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Posts Tagged ‘Dienstboten’

Es ist genau acht Uhr, als Inspektor Robins in Begleitung eines jungen Sergeant, den schweren Türklopfer gegen die Eingangstür krachen lässt.

Misses Morse zuckt nervös zusammen und blickt Rosalie irritiert an.

„Wer kann den jetzt noch kommen?“

Ihre Augen sind vom Weinen gerötet und ihre Hand zittert, als sie an ihrem Tee nippt. Rosalie streicht beruhigend über ihre kleine, mollige Hand.

„Ich nehme an, die Polizei. Wären sie so nett, den Herren einen frischen Tee aufzubrühen und im Arbeitszimmer servieren zu lassen?“

„Natürlich, Miss“, sie springt eifrig auf und macht sich an die Arbeit.

Rosalie verlässt die Küche und begibt sich in die Eingangshalle. Ehe sie sich bemerkbar machen kann, hat der Inspektor sie bemerkt. Er steht zwischen Anthony und Gilbert, mit dem Rücken zu ihr. Als sie sich nähert, dreht er sich um. Der intensive Blick lässt ihr Herz für einen Moment schneller schlagen.

„Sie müssen Miss Graville sein“, seine Stimme ist tief und angenehm. Er reicht ihr die Hand. Sie erwidert seinen festen Händedruck und ein flüchtiges Lächeln umspielt seine etwas zu sinnlichen Lippen. „Inspektor Nathan Robins.“

Zwischen den beiden athletischen, blonden Männern mit den ebenmäßigen Gesichtszügen, wirkt der drahtige Inspektor mit dem dunklen welligen Haar, dem etwas zu eckigen Gesicht, der charakterstarken Nase und den tiefbraunen, fast schwarzen Augen, wie ein dunkler Engel. Ein Wort, eine Geste von ihm könnte Anthony und Gil aus ihrem zerbrechlichen Himmel stürzen lassen.

„Wie mir mein Sergeant berichtete, haben sie uns rufen lassen.“

Nathan lässt Rosalie nicht aus den Augen.

„Das stimmt.“

Anthony lächelt schief, während Gils Gesichtsausdruck keine Emotionen erkennen lässt.

„Sie glauben nicht, das der Sturz von Lady Edna ein Unfall war?“

Seine Blick streift die Runde und bleibt wieder bei Rosalie hängen.

„Dazu kann ich mir kein Urteil erlauben, ich bin kein Arzt. Sie war eine alte gebrechliche Dame.“
Gil unterbricht Rosalie durch einen verächtlichen Laut. Sie runzelt unmerklich die Stirn und ist sicher, dass der Inspektor es gesehen hat.

„Es wäre ein Leichtes gewesen, ihr einen Schubs zu geben, damit sie die Treppe herunterstürz“, fährt sie fort, genauso gut könnte sie gefallen sein. Aber deswegen sind sie nicht hier.“

„Nicht?“

„Nun ja, irgendwie schon“, Rosalie zuckt entschuldigend mit den Schultern, „sie sind hier, weil die Familienjuwelen aus dem Safe gestohlen wurden. Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang?“

„Wo befindet sich der Safe, Mister de Clare?“

Gils Gesichtsausdruck ist Ablehnung pur. Nathan zieht eine Braue hoch, ohne die Schärfe seines Blicks zu mildern. Männer wie Gilbert de Clare lehrten Nathan nicht klein beizugeben und zu kämpfen.

„Der Safe mit dem Familienschmuck befindet sich in Lady Ednas Zimmer“, lässt Gil sich zu einer Antwort herab.

„Wann wurde der Diebstahl bemerkt?“, Nathan wendet sich erneut Rosalie zu. Miss Graville passt überhaupt nicht in dieses Haus, geht es ihm durch den Kopf, sie scheint die einzige mit gesunden Menschenverstand zu sein.

„Nachdem der Bestatter eintraf. Etwa gegen sechs Uhr. Ich sollte ein Kleid für Lady Edna heraussuchen. Sie ist im Nachthemd gestürzt“, fügt sie hinzu, als würde diese Erklärung ausreichen.

„Wo befanden sie sich alle, als Lady Edna stürzte?“

„Ich war mit Miss Graville in der Küche“, kommt Anthony Rosalie hilfsbereit zu vor.

Nathan runzelt die Stirn.

„Und sie, Mister de Clare?“

„In meinem Bett“, Gils Ton lässt deutlich erkennen, dass er die Frage des Inspektors für eine Zumutung hält.

Nathan ignoriert es und sagt zu seinem Sergeant:

„Collins, befragen sie die Angestellten.“

„Ja, Sir.“

Der junge Mann eilt dienstbeflissen in die Küche, in der sich die Dienstboden zur Verfügung halten sollen.

