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Posts Tagged ‘Brunnen’

Aufgabe 1: Schreibe eine Liste mit Stichworten, die dich an den gestrigen Tag erinnern:

Bücherei, Laugenstange Camembert, Fluss, Quelle, römisches Moasik, Statuen, Park, Brunnen, Fontäne, Enten, Cafe, Lesung, Vernissage, Treppe, Müdigkeit, Katze, Ring, ein Wort gibt das andere, demokratische Abstimmung, rotes Auto, es muss rot sein, Traurigkeit, Erschöpfung, Kurort, Drogerie, kühl, blonde Frau im engen rosa Top, Geruch von Bratwurst, hier stehe ich richtig, Allegria, Brief einwerfen, Umweg, Geld leihen, alte Liebe, neue Problem, hier habe ich nichts verloren, ich hatte noch kein Konzept, ich kenne viele Maler,

Aufgabe 2: Schreibe einen Text, mit einem oder mehreren Details aus der Liste.

„Es muss das Rote sein!“

Noras Stimme klang leicht hytserisch. Sie drehte sich vor dem großen Spiegel und schüttelte den Kopf. Es war die zehnte Robe, die sie anprobierte.

„Hätte ich das Rote nur gleich gekauft, als ich es im Schaufenster sah!“

Die Verkäuferin sah mich ratlos an, besagtes Kleid war für eine andere Dame reserviert worden. Ich zuckte bedauernd mit den Schultern. Es brauchte nur noch den einen kleinen Tropfen, bis sich Nora in eine ihrer selbstgebastelten Krisen hineingesteigert hätte.

„Nora, ich bitte dich“, sagte ich streng, „du weißt genau, dass Frederick verheiratet ist. Er wird seine Frau mitbringen – glaubst du wirklich, es wäre gut dermaßen aufzufallen?“

Ich nahm einen Schluck Kaffee und schlug die Beine übereinander. Frederick war ihre große Liebe – gewesen. Eigentlich. Leider hatte der Umstand, dass er vor kurzem heiratete, nicht gerade ein Grund ihn aus Noras Gedanken zu verbannen. Sie sah mich mit verständnislosem Blick an.

„Das ist mir egal! Diese Tussi, die er seine Frau nennt, ist zwanzig Jahre jünger!“, geräuschvoll zog sie den Vorhang der Umkleidekabine zu, „ich werde auffallen! Er soll sehen, was er für dieses Kücken weggeworfen hat.“

Ich verkniff mir zu sagen, dass sie damals sehr unzufrieden mit der Beziehung gewesen war. O-Ton: „Wenn er nicht aufhört sich wie ein Single zu benehmen, kann er gehen.“ Und dass das Kücken, das erste von dreien war, bis er das vierte heiratete.

„Ich habe dein Seufzen gehört!“, ertönte Noras dumpfe Stimme hinter dem Behang.

„Das kannst du gar nicht“, erwiderte ich, „es war nur in meinen Gedanken.“

„Siehst du, ich wusste es!“, sie zog den Vorhang auf, „so kann ich nicht gehen!“

Nora trat aus der Umkleidekabine. Das figurbetonte dunkelblaue Kleid, mit tiefem Rückenausschnitt und Schlitz sah fantastisch an ihr aus. Sie hatte die Figur eines Modells und manchmal auch die Allüren.

„Du siehst noch in einem Sack besser aus, als alle Frauen die ich kenne“, stellte ich neidlos fest.

„Du musst so was sagen, du bist meine Freundin“, sagte sie und zog kritisch die Augenbrauen zusammen.

„Wenn es dich glücklich macht, dass zu denken, bitte. Ich hindere dich nicht dran.“

Ich nahm ein Keks von dem kleinen Silbertablett und steckte es genüsslich in den Mund. Mit Nora in dieser Situation zu diskutieren brachte überhaupt nichts. Das musste ich aussitzen.

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Die Feenburg

Sia stand vor der Burgmauer und starrte hinauf. Das also ist der Eingang, dachte sie und seufzte, Großvater hat vergessen zu erwähnen, wie schwierig es wird hinein zu gelangen. Einige abenteuerlustige junge Männer ihres Dorfes hatten es schon versucht und waren kläglich gescheitert.

In der sagenumwobenen Feenburg gab es einen Brunnen mit heilendem Wasser, wenn Sia den Geschichten glauben schenkte, die die Alten in kalten Winternächten am Feuer erzählten. Es war der letzte Strohhalm, an den sie sich klammerte, nachdem die Ärzte ihren geliebten Großvater aufgegeben hatten. Niemand wusste, woran er litt. Die geheimnisvolle Krankheit ereilte ihn von heute auf morgen und ließ ihn in unfassbarer Geschwindigkeit verfallen.

Ich habe keine Zeit, dachte Sia, ich muss hinaufklettern. Egal, was es kostet. Sie streifte die Lederhandschuhe über, ergriff die Efeuranken und setzte den ersten Fuß in das Gestrüpp.
„Denk an Großvater!“, sagte sie leise vor sich hin, „er muss gesund werden.“

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Der Fordbus des „Fed“ schnauft den schmalen Weg zur Ronneburg hinauf. Inständig hoffe ich, dass mir kein Auto entgegen kommt, weil es rechts und links keine Ausweichmöglichkeiten gibt. Immerhin weiß ich jetzt, dass die Ronneburg eine Höhenburg ist. Die Ritter haben sie auf einen Basaltkegel gebaut. Er ist eine der höchsten Erhebungen im Umkreis und man hat einen sagenhaften Blick auf die Landschaft. So konnten die Burgherren frühzeitig erkennen, wann Gefahr drohte oder Gäste kamen.

Die Kinder vom Kidsclub sind ziemlich aufgeregt. Besonders die Jungs, die komplett in der Überzahl sind. Die besondere Umgebung beflügelt die Fantasie der Kinder. Kevin bezahlt den Eintritt und bringt eine nette ältere Dame in historischen Gewändern mit. Sie stellt sich vor. Ihr Name ist Jana. Kinder und Betreuer nehmen auf Bänken platz. Jana erzählt etwas über die Geschichte der Ronneburg und beantwortet Fragen. Einer der Jungen fragt, ob es auch Drachen gegeben hat. Jana sagt: nein. Ich will ihr nicht widersprechen, aber insgeheim bin ich mir sicher, dass immer ein Körnchen Wahrheit in den Legenden steckt. Außerdem bin ich Schriftstellerin, wir müssen alles für möglich halten.

Aufmerksam folge ich Janas Ausführungen über die Ritterzeit und die Besonderheiten der Burg. Dann führt sie uns in das Innere der Burg. Bevor wir die Wohnräume zu sehen bekommen, führt sie die Gruppe ins „Brunnenhäuschen“. Der 96 Meter tiefe Brunnen beeindruckt die Kinder, und wohl auch uns Erwachsene, am meisten. Die Kinder rufen in den Brunnen und amüsieren sich über das Echo, das ohrenbetäubend wieder hinauf hallt. Auf Janas Kommando singen sie sogar ein Lied.

Wie haben die alten Ritter es bewerkstelligt einen beinahe 100 Meter tiefen Brunnen in den Fels zu hauen? Basalt ist nicht gerade ein weiches Gestein. Das muss ungeheuere Mühe gekostet haben. Aber so hatten sie selbst in Belagerungszeiten immer Trinkwasser. Jana lässt Wasser in einen Blecheimer laufen, und als die aufgekratzte Gruppe endlich still ist, schüttet sie es in den imposanten Brunnenschacht. Es dauert einige atemlose Sekunden, ehe wir das Platschen auf dem Wasserspiegel hören. Faszinierend. Später zeigt sie uns dann den Burgturm, der 30 Meter misst. Hinaufzusehen macht mich mit meiner Höhenangst schon schwindelig. Mir vorzustellen, dass der Brunnen noch zwei Mal tiefer ist, fordert meine ganze Fantasie und davon habe ich eigentlich genug.

Die Ronneburg ist im Inneren sehr gut erhalten (oder restauriert). Auf unserem Rundgang begegnet uns Ritter Bernd im Mittelaltergewandt, mit Stiefeln, Schwertgürtel und Messer. Ritter Bernd hat sehr kurze Haare. Ich hatte mir Ritter immer mit langem Haar und Bart vorgestellt? Er grüßt fröhlich. Später treffen wir ihn wieder und da hat er sogar ein Schwert dabei. Die Jungs sind begeistert und als Ritter Bernd sie anspricht, sind sie richtig ehrfürchtig und plötzlich ganz kleinlaut.

Die Küche ist ein interessanter Ort. Mit einem riesigen Kamin über einer großen Feuerstelle. In großen Kupferkesseln wurde für die Bewohner Eintopf gekocht und bei Festlichkeiten briet man dort die Schweine am Spieß. In der kalten Jahreszeit hielten sich die Bewohner meistens in der Küche auf. Erstens gab es dort zu essen und zweitens brannte dort immer ein Feuer. Jana zeigt uns, wie schnell sich die Glut wieder entfachen lässt. Allerdings würde mich auf die Dauer der Geruch von Rauch stören. Ich nehme an, die Ritter waren daran gewöhnt – und heilfroh, wenn sie aus der Winterkälte an einem Feuer ihre Hände und Füße wärmen konnten. In einer Außenwand macht Jana uns auf ein Loch aufmerksam, durch das der Abfall aus der Burg befördert wurde.

Jana schenkt Kevin eine Handvoll Glückssteine für alle. Sie sind so klein, dass die Gefahr besteht, dass sie ausversehen von einem der Kinder geschluckt werden könnten. Ich schlage die kleinen Halbedelsteine in ein Taschentuch und bewahre sie sicher in meiner Tasche auf.

Heute stehen sie in einem kleinen Glas neben meinem Laptop, mit Datum und Ort versehen. Ich durfte sie behalten, damit ich mich immer an diesen schönen Tag erinnere.

Der Burghof ist beinahe romantisch. Mit Bäumen und versteckten Nischen. Ob sich hier der Burgherr heimlich mit der Magd getroffen hat? Immerhin bietet er genug Platz für die Kinder sich auszutoben. Wir müssen aufpassen, dass uns niemand abhanden kommt. Aber nach ihrer Geduld bei der Führung, haben sie sich die Bewegung redlich verdient.

Außer dem Burgturm, Bergfried heißt er glaub ich, gibt es auf der Außenmauer der Burg noch mindestens zwei Aussichtsplattformen, von denen man einen herrlichen Ausblick hat. Damals waren sie sicher eher praktischer Natur – immerhin musste man die Gegend im Blick behalten, schließlich weckte so eine schöne Burg zweifellos begehrliche Wünsche bei den Nachbarrittern.

Die Kinder, die keine Angst haben, steigen mit Christine auf den Burgturm, während Kevin den Proviant aus den Autos holt, den Henni mit viel Liebe zubereitet hat. Es gibt belegte Brötchen, Karotten, Gurken und als Highlight Schokoküsse. Wie still die Kinder auf einmal sitzen können! Man hört kaum ein Wort.

Und tatsächlich machen sich die Glücksteine sofort „bezahlt“! Ich finde eine glänzende Pfauenfeder auf dem Kieshof vor dem Geschenkeshop, wo wir unser Picknick machen. Dort hat bei unserer Ankunft ein Pfau gesessen. Vielleicht hat er meinen bewundernden Blick bemerkt und sie mir als Geschenk zurückgelassen? Sie wird einen Ehrenplatz in meinem Tagebuch bekommen. Pfauenfedern findet man schließlich nicht jeden Tag.

