vor mir blieb er stehen. Ein merkwürdig betörender Duft ging von ihm aus. Ich roch Meer, Sonne, Wiesenblumen, Wald, Quellen, Herbstlaub, Schnee. Bilder regten sich in meiner Erinnerung, steigen auf und zogen vorbei. Ein Rausch aus Farben, Tönen, Gerüchen. Schwerfällig legte ich den Kopf in den Nacken, um ihn anzusehen.

„Ich glaube, es reicht“, sagte er leise, aber bestimmt.

Unerwartet nahm er mein Gesicht in seine Hände. Obwohl sie kühl waren, strömte Wärme durch meinen Körper. Ein angenehmes Kribbeln rann durch meine Adern. Sein Blick tauchte in meinen und seine Stimme war dunkel und weich.

„Mein Name ist Aryon. Dein ganzes Leben lang beobachte ich dich. Aber die Zeit läuft ab. Ich musste endlich in deine Augen sehen, dich fühlen, bevor alles zugrunde geht. Ich bin deinetwegen hier.“

Es dauerte etwas bis seine hypnotische Wirkung nachließ und der Grund seiner Anwesenheit durchsickerte.

„Was sagst du da?! Die Zeit geht zu Ende? Willst du mir damit sagen, du bist gekommen, weil ich sterben muss?“

Das alles war ein böser Traum! Doch so sehr ich mich ermahnte die Augen aufzumachen, ich wachte nicht auf.

„Es tut mir leid, das ist kein Traum.“

Las er jetzt etwa meine Gedanken!

„Wir sind am Ende der Zeit angelangt. Deine Welt geht unter. Alles wird vergehen. Zerfallen zu Staub.“

„Aus Staub bist du und zum Staub wirst du zurückkehren“, flüsterte ich. Tränen traten mir in die Augen. „Alles? Wirklich alles?“

Aryon nickte. Ein schmerzlicher Ausdruck trat in seine Augen. Diese Traurigkeit machte ihn noch schöner. Das Dunkle an ihm wurde unversehens ätherisch und anziehend.

„Wann?“

Ich war mir nicht sicher, ob ich es gedacht oder gesagt hatte.

„Morgen Nacht.“

Ich riss mich los. Unglaublich! Morgen sollte die Welt in Schutt und Asche liegen und er kam jetzt. Am liebsten hätte ich ihn geschlagen.

„24 Stunden! Du tauchst hier auf und willst mir allen Ernstes sagen, ich habe nur noch 24 Stunden?!“

„Wärst du lieber unwissend gestorben?“

Aryon schien meinen Ärger nicht zu verstehen.

„Ja! Dann hätte ich wenigstens keine Zeit meinen verpassten Chancen nachzutrauern. Und hätte ich es früher gewusst, könnte ich noch einmal die Orte besuchen, an denen ich glücklich war.“

Vor Wut zitterte ich wie Espenlaub. Meine Hände waren zu Fäusten geballt und meine Stimme schnappte beinahe über. Aryon machte einen Schritt auf mich zu und legte seine Arme ganz fest um mich.

„Lass mich los“, schimpfte ich.

„Nein. Erst beruhigst du dich wieder“, sein Ton duldete keinen Widerspruch.

„Ich kann mich nicht beruhigen!“, da kam mir ein Gedanke, „du bist überhaupt nicht meinetwegen hier. Du bist hier, weil du schnell noch einmal erleben wolltest, wie das Leben in Wirklichkeit ist.“

Ich versuchte seiner Umarmung mit aller Kraft zu entkommen. Ohne Erfolg. Aryon hielt mich in eisernem Griff. Erschöpft gab ich auf.

„Warum?“, flehte ich um eine Antwort.

Ich sah ihn an. Aryon beugte sich zu mir herunter. Mein Herz stand für einen Moment still. Seine Lippen nahmen meine Lippen. Gefühle stürmten durch meinen Körper, die mir heftige Schmerzen und gleichzeitig köstliche Lust bereiteten. Wieder tauchten Bilder auf. Ich kannte sie nicht. Es waren nicht meine Erinnerungen. Unendliche dunkle Räume, Hallen angefüllt mit gleißendem Licht. Stille, die in den Ohren wehtat, dann Stimmen tausendfach hallend, die mein Gehirn fast in Stücke rissen. Kälte, tiefer als die Finsternis und Hitze, größer als das Sonnenlicht zerrten an mir. Ich schrie bis meine Lungen brannten und hörte doch keinen Ton. Meine Finger krallten sich in Aryons Fleisch. Tränen lösten sich, wie eine Springflut und durchnässten Aryon und mich.

Als Aryon seinen Mund von meinem löste, schlug ich meine Augen auf. Die Qual verebbte. Wir schwebten in einer Blase aus sanftem Licht. Wärme hüllte unsere nackten Körper ein. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden. Nie hatte ich etwas Vollkommeneres gesehen.

„Ich muss dich um Verzeihung bitten. Obwohl ich dich liebe, seit die Welt existiert, habe ich dich falsch eingeschätzt. Es war mein Fehler. Das hätte nicht passieren dürfen.“

„Liebe“, flüsterte ich.

Aryon nahm meine Hand und legte sie auf seine Brust.

Ich fühlte seinen Herzschlag, heftig und rasend, wie den eines verletzten ängstlichen Vogels, den man in der Hand hält.

„Ich hätte es dir früher sagen müssen. Hätte uns mehr Zeit verschaffen müssen. Mein Zaudern hat sinnlose Zeit gekostet und am Ende läuft es auf dasselbe hinaus.“

Der Kummer in seiner Stimme war nicht zu überhören. Ich wollte Aryon fragen, was das bedeutete, aber in dem Moment, als sich die Frage stellte, wusste ich die Antwort. Aryon gab für die Begegnung mit mir seine Ewigkeit auf. Die Dunkelheit, das Licht, die Stille und den Lärm. Er hatte gewählt, während der Ausgang für mich feststand.

Sein Mund suchte meine Lippen. Wir tauchten tiefer in das Meer aus Licht und Glanz, bis es uns ganz durchdrang, sich tief in unseren Seelen ausbreitete. Der Schmerz der Vergänglichkeit löste sich in diesem unendlichen Leuchten. Ich fühlte Aryons starken Körper, seine Hände, seinen Mund, die mich in einen Strom aus Erregung und Ekstase zogen, dem ich nichts entgegensetzen konnte. Es war so leicht sich mit ihm dahin geleiten zu lassen, immer weiter empor gehoben in einem rasenden Sturm aus Lust und Verschmelzung. Ich ging unter, ohne zu ertrinken und flog zwischen den Sternen, ohne einen Flügelschlag.

Es bedeutete mein Ende. Ich erkannte es ohne Bedauern. Kein Mensch vermochte der Kraft eines Engels standzuhalten. Wenn Aryon sich mit mir vereinigte, würde meine Lebenskraft dahinschwinden, wie ein Tropfen Wasser in der Wüste.

Es hatte keine Bedeutung. Mir war in meinem Erdendasein oft alles so dunkel und schwer vorgekommen. Die Zeit zu kurz, das Glück so flüchtig, Liebe oft nur ein Wort und Freundschaft beschränkte sich meistens auf ihren Nutzen. Alles endete. Irgendwann. Nichts blieb. Nur das Licht. Aryon machte mich zu einem Teil dieses Lichts.

Als er in mich eindrang, ließ ich jeden Gedanken, jeden Wunsch los. Gab mich völlig Aryons Begehren hin, dass eine Euphorie in meinem Körper und meiner Seele auslöste, die alles verschlang. Es gab nur Aryon und mich. Und dann nichts mehr.

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: