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Posts Tagged ‘Dichter’

Großreinemachen und gute Vorsätze müssen sich nicht ausschließen – können sie aber. Wenn das Reinmachen zu den Vorsätzen gehört, super – wenn nicht – kann auch super sein, muss es aber nicht. Das Großreinemachen gehörte Ende 2015 nicht zu meinen guten Vorsätzen, es schlich sich eher so peu a peu ein.

Drei Tage an der See – Wolken, eisiger Wind, ungestüme Wellen und Einsamkeit.

Eck. Dünen 2

Angenehme Einsamkeit in einer wunderschönen roten Backsteinkirche,

Nicolai Kirche 6

in der es nach Tanne duftete, einem liebvoll eingerichteten Heimatmuseum,

Eckernförde, Museum am Markt 1

das einen Dichter und Philosophen sein eigen nennt, und in gemütlichen Cafes mit aromatischem Kaffee und leckerem Gebäck.

Cafe Heldt innen

Abends saß ich in einem heimeligen Gästezimmer, mit meinem neuen Buch, das ich mir als Reiseandenken gekauft hatte, meinem Laptop, meiner Musik und einem Zeitungsartikel in dem es um: „Neue Visionen deines Lebens“ ging und meinen Gedanken.

Kiel, Unterkunft 7

Seit über zehn Jahre schreibe ich. Es ist ein besonderer Teil meines Lebens. Schreiben macht mich glücklich. Ich schreibe jeden Tag und gerne. Aber es gibt auch andere Sachen, die ich gerne tue und die ich vernachlässigt habe. Eine davon ist Zeit zu haben, ohne Druck im Nacken. Zu lesen und mich in den Stoff zu vertiefen, nähen, häkeln, spazieren gehen, fotografieren, Ideen nachgehen, Notizen machen – einfach mal so – ohne zu wissen wohin es führt.

Natürlich gibt es die Idee zu einem neuen Roman. Notizen, einige Skizzen, Personen, den Ort. Und doch – es ist das erste Mal, seit langem, dass ich es nicht eilig habe. Angenehm. Aufatmen. Es wird geschrieben, wenn es so sein soll. Keine Eile, nichts überstürzen. Leben. Leben um zu schreiben. Es wird Zeit die Dinge anders anzugehen.

Konstantin Paustowski schrieb: „Die Fähigkeit, das Leben als etwas ständig Neues zu empfinden, ist jener fruchtbare Boden, auf dem die Kunst erblüht und reift.“

Ich will nicht schreiben müssen. Ich möchte schreiben wollen. Das kommt wieder. Ich kenne die Phasen. Doch diese Phase ist frei gewählt. Ich will mich ausklinken, will sehen, hören, fühlen, schmecken, riechen. Ich will mich nicht quälen, um meine Fähigkeiten als Schriftstellerin unter Beweis zu stellen oder mich abwatschen zu lassen. Ich die meiste Zeit meines Lebens in der Pflicht und gerade jetzt ist es an der Zeit nicht in der Pflicht zu sein oder nur, wenn ich es für richtig halte.

Wenn es Zeit ist, möchte ich schreiben wollen. Bis dahin will ich leben, mich mit dem Strom dahin gleiten lassen und einfach ich sein.

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Neben Hesse und Rilke ist Christian Morgenstern einer meiner bevorzugten Dichter. Hier ein Auszug aus den „Stufen“ – eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen. Der Rat über Schriftsteller und das Schreiben stammt aus dem Jahr 1907:

„Wenn du Schriftsteller bist, so schreibe jeden Tag etwas nieder, und wenn du auch nur den zehnten Teil davon aufbewahrst. Kommt dann deine produktive Periode, so wirst du, was du zu sagen hast, mit doppelter Leichtigkeit und Anmut sagen, du wirst dann wie ein Klavierspieler sein, der eines Tages zu phantasieren beginnt und merkt, dass es auf den Tasten fortan kein Hindernis mehr für ihn gibt.“

Vieles von dem, was unsere Dichter-Ahnen wussten, hat nichts an Aktualität eingebüßt. Wir sollten ihre Weisheit nicht unterschätzen. 🙂

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Woronesh

„Und diese Stadt ist ganz zu Eis erstarrt,

Wie unter Glas ruhn Bäume, Firste, Schnee.

Unsicher ist des bunten Schlitten Fahrt,

Trägt der Kristall, auf dem ich zögernd geh.