Die Flugschau können wir nicht ansehen. Sie ist nur zwei Mal am Tag. Allerdings ist der Weg zur Ronneburg nicht so weit. Ich nehme mir fest vor, wieder zu kommen und die Burg noch einmal genauer zu erkunden. Außerdem will ich ganz viele Fotos machen. So eine schöne Burg ist eine Inspiration für märchenhafte Geschichten. Recherche direkt vor der Haustür, sozusagen. Dabei fällt mir eine Geschichte ein, die ich vor einigen Monaten geschrieben habe. Sie handelt von einem Zauberer, der in seinem Keller geheime Experimente macht. Zeit sie wieder hervorzuholen und weiter zu schreiben.

Die Zeit geht viel zu schnell vorbei, an diesem Nachmittag. Es war harmonisch und angenehm, mit den begeisterten Kindern und den netten Betreuern. Wir hatten Spaß, haben gelacht, etwas gelernt und alle sind wieder gut nach Hause gekommen. Bis zum nächsten Kidsclub.

Dies ist ein Bericht aus meinem „Tagebuch“. Ich musste diesen Nachmittag unbedingt festhalten, weil es ein so angenehmer Tag war und es mir wirklich sehr viel Spaß gemacht hat.

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Miss Odilia Cecilia Rosegarden trank wie jeden Morgen ihren schwarzen Tee mit zwei Stück Zucker. Nur am Sonntag nahm sie ein Stückchen Zucker mehr. Es hatte keinen besonderen Grund. Einfach weil Sonntag war, da konnte man sich auch mal etwas Gutes tun. Aber heute war ein ganz gewöhnlicher Dienstag und Miss Odilia Cecilia Rosegarden nahm nur zwei Stück Zucker.

Nebenbei streichelte sie eine ihrer zahlreichen Katzen, die die kleine urige, mit allerlei Tand voll gestopfte, Dachwohnung mit ihr teilten. Ihr Liebling war Artus, der silbergraue Kater mit den blauen Augen. Artus war sich seines königlichen Namens wohl bewusst und verhielt sich auch so. Majestätisch schritt er durch sein Katzenreich und gewährte Miss Odilia ab und zu die Gunst sich von ihr streicheln zu lassen.

Miss Odilia lebte schon viele Jahre hier oben über den Dächern von London. Von ihrer Dachterrasse aus, konnte sie ihre Blicke in jede Richtung schweifen lassen und bei klarer Sicht konnte sie die Themse wie ein silbern schimmerndes Band unter sich liegen sehen. Außerdem liebte sie es, hier mitten in der hektischen Stadt, des Nachts den Mond am Himmel zu sehen und wenn sie Glück hatte auch ein paar Sterne.

In den vielen Blumenkästen und Töpfen, die den kleinen Dachgarten bevölkerten, wuchsen allerlei verschieden Blumen und Kräuter, die Miss Odilia Cecilia für ihre Tränke brauchte. Sie standen sauber aufgereiht in einem großen Regal in der Küche und warteten auf ihren Einsatz. Miss Odilias ganzer Stolz waren zwei Rosenstöcke, der eine Weiß und der andere Rot. Die hatte sie einmal, vor vielen Jahren von zwei reizenden Schwestern, denen sie geholfen hatte, geschenkt bekommen und pflegte sie mit Hingabe.

Miss Odilia Cecilia Rosegarden trank also ihren Tee und knabberte an einem Zwieback. Sie überlegte angestrengt, welches ihrer Kleider zu einem leicht wolkenverhangenen Frühlingsdienstag passen könnte und entschied sich für das lindgrüne Tüllkleid mit den Löwenzahnblüten darauf.

