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Posts Tagged ‘Bruder’

Gegen Abend verdichtete sich der Nebel des nasskalten Tages.

Die feuchte Luft lag wie ein Leichentuch über der lieblichen Landschaft und gab ihr ein bedrücktes Antlitz. Ich zog den breiten Schal enger um meine Schultern und war froh, dass ich den dicken Wollmantel angezogen hatte, den mein Bruder mir vererbt hatte. Mit der schwarzen Mütze, die ich mir tief in die Stirn gezogen hatte, sah ich aus wie ein Junge. Ein Umstand der mir bald zu gute kommen sollte. Doch davon später mehr.

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Das Schwert lag schwer in ihren Händen. Mariam sah auf den Mörder ihres Bruders herab. Er keuchte, die Hände auf die klaffende Bauchwunde gepresst, die Simon ihm beigebracht hatte, bevor sein Gegner ihm das Herz durchbohrte. Ihre Augen begegneten sich und noch im Angesicht des Todes lachte er.

„Ich bin nicht der einzige“, ein Röcheln unterbrach ihn, er schnappte nach Luft, dann fuhr er fort, „es werden andere kommen. Ihr habt keine Chance. Eure Familie wird ausgelöscht, für alle Zeit vom Erdboden vertilgt. Dann wird niemand mehr dasein, der uns aufhält.“

Mariam zitterte vor Wut.

„Aber noch ist es nicht soweit! So lange einer meiner Sippe die Kraft hat ein Schwert zu führen, werden wir euch bekämpfen. Ihr werdet für eure Bosheit bezahlen.“

Sie biss die Zähne zusammen und legte ihre ganze Kraft in den Hieb, der ihm den Kopf vom Rumpf trennte. Dunkles Blut spritzte aus seiner Halsschlagader. Es hatte einen eigentümlichen, Übelkeit erregenden Geruch nach fauligem Fleisch und dem aufdringlich, süßlich schweren Duft einer Blume.

Mariam glitt das Schwert aus den Händen. Sie presste sich ihr Halstuch vor Mund und Nase, um den penetranten Geruch fernzuhalten. Tränen rannen ihr über die Wangen. Sie kniete neben Simon nieder und streichelte sein blasses, kühles Gesicht. Sie spürte, dass ihn sein Geist schon längst verlassen hatte. Der Schmerz legte sich, wie ein zu fest gezogenes Korsett, um ihren schmalen Körper. Sie konnte kaum atmen.

„Ich habe dich gerächt, Bruder und Freund“, schluchzte sie, „wohin dein Geist gehen mag, wir werden beisammen sein, du und ich. Zwei von einem Blut. Gebunden im Leben, vereint im Tod. Ich schwöre, bei dir und unseren Ahnen, das zu tun, was uns bestimmt wurde. Bis wir uns auf der anderen Seite wiedersehen.“

Mariam schloss ihm sanft die Augen. Sie wusste, was zu tun war. Sie musste ihm die letzte Ehre erweisen, durfte nicht schwach sein, sich nicht von ihrem Schmerz hinreißen lassen.

Sie sammelte Brennholz und bahrte Simon auf. Dann schnitt sie dem Dämon die schwarzen Flügel von den kopflosen Schultern und bedeckte ihren Bruder mit der Trophäe. Er war ehrenvoll im Kampf gestorben. Mariam löste die Kette mit dem Zeichen der Adler von Simons Hals und legte sie sich um. Sie war die letzte Jägerin des Clans. Nun lag es an ihr, der Familie Ehre zu machen und das Werk weiterzuführen.

Mariam zog ein Fläschen aus ihrer Tasche, schüttete den Inhalt über den sterbliche Hülle ihres Bruders und zündete den Scheiterhaufen an. Sie murmelte ein paar Worte in einer unbekannten Sprache und sofort schossen imposante Flammen empor, die den Leichnam und das Holz in Brand setzten.

Mariam starrte auf das Feuer. Mit klagender Stimme sang sie die alten Lieder, die ihnen ihr Vater seit frühen Kindertagen, immer wieder vorgesungen hatte. Es weckte die Erinnerung an den Tag, an dem Simon und sie ihren Vater auf dieselbe Weise, auf die Reise ins Land der Ahnen geschickt hatten.

Erst als auch die letzten Flammen erloschen waren, rührte sich Mariam vom Fleck. Sie fror, fühlte sich steif, ihre Muskeln hatten sich verkrampft. Die Augen brannten von den Tränen und dem beißenden Rauch.

Mariam nahm das geweihte Schwert ihres Bruders an sich. Noch einmal sah sie sich zu dem Häufchen um, dass von dem Scheiterhaufen übrig geblieben war, dann wandte sie sich ab und ging zu ihrem Auto.

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„Wir machen Schluss für heute“, rief Dr.Anders.

Ich hörte, wie die anderen Studenten ihre Werkzeuge einpackten und die Höhle verließen. Langsam wurde es still, ihr Gelächter und das Murmeln der Stimmen verebbte. Ich befand mich im hinteren Teil der Höhhle und wusste, dass mich niemand besonders vermissen würde.

Meine Kommilitonen hielten mich für absonderlich und kümmerten sich nicht weiter um meine Anwesenheit. Manchmal bedauerte ich das, aber heute kam es mir sehr entgegen. Ich hatte einen sensationellen Fund gemacht, den ich mit niemandem teilen musste.

Für einen Moment lauschte ich gespannt in die Stille. Außer meinem Atem und meinem Herzschlag gab es keine weiteren Geräusche. Ich zog die Grubenlampe etwas näher an das Fundstück heran, nahm einen kleinen Spachtel und legte sehr   vorsichtig den Kopf des Tieres frei. Dann entfernte ich den Staub mit einem feinen Pinsel.

Mit angehaltenem Atem betrachtete ich den schmalen Kopf.

Sacht strich ich mit den Fingerspitzen über die Nase, die Stirn des Urzeitwesens. Trotz der vielen Jahrunderte, die das Tier in der Erde geruht hatte, fühlte sich die Haut nicht hart an, eher wie weiches Leder. Erstaunlich, dachte ich. Ich kannte das haptische Erleben von den Schlangen meines Bruders. Genauso fühlte sich ihre Haut an. Weich, geschmeidig, elastisch.

Unter der Haut des Reptils fühlte ich die Muskelbewegung des Reptils. Erschrocken zog ich meine Hand weg. Das Lid des Tieres hob sich und ein leuchtend grünes Auge, mit der schmalen Pupille einer Katze, sah mich an.

Ich wollte aufspringen, stolperte und fiel nach hinten. Jäh kam Leben in das Tier. Es stemmte sich aus dem Boden, stieß sich ab und landete auf meinem Bauch. Interessiert betrachtete es mich, schnüffelte an mir. Ich presste die Lippen zusammen und rührte mich nicht. Panik konnte es vertreiben oder aggressiv machen. Beides wäre kontraproduktiv gewesen.

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„Nein. Du packst dein Packet zu erst aus.“

Misstrauisch betrachtete ich das kleine Päckchen. Mein Bruder hatte mir schon tausend Mal dumme Scherze gespielt.

„Findest du nicht, dass du für solchen Blödsinn zu alt bist?“

„Was für einen Blödsinn? Ich bin nur so gespannt, was du dazu sagst! Bitte mach es auf.“

Er warf mir einen unschuldigen Blick zu. Ich kannte diesen Blick nur zu gut und er verhieß nichts Gutes. Andererseits, wie schlimm konnte es sein? Ein zappeliger Ohrwurm, ein paar nervöse Ameisen oder eine genervte Spinne? Vorsichtig löste ich das geblümte Geschenkpapier. Ich wollte das Tier im inneren der Schachtel nicht unnötig in Rage bringen.

Ein braunes Schächtelchen kam zum Vorschein. Ich sah noch einmal zu meinem Bruder hin. Ich bemerkte seinen angespannten Gesichtsausdruck. Auf alles Mögliche und Unmögliche gefasst, lüpfte ich sacht den Deckel der Schachtel und betrachtete verblüfft ihren Inhalt. Einen mumifizierten Finger.

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„Um Gottes Willen!“, ihre Augen weiteten sich entsetzt, „ist das wahr?“

„Wenn ich es dir doch sage!“, grinste ihr Bruder, „Hände, Beine und Kopf. Komplett bandagiert.“

„In welchem Krankenhaus liegt er?“

Er brach in schallendes Gelächter aus.

„Im Sankt Ignatius.“

Ihr Mitgefühl steigerte sich zu Panik.

„Sitz nicht rum! Wir müssen ihm helfen!“

Sie sprang auf und rannte hinaus.

„Jetzt ist er drin. Da kommt jede Hilfe zu spät. Er hat mehr Pech als ein umgedrehter Käfer“, rief er hinter ihr her, „ich fürchte, daran kannst du nichts ändern.“

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Ich sah ihn in dem Moment, als er den Raum betrat. Mein Herz tat einen zusätzlichen Schlag. Groß, athletisch, schmale Hüften, breite Schultern. Mein Bruder ging auf ihn zu und begrüßte ihn herzlich. Er lächelte und ich hielt den Atem an. Seine sinnlich vollen Lippen gaben zwei Reihen weißer Zähne frei, von denen einer etwas schief stand. Die hohen Wangenknochen, das Kinn mit dem angedeuteten Grübchen und die schmale Nase luden mich zu näherer Betrachtung ein. Im Geist malte ich jede Linie seines Gesichts nach, bis zu seinen faszinierenden Bernsteinaugen.

„Darf ich dir meine Schwester Larissa vorstellen?“ Riss mich die Stimme meines Bruders aus meiner Träumerei. „Larissa, das ist David.“

David streckte mir die Hand entgegen. Unsere Blicke trafen sich. Ein namenloser Schrecken raste durch meine Gedanken und meinen Körper. Ich drehte mich um und rannte davon.

