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Posts Tagged ‘Bruder’

Gegen Abend verdichtete sich der Nebel des nasskalten Tages.

Die feuchte Luft lag wie ein Leichentuch über der lieblichen Landschaft und gab ihr ein bedrücktes Antlitz. Ich zog den breiten Schal enger um meine Schultern und war froh, dass ich den dicken Wollmantel angezogen hatte, den mein Bruder mir vererbt hatte. Mit der schwarzen Mütze, die ich mir tief in die Stirn gezogen hatte, sah ich aus wie ein Junge. Ein Umstand der mir bald zu gute kommen sollte. Doch davon später mehr.

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Das Schwert lag schwer in ihren Händen. Mariam sah auf den Mörder ihres Bruders herab. Er keuchte, die Hände auf die klaffende Bauchwunde gepresst, die Simon ihm beigebracht hatte, bevor sein Gegner ihm das Herz durchbohrte. Ihre Augen begegneten sich und noch im Angesicht des Todes lachte er.

„Ich bin nicht der einzige“, ein Röcheln unterbrach ihn, er schnappte nach Luft, dann fuhr er fort, „es werden andere kommen. Ihr habt keine Chance. Eure Familie wird ausgelöscht, für alle Zeit vom Erdboden vertilgt. Dann wird niemand mehr dasein, der uns aufhält.“

Mariam zitterte vor Wut.

„Aber noch ist es nicht soweit! So lange einer meiner Sippe die Kraft hat ein Schwert zu führen, werden wir euch bekämpfen. Ihr werdet für eure Bosheit bezahlen.“

Sie biss die Zähne zusammen und legte ihre ganze Kraft in den Hieb, der ihm den Kopf vom Rumpf trennte. Dunkles Blut spritzte aus seiner Halsschlagader. Es hatte einen eigentümlichen, Übelkeit erregenden Geruch nach fauligem Fleisch und dem aufdringlich, süßlich schweren Duft einer Blume.

Mariam glitt das Schwert aus den Händen. Sie presste sich ihr Halstuch vor Mund und Nase, um den penetranten Geruch fernzuhalten. Tränen rannen ihr über die Wangen. Sie kniete neben Simon nieder und streichelte sein blasses, kühles Gesicht. Sie spürte, dass ihn sein Geist schon längst verlassen hatte. Der Schmerz legte sich, wie ein zu fest gezogenes Korsett, um ihren schmalen Körper. Sie konnte kaum atmen.

„Ich habe dich gerächt, Bruder und Freund“, schluchzte sie, „wohin dein Geist gehen mag, wir werden beisammen sein, du und ich. Zwei von einem Blut. Gebunden im Leben, vereint im Tod. Ich schwöre, bei dir und unseren Ahnen, das zu tun, was uns bestimmt wurde. Bis wir uns auf der anderen Seite wiedersehen.“

Mariam schloss ihm sanft die Augen. Sie wusste, was zu tun war. Sie musste ihm die letzte Ehre erweisen, durfte nicht schwach sein, sich nicht von ihrem Schmerz hinreißen lassen.

Sie sammelte Brennholz und bahrte Simon auf. Dann schnitt sie dem Dämon die schwarzen Flügel von den kopflosen Schultern und bedeckte ihren Bruder mit der Trophäe. Er war ehrenvoll im Kampf gestorben. Mariam löste die Kette mit dem Zeichen der Adler von Simons Hals und legte sie sich um. Sie war die letzte Jägerin des Clans. Nun lag es an ihr, der Familie Ehre zu machen und das Werk weiterzuführen.

Mariam zog ein Fläschen aus ihrer Tasche, schüttete den Inhalt über den sterbliche Hülle ihres Bruders und zündete den Scheiterhaufen an. Sie murmelte ein paar Worte in einer unbekannten Sprache und sofort schossen imposante Flammen empor, die den Leichnam und das Holz in Brand setzten.

Mariam starrte auf das Feuer. Mit klagender Stimme sang sie die alten Lieder, die ihnen ihr Vater seit frühen Kindertagen, immer wieder vorgesungen hatte. Es weckte die Erinnerung an den Tag, an dem Simon und sie ihren Vater auf dieselbe Weise, auf die Reise ins Land der Ahnen geschickt hatten.

Erst als auch die letzten Flammen erloschen waren, rührte sich Mariam vom Fleck. Sie fror, fühlte sich steif, ihre Muskeln hatten sich verkrampft. Die Augen brannten von den Tränen und dem beißenden Rauch.