Als Miss Odilia mit ihrem Morgentee fertig war, wusch sie sich, kämmte ihre goldenen Locken, zog das lindgrüne Tüllkleid an, setzte den passenden Spitzenhut dazu auf und wollte gerade aus der Tür, als sie bemerkte, dass sie noch ihre pinkfarbenen Puschelschläppchen an hatte. Sie eilte in ihr Schlafzimmer zurück und holte aus ihrem Schuhschrank ein Paar silberglitzernde Ballerinaschuhe.

Miss Odilia Cecilia Rosegarden war der Meinung, dass eine so wichtige Tätigkeit, wie das Verzaubern, mit genügend Glitter und Glamour verrichtet werden sollte, damit die Menschen, denen die Ehre ihrer Hilfe zu teil wurde, auch genau wussten, mit wem sie es zutun hatten.

So steckte Miss Odilia ihre Füßchen also in die glitzernden Schühchen und als sie wieder zur Haustür ging und an ihrer Kommode vorbei kam, stellte sie entsetzt fest, dass sie ihre wichtigsten Utensilien noch gar nicht eingesteckt hatte.

„Ach, wie kann man nur so vergesslich sein“, murmelte sie vor sich hin und hängte sich ihr kleines Täschchen um, in dem sich ihre Visitenkarten und ein Taschentuch, für alle Fälle, befanden. Sie setzte ihre Brille auf, die mit den eingelegten Glassteinchen, und nahm das Allerwichtigste an sich, dass sie für ihre Tätigkeit als Verzauberin brauchte: Ihren Zauberstab! Jedes Mal wenn sie ihn an sich nahm, überkam sie wieder das ehrfurchtsvolle Gefühl, das sie gespürt hatte, als sie die Beschäftigung des Verzauberns von ihrer Großmutter Titania Mirabelle Rosegarden übernommen hatte und sie ihr den Zauberstab vererbt hatte.

Er ist ein merkwürdiges Ding, dachte sie, wie so oft, bei sich. Der Zauberstab bestand aus einer durchsichtigen Glasröhre, in der eine zähe Flüssigkeit hin und her wabberte. In dieser Masse schwammen kleine Kristallsplitter, die je nach Lichteinfall aufstrahlten und mit der Sonne um die Wette glitzerten. Aber das wirklich Besondere an dem Stab war das Rubinherz, das die Spitze des Stabes krönte. Es leuchtete nicht immer auf, aber wenn, dann war alles möglich!

Miss Odilia Cecilia Rosegarden angelte nach ihrer Uhr, die ihr an einer Goldkette um den Hals hing. Als sie sah, wie spät es war, rief sie erschrocken:

„Ach du lieber Himmel, ich komme zu spät! Bestimmt ist Mister Brown schon vorbei gekommen.“

Mit einem Krachen fiel die Tür ins Schloss und Miss Odilia rannte, so schnell es ihre Ballerinas erlaubten, die fünf Stockwerke hinunter auf die Floral Street. Sie musste ihr Spitzenhütchen festhalten, als sie um die Ecke in die Long Acre Avenue einbog, denn ein laues Lüftchen wehte ihr entgegen, dass ihr den Hut von den Locken zu reißen drohte. Schnell eilte sie die Treppen zur Metro hinab, winkte dem Mann im Fahrkartenhäuschen, sprang in ihre Bahn und fuhr die zwei Stationen zum Piccadilly Circus. Dort stieg Miss Odilia aus und die Stufen zum Piccadilly empor. Umgehend steuerte sie auf den Eros-Brunnen zu. Das war Miss Odilias angestammter Platz, an dem sie immer anzutreffen war. Montags bis Freitags, von 9.00 Uhr bis nachmittags um 16.30 Uhr, damit sie die Metro nach Hause erreichte, um den Fünfuhrtee mit Artus einzunehmen.