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„Refugium für Schriftsteller, ruhige Zimmer, lang oder kurzfristig zu mieten. Gemeinsames Dinner, kein Gesellschaftszwang.“

Ich lese die Zeilen der Annonce ein weiteres Mal. Das ist die Gelegenheit. Endlich raus hier. Keiner der anruft, der plötzlich vor der Tür steht und mir sein Herz ausschütten will. Kein Chef, der Doppelschichten fordert, weil wir uns mit dem Geschäft identifizieren müssen. Ich zögere. Das Geld das mir mein Bruder Frances hinterlassen hat, ist meine einzige Sicherheit. Andererseits, wenn nicht jetzt, wann dann? Ich will endlich meinen Roman schreiben, ohne mich um den ganzen Alltagskram zu kümmern.

No risk, no fun, höre ich meinen Bruder sagen. Das war sein Motto. Nur wer etwas riskiert, muss sich am Ende nicht die Frage stellen, was wäre gewesen wenn … . So lebte er und so starb er, viel zu früh und ließ mich mutterseelenallein zurück.

Ich nehme den Telefonhörer ab und wähle die Nummer unter der Annonce. Frances wäre stolz auf mich. Er glaubte an mein Talent und ich will ihn nicht enttäuschen.

„Hallo, Pension Morgan, mein Name ist Sandy, was kann ich für sie tun?“, fragt eine angenehme Frauenstimme.

„Guten Tag“, mein Herz schlägt eine Spur schneller, „mein Name ist Lea Wynter. Haben sie die Anzeige in der „Post“ aufgegeben? Refugium für Schriftsteller.“

„Ja, da sind sie hier richtig.“

„Ich würde gerne eins ihrer Zimmer mieten und wollte mich nach den Preisen erkundigen.“

Die nette Dame am anderen Ende nennt mir verschiedene Preiskategorien. Bei der günstigsten Variante würde mein Geld für acht Monate reichen. Ich könnte ein halbes Jahr schreiben und die letzten zwei Monate dazu nutzen mir einen neuen Job zu suchen, falls es nicht klappt.

„Danke für die Information. Ich entscheide mich für Kategorie D. Hätten sie etwas frei?“

„Sie haben Glück. Ende der Woche wird ein Zimmer frei. Also … .“

Ich unterbreche Sandy aufgeregt.

„Ich nehme es. Das Zimmer. Kann ich am Montag anreisen?“

Sie hat ein angenehmes Lachen.

„Natürlich. Aber sie müssen nichts überstürzen.“

„Oh, das tue ich nicht“, sage ich, „ich nutze nur die Chance.“

„Das freut mich für sie, Miss Wynter. Würden sie mir ihre E-Mail-Adresse und ihre Telefonnummer durchgeben? Dann schicke ich ihnen die Unterlagen gleich zu.“

„Super.“

Ich gebe Sandy die gewünschten Informationen und verabschiede mich.

Jetzt werde ich einige weniger angenehme Telefonate und Gespräche führen müssen – aber wenn sich eine Tür von alleine öffnet, soll man hindurchgehen. Das mit dem Eintreten klappt nicht immer.

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Vier Tage vor Weihnachten

1.

Autotüren schlagen. Ist Jeremy zurück? Ich springe auf, stürze zum Fenster und reiße es auf. Schneeluft zieht herein und lässt mich frösteln. Ich muss mich weit hinauslehnen, um in die Einfahrt zu sehen. Da steht Jeremys Wagen. Ob er Lucas mitgebracht hat? Viel hat er nicht von ihm erzählt, nur dass er unschuldig ist. Jeremy, er ist Anwalt, ein sehr guter dazu, flog vor zwei Wochen nach Vancouver, um einen seiner Studienfreunde, Lucas North, aus dem Gefängnis zu holen. Die ganze Familie befand sich in heller Aufregung und hoffte jeden Tag auf positive Nachrichten. Als endlich die Mitteilung kam, dass sie auf dem Rückflug waren, fiel uns ein Stein vom Herzen.

Ich warte, bis es unten wieder still wird. Nebenan in Jeremys Zimmer höre ich Geräusche. Jetzt hab ich ihn für mich alleine. Ich husche hinüber. Ohne anzuklopfen reiße ich die Tür auf.

„Jeremy! Du meine Güte. Ich glaube, du bist gewachsen“, ziehe ich ihn auf.

Ich umarme meinen 1,90 Meter großen Bruder und drücke ihm einen dicken Kuss auf die Wange.

„Ich wollte gerade fragen, ob du geschrumpft bist!“

Er grinst über das ganze Gesicht und wirbelt mich herum.

„Hast du ihn mitgebracht?“

Ich platze vor Neugier. Jeremy wirft mir einen merkwürdigen Blick zu.

„Geht’s dir nicht gut?“

Ich knuffe ihn freundschaftlich in die Seite. Jeremy fasst mich bei den Schultern, dreht mich in die andere Richtung und mein Herz setzt einen Schlag aus.

„Meinen sie mich?“

Vor mir steht ein großer athletischer Mann. In seinem blassen Gesicht, das von dunklen Haaren eingerahmt wird, glühen ungewöhnlich blaue Augen mit langen Wimpern. Über seine schmalen Lippen huscht ein Lächeln. Oh, Himmel, sieht der Mann gut aus.

„Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

Keinen Geist, nur einen gefallenen Engel. Ich gehe auf ihn zu und strecke ihm meine Hand entgegen.

„Ich heiße Stella. Du bist also Lucas.“

Er nickt belustigt, aber hinter seinem fiebrigen Blick lauert etwas Dunkles, dass mich beunruhigt. Lucas schüttelt mir die Hand. Sein Händedruck ist fest und warm. Ich kann seinen Herzschlag spüren. Das beunruhigt mich noch mehr. Obwohl er ganz lässig da steht fühle ich seine innere Zerrissenheit, seine Qual und den Schmerz.

„Ich hoffe es stört dich nicht, dass ich in Jeremys Zimmer schlafe.“

„Nein, wenn es dich nicht stört, dass ich ab und zu mal vorbei komme und mir bei dir die Füße wärme“, rutscht es mir heraus.

Das ist eigentlich Jeremys Job, seit ich laufen kann. Lucas schaut mich verständnislos an. Ich erröte bis zu den Haarspitzen.

„War nur ein Scherz.“ Jeremy gibt Lucas einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und grinst. „Loses Mundwerk, die Kleine. Das hat sie so an sich, gewöhn dich dran.“

„So, also Ok, ich muss den Baum zu Ende schmücken. Wir sehen uns nachher.“

Ich muss weg. Lucas Blick geht mir unter die Haut.

„Aber mach es ordentlich! Ich schaue mir den Baum gleich an.“

„Nur nicht frech werden, mein Lieber!“

Ich versetze Jeremy einen Stoß in die Rippen, dann rase ich die Treppe hinunter, weil ich weiß, dass sich mein Bruder keine Gelegenheit zu einer Kabbelei entgehen lässt.

***

Die Leiter wackelt ein bisschen, aber der Stern muss noch auf der Tannenspitze angebracht werden. Für meine Höhenangst ist das Gift. Aber – ich bin groß, ich bin mutig – rauf auf das Ding. Mit weichen Knien klettere ich eine Stufe nach der anderen hinauf. Ich lehne mich vor, greife nach der Baumspitze und versuche den Stern darauf zu platzieren. Die Leiter kippt etwas nach links. Ich höre ein Geräusch, dreh mich um und falle – in Lucas Arme.

„Du solltest eine hohe Leiter nicht hinauf klettern, ohne dass einer festhält.“

Lucas stellt mich auf die Füße und sieht auf mich herunter. Oh, Mann, riecht der Mann gut. Ich könnte ohnmächtig werden, aber dann hätte ich nichts mehr davon. Ich spüre die Muskeln unter seinem Hemd. Diese Augen! Das Blau erinnert mich an Frühlingshimmel, umkränzt mit dunklem Flor, der ihm einen Hauch von Melancholie verleiht.

„Alles OK?“

Lucas hält mich immer noch fest.

„Ich glaube schon. – Aber der Stern hängt immer noch nicht am richtigen Platz.“

„Kein Problem.“

Lucas steigt die Leiter hinauf, befestigt den Stern und das war`s. Leider musste er mich dafür loslassen.

„Danke. – Darf ich dich was fragen?“

Mir geht die ganze Zeit die Frage durch den Kopf, wie er es im Gefängnis ausgehalten hat und ob die Wärter ihn anständig behandelt haben.

„Klar.“

Unschlüssig stehe ich da. Wie soll ich die Frage formulieren? Jeremy hatte vorher gesagt, ich sollte meine Neugier im Zaum halten. Mein Mund ist wieder schneller, als mein Kopf.

„Kinder! Kommt ihr? Der Tee ist fertig!“ Ruft meine Mum aus der Küche.

„Oh, wir reden später darüber. Wir sollten uns beeilen, sonst essen meine lieben Brüder die besten Sachen auf, bevor wir sie überhaupt gesehen haben.“

Dank Mum kann ich mich aus der Affäre ziehen. Lucas Augen durchdringen mich. Immer wieder ziehen sich unsere Blicke an. Am Tisch setzt er sich neben mich. Kerzen und gedämpftes Licht verbreiten eine angenehme anheimelnde Atmosphäre. Der sanfte Duft von Tannenzweigen, Zimt, Nelken und Orangen erfüllt die Luft. Von den Tischgesprächen bekomme ich wenig mit. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt Lucas von der Seite anzuschauen und mir jede Linie seines Gesichts einzuprägen. Er ist so präsent, dass ich an nichts anderes denken kann. Meine Geschwister und Eltern scherzen und plaudern munter drauf los und ich spüre, wie sich Lucas innere Anspannung langsam löst. Mein Blick fällt auf die Uhr. Ich muss gleich los. Sonst komme ich zu spät.

„Leider muss ich euch verlassen.“

„Musst du denn wirklich noch mal weg?“ Fragt Mum.

„Ja, du weißt doch, heute Abend ist Vorlesestunde.“

„Ach ja, stimmt. Dann sehen wir uns zum Abendessen?“

„Ich weiß noch nicht, Mum.“

„Ja, ja“, Mum lacht, „wenn Harry dich gehen lässt. Aber vielleicht erzählst du ihm, dass wir Besuch haben?“

Ich spüre Lucas forschenden Blick und vermeide es ihn anzusehen. Mein Hals ist wie zugeschnürt. Ich schlüpfe in meine Stiefel, wickel den Schal um meinen Hals und setzte mir meine Lieblingsmütze auf.

„Darf ich dir in die Jacke helfen?“

Lucas steht unerwartet neben mir, nimmt mir die Daunenjacke aus der Hand und hält sie galant hin.

„Danke.“

„Ich würde dich gerne begleiten. Ein Spaziergang an der frischen Luft wird mir gut tun.“

„Warum nicht? – Weißt du, wo ich hin will?“

„Nein. Aber du wirst es mir bestimmt gleich sagen.“

Unwillkürlich muss ich lächeln und zögere kurz.

„Lass dich überraschen.“

Lucas schaut mich mit diesem irritierenden Blick an. Er trägt einen dunklen halblangen Wollmantel. Statt Mütze setzt er die Kapuze seines Pullis auf und wickelt den Schal um.

„Wie hast du es im Gefängnisse ausgehalten? Ist es in den Betonklötzen warm genug?“

Lucas Blick verfinstert sich. Er zieht die Schultern hoch und vergräbt die Hände in den Taschen. Das Thema scheint nicht gefragt zu sein. Ich verwünsche meine lose Zunge. Seit ich von meinem Zustand weiß, ist es schlimmer geworden. Als müsste ich vor dem Ende noch alles rauslassen, was mir im Kopf rumgeht. Schweigend stapfen wir durch den frischen Schnee. Es knirscht unter unseren Stiefeln. Ein Geräusch, dass ich als Kind besonders geliebt habe. Ich befürchte Lucas bereut, dass er mich begleiten wollte. Außer uns beiden ist niemand unterwegs. Bedauerlich, dass mich niemand mit diesem gutaussehenden Mann sehen kann. Das wäre doch mal ein Gesprächsthema für unsere Kleinstadt. Nach einer Weile beginnt es zu schneien. Dicke Flocken schweben langsam zur Erde.

„Ist das nicht schön?“, versuche ich die Stille zu durchbrechen.

„Ja“, antwortet Lucas leise.

Mein Herz zieht sich zusammen. Lucas ist ein offenes Buch, gleichzeitig ein Minenfeld, für mich. Ich möchte ihm sagen, was ich fühle. Das ich seinen Schmerz verstehe, aber ich denke an seinen abweisenden Blick und schweige.

„Wer ist eigentlich Henry?“, fragt Lucas beiläufig.

„Henry ist mein Freund.“

„Dann wäre es vielleicht besser, wenn ich wieder nach Hause gehe.“

Lucas bleibt stehen und schaut mich herausfordern an. Ich lächele zuckersüß.

„Wieso? Ich habe Henry von dir erzählt. Er ist gespannt dich kennenzulernen.“

Lucas runzelt die Stirn. Ich hake ihn unter und ziehe ihn sanft hinter mir her.

„So, da wären wir.“

Mit einem leisen Geräusch schieben sich die Flügel der automatischen Tür auseinander und wir betreten das Seniorencenter. Henry steht im Flur und läuft nervös hin und her.

„Hallo, Stella, mein Mädchen!“ er stürzt auf mich zu und drückt mich ganz fest, „ich dachte, du hast uns vergessen.“

„Henry, also wirklich! Habe ich euch einmal vergessen?“

Henry grummelt sich etwas in den imaginären Bart.

„Darf ich dir Lucas North vorstellen?“

Ich drehe mich um und schiebe Lucas nach vorne.

„Das ist Henry Milton.“

„Hallo, Lucas, mein Junge, schön dich kennenzulernen.“

Henry schüttelt Lucas kräftig die Hand. Ich unterdrücke ein Grinsen, als ich Lucas ungläubigen Blick sehe.

„Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, erwidert Lucas.

„Ich hoffe, wir können uns mal über deine Zeit im Gefängnis unterhalten. Das würde mich sehr interessieren.“ Henry klopft Lucas freundschaftlich auf die Schulter. „Ich bewundere deine Courage.“

Henry geht uns in den Gemeinschaftsraum voran.

„Wer weiß noch alles davon“, flüstert Lucas mir zu.

„Niemand! Aber ich sagte dir, Henry ist mein Freund.“

Ich werfe Lucas einen Unschuldsblick zu und drücke sanft seine Hand, dann werden wir von den anderen Senioren begrüßt, die sich zweimal die Woche zum Vorleseabend versammeln. Elise, eine feine, silberhaarige Dame zieht mich zur Seite und sagt:

„Was für ein schöner, junger Mann. Den solltest du dir warm halten.“

Ich sehe zu Lucas und fange seinen dunklen Blick auf. Er hat gehört, was Elise gesagt hat. Rotflashalarm.

„Willst du auch vorlesen?“ frage ich Lucas.

„Heute nicht, aber beim nächsten Mal – warum nicht?“

Ich setzte mich in den Ohrensessel, der am Kamin steht und auf dem Henry das Buch bereit gelegt hat. Lucas sitzt ganz in meiner Nähe und wende den Blick keine Sekunde von mir ab. Als er sieht, dass ich aus Herr der Ringe vorlese, zieht er erstaunt seine Augenbrauen hoch.

„Bevor wir Frodo nach Rivendell begleiten, lese ich euch ein schönes Gedicht von Hilde Domin vor, dass ich diese Woche gelesen habe: Herbstaugen.“

Es ist still und die Anwesenden lauschen andächtig, als ich die Verse lese. Am Ende geht ein leises Seufzen durch die Reihen und ich muss lächeln. Lucas Augen halten mich fest und mein Herz rast. Ich bin nicht für Lucas bestimmt. Ich bin für niemand bestimmt. Aber ich liebe ihn.

„Als Frodo erwachte, lag er im Bett. Zuerst glaubte er, verschlafen zu haben, nach einem langen, unangenehmen Traum, der ihn am Rande seiner Erinnerung immer noch quälte. …“

Als ich knapp zwanzig Seiten später aufhöre, ertönt das zweite allgemeine Seufzen.

„Ich weiß, dass ihr noch stundenlang zu hören könntet, aber alles geht einmal zu Ende. In drei Tagen geht es weiter.“

„Erst in drei Tagen?“

Mary sieht enttäuscht aus. Lucas steht plötzlich neben mir und flüstert mir zu:

„Wenn ich lese, können wir doch übermorgen weiter lesen.“

„Ist das dein Ernst?“

„Glaubst du, ich würde das sagen, wenn es nicht ernst wäre?

„OK. – Hört mal Leute. Lucas bietet euch an, übermorgen weiter zu lesen.“

Kurzes Schweigen. Kurzes Getuschel. Dann allgemeine Zustimmung.

„Aber du kommst doch auch Kindchen?“, fragt Conny.

„Natürlich, ich will doch nicht, dass Lucas bei euch wilden Mädels abhanden kommt.“

„Ach, Kindchen“, kichert Conny und gibt mir einen Klaps auf den Rücken.

Lucas schaut mich fragend an und ich muss lachen.

„Die älteren Damen hier, wissen einen jungen Mann durchaus zu schätzen“, flüstere ich ihm zu.

„So?“

Er sieht verdutzt aus und ich überlege, ob ich ihn aufklären soll. Er wird schon merken, wie die alten Leutchen drauf sind.

Auf dem Heimweg gehen wir eine Weile schweigend nebeneinander her. Ich habe meine Handschuhe im Center vergessen. Tja, was man nicht im Kopf hat. Ich rubbele mein Handflächen aneinander und puste kräftig in die hohlen Hände.

„Hattest du vorhin nicht Handschuhe an?“

„Die habe ich liegengelassen. – Jeremy meint, eines Tages vergesse ich meinen Kopf.“

Lucas bleibt stehen und nimmt meine Hände in seine. Sie sind ganz warm. Er schaut auf mich herunter.

„Kleine Hände“, sagt er zusammenhangslos.

So stehen wir eine ganze Weile wortlos unter einer Laterne. Die Schneeflocken trudeln um uns herum, wie weiße kleine Motten. Wie lange hat er keine Frau mehr berührt?

„Ich glaube, wir müssen langsam weiter.“

„Sonst alarmiert deine Mum einen Suchtrupp.“

Ich muss lachen. Lucas lässt mich nicht los. Wir gehen Hand in Hand. Es fühlt sich so gut an.

„Wohl kaum. Meine Mum hat zwar einen Stall voll Kinder, aber eine Glucke ist sie nicht. Ich denke eher, dass sie auf unseren gesunden Menschenverstand vertraut. –

Von dem ich wahrscheinlich das wenigste abbekommen habe.“

„Den Eindruck machst du nicht.“

„Du kennst mich noch nicht sehr lange.“

„Dein Bruder hat mir so einiges von dir erzählt.“

„So? Na warte, wenn ich nach Hause komme.“

Hoffentlich hat er ihm nicht von der Krankheit erzählt, dann reiße ich ihm den Kopf ab. Ich hasse es, wenn die Leute Mitleid mit mir haben. Denn das haben sie meistens. Kein Mitgefühl, nur Mitleid. Ekliges klebriges Mitleid, obwohl sie keine Ahnung von dem haben, was in mir vorgeht.

„Es war nur Gutes.“

„Na, dann will ich das mal glauben.“

„Hallo, ihr Zwei, da seid ihr ja wieder! Ich statte mal eben deinem Onkel einen Besuch ab.“

Mein Dad kommt uns in der Einfahrt entgegen. Ich will Lucas meine Hand entziehen, aber er hält mich fest. Dad grinst und geht ein Stück die Straße hinunter zu Onkel Mo.

„Du kannst dich glücklich schätzen, dass du so eine tolle Familie hast.“

„Du auch.“

„Ich? Wieso?“ Lucas zieht die Augenbrauen hoch und sein Blick verdunkelt sich wieder.

„Weil du dazu gehörst.“

Er sieht mich skeptisch an.

„Man kann nicht einfach zu einer Familie gehören.“

„Zu unserer schon. Solltest du einmal in Not sein – jeder von uns würde dir zu Seite stehen und wie du gehört hast, Henry wartet nur zu gespannt auf einen Bericht von dir.“

Mum öffnet die Tür und wir entledigen uns unserer Jacken und Stiefel.

„Lucas, endlich – wir wollen einen Thriller ansehen.“

Jeremy steckt seinen Kopf zur Tür herein.

„Komme gleich“, Lucas hängt seinen Mantel auf, „kommst du nicht mit?“

Ich schüttele den Kopf.

„Nein, ich würde euch nur alle erschrecken, mit meiner Angst. Ich will noch malen.“

Langsam geht Lucas zur Tür.

„Lucas!“

Er dreht sich um.

„Das du zu uns gekommen bist, hat einen tieferen Grund, auch wenn du ihn noch nicht verstehst. Glaub mir.“

Ich eile ich die Treppe hinauf. Wenn er mich weiter so anschaut, kann ich für nichts garantieren.

***

Es klopft. Hastig schiebe ich die Bilder auf meinem Zeichenbrett zusammen.

„Ja.“

„Hallo, ich wollte dir gute Nacht sagen.“ Lucas steckt seinen Kopf zur Tür herein. „Darf ich rein kommen? Ich würde gerne sehen, was du gezeichnet hast.“

Bevor ich etwas dagegen tun kann, nimmt er die Bilder vom Brett und schaut sie an. Lucas nickt anerkennend.

„Toll! – Das bin ja ich.“

Er hält mir ein Blatt hin, das ein Porträt von ihm zeigt. Ich klopfe mir nur ungern auf die Schulter, aber das Bild ist mir sehr gut gelungen. Vielleicht liegt es daran, dass man nur mit dem Herzen gut sieht und Lucas sehe ich mit meinem Herzen.

„Erwischt.“

„Donnerwetter! Ohne Vorlage, nur aus dem Kopf.“

„Möchtest du es haben?“

Lucas schüttelt den Kopf.

„Nein. Du hast meine Gefühle nach außen gekehrt und ich glaube kaum, dass ich das Bild immer ansehen kann. – Ich hätte lieber ein Bild von dir.“

Beunruhigend wie schnell mein Herz schlagen kann. Andererseits, das Leben findet jetzt statt.

„Ich mache nicht gerne Selbstporträts, aber für dich will ich es versuchen.“

„Danke. – Wir sehen uns morgen.“

„Schlaf gut.“

„Ich versuch es, aber ich muss dich warnen. Ich schlafe sehr unruhig und hoffe, ich störe dich nicht.“

„Mach dir keine Sorgen, da sind wir schon zwei.“

Ich sehe die Frage in seinen Augen, aber er hält sie zurück. Als er draußen ist, hänge ich Lucas Bild über meinem Bett auf.

***

Es ist ein Uhr durch. Ich lege mein Buch weg, stelle die Musik aus und schließe die Augen. Die Leselampe lasse ich an. Ohne Licht kann ich nicht einschlafen. Ich habe Angst im Dunkeln aufzuwachen. Mehr noch habe ich Angst gar nicht mehr aufzuwachen, deswegen schlafe ich kaum und wenn, ist es mehr ein Dösen, als tief schlafen.
Ich lausche. Lucas schläft wirklich sehr unruhig. Ich höre ihn stöhnen, er liegt kaum still, das Bett knarrt in kurzen Abständen. Ein beklemmendes Gefühl steigt in mir auf, dass mir den Atem nimmt. Ich stehe auf. Einen Moment zögere ich vor seiner Tür. Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Ich ignoriere alle und drücke die Klinke geräuschlos herunter.

Lucas liegt auf dem Bett. Ich sehe die Tätowierungen auf seinem nackten Oberkörper und seinen Armen. Was hat er aushalten müssen, dass ihn so quält? Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. Er wird mit diesen Schrecken noch viele Jahre leben müssen, während mir nicht mehr viel Zeit bleibt mit meinen Schrecken zu hadern.

Vorsichtig gleite ich unter seine Decke, strecke meine Hand aus und streiche sacht über seinen Arm. Langsam löst sich die Verkrampfung aus seinen Muskeln. Er atmet gleichmäßiger, seine angespannten Gesichtszüge lockern sich und seine zitternden Augenlider werden ruhig. Ich rutsche näher an ihn heran. Wie selbstverständlich schmiegen sich unsere Körper aneinander. Die Wärme seiner Haut, sein Duft, sein Atem, der über mein Gesicht streicht, wecken Gefühle in mir, die mich erzittern lassen. Plötzlich ist ganz leicht die Augen zu schließen. Lucas ist hier. Er wird nicht zulassen, dass ich von dieser auf die andere Seite gehe.

2.
Ein Augenaufschlag trennt mich von der Wirklichkeit. Lucas liegt neben mir. Er atmet ruhig. Ich spüre seinen kräftigen, warmen Körper. Nicht aufwachen aus diesem Traum. Nie mehr. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so tief geschlafen habe, ohne Angst. Ich schlage die Augen auf. Lucas sieht mich an. Wie lange schon?

„Du warst hier.“

Es ist keine Frage, eher eine Feststellung.

„Ja.“

Lucas streicht mir sanft eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Fingerspitzen fahren die Linien meines Gesichts nach. Ein angenehmes Kitzeln setzt sich auf meinen Lippen fest, als er sie berührt.

„Wie schön du bist.“

Wehmut macht sich in meiner Brust breit und ich versuche die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.

„Ich möchte nicht schön sein. Schönheit macht mich traurig. Je schöner etwas ist, umso schneller vergeht es.“

„Ich werde immer wissen, wie schön du bist.“ Lucas Atem streift mein Gesicht. „Ich will dich.“

Seine raue Stimme macht mir eine Gänsehaut. Er presst mich an sich. Mit einem wilden Aufstöhnen küsst er mich. Alles an ihm, seinen Bewegungen, ist fest und stark. Lucas hat eine Kraft, wie ich sie noch nie bei einem Mann gespürt habe. Er könnte mich ohne Anstrengung zerbrechen. Sein Feuer, seine unbändige Lust erfüllt meinen Körper. Seine Hände, sein Mund sind überall. Ich verbrenne im Feuer und erfriere gleichzeitig im eisigen Wind. Lucas ist die Flamme und der Sturm.

„Oh, mein Gott“, flüstert er und liebkost meine Brüste, „du bist so unglaublich schön.“

Seine Lippen zupfen an meinen harten Knospen und ich dränge mein Becken gegen seine Lenden, fühle seinen steifen Schwanz. Langsam gleiten seine Lippen bis zu meiner Venus hinab. Als seine heiße, raue Zunge sich den Weg zu meiner Perle sucht, stoße ich einen kleinen Schrei aus, meine Finger krallen sich in die Kissen. Seine Hände legen sich um meinen Po. Seine Zunge versinkt zwischen meinen Schamlippen und stößt gierig zu meiner Venus vor. Ich fließe vor Erregung. Das treibt Lucas immer weiter an.

„Bitte, ich will dich fühlen.“

Lucas kommt über mich, sein harter, heißer Schwanz dringt langsam und tief in mich ein. Ein wilder Laut rutscht mir aus der Kehle. Ich spüre sein Gewicht auf mir. Sein Mund sucht meinen Mund. Unsere Zungen verschlingen sich in einem wilden Spiel. Ich öffne meine Augen und sehe in seine dunklen geheimnisvollen. Die Lust peitscht sich zu einer Welle auf und Lucas stößt in einem harten langsamen Rhythmus zu. Immer weiter treibt er unsere Lust und ich klammere mich an ihn. Die Explosion folgt wie Blitz und Donner. Ich komme mit einem Schrei und Tränen laufen mir über das Gesicht. Lucas stößt noch einmal zu und mit einem tiefen Stöhnen erfüllt er mich mit seinem heißen Saft. Zwei Naturgewalten, die sich aufheben, das neue Leben und der nahe Tod. Genese und Apokalypse. Er nimmt was er so lange entbehrte und ich nehme alles was sich bietet, bevor es vorbei ist.

Sanft wischt Lucas mit dir Tränen von den Wangen. Mein Herz schlägt wild gegen meine Rippen, meine Sehnsucht ist so erschöpfend, dass ich mich in ihr auflösen könnte.

„Was sind das für Tätowierungen?“

„Sie bedeuten Leben und Tod, Hoffnung und Grauen.“

„Ich möchte dir gerne etwas schenken.“

Seine dunklen Augen treffen mich direkt ins Herz.

„So? An was denkst du?“

„Ich würde dir gerne eine neue Tätowierung schenken. – Ich zeichne sie. Meinem Bruder Jonas hat einen guten Freund, der ist Tätowierer, der sticht sie dir.“

„OK.“

Ich will mich aus seinen Armen winden, aber Lucas hält mich fest.

„Nein. Du kannst nicht einfach gehen.“

Und bevor ich mich versehe, erfüllt mich Lucas mit seinem unstillbaren Verlangen und wir stürzen zurück in einen Strudel aus Lust.

***

Ich habe es mir mit meinem Block und meinen Zeichenutensilien auf meinem Bett gemütlich gemacht. Mum und Dad sind zu Onkel Mo und Tante Tia hinüber gegangen und werden den Nachmittag und Abend dort verbringen. Meine Brüder haben Lucas dazu verleitet sie zum Eislaufen zu begleiten. Ich hoffe, sie werden ihn nicht in seine Einzelteile zerlegen. Nur ein bisschen Hockey spielen haben sie gesagt. Wie das aussieht kenne ich. Ohne blaue Flecken, Prellungen und im schlimmsten Fall gebrochenen Knochen geht das nicht ab. Es klopft.