Woroneshs Dom ein Krähenschwarm umgellt,

Und Pappeln und das Pastinagewölbe,

Verwaschen, trüb, von Sonnenstaub getönt,

Und ein Hauch der Schlacht vom Schnepfenfeld

Verströmt das Land, machtvoll und sieggekrönt.

Und jäh wie die erhobenen Pokale

Klirrn Pappeln über uns mit ihren Ästen,

Als feierten auf unserem Hochzeitsmahle

Die Freudenstunde Tausende von Gästen.

Jedoch in des verbannten Dichters Zimmer

Stehn wechselnd Angst und Muse ihre Wacht.

Nun kommt die Nacht,

Und einen neuen Morgen kennt sie nimmer.“

4.März1936

Poetische Worte einer bemerkenswerten Dichterin.

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„Da sind wir, Noelle, schau!“

Isidor deutet auf ein Licht ganz in der Nähe. Er läuft vertrauensvoll darauf zu, während ich zögernd folge.

Vor mir steht ein Nomadenzelt ungewöhnlicher Größe. Ich mir sicher, dass es vorhin noch nicht da gewesen sein kann, denn in der Ebene, hätte es auffallen müssen. Normalerweise würde ich mir Gedanken darüber machen. Jetzt ist es mir egal. Wieso sollte ich meine Energie darauf verwenden über ein riesiges Nomadenzelt mitten in der Einöde nachzudenken, wenn irgendwo da draußen ein ominöser Schatten lauert, der mich wegen ein paar Notizbüchern verfolgt und mir ans Leder will.

„Komm, ich will dir meinen Meister vorstellen!“, Isidor winkt mich heran.

„Ach, Isidor“, seufze ich müde.

Der Junge schiebt mich energisch vor sich her ins Zelt hinein. Kostbar ausgestattet mit Teppichen, Fellen, edlen Teakholzmöbeln, seidenen Vorhängen wird es von Lampen erhellt und macht den Eindruck direkt aus 1000 und einer Nacht hier hergezaubert worden zu sein.

„Ist es nicht wundervoll.“

Ehrfürchtig steht Isidor neben mir und seine großen Augen glänzen vor Entzücken.

„Ja, ganz toll.“

Ich lasse mich auf einem Bodenkissen nieder. Meine Füße tun mir weh, mein Rücken fühlt sich an, als wäre er um 10 Jahre gealtert und mein Hirn verweigert mir jeglichen Enthusiasmus.

„Guten Abend“, ertönt eine volle Stimme hinter mir.

„Guten Abend“, erwidere ich den Gruß und drehe mich nach dem Sprecher um.

„Ich sehe ihr seid erschöpft.“

Der Mann tritt aus dem Schatten und kommt auf mich zu. Seine weißen Haare sind zu kunstvollen Zöpfen geflochten und seine hellen Augen sehen mich aufmerksam an. Langsam komme ich mir vor wie eine besonders leckere Auslage in einem Delikatessenladen.

„Ihr seid wirklich so außergewöhnlich, wie ihr mir geschildert wurdet“, sagt er und ein Lächeln huscht über seinen Mund.

„So? Wer hat ihnen denn das geschildert?“, frage ich gereizt.

„Nun“, sagt er geheimnisvoll, „ich habe gute Verbindungen.“

„Oh, alles klar. Bloß keine klaren Worte, alles schön im Dunkeln lassen. Es wäre ja auch zuviel verlangt, mir zu sagen, was los ist. Stattdessen lassen mich alle wie einen Tölpel durch die Gegend laufen. Wenn interessiert schon, dass ich verfolgt werde und demnächst vielleicht in Luft auflöse. Gibt es eigentlich einen von euch, der mir die Wahrheit gesagt hat?“

Der Meister der Elemente sieht mich überrascht an. Er hat wohl damit gerechnet, dass ich mich mit der Situation zufriedengebe. Pech. Ich habe keine Lust mehr auf diese Spielchen und bin Müde. Vielleicht ist alles nur ein Spiel. Ein dummes abgekartetes Spiel. Ich sehe mich um. Da fällt mir eine Lagerstatt auf. Viele weiche Kissen liegen darauf. Ich stehe auf, ziehe meine Schuhe aus und mache es mir bequem. Der Meister sieht mir mit großen Augen zu.

„Mein Name ist Milan.“

Es ist das Letzte, was ich höre, bevor mich ein todesähnlicher Schlaf überfällt.