Nur gegen 13.00 Uhr verließ sie kurz ihren Stammplatz, um sich bei Alberto ein Sandwich zu holen. Manchmal wenn Miss Odilia Cecilia Rosegarden ganz wagemutig war, erlaubte sie sich einen Cappuccino mit Sahnehäubchen dazu.

Aber heute hatte Miss Odilia Glück. Sie sah Mister Brown gerade im Eilschritt die Straße entlang hasten und auf sie zusteuern. Von der anderen Seite eilte Miss Mae heran. Miss Odilia hatte schon seit Wochen darauf gewartet, dass sich die Wege der beiden kreuzten und heute war es endlich soweit. So konzentrierte sie sich ganz fest auf das Herz ihres Zauberstabes und sagte einen Zauberspruch vor sich hin:

„Eros steh mir bei

dies dein Liebeszauber sei

Lass dein Licht erstrahlen

Das die Herzen sich erwärmen

Liebe lass entstehen,

die niemals mag vergehen.“

 

Dann mit einem kaum wahrnehmbaren Klirren, erstrahlte das eben noch leicht pulsierende Herz in vollem Rot und kleine Lichtstrahlen blitzten daraus hervor, die träge Flüssigkeit im Inneren der Glasröhre kam in Wallung und die Regenbogensplitter funkelten wild. Mister Brown ließ vor Schreck seine Unterlagen fallen, Miss Mae direkt vor die Füße. Sie bückte sich und half Mister Brown seine Zettel wieder einzusammeln. Dabei sahen sie sich tief in die Augen und als Mister Brown in sein Büro weiter eilte, hatte er die Telefonnummer der reizenden Miss Mae in seiner Jackentasche, mit dem Versprechen ihn zu einem Diner zu begleiten.

Miss Odilia Cecilia Rosegarden war glücklich. Endlich hatte es geklappt. Sie hatte schon fast daran gezweifelt, aber das Schicksal hatte es gut gemeint. Sie blickte zu Eros hinauf, der ihr einen schelmischen Blick zuwarf. Miss Odilia war heilfroh, dass sie ihre Brille heute Morgen nicht vergessen hatte. Leider war ihr dadurch schon das ein oder andere Missgeschick passiert. Liebeszauber waren ziemlich kompliziert und sensibel zu handhaben. Miss Odilia konnte ein Lied davon singen.

Mit Schrecken dachte sie an das hübsche junge Mädchen, Lizzy hieß sie, die sie durch ihre Kurzsichtigkeit mit diesem Rüpel Jim bezaubert hatte. Am Anfang war noch alles eitel Sonnenschein gewesen, aber dieser Jim hatte sich zusehends in ein Ekel verwandelt und Lizzy, dieses zierliche nette Persönchen, war einfach viel zu weich für diesen Fiesling. Inzwischen hatte sie drei kleine Kinder und lebte in einer herunter gekommenen Bude im schlechtesten Viertel der Stadt.

Oder der arme Mister Smith. Rita, das schöne, stille, schwarzhaarige Mädchen hatte sein Herz vom ersten Augenblick an höher schlagen lassen und als der geeignete Zeitpunkt gekommen war, hatte Miss Odilia ihren Teil dazu getan, dass dich die Zwei kennen lernten. Aber diese so strahlende Liebe war zu einem Desaster für den armen Mister Smith geworden. Gerade hatte er ihr den Ring an den Finger gesteckt, als aus der schönen Rita eine Furie wurde, die ihren Mann nach allen Regeln der Kunst unter Druck setzte und der er nichts recht machen konnte. Es war traurig mit an zusehen, wenn Mister Smith auf dem Weg in sein Kaufhaus mit blassem Gesicht und Rändern unter den Augen am Eros-Brunnen vorbei kam.

„Ach, ja“, seufzte Miss Odilia. Liebeszauber hielten leider nicht immer an. Schon Kleinigkeiten konnten sie stören oder mindern und sie war nicht dafür verantwortlich, wie die Bezauberten mit ihrer Liebe umgingen, sie führte sie lediglich zusammen, mehr nicht.