„Herein!“

„Lucas? Nanu, schon zurück?“

Er lächelt. Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass er etwas mit sich herum schleppt, das ihm das Leben zur Folter macht.

„Ja. Deine Brüder haben nicht mit meiner Gegenwehr gerechnet. Sie müssen erst mal ihre Wunden lecken.“

Er stellt mir einen heißen Kakao auf den Nachttisch.

„Darf ich die Zeichnung sehen.“

„Nein, nur nicht so neugierig sein.“

„Na gut, sag mal, hast du das Buch „Herr der Ringe“ auch hier? Wenn ich morgen etwas vorlesen soll, dann wäre es nicht übel den Text schon gelesen zu haben.“

„Da drüben im Regal.“

Lucas holt sich das Buch, setzt sich zu mir aufs Bett und beginnt mir vorzulesen. Seiner angenehmen Stimme zu zuhören ist Genuss pur. Ich lege meine Zeichensachen zusammen, kuschele mich an ihn und höre ihm zu. Sein Herzschlag ist regelmäßig, er ist ganz versunken in den Text. Irgendwann lässt er das Buch sinken und schaut mich mit verträumtem, fernen Blick an.

„Wie schön. – Es kommt mir vor, als hätte ich es in einem anderen, früheren Leben gelesen. Als würde ich es zum ersten Mal lesen und verstehen.“

Ich betrachte seine gleichmäßigen Gesichtszüge, die aristokratische Nase. Seine sonst exakt gestylten Haare sind etwas strubbelig, was ihm einen jungenhaften Touch verleiht. Mein Herz läuft über vor Liebe und Gier nach Leben. Lucas sieht zu mir herunter. Kein Wort ist nötig. Sein Blick fängt mich ein, fesselt mich und unsere Leidenschaft brennt in lodernden Flammen.

***

„Hey, ihr zwei! Kommt ihr nochmal aus dem Zimmer raus?“ Jeremy klopft.

„Ja, sind gleich da.“

„Wir haben den Film ausgeliehen, von dem wir gestern erzählt haben.“

„OK. – Kommst du mit? Bitte. Ich will dich bei mir haben.“

Lucas zieht sich an.

„Gut. Aber ich warne dich. Ich erschrecke mich dauernd.“

Lucas lacht gelöst.

„Macht nichts. Du darfst die ganze Zeit die Augen zumachen. Solange du nur bei mir bist.“

„Na, ihr Turteltauben“, Jonas grinst, „ihr lebt wohl nur noch von Luft und Liebe.“

„Hahaha“, ich gebe ihm einen Knuff in die Seite, „ich hoffe, du hast uns noch was vom kalten Braten übergelassen. – Ich mach uns ein paar Sandwiches.“

Ich nicke Lucas zu und gehe in die Küche.

„Sag mal Lucas! Wo hast du unsere Schwester gelassen.“

Höre ich Andrew witzeln.

„Das wirst du gleich sehen“, rufe ich aus der Küche, „wenn du weiter so dummes Zeug quatscht.“

Während des Films sitze ich eng an Lucas geschmiegt. Warum müssen sich meine Brüder auch immer solche aufregenden Filme anschauen? Lucas rührt keine Wimper. Sein Herzschlag kommt nicht einmal aus dem Takt. Immer wieder schaut er mich an. Sein Mund sucht meinen. Zum Glück ist es dunkel im Raum, auch so ein Ding meiner Brüder, und sie sind zu gefesselt von dem Film, als das sie uns beiden zu viel Aufmerksamkeit schenken würden. Ich kann nicht genug von ihm bekommen. Immer mehr, mehr, mehr. Ich versuche mich zu erinnern was war bevor Lucas kam, aber ich erinnere mich nicht. Wird mein Leben am Ende nur aus diesen Stunden mit Lucas bestanden haben? Er küsst mich verlangend. Nichts ist wichtig, nur das.

3.
„Lucas, Henry ist am Telefon. Er will dich sprechen.“

Ich reiche ihm das Handy. Die beiden reden kurz miteinander.

„Na, was hat er denn?“

„Henry fragt, ob wir eher kommen. Er würde gerne mit mir reden.“

„Klar. Ich helfe Sara beim Servieren, dann könnt ihr ein Gespräch unter Männern führen.“

Lucas grinst.

„Bevor Henry dich einem anderen Mann anvertraut, muss er ihn wohl erst abchecken.“

„Das kann sein. – Du bist der erste Mann in meinem Leben.“

Erstaunt sieht Lucas mich an.

„Wie meinst du das, der erste Mann?“

„So wie ich es gesagt habe. Es gab keinen Mann vor dir.“ Und es wird keinen nach dir geben. „Es war das erste Mal.“

Zärtlich nimmt Lucas mich in den Arm.

„Warum hast du nichts gesagt?“

„Was hätte ich sagen sollen? Ich wollte dich.“

„Habe ich dir auch nicht weh getan?“

Ich schüttele den Kopf.

„Nein. Es war einfach nur Wahnsinn. Ich könnte das bis zum Ende meines Lebens mit dir tun.“

Lucas lacht.

„Keine Angst. Du wirst das noch sehr oft haben.“

Ich wünschte es wäre so. Lucas knöpft langsam meine Bluse auf und küsst jeden Zentimeter Haut, den er freilegt. Als er mir die Bluse von den Schultern streift, bin ich so erregt, dass ich kaum an mich halten kann.

„Du bist wie eine Saite. Nur ein winzige Berührung und du klingst.“

Ich schließe die Augen, gebe mich seinen begehrlichen, sinnlichen Liebkosungen hin. Für Scheu, Scham und Hemmungen habe ich keine Zeit. Ich will alles, jetzt. Explodieren bis ich explodiere.

***

„Hallo, ihr beiden!“

Henry erwartet uns, drückt mich herzlich und schüttelt Lucas die Hand.

„Dann lass ich euch zwei reden. Ich gehe zu Sara. Sie kann bestimmt noch zwei Hände gebrauchen.“

„Tu das mein Mädchen. – Komm Lucas, lass uns mal einen kleinen Schnack halten.“

Lucas zieht mich zu sich heran, küsst mich sanft.

„Lauf ja nicht weg“, flüstert er.

„Niemals.“

Wie könnte ich das, nachdem ich mich an ihn verloren habe.

***

Es wird Zeit zum Vorlesen. Die Zuhörer haben sich im Gemeinschaftsraum versammelt. Nur Henry und Lucas sind noch nicht zurück. Ich will gerade mit dem Vorlesen beginnen, als sie auftauchen. Beide mit ernsten Gesichtern. Das Gespräch scheint nicht nur aus Nettigkeiten bestanden zu haben. Lucas setzt sich und beginnt. Diesmal beobachte ich ihn. Seine Stimme ist gewandt und fließt angenehm über die Zeilen. Jede Linie seines Gesichts ist mir so vertraut und doch fremd. Mein Herz könnte zerspringen vor Traurigkeit und Glück.

Als Lucas fertig ist, sind die Senioren begeistert. Sofort ist er von einer ganzen Schar älterer Damen umringt, die sich mit ihm unterhalten wollen. Lucas Superstar. Ich muss lächeln. So einen hübschen Mann sehen sie hier nicht oft. Henry gesellt sich zu mir, legt mir den Arm um die Schultern.

„Ein toller Junge. – Du liebst ihn, nicht wahr?“

„Ja, Henry, ich liebe ihn mehr als du ahnst.“

„Hast du es ihm gesagt.“

Ich schüttele den Kopf.

„Du musst es ihm sagen. Er hatte es schwer genug und er ist mit dem, was er erlebt hat, noch nicht im Reinen.“

„Ich dachte es mir. Auch wenn er lächelt, sind seine Augen meistens traurig.“

Lucas kommt auf uns zu.

„Pass auf ihn auf“, flüstert Henry, „du bist stärker als er.“

Erstaunt sehe ich Henry an. Lucas fasst sofort nach meiner Hand.

„Was habt ihr zwei zu tuscheln?“

„Geheimsachen“, sagt Henry und grinst, „macht`s gut ihr zwei. – Geht schon.“

Er schiebt uns sanft Richtung Ausgang.

„Danke, Henry.“

„Gerne, immer doch.“

***

Lucas Handy klingel. Er nimmt ab. Hört kurz zu, legt auf. Sein Gesicht hat plötzlich einen zornigen Ausdruck angenommen. Ich lege sanft meine Hand auf seine.

„Lucas, was ist los?“

„Nichts. Ich muss morgen nach Portland.“

Ich möchte ihn fragen warum, aber ich sage nichts. Henrys Rat fällt mir ein. Ihm die Wahrheit sagen. Wie? – Ach, Lucas, was ich dir noch sagen wollte, ich habe einen Tumor im Kopf und könnte jederzeit tot umfallen. Aber mach dir keine Gedanken, alles wird gut. – Schweigend sitzen wir da und hängen unseren Gedanken nach. Lucas löscht das Licht. Mondlicht erhellt das Zimmer. Ich stehe auf und gehe zum Fenster, blicke auf die verschneite, märchenhafte Landschaft.

„Ist es nicht wunderschön? Winterwunderland.“

Lucas tritt hinter mich, legt dir Arme um mich, küsst meinen Hals und meinen Nacken. Sofort regt sich mein Verlangen.

„Komm“, flüstert er, „ich will dich ganz nah spüren.“

Es hört sich so traurig an, als wäre es das letzte Mal. Mit geschickten Fingern kleidet er mich aus. Lucas zieht mich etwas vor, bis ich in einem Kegel aus Mondstrahlen stehe.

