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Posts Tagged ‘Einkaufzentrum’

Hülle, Waffe, Flügel, Faden, hoch,weiß                                     

 

Ich starrte auf die riesigen weißen Flügel des Mannes.

„Wer bist du“, stieß ich hervor.

Er senkte die blutige Waffe. Sein ebenmäßiges Gesicht zeigte keine Gefühlsregung. Die Augen waren von dunklem Braun mit goldenen Sprenkeln, seine schwarzen Locken leicht zerzaust durch den Kampf. Die weiße Rüstung mit dem goldenen Emblem war blutgespritzt. Er schien es nicht zu bemerken oder es war ihm egal.

Obwohl ich etwa 1,70 Meter maß, kam er mir wie ein Riese vor. Ich musste meinen Kopf in den Nacken legen, um ihn anzuschauen.

„Wer bist du“, unternahm ich einen neuen Versuch.

„Ich bin Adrael“, hörte ich eine tiefe Stimme, ohne dass er den Mund öffnete.

„Warum hast du das getan?“, fragte ich fassungslos.

Ich deutete auf die Toten, die überall im Einkaufszentrum herumlagen.

„Es musste getan werden“, hörte ich ihn.

„Warum sprichst du nicht?“

„Dein Trommelfell würde platzen, wenn ich mit dir sprechen würde.“

„Ich nehme an, du bist ein Engel, oder zumindest sowas ähnliches“, wagte ich mich vor und hoffte inständig, dass er kein Dämon war. Sie waren Meister der Täuschung, ich hatte einige gesehen, doch noch nie einen Engel. „Warum hast du das getan?“

„Wer bist du, dass du mit mir rechtest?“, seine Stimme zitterte. Erschien wütend zu sein, doch sein Gesicht blieb unverändert ausdruckslos.

„Niemand“, erwiderte ich, obwohl er wohl eher eine rethorische Frage stellte. Ob Engel oder Dämon, ich war mir sicher, er wusste, wer ich war. Ich senkte den Blick unterwürftig, „Engel erscheinen in der biblischen Geschichte, wenn sie Gottes Strafgericht ankündigen oder ausführen. Hast du deinen Auftrag erfüllt oder wird Schlimmeres geschehen?“

Die Angst in meiner Stimme konnte ich nicht unterdrücken.  Ich sah, wie Adrael all diese Menschen hingeschlachtet hatte. Er war gekommen wie ein Wirbelwind und hinterließ eine Schneise der Vernichtung. Leichen über Leichen. Der Boden, die Wände, die Fenster und Gegenstände waren mit Blut bedeckt. Nur ich war übrig geblieben, ohne einen Kratzer.

„Du stellst zu viele Fragen.“

Er machte einen Schritt auf mich zu, ich wich furchtsam zurück. Würde er mich jetzt töten?

„Sie genau hin!“, hörte ich ihn, „dann wirst du sehen, dass es nur Hüllen sind.“

Ich betrachtete eine der Leichen. Tatsächlich schien sie nur noch aus Haut zu bestehen. Die Körper waren in sich zusammengeschrumpft, als hätte man einem Ballon die Luft herausgelassen. Sogar ihre Köpfe waren nur noch Knochen mit Haut überzogen.

„Wir müssen gehen“, er war plötzlich vor mir, schlang seinen Arm um mich, „sie kommen.“

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