Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Brise’

Mit der Nacht und dem Schlaf kam der Traum.

Er fing harmlos an. Ich sah, wie ich im Bett lag und schlief. Ein sanfter Mond hing am Himmel vor meinem Fenster. Eine leichte Brise bewegte die dünnen Vorhänge aus Voile vor dem halbgeöffneten Fenster. Ich betrachtete die Szene aus einer Ecke meines Zimmers. Es war eine Weile still, dann hörte ich die Töne einer Melodie mit dem Wind ins Zimmer wehen. Ich lauschte. Eine gefällige kleine Weise, die mich an etwas erinnerte. Ich versuchte die Erinnerung auszugraben, aber es wollte mich nicht gelingen, das Bild zu erkennen, dass ich damit verband. Dann, ohne dass ich wusste welches der Anlass war, kippte mein Gefühl um. Eine dunkle Ahnung kroch mir den Rücken hinauf und klammerte sich wie eine Krallenhand in meinen Nacken. Ich wollte schreien. Mein schlafendes Ich warnen. Kein Ton kam über meine Lippen.

Read Full Post »

Schreibe einen Brief an einen fiktiven Charakter.

Lieber Ishmael,

wenn ich das Meer sehe, denke ich an dich. Ich sitze im feinen weißen Sand, schaue den Wellen zu, die ans Ufer rollen und den Segelschiffen, die in der Westerschelde mit einander wetteifern. Ab und zu kreuzt ein Containerschiff die Fahrrinne und entfernt sich gemächlich, bis es hinter der Horizontlinie verschwunden ist.

Ich liebe es dort zu sitzen und dem ewigen Rauschen des Meeres zu lauschen, unter einem hellblauen Himmel. Mein Herz schlägt höher und mein größter Wunsch ist es, nie wieder gehen zu müssen. Jeden Morgen über den Deich zu steigen und es wiederzusehen. Mein Meer. Meine Sehnsucht. Ich weiß, sie wird nie gestillt – denn ich muss wieder gehen. Fort, dorthin wo Berge meinen Blick einschränken, das Grau des Alltags mich einholt und mit festem Griff packt.

Das war bestimmt nicht dein Problem, als du mit Kaptän Ahab unterwegs warst und in seinen Hass auf den weißen Wal verwickelt wurdest. Du suchtest ein Abenteuer, eine weiße Insel mit Palmen, exotischen Schönheiten und jungen Frauen mit bronzefarbener Haut, die dich in Fantasien entführten, die du dir niemals hättest träumen lassen.

Nie hättest du gedacht, welchen Schrecken du ausgesetzt sein könntest. Der brüllende Ozean, der alles frisst, was wagemutig genug ist, ihm zu trotzen. Einem riesigen Meerungeheuer, dass kaum so furchtbar sein konnte, wie der Mann, der seine Manschaft wohlbehalten zurück in den Heimathafen bringen sollte. Du sahst deine Kameraden streben, erlebtest den Wahnsinn des Hasses an deiner eigenen unschuldigen Seele. Du musst unter einem Glückstern geboren sein, dass du diese schreckliche Katastrophe überlebt hast und davon erzählen konntest.

Wir, deine atemlosen Zuhörer wissen, dass die Geschichte eine Allegorie ist, aus der wir lernen könnten. Den Groll loslassen und vergeben, sich nicht vom Hass verzehren lassen. Doch wie wir Menschen sind, nicken wir heute betroffen mit dem Kopf, und haben es morgen vergessen.

Ich sitze im warmen Sand. Meine Zehen boren sich in die feinen Körnchen. Es riecht nach Salz, Sonne und der besonderen Essenz, die dem Meer eigen ist. Ich schaue den Möwen zu, die in der warmen Brise über dem Meer schaukeln und meine Haut streichelt.

Ich stelle mir vor, du sitzt neben mir. Wir reden nicht. Du verstehst mich und ich verstehe dich. Auf die eine oder andere Weise hat uns das Leben Narben zu gefügt. Sie heilen. Manchmal schnell, manchmal nie. Und doch bestehen wir in diesem brüllenden Ozean, der unser Leben ist. Du nimmst meine Hand in deine, küsst mich auf die Wange. Alles wird gut, sagts du. Ich glaube dir. Du hast überlebt, also muss es so sein.

Ich bleibe noch ein bisschen sitzen, genieße diese kostbaren Momente, die nicht wiederkehren, schau dir nach, wie du mit der Brise entschwindest. Du hast ein Stück meines Herzens mitgenommen und mir dafür ein Stück deines Herzens dagelassen.

Ich danke dir, für deine Zuversicht und deinen Mut

C.

Read Full Post »

In der Aufgabe 228 ging es um besondere Details, die uns während unseres letzten Urlaubs aufgefallen sind. In Weimar begegneten mir immer wieder Gartenhäuser, in allen Formen und Größen, in Schlössern und Privathäusern.