Miss Odilia war froh, dass solche Unglücke nicht so häufig passierten. Ihre Erfolgsquote war ziemlich hoch und immer wenn ein Paar, dass sie verzaubert hatte, Händchen haltend an ihr vorbei kam und die Augen der Liebenden Funken sprühten, erwärmte das ihr Herz. Abends wenn sie erschöpft vom Piccadilly heim kam, erzählte sie Artus ihre Erlebnisse und königlich, wie er nun einmal war, hörte er ihr gnädig zu und freute sich mit ihr über ihre Erfolge.

Der einzige Wehrmutstropfen, denn Miss Odilia Cecilia Rosegarden in ihrem Leben verspürte war, dass sie selbst noch kein passendes Gegenstück gefunden hatte. Manchmal geschah es, dass ein Mann vorbei kam, der ihr Herz höher schlagen ließ, aber während sie für andere Menschen einen geeigneten Gefährten erkennen konnte, zweifelte sie bei den Männern, denen sie selbst begegnete.

Während der vielen Jahre, die sie inzwischen hier am Eros-Brunnen ihrer Tätigkeit als Verzauberin nach kam, war ihr noch nie aufgefallen, dass es ganz in ihrer Nähe einen Mann gab, der sie verehrte, ja geradezu an himmelte und der genau der ideale Partner für sie gewesen wäre.

Er arbeitete etwas weiter die Straße hinunter, aber in guter Sichtweite von ihr, hinter seinem Leierkasten. Meistens war er schon vor ihr am Piccadilly. Sobald er sie erblickte spielte er ihr eines seiner herzerwärmenden Liebeslieder. Miss Odilia Cecilia Rosegarden war jeden Tag aufs Neue entzückt von den wundervollen Melodien. Aber den Mann, der sie so sehr liebte und nur für sie spielte, den bemerkte sie nicht.

Mister Jonathan Tristan Perivale trug einen schwarzen Frack, ein gestärktes weißes Hemd mit Fliege und auf dem inzwischen leicht ergrauten Haar einen glänzenden Zylinder. Seine hellblauen Augen strahlten wie die Sterne, wenn er Miss Odilias ansichtig wurde. Da er kein Mann von großen Worten war, brachte er es nicht übers Herz sie anzusprechen.

So liebte er sie Tag für Tag, Jahr für Jahr, in jeder Jahreszeit, spielte ihr die schönsten Lieder und wartete auf seine Chance, die sich so hoffte er, eines Tages ergeben würde.

Als Mister Jonathan Tristan Perivale an diesem Dienstag zu seinem Leierkastenstandplatz gegangen war, hatte er am Eros-Brunnen angehalten und einen glänzenden neuen Penny hinein geworfen. Ganz fest hatte er an Miss Odilia gedacht und sich gewünscht, dass er sie endlich kennen lernen könnte. Eros lächelte in sich hinein. Als Miss Odilia Cecilia Rosegarden an ihren Arbeitsplatz kam, war soviel Betrieb wie noch nie. Irgendwie hatte das lindgrüne Löwenzahnblütenkleid etwas genützt und die Sonne war hervor gebrochen. Die Menschen lächelten und verlangsamten ihre Schritte.

Nachdem sie Mister Brown und Miss Mae bezaubert hatte, kamen so viele zu bezaubernde Menschen vorbei, dass ihr Zauberstab heiß zu glühen begann. Inzwischen war es fast 13.00 Uhr, Zeit für ihr Sandwich. Miss Odilia machte sich auf den Weg zu Albertos Imbiss und während sie so ganz in Gedanken die Straße in Mister Jonathans Richtung entlang schwebte, fiel ihr der zauberhafte Stab aus der Hand. Sie stieß einen Entsetzensschrei aus, aber Mister Jonathan Tristan Perivale, der sie keine Sekunden aus den Augen gelassen hatte, sah das Unglück kommen und sprang gewandt hinzu, um das kostbare Stück auf zufangen. Als er den Stab in den Händen hielt begann er plötzlich zu funkeln und Lichtstrahlen auszusenden, die ihn und Miss Odilia einhüllten. Miss Odilia griff sich an ihr rasendes Herz.