Ich sah dich

Dunkel deine Silhouette

Gegen die Abenddämmerung

Komponiere dir ein Lied

Aus Stille und Septemberlicht

Irgendwo in dieser Straße

Die mir völlig unbekannt

Lebst du hinter einem leuchtenden Fenster

Zum Teufel mit der Sehnsucht

Ich weigere mich Masken zu tragen

Die mein Gefühl verschleiern

Das Herz ist ein geräumiger Friedhof

Und die bitteren Stricke

Die mich an dich binden

Werden mir zur Falle

Bis die Liebe fragt

Warum weinst du

Ich weiß keine Antwort

Suche sie vergeblich

In meinem Herzrevier

Das übervoll und unendlich leer

Vor meinen Augen steht

In dem ich Worte zu Grabe trage

Denn du bist nicht hier

Um sie entgegen zu nehmen

In dieser verzweifelten Nacht

In der ich vor deinem Haus warte

Auf ein Zeichen von dir

So wünscht ich mir

Du würdest dich erinnern

An meine Augen und mein Lachen

Meine Liebe die du darin sahst

Doch du hast mich verloren

Du konntest nicht glauben

Dass es noch Engel gibt

Das Liebe existiert

Die dir begegnen könnte

So floss mein Herz davon

Mit den Strömen meiner Tränen

Doch meine Liebe hielt sich fest

Am Strohhalm meiner Sehnsucht

Und wenn mein Herz brennt

Es in der Dürre vertrocknet

Der Regen es flutet

Der Sturm es verweht

Nichts kann diese Sehnsucht tilgen

Denn sie durchdringt mich

Jede Pore meiner Haut

Jede Zelle meines Körpers

Hat dich aufgesogen

Du bist ein Teil von mir

Verschmolzen mit meiner Fantasie

Solange ich träumen kann

Wirst du bei mir sein

Umsponnen von unsichtbaren Traumfäden

Spielst du das Theater meiner Sinne

Für ein Lächeln von dir

Sprenge ich meinen Elfenbeinturm

Lege mich in Schutt und Asche

Gebe mich auf

Gebe mich hin

Erschöpft lasse ich den Stift erschöpft. Nachdem ich aus einem traumlosen Schlaf erwachte, fand ich ein Tablett mit Speisen und Getränken vor meinem Lager. Mein Magen knurrte, wie ein wilder Löwe. Ich stillte meinen Hunger, trank ein Glas Wein und holte eines der Notizbücher aus meinem Rucksack.

„Der Beginn eines verschwundenen Zeitalters“.

Genau dass entsprach meinem Zustand. Alles begann neu und doch war es schon verschwunden. Ich wusste nicht wo, bei wem, in welcher Zeit ich mich befand. Alles was ich kannte war verschwunden. Und der, den ich am meisten verloren glaubte, war Raoul. Trotzdem war er es, der mir als Erstes einfiel, als ich meine Augen öffnete.

Ich angelte mir einen Stift aus meinem Mäppchen und meine Worte hatten Lust auf ein Gedicht. So schrieb ich alles so, als säße er vor mir, würde mich mit seinem wunderbaren braungoldenen Blick anschauen und mir die Worte von den Lippen ablesen. Meine Worte fielen wie mit kristallenem Klingen aus meiner sehnsüchtigen Seele und flossen aufs Papier. Aus Allerweltsgedanken wurden silberne Fische im Ozean meiner Sinne. Jedes Wort duftete nach Sinnlichkeit und Lust, die mich fast um den Verstand brachte. Wenn Raoul jetzt hier vor mir stände, würde aus meiner wollüstigen Erinnerung eine Begierde entspringen, dich ich nicht zurück halten könnte.

In meinen Träumen, und auf dem Papier, konnte ich mir alles vorstellen. Gegen die Realität konnte ich gar nichts tun. Dichter leiden an ihrer ach so großen Fantasie. An der Vorstellung der perfekten Liebe, der alles Umfassenden. Und doch hält die Wirklichkeit dem niemals stand. Wenn noch nicht einmal die Götter die Liebe halten konnten, wie sollte es dann jemals ein schwacher von Zweifeln geplagter Mensch können? Das Leid löste Poesie und Lyrik aus, als würden die Musen allein deswegen existieren.