„Du siehst aus wie eine Göttin. Aus dem Licht des Mondes geboren.“

„Dann würde ich mit dem Mondlicht verschwinden und du würdest mich erst beim nächsten Vollmond wiedersehen.“

Ich strecke meine Arme nach ihm aus. Lucas sieht zu mir herunter. Ich kann seine Augen nicht sehen. Er steht im Schatten. Ich fühle, dass er mir etwas sagen möchte, aber er bleibt stumm. Als wäre ich eine Feder hebt er mich hoch und trägt mich zum Bett. Lucas entledigt sich seiner Kleidung und legt sich neben mich. Engumschlungen liegen wir da, spüren die Nähe des anderen, die Wärme, den Herzschlag. Als wenn das ein Abschied ist.

„Kommst du zurück?“

Lucas schweigt. Als er spricht ist seine Stimme nicht seine eigene.

„Ich weiß es nicht.“

Dann küsst er mich mit einer Leidenschaft, die mich verbrennt. Kein Morgen, kein gestern. Nur jetzt, dieser Moment. In dieser Nacht liegt mein Leben, wenn er morgen geht, sterbe ich bevor mich der Tumor aus dem Leben kickt, ohne ihn ist alles sinnlos.

4.
„Henry! Lucas ist weggefahren.“

„Wohin?“

„Nach Portland.“

„Sag Jeremy und Jonas Bescheid, dann hol mich ab.“

Ich zerre meine Jacke vom Haken, schlüpfe in meine Stiefel. Während ich den Wagen aus der Garage fahre, rufe ich Jeremy und Jonas an. Als ich beim Seniorencenter vorfahre, steht Henry schon fix und fertig da. Jeremy und Jonas biegen gerade in Jonas schwarzer Corvette um die Ecke. Jeremy kurbelt das Fenster runter.

„Was ist los?“, fragt er.

„Lucas ist weg. Nach Portland“, presse ich hervor.

„Wohnt da nicht irgendwo Lucas Exfrau?“, Jeremy runzelt die Stirn.

Ich zucke mit den Schultern. Davon weiß ich nichts.

„Wir sollten uns beeilen. Fahr erst mal Richtung Portland und gib mir bitte dein Handy.“

Henry nickt mir zu. Ich starte den Wagen.

„Liegt da vorne in der Mulde.“

Ich lenke den Wagen auf die Schnellstraße. Henry telefoniert mit einem alten Freund. Ich höre Lucas Namen und ein paar andere Infos.

„Wie viel Vorsprung hat Lucas?“

„Eine Dreiviertelstunde, vielleicht etwas mehr.“

Henry gibt die Infos weiter. Gespannt lauscht er dem anderen Gesprächsteilnehmer. Dann programmiert er das Navi.

„Danke, Mike, wir sehen uns dort.“

„Geht es dir gut?“, fragt Henry.

„Geht schon.“

Schweigend rasen wir über die leere Schnellstraße. Zum Glück ist es früh am Tag und es herrscht noch kein Verkehr. Das Navi lotst uns in ein sauberes Villenviertel. Vor einem umzäunten Grundstück halten wir an. Jeremy und Jonas halten hinter uns. Wir steigen aus. Vor dem Haus steht ein schwarzer SUV. Lucas Wagen.

„Hier wohnt Lucas Exfrau.“

„Henry, was ist los?“

„Der Typ, für den Lucas unschuldig im Knast saß, ist ein ehemaliger Arbeitskollege. Erst hat er sich seinen Job unter den Nagel gerissen und dann seine Exfrau. Ich fürchte Lucas wird eine Dummheit begehen, die er nicht wieder gut machen kann.“

Jetzt ist mir einiges klar.

„Er hat es mir nicht erzählt, weil er mich nicht belasten wollte?!“

Henry nickt. Ein Polizeiauto in Zivil hält.

„Das ist Mike, ein alter Freund von mir.“

Mike begrüßt uns, während sich zwei seiner Kollegen an dem eisernen Tor zu schaffen machen.

„Meine Jungs machen das Tor auf.“

Tatsächlich schwebt die Eingangspforte geräuschlos auf.

„Bitte, lass mich gehen.“

Ich sehe Mike flehentlich an. Meine Angst, sie könnten Lucas verletzen oder Schlimmeres, schnürt mir die Kehle zu.

„Das ist ein Männerjob.“

„Meine Schwester wird mehr erreichen als sie, Sir.“, Jeremy hält den Polizisten zurück.

„Ich denke auch, Mike“, stimmt Henry zu, „lass sie mit Lucas reden.“

„Na, gut, aber wir bleiben in der Nähe.“

„Beeil dich, Kleine und hol ihn da heil raus. Ich kümmere mich um den Rest“, sagt Jonas mein Polizistenbruder.

Er drückt mich fest an sich, dann schiebt er mich durch das Tor. Henry und Jeremy sind mir dicht auf den Fersen. Direkt dahinter Mike und Jonas. Lautlos schleichen wir um die Villa in den Garten. Da sehe ich eine dunkle Gestalt zwischen den schneebedeckten Büschen. Lucas. Ich pirsche mich heran.

„Stehen bleiben.“

Seine Stimme ist kalt wie Eis. Da erkennt er mich. Erstaunen huscht über sein Gesicht. Ich sehe die Waffe in seiner Hand.

„Stella?! – Bitte geh! Ich muss das tun.“

„Ich kann nicht gehen, Lucas. Ich weiß, was du tun willst.“

„Er hat mir alles genommen. Erst hat er mir das Rauschgift untergejubelt, dann hat er meinen Posten genommen und meine Frau. Das er bezahlt ist das Mindeste. Er soll leiden, so wie ich gelitten habe.“

Lucas Stimme zittert vor Wut.

„Er soll bezahlen, aber nicht so. Lucas, ich flehe dich an, lass dich von deiner Rache nicht zerstören.“

Ich gehe auf ihn zu.

„Du wirst sterben.“

„Woher weißt du das?“

Er hat es gewusst. Und nichts gesagt.

„Jeremy hat es mir erzählt, bevor ich zu euch kam.“

„Du hast mich aus Mitleid geliebt?“

Die Enttäuschung schmerzt mehr, als ich ahnte. Tränen laufen mir über die Wangen. Lucas schaut mich mit fiebrigem Blick an.

„Zuerst war es Mitleid. – Aber dann, hat sich alles geändert. – Ich liebe dich mehr als mein Leben. Ohne dich hat nichts einen Sinn und er“, Lucas deutet mit der Waffe auf die Villa, „muss bezahlen. Jemand muss für das Unrecht bezahlen.“

„Du hast Recht. Aber Jeremy ist ein guter Anwalt. Er wird ihn bezahlen lassen. Stimmt`s?“

Jeremy steht plötzlich neben mir.

„Lucas, lass den Scheiß! Mach dich nicht unglücklich. Ich biete jeden Mann aus meinem Büro auf! Der Mistkerl soll bluten.“

„Junge, du hast eine zweite Chance bekommen. Nutze sie und sei nicht so dumm, wie ich damals.“

Was meint Henry denn damit? Was hat er Lucas erzählt? Zumindest hat seine Stimme eine beruhigende Wirkung. Lucas lässt die Waffe sinken. Jonas taucht unerwartet aus dem Schatten auf und nimmt ihm die Waffe ab. Ich fasse nach Lucas Hand und ziehe ihn sanft hinter mir her. Alles ging so schnell, dass kein Hausbewohner etwas mitbekommen hat. Während sich die Männer noch besprechen und die Kollegen das Tor wieder verschließen, steigen Lucas und ich in den Wagen. Ich fahre los. Lucas lehnt seinen Kopf erschöpft gegen die Scheibe, schließt die Augen. Ich lege eine CD ein. Michael Buble singt „I wanna go home…“.
Ich halte auf der Marquam Brücke. Ehe Lucas reagieren kann, bin ich aus dem Auto gesprungen, und schwinge mich über das Geländer. Die Tiefe macht mir ungeheure Angst. Ich zittere am ganzen Körper und klammere mich am Geländer fest.

„Komm sofort zurück!“, brüllt Lucas.

Er packt mich an der Hand. Sein Griff ist stahlhart.

„Ich werde sterben, Lucas. Irgendwann.“

„Das kann sein, aber solange du lebst hast du nicht das Recht dein Leben wegzuwerfen.“

„Ich weiß. Du auch nicht.“

„OK, ich hab`s verstanden. Jetzt komm sofort zurück!“

Ich drehe mich ein Stück, lehne mich zu ihm und will zurück auf die Straßenseite klettern, als ich abrutsche. Ein Schrei. Lucas reagiert blitzschnell, packt mit der einen Hand meine Jacke, fast mit dem anderen Arm nach und hält mich an der Taille. Mit einem Ruck zieht er mich zu sich hinüber, presst mich fest an sich. Der Schreck sitzt tief.

„Oh, mein Gott, ich hab dich schon fallen sehen. – Tu das nie, nie wieder.“

Ich nicke. So habe ich mir das auch nicht vorgestellt. Lucas nimmt mein Gesicht in seine Hände und küsst mich. Ein Auto hält neben uns. Jonas lässt die Scheibe herunter.

„Seht zu, dass ihr nach Hause kommt. Sonst haben wir Mum und Dad am Hals. Das wollt ihr bestimmt nicht.“

„Das hat mir gerade noch gefehlt.“ Lucas lächelt befreit. „Mit Mum und Dad soll man sich nicht anlegen.“

„Nein, bestimmt nicht.“

Jonas lässt den Motor aufheulen, grinst und fährt los. Lucas nimmt mir den Schlüssel aus der Hand.

„Nach dem Schreck fahre ich. Nicht das du versuchst mich noch mal zu überraschen.“

Ohne Wiederrede lasse ich mich auf den Beifahrersitz sinken. Abrutschen hatte ich nicht vorgesehen, ich wollte ihn nur erschrecken. Lucas startet den Wagen. Sein liebevoller Blick trifft mich.

„Lass uns nach Hause fahren.“

„Ja, nach Hause.“

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Eine kleine Szene – ca 19.Jahrhundert.