„Miss Graville, würden sie mir bitte den Tatort zeigen?“

Nathan macht eine einladende Handbewegung. „Darf ich sie bitten voranzugehen.“

Rosalie setzt sich in Bewegung. Gil und Anthony wollen ihr folgen, aber Nathan schüttelt den Kopf.

„Sie warten bitte in der Bibliothek.“

„In meinem Haus haben sie gar nichts zu befehlen“, Gils Stimme ist gefährlich ruhig.

Nathan lächelt überlegen.

„Ich habe nichts befohlen. Ich habe bitte gesagt.“

Über Rosalies Gesicht huscht ein Lächeln und sie ist froh, dass Gil ihr Gesicht nicht sehen kann.

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Rosalie wählt den Weg über die Küche, zurück ins Haus. Die rundliche Köchin teilt ihrer Küchenhilfe gerade Arbeit zu, als Rosalie den Raum betritt.

„Misses Morse“, flüstert das Mädchen und deutet mit einem leichten Kopfnicken in ihre Richtung, „die neue Miss ist da.“

Misses Morse unterbricht abrupt ihre Unterweisung und wendet sich Rosalie zu.

„Guten Morgen, Miss“, ihr Gesichtsausdruck macht klar, dass sie nicht erfreut ist.

„Miss Rosalie“, hilft Rosalie aus und setzt ihr liebenswürdigstes Lächeln auf, „liebe Misses Morse, darf ich sie um einen Tee und etwas Gebäck bitten. Die Herren sind gerade erst zu ihrem Ausritt aufgebrochen.“

Misses Morse Gesichtsausdruck verfinstert sich noch ein bisschen mehr.

„Bitte machen sie für mich kein großes Aufhebens“, beschwichtigt Rosalie die Köchin, „ich nehme meinen Tee gerne hier ein“, sie setzt sich an den großen polierten Esstisch, an dem die Bediensteten sonst ihre Mahlzeiten einnehmen, „ihre Küche ist so adrett und sauber, wie ich es selten gesehen habe. Da können sich einige herrschaftliche Haushalte eine Scheibe abschneiden.“

Ein Lächeln huscht über das Gesicht der Köchin. Und tatsächlich ist es nicht einmal übertrieben. Wenn Rosalie von dem ausgeht, womit Misses Morse arbeiten muss.

„Bitte, Miss Rosalie“, sagt die Köchin und sieht deutlich entspannter aus, als sie ihr Tee eingießt und einen Teller mit Zitronenkuchen vorsetzt.

„Vielen Dank, Misses Morse“, Rosalie deutet auf den Stuhl gegenüber, „würden sie mir einen Moment Gesellschaft leisten?“

„Danke, Miss“, unsicher setzt sich die Köchin und gießt sich ebenfalls einen Tee ein. Sie blickt zu dem Küchenmädchen, das in Ehrfurcht erstarrt scheint. „Mary, mach weiter, sonst wird das Frühstück nie fertig!“, weist sie das Mädchen zurecht, dass sich hastig wieder seiner Arbeit zu wendet.

„Wie lange stehen sie bei den de Clares in Diensten?“, beginnt Rosalie das Gespräch. Sie weiß nur zu gut, dass Dienstboten über alles wichtige Bescheid wissen und auch über alles Unwichtige.

***

Als Rosalie eine halbe Stunde später die Küche verlässt, ist sie ausgesprochen gut über den Haushalt und seine Bewohner informiert. Als der alte de Clare, ihr Großvater, vor einem Monat das Zeitliche segnete, hinterließ er Gilbert, als nächstem männlichen Erben den gesamten Besitz – mit seinen Schulden, die eine beträchtliche Summe ausmachen. Um wie viel es sich handelt, weiß niemand genau. Das soll die Testamentseröffnung ans Licht bringen, zu der auch Rosalie geladen wurde. Misses Morse erzählte Rosalie hinter vorgehaltener Hand, dass es sich um Spielschulden handelt.

Ironie des Schicksals, starb der alte Herr an einem Herzinfarkt kurz bevor er einen Kontrakt unterzeichnen konnte, in dem er das Haus als Gegenwert zu einer Wette einsetzte. Sonst wäre das ganze Anwesen der Ehrenwerten de Clares in die Hände eines Buchmachers gefallen.

Rosalie weiß nicht, ob sie Bedauern oder Schadenfreude empfinden soll. Zumindest Gilbert tut ihr Leid, auch wenn sie ihn für einen unverschämten Snob hält. Er ist die Person, die am wenigsten für die Verhältnisse kann und doch aus Ehr – und Pflichtgefühl genötigt ist die Sache zu regeln. Rosalie ist gespannt, was der Notar in der Testamentseröffnung offenbaren wird und vor allem, warum sie zu diesem Termin geladen wurde.

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