Ich überlege, ob sie Amor dazu auffordern manchmal daneben zu schießen, um einen neuen Dichter zu erschaffen. Warum? Hatten die Musen keine eigene Stimme? Bedienen sie sich der Menschen, um ihren Neigungen nach Kunst Ausdruck zu verschaffen, da sie selbst nur den Anlass geben, aber nicht die Schöpfer sind? Wir sind also nichts anderes als der Spielball der Götter. Wie schon in allen Zeiten vor uns. Nur unser angeblich so fortschrittlicher Glaube hindert uns, die Mächte hinter der Fassade zu sehen.

„Ja, so ist es, Noelle“, höre ich eine silberhelle sanfte Stimme.

Irritiert blicke ich auf. Mein Blick sucht fieberhaft die Umgebung ab, aber ein großer Teil des Zeltes liegt im Schatten. Plötzlich schimmert vor mir ein silberner Nebel auf, der sich zu der Gestalt einer Frau verdichtet. Ich kann nicht anders, als sie anzustarren. Noch nie in meinem Leben habe ich eine so schöne Frau gesehen. Ihr Körper wird nur durch einen zarten Schleier bedeckt und lässt ihre Reize in aller Deutlichkeit zur Geltung kommen. Ihre langen goldenen Locken fallen ihr bis zu den Hüften hinab, wie flüssiges Gold und ihr Gesicht ist ein vollkommenes Bild an Proportion. In der Hand trägt sie eine Laier.

„Sie mich an.“ Traurig blickt sie an sich herab und vergießt eine goldene Träne. „Die Götter haben mir die vollkommene Schönheit gegeben. Ich bin Erate, die Geliebte, und gleichwohl ich alle inspiriere, werde ich von niemandem inspiriert.“

Sie kommt näher und ein lieblicher Duft aus Frühlingsblumen schwängert die warme Luft.

„Ich trage die Leier, als Erkennungszeichen und kann sie doch niemals spielen, weil ich keine Seele habe, wie ihr Menschen. Freud und Leid sind mir fremd. Liebe und Ekstase löse ich aus, fühle sie aber niemals selbst.“

„Was für ein schreckliches Schicksal“, flüstere ich benommen von den schweren Wohlgerüchen, die Erate verströmt, „aber du hast eben eine Träne vergossen.“

„Das ist nur ein Abbild für dich“, sagt sie, „die perfekte Illusion der perfekten Frau. Ich stelle die Abhängigkeiten her und pflanze so den Gedanken zur Schöpfung von Kunst in die Seelen der Menschen.“

„Warum erzählst du mir das?“, frage ich ärgerlich, „wenn wir alle nur ein schlechtes Experiment und die Liebe so eine groß angelegte Täuschung ist, warum bist du dann hier?“

Ein perlendes Lachen entspringt ihren sinnlichen Lippen und wie sie gekommen, verschwindet sie wieder. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Ich habe das Gefühl am Rand des Wahnsinns zu stehen. Nichts ist real, aber doch ist nicht alles Illusion.

Mir fällt da ein russischer Dichter ein, der sich, getrieben von dem Wunsch Schriftsteller zu werden, in schwülstiger Poesie verstieg. Um dem Ganzen ein Ende zu setzen, ging er ins Leben hinaus. Er arbeitete in vielen Berufen, lernte viele Menschen kenne, lebte an verschiedenen Orten. Er schrieb in diesen 10 Jahren seines Wanderdaseins kein Wort. Als die Zeit gekommen war, ließ er sich nieder und begann zu schreiben und hörte sein ganzes Leben nicht mehr damit auf. Leben, um zu schreiben. Das Leben muss gelebt werden, mit allen Höhen und Tiefen, aber es darf die Fantasie nicht auslöschen. Beides muss sich in einer ausgleichenden Symbiose verbinden.

Was mich wegen dieser Sache sehr verwundert ist, dass viele Schriftsteller zu einer ungewöhnlichen Verstiegenheit und größenwahnsinnigen Exzentrik neigen, die dieser Form von Kunst, in meinen Augen, nicht angemessen erscheint. Es ist eine leidenschaftliche Gabe schreibend die Welt zu erkunden, berechtigt aber nicht zu Stolz und Arroganz. Auch wenn ich erhoffe, dass mein Kunst zu meinem Lebensunterhalt und zu meiner Anerkennung beiträgt, so ist dies nur ein Aspekt, der geringe Bedeutung einnehmen muss, im Gegensatz zu der Freude und Befriedigung, die das Schreiben verschafft. Und habe ich nur einen einzigen Leser erreicht und seine Herz erfreut, seine dunklen Stunden leichter gemacht, seine langweiligen mit Spannung gefüllt, seinen unbedarften Geist zum Überlegen gebracht, dann habe ich mein Ziel erreicht. Ich habe unterhalten.