Roxanne warf einen letzten Blick in den Spiegel. Perfekt, dachte sie, Anthony wird heute sein blaues Wunder erleben. Ihr rotes Haar leuchtete im Schein der Kerzen, wie frisch poliertes Kupfer. Das Kleid aus dunkelgrüner Seide harmonierte mit ihren grünen Augen. Der Schnitt im angesagten Empirestil brachte ihre schlanke Figur hervorragend zur Geltung und gewährte einen geheimnisvollen Ausblick auf ihren vollkommenen Busen. Die cremefarbene Perlenstickerei und die Smaragdohrringe taten ihr Übriges, sie wie eine Prinzessin aussehen zu lassen.

Eitelkeit gehörte nicht zu Roxannes hervorstechenden Eigenschaften, aber an diesem Abend musste sie so schön sein, dass es allen den Atem verschlug, besonders Anthony und seinen Brüdern. Es war viele Jahre her, aber Roxanne hatte die Hänseleien und Demütigungen nicht vergessen, die sie von ihnen erdulden musste.

„Aber die Zeiten ändern sich. Jetzt wirst du sehen, wer zuletzt lacht.“

Roxanne streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus. Dann setzte sie wieder ein unschuldiges Lächeln auf und verließ ihr Zimmer. Sara wartete sicher schon auf sie.

***

Der Zusammenstoß kam unerwartet. Roxanne flog der Fächer im hohen Bogen aus der Hand.

„Verzeihung, Mylady“, der Mann bückte sich nach ihrem Fächer, „ich ahnte nicht, dass ich nicht der einzige Gast bin, der zu spät auf dem Ball erscheint.“

Er machte eine leichte Verbeugung, als er ihr den Fächer überreichte. In seinen dunklen Augen blitzte der Schalk auf, als er sagte:

„Darf ich mich vorstellen? Simon Hastings, Lord of Calvedon. Und wer seid ihr?”

„Roxanne Harris, eine gute Freundin von Sara.“

„Es freut mich außerordentlich, dass ich schon jetzt die Ehre habe, die schönste Frau des Abends zutreffen, das erspart mir eine Menge Arbeit und ich kann mich sofort in eure Tanzkarte eintragen.“

Roxanne konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

„Sir, ich kenne euch. Nicht von Angesicht, aber aus den Gazetten. Ihr seid ein Herzensbrecher. Sagt man.“

Sie gingen den Flur entlang. Simon musterte sie unauffällig. Was für ein außergewöhnliches Mädchen, dachte er, und diese Augen.

„Ihr müsst nicht alles glauben, was in der Zeitung steht“, Simon schmunzelte, „leider habe ich über euch noch nichts gelesen.“

„Ich hoffe, dass es nie passieren wird.“

Roxanne blieb an der Treppe stehen und legte ihre schmale Hand auf Simons Arm. Diese kleine Vertraulichkeit gefiel ihm.

„Mylord, darf ich euch um einen Gefallen bitten?“

In Roxannes unergründlichen Augen glitzerte der Schalk.

„Wenn es in meiner Macht steht, tue ich alles für euch.“

„Nicht so voreilig. Ihr müsstet nämlich bereit sein, eurem Freund Anthony einen Streich zu spielen.“

Erstaunt zog Simon die Brauen hoch. Nicht nur rätselhafte Augen, sondern auch Geheimnisse, es wurde immer interessanter.

„Verfügt über mich“, sagte er galant.

„Gut“, Roxanne lächelte, „eigentlich müsst ihr nichts Besonderes tun. Nur das, was ihr immer tut, wenn ihr euch um eine Dame bemüht.“

„Das dürfte mir bei euch nicht schwerfallen“, Simon lachte.

Dieses Feen-Mädchen hatte scheinbar keine Ahnung, was alles dazugehörte, wenn er sich um eine Dame bemühte oder besser, was die Damen von ihm erwarteten. Simons Blick glitt über ihre nackten Schultern, das zarte Dekolleté und die zierlichen Hände, in denen sie den Fächer hielt.

„Allerdings könnte ich dabei ernsthaft in Gefahr geraten getötet zu werden. Lord Brighterton ist ein guter Schütze und sehr leicht erregbar. In welchem Verhältnis steht ihr zu ihm? Seid ihr seine Verlobte?“, fragte er und dachte, bitte sag Nein.

Roxanne lachte schallend.

„Oh, Mylord, Anthony würde mich niemals zur Braut wählen. Seht mich an.“

Simon fiel ein Stein vom Herzen. Er war frei, sich um Roxanne zu bemühen.

„Ich sehe euch an, und obwohl ich mich für intelligent halte, verstehe ich sie nicht so ganz? Wieso könntet ihr nie seine Braut sein?“

„Weil ich ein rothaariger, dicker, sommersprossiger Mops bin. Eine von Anthonys netteren Bezeichnungen für mich.“

Simon schüttelte den Kopf.

„Was immer ihr sein mögt, aber diese Bezeichnung betrachte ich als persönlichen Affront. Soll ich ihn fordern?“

Roxanne forschte in Simons Gesicht nach dem Wahrheitsgehalt dieser Aussage und war froh ein listiges Funkeln in ihnen zu sehen.

„Nun, Mylady, dann wollen wir Sir Anthony einen Denkzettel verpassen.“

Simon reichte ihr den Arm und Roxanne nahm dankbar an. Sie war froh Anthony nicht allein gegenübertreten zu müssen, denn es stimmte, er hatte ein aufbrausendes Temperament. Auch wenn sie keine Kinder mehr waren und er ihr vor der versammelten Gesellschaft keine Szene machen würde, genoss Roxanne Simons bedingungslosen Schutz.

***

Als Roxanne und Simon den blauen Salon betraten, in dem sich die Hausgäste vor dem Ball trafen, um einen kleinen Imbiss zu nehmen, hörte sie gerade noch, wie Anthony zu Sara sagte:

„Oh bitte, doch nicht diesen dicken, sommersprossigen Mops!“

Seine Brüder lachten und Sara machte ein unglückliches Gesicht.

„Aber Anthony, ich muss dich doch sehr bitten! Roxanne ist Mamas Patenkind“, tadelte sie ihren Bruder.

„Immer noch die Liebenswürdigkeit in Person, lieber Anthony“, sagte Roxanne mit ausgesuchter Höflichkeit hinter ihm, „wie ich höre, lässt dein Sarkasmus nichts zu wünschen übrig.“

Schlagartig war es totenstill im Raum. Alle Augen richteten sich auf die schöne junge Frau an Lord Calvedons Arm. Anthony, Ben und Collin drehten sich zu Roxanne um und Sara zwinkerte Roxanne verschwörerisch zu.

„Roxi?“, flüsterte Anthony fassungslos.

„Für dich Roxanne“, erwiderte sie und hielt seinem entgeisterten Blick stand. „du darfst wieder zu dir kommen, wenn du genug gegafft hast.“

„Du bist kaum wieder zuerkennen“, stellte Collin bewundernd fest.

„Danke, mein Lieber“, Roxanne lächelte sanft, als würde sie mit einem kranken Kind reden, „ihr habt euch nicht sehr verändert.“

„Ach Sara, Liebste, sieh wen ich getroffen habe“, Roxanne warf ihrer Freundin einen konspirativen Blick zu, „Lord Calvedon.“

Simon schob sich ins Blickfeld seines Freundes und erntete einen düsteren Blick.

„Fühlst du dich nicht wohl, Anthony“, fragte er besorgt und versuchte ein Grinsen zu unterdrücken.

„Doch mir geht es sehr gut“, knurrte Anthony und fuhr sichtlich beunruhigt durch sein helles dichtes Haar, „wie ich sehe, amüsierst du dich hervorragend.“

„Oh, das tue ich doch immer bei euren Festen. Aber heute Abend besonders.“

Simon neigte den Kopf in Roxannes Richtung, was sie mit einem liebenswürdigen Lächeln quittierte. Anthony spürte einen bösartigen Stich in seinem Herzen. Es durfte unmöglich sein, dass dieses schöne Geschöpf Simon gehören sollte.

„Vergiss nicht, sie ist Gast in meinem Haus und Patenkind meiner Mutter.“

Jeder Muskel in Anthonys Körper war angespannt. Die beiden Männer maßen sich mit durchdringenden Blicken.

„Wie könnte ich das vergessen, Anthony“, erwiderte Simon spöttisch. „Mylady, würdet ihr mich zum Tanz begleiten?“

Roxanne knickste leicht.

„Sehr gerne, Mylord“, und leiser, sodass nur er es hören konnte, „ich las ihr seid ein begnadeter Tänzer.“

Simon lachte herzlich. Anthony sah den beiden unsicher hinterher und ballte die Fäuste. Bei schönen Frauen traute er Simon nicht über den Weg, Anthony kannte ihn einfach zu gut, als dass er ihm bei Roxanne ehrbare Ziele zutraute.

„Da habt ihr tatsächlich die Wahrheit gelesen.“

Roxanne ging an seiner Seite in den Ballsaal. Alles war so passiert, wie sie es sich vorgestellt hatte. Anthony hatte es die Sprache verschlagen, und sie ging mit einem der begehrtesten Männer zum Tanz. Rache ist eben doch süß, dachte sie, und gab sich der Illusion hin, dass sie Anthony eine Lektion erteilt hätte.

***

Simon betrachtete das ätherische Geschöpf an seiner Seite und konnte sein Glück kaum fassen. Was für ein unglaublicher Zufall, dass ausgerechnet er Roxanne begegnet war. Er konnte es an den Gesichtern der Anwesenden ablesen. Die Frauen tuschelten neidvoll mit ihren Bekannten und Freundinnen, während jeder Mann wünschte, an Simons Stelle zu sein. Als das Orchester die ersten Töne spielte, legte Roxanne ihre zierliche Hand in seine und er führte sie auf die Tanzfläche.
Simon hatte nicht zu viel versprochen und die Zeitungen hatten nicht untertrieben, er war ein fantastischer Tänzer.