Mariam nahm das geweihte Schwert ihres Bruders an sich. Noch einmal sah sie sich zu dem Häufchen um, dass von dem Scheiterhaufen übrig geblieben war, dann wandte sie sich ab und ging zu ihrem Auto.

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„Wir machen Schluss für heute“, rief Dr.Anders.

Ich hörte, wie die anderen Studenten ihre Werkzeuge einpackten und die Höhle verließen. Langsam wurde es still, ihr Gelächter und das Murmeln der Stimmen verebbte. Ich befand mich im hinteren Teil der Höhhle und wusste, dass mich niemand besonders vermissen würde.

Meine Kommilitonen hielten mich für absonderlich und kümmerten sich nicht weiter um meine Anwesenheit. Manchmal bedauerte ich das, aber heute kam es mir sehr entgegen. Ich hatte einen sensationellen Fund gemacht, den ich mit niemandem teilen musste.

Für einen Moment lauschte ich gespannt in die Stille. Außer meinem Atem und meinem Herzschlag gab es keine weiteren Geräusche. Ich zog die Grubenlampe etwas näher an das Fundstück heran, nahm einen kleinen Spachtel und legte sehr   vorsichtig den Kopf des Tieres frei. Dann entfernte ich den Staub mit einem feinen Pinsel.

Mit angehaltenem Atem betrachtete ich den schmalen Kopf.

Sacht strich ich mit den Fingerspitzen über die Nase, die Stirn des Urzeitwesens. Trotz der vielen Jahrunderte, die das Tier in der Erde geruht hatte, fühlte sich die Haut nicht hart an, eher wie weiches Leder. Erstaunlich, dachte ich. Ich kannte das haptische Erleben von den Schlangen meines Bruders. Genauso fühlte sich ihre Haut an. Weich, geschmeidig, elastisch.

Unter der Haut des Reptils fühlte ich die Muskelbewegung des Reptils. Erschrocken zog ich meine Hand weg. Das Lid des Tieres hob sich und ein leuchtend grünes Auge, mit der schmalen Pupille einer Katze, sah mich an.

Ich wollte aufspringen, stolperte und fiel nach hinten. Jäh kam Leben in das Tier. Es stemmte sich aus dem Boden, stieß sich ab und landete auf meinem Bauch. Interessiert betrachtete es mich, schnüffelte an mir. Ich presste die Lippen zusammen und rührte mich nicht. Panik konnte es vertreiben oder aggressiv machen. Beides wäre kontraproduktiv gewesen.

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„Nein. Du packst dein Packet zu erst aus.“

Misstrauisch betrachtete ich das kleine Päckchen. Mein Bruder hatte mir schon tausend Mal dumme Scherze gespielt.

„Findest du nicht, dass du für solchen Blödsinn zu alt bist?“

„Was für einen Blödsinn? Ich bin nur so gespannt, was du dazu sagst! Bitte mach es auf.“

Er warf mir einen unschuldigen Blick zu. Ich kannte diesen Blick nur zu gut und er verhieß nichts Gutes. Andererseits, wie schlimm konnte es sein? Ein zappeliger Ohrwurm, ein paar nervöse Ameisen oder eine genervte Spinne? Vorsichtig löste ich das geblümte Geschenkpapier. Ich wollte das Tier im inneren der Schachtel nicht unnötig in Rage bringen.

Ein braunes Schächtelchen kam zum Vorschein. Ich sah noch einmal zu meinem Bruder hin. Ich bemerkte seinen angespannten Gesichtsausdruck. Auf alles Mögliche und Unmögliche gefasst, lüpfte ich sacht den Deckel der Schachtel und betrachtete verblüfft ihren Inhalt. Einen mumifizierten Finger.

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„Um Gottes Willen!“, ihre Augen weiteten sich entsetzt, „ist das wahr?“

„Wenn ich es dir doch sage!“, grinste ihr Bruder, „Hände, Beine und Kopf. Komplett bandagiert.“

„In welchem Krankenhaus liegt er?“

Er brach in schallendes Gelächter aus.

„Im Sankt Ignatius.“

Ihr Mitgefühl steigerte sich zu Panik.

„Sitz nicht rum! Wir müssen ihm helfen!“

Sie sprang auf und rannte hinaus.

