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Der Hexenturm

Das erste, das mir auffiel, als wir uns dem Turm näherten, war die außergewöhnliche Stille. Kein Ton war zu hören. Es schien, als gäbe es kein lebendes Wesen in der Nähe des Turms. Nicht einmal der Wind gab ein Geräusch von sich. Dafür hörte ich meinen Herzschlag, wie Donnerhall in meinen Ohren und fragte mich angstvoll, ob sie ihn auch hören konnten. Mein Verstand schrie mich an umzudrehen und fortzulaufen, doch meine Füße folgten Aramis. Die Angst legte sich wie ein Eisenpanzer um mein Herz. Jeder Schritt kostete mich Mühe und mein Körper wurde immer schwerer. Ich fragte mich, woher Aramis den Mut nahm ohne zu zögern einen Fuß vor den anderen zu setzen. Ich wusste, wie man Hexen tötete, das war mein Beruf, meine Begabung sozusagen, doch so viel Bosheit, wie sie der Turm ausstrahlte hatte ich noch nie erlebt. Sie griff mit spitzen eisigen Fingern nach mir und wollte sich in mein Herz bohren. Das durfte niemals geschehen.

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„Wenn du es wissen musst – meinetwegen!“

Andy verdrehte die Augen. Ich zögerte. Wollte ich es wirklich wissen?

„Ich dachte, du hast Vertrauen zu mir?“, setzte er nach.

Gedacht hatte ich das auch, aber seit ich ihn mit dieser langbeinigen Blondine aus dem Kaufhaus kommen sah, war es zusehends geschwunden. Ich war die letzten Wochen Tag für Tag durchgegangen und hatte festgestellt, dass Andy sehr häufig länger arbeiten musste. Zumindest sagte er mir das. Ich wartete auf seine Antwort. Andy schwieg und setzte sich auf die nächstbeste Parkbank. Er streckte seine langen Beine aus und starrte gerade aus.

In diesem Moment fragte ich mich, wieso ich mich damals in ihn verliebt hatte. Es war sein anziehendes Äußeres. Gutaussehend, gepflegt, charmant. Es war sein Humor, seine Sprachgewandtheit. Ich war geschmeichelt, dass er mich wollte. Mich, die sich immer als graue Maus gesehen hatte. Wenn er mich liebte, musste ich ihn wieder lieben, ohne wenn und aber. Wenn ich jetzt sein unbewegtes verschlossenes Gesicht sah und die spöttischen Worte hörte, die er zu mir sagte, war dieses Idealbild wie weggewischt.

„Was ist denn nun?“, fragte ich ungeduldig, „eigentlich kann ich es mir schon denken, aber ich will es von dir hören.“

Andy wandte den Kopf in meine Richtung, aber statt mich anzusehen, stierte er durch mich hindurch. Also war ich schon Luft für ihn geworden. Eine kalte Böe fuhr durch die kahlen Äste, zerzauste das nasse Gras und ließ mich frösteln. Oder war es Andys glasiger Blick? Seine schönen blauen Augen verschwammen zu einem trübaufgewühlten schlammigen Grau.

„Es ist aus.“

Drei Worte. Eisig. Hart wie Stein. Tränen quälten sich in meine Augen, aber ich drückte sie nieder. Nein, nicht weinen. Meine Kehle schnürte sich zu, ich konnte kaum schlucken. Mein Hals war ausgedörrt.

Immer noch stand ich da. Die Hände tief in meinen Jackentaschen vergraben. Jetzt zu Fäusten geballt. Mist, wenn ich doch zuschlagen könnte. Mein Herz raste, brandete gegen meine Rippen, stießen immer wieder in meine schmerzende Lunge.

„Und, fühlst du dich besser?!“

Unerträglich sein Hohn. Ich sah mich in seinen Augen. Kleine Kröte, matschgrün, unförmig, gegen die Blonde mit den meterlangen Beinen, dem Miniröckchen, dass einem breiten Gürtel glich und den Megabrüsten.

Ich hatte so viele Gedanken im Kopf, aber kein Wort wollte über meine Lippen kommen. Mir fielen die lateinischen Verse ein, die ich vor ein paar Tagen in dem alten Buch gelesen hatte – sie kamen leicht, ohne zu stocken – ich wunderte mich selbst. Als ich die Beschwörung beendet hatte, sah ich Andy halb verwundert, halb erschrocken an. Dann drehte ich mich um und ging nach Hause.

Dieser Text entstand in einer Schreibstunde. Jeder konnte sich einen Gegenstand, Ort und Anfangssatz aussuchen.

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