Roxanne hatte das Gefühl auf Wolken zu schweben. Bis jetzt gab es keinen Mann, der sie gleichzeitig so sanft und doch so bestimmt führte. Einzig die Tatsache, dass Simon den Blick keine Sekunden von ihr wendete, machte sie stutzig.

„Mylord, ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte sie unsicher.

„Nein, wieso?“

„Weil ihr mich so aufmerksam betrachtet.“

Über Simons markantes Gesicht huschte ein Lächeln. Er zog sie etwas näher heran und beugte sich zu ihr hinunter.

„Ihr seid die schönste Frau des Abends, Roxanne, und ich habe die Ehre mit euch zu tanzen. Es wäre eine Schande, wenn ich euch nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenkte.“

„Sir, ihr scherzt. Bitte macht euch nicht lustig über mich.“

Simon wurde ernst.

„Niemals würde ich darüber Scherze machen. Habt ihr denn die Blicke der anderen Männer, einschließlich Anthonys und seiner Brüder, nicht bemerkt. Ich bin der meist beneidete Mann des Abends.“

„Nein, habe ich nicht.“

Roxanne riskierte vorsichtige Blicke.

„Um so besser“, Simon strahlte, „ich bin nicht bereit meine privilegierte Stellung an eurer Seite kampflos aufzugeben.“

„Oh, das müsst ihr nicht Sir. Ich genieße es mit euch zu tanzen.“

„Das Kompliment kann ich nur zurückgeben. Allerdings sieht das Anthony nicht sehr wohlwollend. Sein Gesicht gleicht dem eines Kriegers, der nur darauf wartet das sein Gegner ihm seine schwache Stelle präsentiert.“

„Ihr habt nichts zu befürchten. Anthony kann mich nicht leiden. Für ihn bin ich nur eine nervtötende hässliche kleine Kröte.“

Simon schüttelte den Kopf. So mochte es einmal gewesen sein. Er hatte Anthonys Blick gesehen, als sie an ihm vorbei tanzten. Dieses Mädchen war ein Juwel, nur wusste sie nichts davon, oder falls sie es wusste, bedeutete es ihr nichts, was sie um so liebenswerter machte. Er wäre jedenfalls der Letzte, der ihr sagen würde, dass Anthony für sie entflammt war, auch wenn er es vielleicht selbst noch nicht wusste.

Tatsächlich stand Anthony wie erstarrt am Rand der Tanzfläche. Sara lächelte. So hatte sie ihren großen Bruder noch nie erlebt. Er ließ Roxanne keinen Moment aus den Augen. Anthony konnte es einfach nicht fassen, aus dem hässlichen Entlein war ein Pfau geworden. Trotz ihres teuren Kleides und es kostbaren Schmucks wirkte sie natürlich. Als er sah, wie frei und offen sie Simon anlächelte und mit ihm sprach, spürte er ein heißes Gefühl von Eifersucht in sich aufflammen. Er deklarierte es als Verantwortungsgefühl, weil er sich für seine Eifersucht schämte. Immerhin hatte er Roxanne früher oft und bösartig gehänselt, bis sie in Tränen ausbrach, und seine Brüder mit hinein gezogen. Das kam ihm jetzt völlig unpassend und irreal vor. Aber es ließ sich nicht rückgängig machen. Die Frage war, ob Roxanne ihm verzeihen konnte.

Die riesigen Kristalllüster strahlten im Schein der vielen Kerzen und brachen sich in den Spiegeln, die an einer Wand angebracht waren, um den Raum größer erscheinen zu lassen. Die Paare drehten auf dem Parkett ihre Runden und inmitten all der Herrlichkeit schwebte Roxanne in Simons Armen leicht wie eine Feder. Nichts erinnerte an die pausbäckige, linkische, unscheinbare Roxanne von damals.

„Sie ist unglaublich.“

„Wer?“, Collin wandte sich seinem Bruder zu.

Anthony gab keine Antwort. Er war sich nicht einmal bewusst, dass er es laut aussprach. Roxanne schlug ihn völlig in ihren Bann und er war nicht der Einzige.

„Wer ist denn nun unglaublich?“

Collins stupste seinen Bruder in die Seite.

„Roxanne“, murmelte der.

„Da erzählst du nichts Neues. Jeder heiratsfähige Mann schaut sie an, und die anderen ebenfalls. Ich wette ihre Tanzkarte ist voll bis obenhin.“

Anthony wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Roxannes Anblick verhinderte, dass er vernünftig nachdenken konnte. Nur der Gedanke, dass er der Einzige war, der sie besitzen durfte, raste wie ein Sturm durch seinen Kopf und verhinderte, dass er angemessen reagierte.

***

Der Tanz war vorbei, und als das nächste Musikstück einsetzte, bemerkte Anthony, dass Simon mit Roxanne am Arm auf die großen Flügeltüren des Ballsaals zusteuerte. Bevor die beiden auf die Terrasse treten konnten, hatte Anthony sich vor Simon aufgebaut.

„Wohin wollt ihr?“, seine Stimme hatte einen drohenden Unterton.

„Etwas frische Luft schnappen“, erwiderte Roxanne, bevor Simon antworten konnte, „kommt, Mylord.“

„Das solltest du dir zweimal überlegen“, warnte Anthony, „er ist als Schürzenjäger verpönt. Das würde deinem Ruf sehr schaden.“

Roxanne richtete sich zu voller Größe auf. Trotzdem musste sie zu Anthony aufblicken. Ihre Blicke prallten aufeinander. Sie verstärkte den Druck auf Simons Arm. Trotzig reckte sie ihm das Kinn entgegen und antwortete kühl:

„Ich weiß ja nicht, wer dich zu meinem Vormund bestellt hat? Aber soviel sei gesagt: Dein Name, mein lieber Anthony, wird in den Zeitungen nicht weniger mit Damen zweifelhafter Reputation genannt, als der von Lord Calvedon.“

„Touché“, sagte Simon und grinste.

Anthony schnappte nach Luft. Roxanne hatte tatsächlich die Verve ihm die Stirn zu bieten.

„Du bist das Patenkind meiner Mutter. Als Hausherr und Oberhaupt der Familie habe ich die Pflicht, deinen Ruf zu schützen.“

Roxanne lachte hell auf.

„Du!? Ich staune, dass ausgerechnet du, dies anführst. Du bist immerhin der Mensch, der sich die übelsten Schimpfnamen für mich ausgedacht und sie der Öffentlichkeit verkündet hat. Wenn jemand meinen Ruf ruiniert hat, dann doch wohl du! Wenn ich mir meinen Ruf noch mal ruiniere, dann suche ich mir den Mann selbst aus, der sich dieser Ehre rühmen darf.“

Roxannes grüne Augen sprühten Funken. Ihre Blicke maßen sich mit Anthonys. Sara bekam Angst, dass sich die beiden an die Gurgel gehen könnten. Anthony hatte die Hände zu Fäusten geballt. Es kostete ihn Mühe genug Selbstbeherrschung aufzubringen, Simon nicht zu schlagen, der sich das Lachen nicht verkneifen konnte.
Simon hatte noch nie eine Frau gesehen, die Anthony widerstand, geschweige denn so entschieden die Meinung sagte. Collin und Ben beobachteten den Disput aufmerksam und rechneten sich bessere Chancen bei Roxanne aus, je schlechter Anthony da stand. Da dieser sich keinen Schritt von der Tür weg bewegte, wandte sich Roxanne an Simon.

„Sir, seid so gut und schädigt meinen angeschlagenen Ruf mit einem weiteren Tanz, bevor Lord Brighterton eine Prügelei anzettelt und ich mich noch mehr vergesse. Das ist es nicht wert.“

Anthony schluckte. Roxanne zahlte ihm seine Jugendsünden heim.

„Nichts lieber als das, Mylady.“

Simon machte eine leichte Verbeugung und ohne Anthony eines weiteren Blickes zu würdigen, folgte sie Simon zurück auf die Tanzfläche.

Ein bisschen Herz, Schmerz, Liebesgeplänkel fürs Wochenende 🙂 .

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Die Hälfte des Weges ist vorüber

Was kommt kann niemand wissen

Ich werde es überleben

Bis meine Reise zu Ende ist

 

Mein Odem ausgehaucht

Füllt dann das Meer der vergangenen Zeit

Die verflossenen Jahre eilten dahin

Verwoben das Einerlei mit Glück

 

Die Treffen mit meinen Brüdern

Unser Blut dicker als Wasser

Die Gespräche mit meiner Oma

Ihre zeitlose Weisheit und Liebe

Die schöne Zeit mit den Kindern

Sie alle ein Geschenk des Lebens

 

Die Anwesenheit guter Freunde

Männer die ich geliebt habe

Männer die mich geliebt haben

Wahnsinns Sex

 

Inspirationen guter Bücher

Jedes Wort ein Glücksgefühl

Die Euphorie zu schreiben

Musen die mich geküsst haben

Liebe die niemals endet

Mein Geist in Ekstase

 

Das Geräusch der Brandung

Das Leuchten der Sterne

Der Geschmack von Vanilleeis

Der Duft von Lavendel und Schnee

Musik für jede Lebenslage

 

Pläne die wir schmiedeten

Pläne die wir ausführten

Träume die uns trugen

Träume die uns antrieben

Tränen lachen

Und unter Tränen lachen

 

Der höchste Punkt ist überschritten

Der Ausblick war fantastisch

Die Wanderung führt jetzt ins Tal

Zeit für die letzten Dinge

 

Mein Leben in meiner Hand

Nicht getrieben werden

Selbst bestimmen

Meine Muse über alles lieben

Hingabe mit meinem ganzen Sein

 

Meine Arbeit wollen

Überholtes aussortieren

Neues aufnehmen

Folgerichtig Handeln

Zeit nicht nutzlos vergeuden

 

Schwarze Löcher meiden

Auf der Milchstraße tanzen

Über mir die goldenen Erinnerungen

Als Sterne an meinem Himmel

Dem Fluss zu folgen bis zum Meer

Loslassen ohne Reue

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