Ich wende meinen Blick von der Dunkelheit ab, hin zu der Seite in meinem Notizbuch. Vor mir steht ein Satz, den ich nicht gedacht, der mir aber aus der Feder geflossen ist.

„Ein Mädchen in schwarzen Seidenstrümpfen, anmutig wie sie wiegenden Schrittes den Raum erobert …“

Ich kann sie direkt vor mir sehen.

„Lasziv beugte sie sich vor und schaute dem Mann an der Bar in die Augen. Sie hauchte ihm ein „Hallo“ entgegen und eine verführerische Wolke ihres Parfüms hüllte ihn ein und macht seine Sinne schwach. Das stillschweigende Versprechen ihm alles zu gewähren verblendete ihn. Er vergaß alles, sah nur noch ihre dunklen Augen mit den langen Wimpern, die erhitzen Wangen und die weiße Haut ihres Brustansatzes, der aus ihrem Mieder quoll. Er dachte nicht mehr an seine Frau, seine Kinder, er gab alles für den Augenblick der Begierde. In ihrem kleinen Zimmer strich er über ihre seidenbestrumpften Beine, berührte andächtig das blaue Strumpfband und löste ihr das Mieder. Ihre rosa Knospen und ihre weißen Brüste wurden von seinen Händen und Lippen gekost, bis sie sich ihm hingab und er einen kurzen Moment der Leidenschaft erlebte. Dann wurde es hell, er legte einen Schein auf ihren Nachtisch, zog sich an und ging wortlos. Für diese wenigen Minuten der Ekstase verfiel er in Schwermut. Denn sein Zuhause erschien im plötzlich glanzlos und leer.“

Ich setze den Stift ab. Lese die Zeilen noch einmal. Interessant, denke ich. Einfach so. Ein Wort an das andere reihen und sehen was passiert. Das gefällt mir sehr. Ich warte einen Moment und schon erscheint ein neuer Satz:

„Sie suchte in Büchern eine eingebildete Sättigung ihrer persönlichen Lebensbegierden. Kein Buch, keine Buchhandlung und keine Bibliothek waren vor ihr sicher. In ihren vier Wänden standen Bücher in allen Zimmern. Die Regale und Schränke vollgestopft mit herrlichen Romanen, die sie verschlang und die ihre Sehnsüchte schürten, obwohl sie sich niemals in Gesellschaft begabt, um Menschen kennenzulernen. In den Ecken stapelten sich Atlanten und Bildbände ferner Länder, die ihre Reiselust entfachten, obwohl sie nicht reiste. Auf dem Beistelltisch in der guten Stube lagen Bücher über Tiere, die sie liebte, obwohl sie nie eins besessen hatte. Die Küchenschränke waren angefüllt mit Kochbüchern aller Art, die ihre Leidenschaft für gutes Essen förderten, obwohl sie nicht kochen konnte. Auf ihrem Nachtisch lagen erotische Romane, die ihr die Nächte versüßten, obwohl sie niemanden hatte, der diese Lust mit ihr teilte.“

Ich halte inne. Geht es mir nicht ähnlich? Ich höre viele aufregende Dinge, begegne interessanten Menschen und doch lebte ich nicht wirklich. Ich sitze in Zügen, steige an Bahnhöfen aus und wieder ein. Meine Lebensgier stille ich durch Komplimente attraktiver Männer, die ich nie wieder sehe, wenn sie an der nächsten Station aussteigen. Bis jetzt hat mir das nichts ausgemacht, aber nun gibt es Raoul. Er hatte etwas in mir ausgelöst, dass ich nicht wieder rückgängig machen konnte. Buchstaben erschienen:

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„Jemand hat mir mal gesagt, die Zeit würde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen. Ich möchte viel lieber glauben, dass die Zeit unser Gefährte ist, der uns auf unserer Reise begleitet und uns daran erinnert, jeden Moment zu genießen, denn er wird nicht wiederkommen. Was wir hinterlassen ist nicht so wichtig wie die Art, wie wir gelebt haben. Denn letztlich […] sind wir alle nur sterblich.“     Jean-Luc Picard

Das ich meine Texte mit Zitaten beginne, oder sie dadurch inspiriert sind, ist nicht so ungewöhnlich. Es schadet schließlich nicht einen „Aufhänger“ zu haben, an den man die ersten Sätze anknüpfen kann, besonders wenn man über ein bestimmtes Thema schreiben will, zu dem einem im Moment die Worte fehlen. Aber wie schreibt man über den Tod? Womit fängt man an, sich die Traurigkeit von der Seele zu schreiben?