„Jetzt ist er drin. Da kommt jede Hilfe zu spät. Er hat mehr Pech als ein umgedrehter Käfer“, rief er hinter ihr her, „ich fürchte, daran kannst du nichts ändern.“

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Ich sah ihn in dem Moment, als er den Raum betrat. Mein Herz tat einen zusätzlichen Schlag. Groß, athletisch, schmale Hüften, breite Schultern. Mein Bruder ging auf ihn zu und begrüßte ihn herzlich. Er lächelte und ich hielt den Atem an. Seine sinnlich vollen Lippen gaben zwei Reihen weißer Zähne frei, von denen einer etwas schief stand. Die hohen Wangenknochen, das Kinn mit dem angedeuteten Grübchen und die schmale Nase luden mich zu näherer Betrachtung ein. Im Geist malte ich jede Linie seines Gesichts nach, bis zu seinen faszinierenden Bernsteinaugen.

„Darf ich dir meine Schwester Larissa vorstellen?“ Riss mich die Stimme meines Bruders aus meiner Träumerei. „Larissa, das ist David.“

David streckte mir die Hand entgegen. Unsere Blicke trafen sich. Ein namenloser Schrecken raste durch meine Gedanken und meinen Körper. Ich drehte mich um und rannte davon.

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„Refugium für Schriftsteller, ruhige Zimmer, lang oder kurzfristig zu mieten. Gemeinsames Dinner, kein Gesellschaftszwang.“

Ich lese die Zeilen der Annonce ein weiteres Mal. Das ist die Gelegenheit. Endlich raus hier. Keiner der anruft, der plötzlich vor der Tür steht und mir sein Herz ausschütten will. Kein Chef, der Doppelschichten fordert, weil wir uns mit dem Geschäft identifizieren müssen. Ich zögere. Das Geld das mir mein Bruder Frances hinterlassen hat, ist meine einzige Sicherheit. Andererseits, wenn nicht jetzt, wann dann? Ich will endlich meinen Roman schreiben, ohne mich um den ganzen Alltagskram zu kümmern.

No risk, no fun, höre ich meinen Bruder sagen. Das war sein Motto. Nur wer etwas riskiert, muss sich am Ende nicht die Frage stellen, was wäre gewesen wenn … . So lebte er und so starb er, viel zu früh und ließ mich mutterseelenallein zurück.

Ich nehme den Telefonhörer ab und wähle die Nummer unter der Annonce. Frances wäre stolz auf mich. Er glaubte an mein Talent und ich will ihn nicht enttäuschen.

„Hallo, Pension Morgan, mein Name ist Sandy, was kann ich für sie tun?“, fragt eine angenehme Frauenstimme.

„Guten Tag“, mein Herz schlägt eine Spur schneller, „mein Name ist Lea Wynter. Haben sie die Anzeige in der „Post“ aufgegeben? Refugium für Schriftsteller.“

„Ja, da sind sie hier richtig.“

„Ich würde gerne eins ihrer Zimmer mieten und wollte mich nach den Preisen erkundigen.“

Die nette Dame am anderen Ende nennt mir verschiedene Preiskategorien. Bei der günstigsten Variante würde mein Geld für acht Monate reichen. Ich könnte ein halbes Jahr schreiben und die letzten zwei Monate dazu nutzen mir einen neuen Job zu suchen, falls es nicht klappt.

„Danke für die Information. Ich entscheide mich für Kategorie D. Hätten sie etwas frei?“

„Sie haben Glück. Ende der Woche wird ein Zimmer frei. Also … .“

Ich unterbreche Sandy aufgeregt.

„Ich nehme es. Das Zimmer. Kann ich am Montag anreisen?“

Sie hat ein angenehmes Lachen.

„Natürlich. Aber sie müssen nichts überstürzen.“

„Oh, das tue ich nicht“, sage ich, „ich nutze nur die Chance.“

„Das freut mich für sie, Miss Wynter. Würden sie mir ihre E-Mail-Adresse und ihre Telefonnummer durchgeben? Dann schicke ich ihnen die Unterlagen gleich zu.“

„Super.“

Ich gebe Sandy die gewünschten Informationen und verabschiede mich.

Jetzt werde ich einige weniger angenehme Telefonate und Gespräche führen müssen – aber wenn sich eine Tür von alleine öffnet, soll man hindurchgehen. Das mit dem Eintreten klappt nicht immer.

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