„Oh, mein Herr“, stammelte sie, „sie haben meinen Verzauberstab gefangen! Wie kann ich ihnen jemals danken!“ Ihre Augen trafen sich und Mister Jonathan war noch verzauberter als vorher. Er nahm allen seinen Mut zusammen und sagte:

„Miss Odilia Cecilia Rosegarden, ich liebe sie, seit ich sie das erste Mal sah. Bis zum heutigen Tage sind 18 Jahre, 4 Monate, drei Tage und 5 Stunden vergangen und mein größter Wunsch ist es, den Rest meines Lebens mit ihnen zu verbringen.“

Dabei sah er sie mit soviel Liebe an, dass Miss Odilia wusste, dass sich in diesem Moment ihr Schicksal erfüllte. Sie legte ihre Hand in seine und fragte:

„Wie ist ihr Name mein Herr?“

„Jonathan Tristan Perivale“, antwortete er feierlich.

„Ja, mein lieber Jonathan, ich will den Rest meines Lebens mit dir verbringen“, sagte Miss Odilia genauso feierlich.

Und während die beiden Verzauberten zu einem gemeinsames Sandwichessen und einem Cappuccino mit Sahne zu Albertos Imbiss gingen, lachte Eros über das ganze pausbäckige Gesicht, endlich konnte er Miss Odilia glücklich machen, so wie sie es all die vielen Jahre getan hatte. Eros freute sich schon darauf Miss Odilia Cecilia Rosegarden und Mister Jonathan Tristan Perivale an Sonntagen Hand in Hand an seinem Brunnen vorbei spazieren zu sehen.

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Leise Flötenmusik dringt zu mir herauf. Leicht, wie Federn auf einer sanften Brise, schwirren sie durch die laue Sommerluft und versetzen mich in vergangene Zeiten. Ich schließe die Augen und sehe einen reich verzierten Brunnen mit einem neckischen Wasserspiel. Damen mit weißen Perücken, aufbauschenden Roben und kostbarem Geschmeide wandeln über die Wege des Schlossparks. Herren mit aristokratischer Miene stehen in Grüppchen herum und haben wichtige Dinge zu bereden. Kinder mit weißen Kleidchen und Ringelspielen tummeln sich auf dem Rasen. Diener in schwarzer Kleidung und mit ernsten Gesichtern laufen geschäftig zwischen den Menschen umher. Der König wird erwartet. Plötzlich ein Tusch. Die Menge verstummt. Man hört nur noch das Plätschern des Brunnens und die Flötenmelodie, die lustig und unbeirrt auf den Fontänen weiter tanz und langsam in das Rund des Beckens hinab fließt. Louis erscheint. Blass, vornehm, blutjung. Seine Bewegungen sind geschmeidig, wie die eines Tänzers. Die Menge erwartet eine Rede, irgendeine Ansprache. Alle starren ihn an. Eine Träne läuft über sein Gesicht. Er macht einen Schritt, dann noch einen, der in eine elegante Drehung hinüber gleitet. Louis nimmt die Töne der Querflöte auf und verbindet sie mit seinen Schritten. Sein Körper fließt mit der Musik dahin, seine Augen geschlossen gleitet er in ihrer Flut, er strömt und ruht auf der lieblichen Weise, als hätte er nie etwas anderes getan, bis die Töne vom Windhauch davon getragen werden. Die Menge verharrt in ehrfürchtiger Stille, kaum zu atmen trauen sie sich. Louis wirft einen Blick auf die Menge und verlässt den Garten so still, wie er gekommen ist.

 

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