Seit einer Woche quälen mich die Gedanken daran. Nicht, weil ich nicht schon über den Tod nachgedacht habe. Im Leben kommt irgendwann der Punkt, an dem jeder Mensch erkennt, dass er verletzbar und endlich ist.  Sondern weil ein Mensch, mein älterer Bruder, der mich mein Leben lang begleitet hat, so schwer erkrankt ist, dass es keine Heilung gibt. Krebs. Ich befürchtete, dass es so sein würde, aber bis vor Kurzem gab es Hoffnung. Jetzt haben die Ärzte die Therapie eingestellt, da eine weitere Chemotherapie ihn nur noch mehr schwächen  und den Tod schneller herbeiführen würde. Er bekommt Morphium gegen die Schmerzen, darf kein Auto mehr fahren, hat keinen Appetit mehr usw. Er weiß, dass es nur noch Hoffnung auf einige Tage mehr gibt, aber das Ende ist unausweichlich.

Wir werden alle sterben. Früher oder später. Benjamin Franklin sagte: „In dieser Welt gibt es nichts Sicheres, als den Tod und die Steuern.“  Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ich gebe zu, ich habe Angst vor dem Sterben. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich gerne einschlafen und nicht mehr aufwachen. Aber das wäre wohl zu einfach gedacht. Meine Oma ist auch eingeschlafen, am Ende eines langen erfüllten Lebens, aber sie hatte davor lange Zeit Schmerzen. Erst im Krankenhaus wurde sie davon erlöst. Der Gedanke, dass mein Bruder Schmerzen erleben muss, dass er seine Habe aufteilt, einen Nachfolger für sein Büro sucht, im Wissen bald nicht mehr dazu sein, tut mir Leid. Sehr, sehr leid. In meiner Vorstellung ist dieser Zustand unerträglich. Was würde ich meinen Kindern noch sagen wollen? Meinem Mann? Vielleicht hat es den Vorteil, dass man sich verabschieden kann, oder Frieden machen, wenn es einen Grund dazu gibt.

Was würde ich tun, wenn ich nur noch wenige Wochen zu leben hätte?

Ich habe lange darüber nachgedacht. Eigentlich ist es gar nicht so viel. Mein Leben ist voll und reich. Ich habe viel gearbeitet. Vier tolle Kinder bekommen und groß gezogen, ich habe gemalt, geschrieben, gebastelt, genäht, gestrickt, gelesen, schöne Filme angesehen, Gespräche mit guten Freunden geführt, habe die Natur genossen, Sternschnuppen gesehen, habe einen Führerschein gemacht, bin in Spanien, Niederlande, England, Slowenien, Österreich, Italien, und an vielen hübschen Orten gewesen und habe interessante Menschen kennengelernt. Ich habe einen treuen Hund gehabt und jetzt eine süße Katze. Dazu habe ich das Glück mit einem lieben Mann verheiratet zu sein.

Wir Menschen haben oft den Drang mehr zu wollen. Mehr von den guten Dingen und warum auch nicht, solange es nicht nur die Sucht ist dadurch eine Leere zu füllen, sondern uns zufrieden macht. Hetzen und jagen nach Materiellem und Vergnügungen werden uns am Ende leer hinterlassen. Es ist so vergänglich wie das Leben selbst. Viel wichtiger ist es gute Freunde und einen liebevollen Partner zu haben, eine Familie, die zusammenhält, egal wie dick es manchmal kommt.

„Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“  Berthold Brecht

„Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“  Albert Schweitzer

Ich wünsche mir, dass ich am Ende diese Spuren hinterlasse. Denn wer weiß, das „Schicksal“ oder das Leben ereilt einen schneller, als man manchmal erwartet. Ich weiß es, weil ich auch schon einmal in so einer Situation war. Dem Tode näher als dem Leben. Mein Bruder hat in meinem Leben Spuren hinterlassen. Er hat ein hörendes Ohr, ist großzügig, humorvoll, unterhaltsam, engagiert in seinem Beruf, sagt seine ehrliche Meinung, ein sorgender Vater, wissensdurstig, hilfsbereit. Nur einige Dinge, die mir spontan einfallen. Leider hat er in dem Jahr seiner Krankheit mit vielen Problemen zu kämpfen, die schon schwer zu händeln sind wenn man gesund ist, aber noch mehr wenn man krank ist. Das hat natürlich nicht zu seiner Erholung beigetragen. Wie kann man sich erholen, wenn einen private und berufliche Probleme plagen, die Existenz auf dem Spiel steht und man, erschöpft vom Krebs, nicht dazu in der Lage ist, sein tägliches Pensum zu schaffen?

Wenn ich nur noch wenig Zeit hätte, würde ich genau das tun, was ich auch jetzt tue. Schreiben, Zeit mit meiner Familie verbringen, Gespräche mit meinen Freunden führen, Musik hören, im Cafe sitzen und das Leben um mich her betrachten, aber das würde ich natürlich in geballter Ladung tun und nicht peu a peu. Der einzige größere Wunsch wäre es ans Meer zu fahren, mit meiner Familie. Ein Haus in Zeeland, hinter dem Deich, jeden Tag am Strand spazieren gehen, den Wellen und den Wolken zusehen, die Möwen auf dem Wind segeln und den Schiffen hinterher schauen, bis sie am Horizont verschwinden. Zusammensitzen, Kaffeetrinken, reden und Spaß haben. Fotos machen.

Mein Bruder möchte gerne mit seinen Kindern noch einmal Schlittenfahren. Ich wünsche ihm von ganzem Herzen, dass sein Wunsch in Erfüllung geht!!! Ich wünsche ihm, dass er sein Leben als reich und erfüllend empfindet. Dass er sehen kann, dass er nicht vergessen wird, dass er anderen Menschen, besonders seiner Familie, viel bedeutet.

Ich erinnere mich an unsere Rommespiele. Meinen Bruder zu besiegen war  ein besonderer Sieg, weil er fast immer gewonnen hat.  Kartenglück und Risikobereitschaft. Als Kind hat er mir geholfen von unserem Apfelbaum herunter zu kommen, wenn ich mal wieder in totaler Selbstüberschätzung hinauf geklettert war. Als wir älter wurden, haben wir über Gott und die Welt geredet, wenn es Probleme gab hat er sich Zeit genommen, zuzuhören und auch praktisch Hilfe geleistet, wenn es nötig war. Das Leben und die Pflichten lassen manchmal nicht soviel Raum für geschwisterliche Treffen, aber wohin wir auch gehen, letztendlich gehören wir zusammen. Und ich denke, dass ich nicht nur für mich, sondern auch für meinen jüngeren Bruder spreche. Solange wir leben und unsere Kinder, solange werden wir nicht vergessen sein.

Solange wir leben sollten wir leben. Das auskosten was uns gegeben ist.

„Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird, zu leben.“  Marc Aurelius

Je intensiver wir leben, umso weniger schreckt uns der Tod, weil wir unsere Zeit genutzt haben, ohne uns fragen zu müssen, ob wir alles getan haben, was wir uns erträumten. Ich weiß: wenn es doch so einfach wäre – ist es nicht!   Aber es ist ein Anfang. Und wenn es nur ein paar Worte von Dichtern und Denkern sind, die zum Nachdenken anregen, dann ist der erste Schritt gegangen, die Sprachlosigkeit zu durchbrechen, die Gedanken irgendwo aufzuhängen und das Leben zu leben.

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Tausend Worte reichen nicht

Zusagen was ein Dichter fühlt

Tausend Sätze, tausend Seiten nicht

Zu sagen was uns treibt

Tage zu Nächten,

Nächte zu Tagen werden lässt

Immer auf der Suche nach Worten

Wie ein Rausch

 

Ohne Worte

Sterne stehen

Ungeschrieben fest

Seit Ewigkeiten

Über meinem Himmel

So wie über deinem

 

Seh ich auf

Dann seh ich

Deinen Himmel und du meinen

Die Zeit vergeht

Wir gehen mit

Aber die, die nach uns kommen

Sehen die selben Sterne

Sie sehen uns in ihnen

 

Sie sehen unser Leid

Sie sehen unsere Freude

Unsere Qualen und unsere Träume

So wie wir die die vergangen sind

Wir geben ihnen unsere Worte

Damit sie ewig werden

In unserem Himmel

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