Das Gartenhaus

„Julie, wo bist du“, hörte ich Miss Gray, meine Gesellschaftsdame, vom Haus aus rufen, „wo steckt diese ungezogene Göre schon wieder!“

Ungezogene Göre, dachte ich, ich bin 19 Jahre alt. Wann werde ich dieses schreckliche Haus endlich verlassen können? Diese ganze Anstandsdamengeschichte war nur eine weitere Schickane meiner Stiefmutter. Ebenso, wie ihre Verbote auf Bälle zu gehen und mich mit meiner einzigen Freundin Madeleine zu treffen. Seit mein Vater diese Frau vor zwei Jahren geheiratet hat, ist mein Leben die Hölle. Gut, eine immer noch gut gepolsterte, hübsch tapezierte Hölle und ich musste nicht, wie Aschenputtel die Erbsen aus der Asche suchen, aber dennoch war es meine persönliche Hölle.

Vor einigen Wochen hatte ich ein Loch in der Mauer des Nachbargrundstücks entdeckt. In einem unbeobachteten Moment stahl ich mich hindurch. Ich war entzückt den Garten verwildert und menschenleer vorzufinden. Die Fallons wohnten inzwischen seit vier Jahren nicht mehr auf dem Anwesen, hatten aber einen Hausmeister zurückgelassen, mit dem Garten hatte er offenischtlich nichts zu tun.

Das Gartenhaus lag unweit der Mauer und wurde mein Versteck. Ich richtete es ein. Brachte nach und nach meine Bücher dorthin, meine Farben, Pinsel und Papier. Decken, Feuerholz für den kleinen Ofen, Kekse und Wasser. Ich liebte es dort zu sein. Wann immer es mir möglich war stahl ich mich davon. Das Loch tarnte ich wohlüberlegt und Miss Gray, die Angst vor Ungeziefer jeder Art hatte, vermied es weiter als irgendnötig in den Garten vorzudringen.

Das Wetter war herrlich. Ich hatte alle Fenster weitgeöffnet und saß über der Zeichung einer blauen Hortensienblüte, die ich im Garten gefunden hatte. Eine leichte Brise zog herein. Ich genoss es die Geräusche der rauschenden Blätter und das Zwitschern der Vögel zu hören. Es war herrlich friedlich, warum konnte es nicht jede Stunde des Tages so sein?

Es klopfte. Ich erschrak und warf beinahe das Glas mit der Hortensie herunter. Es klopfte erneut. Ich hielt den Atem an.

„Machen sie auf“, hörte ich eine freundliche Männerstimme, „ich habe sie durchs Fenster gesehen.“

Langsam stand ich auf und ging zur Tür. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Ich hoffte irgendwie wäre alles nur ein Traum, und wenn ich dir Tür öffnete, wäre niemand dort, doch das Gegenteil war keineswegs der Fall.

„Guten Tag, Miss Julie“, sagte der Herr vor meiner Tür und zog den Hut, „wie geht es ihnen?“

„Danke, sehr gut. Woher wissen sie meinen Namen?“

Der Herr lächelte.

„Nun, ihre Mutter rief sie so.“

Ich erwiderte sein Lächeln.

„Nein, meine Mutter starb vor fünf Jahren. Die nette Dame ist meine Anstandsdame.“

„Höre ich da eine gewisse Note von Sakasmus aus ihrer Stimme?“, der Herr mit den weißen Haaren und den lustigen blauen Augen schmunzelte.

„Ja, mein Herr, sie irren sich nicht. Darf ich fragen, wer sie sind?“

Er machte ein leichte Verbeugung.

„Stuart Fallon.“

„Oh, aber ich kenne Mister Fallon.“

Er nickte und ein melancholicher Ausdruck legte sich auf sein Gesicht.

„Natürlich. Mister Fallon war mein älterer Bruder.“

Ich trat zur Seite und machte ein einladende Handbewegung.

„Darf ich sie zu einem Glas Wasser und Keksen einladen?“

Mister Fallon lachte.

„Sehr gerne. Aber vielleicht erlauben sie mir, diese Einladung auf ein anderes Mal zu verlegen und sie für heute ins Greathouse einzuladen und den Fünfuhrtee mit mir zunehmen.“

Wird es ein nächstes Mal geben, dachte ich, wenn der neue Herr in das Anwesen zieht? Und als könnte Mister Fallon meine Gedanken lesen, sagte er:

„Machen sie sich keine Gedanken. Gegen eine geringe Pacht dürfen sie das Gartenhaus jederzeit benutzen.“

Mister Fallon musste meinen skeptischen Blick bemerkt haben, denn er fuhr schnell fort:

„Sie sollten dieses Angebot nicht missverstehen, die Gefälligkeit ist keineswegs unschicklicher Natur. Es sei denn, sie zählen den Nachmittagstee dazu.“

Ich schüttelte den Kopf und lachte.

„Nein, dass tue ich nicht.“

Dann nahm ich den mir angebotenen Arm und begleitete Mister Fallon ins Haus. Der alte Herr schien eine Verletztung erlitten zu haben, denn er humpelte und musste sich auf einen Stock stützen.

„Sollen wir eine Pause machen?“, fragte ich besorgt.

„Nein“, wehrte er ab, „es geht schon. Ein Sturz vom Pferd letztes Jahr. Alte Knochen heilen langsamer oder gar nicht mehr.“

Read Full Post »

Abblättern, Blau, Schein, Spitze, Wald

Die blaue Farbe blätterte von den Fenster und Türrahmen des kleinen Holzhauses ab. Kein Wunder, dachte Jen, das Salz in der Luft, der Wind, die Feuchtigkeit leisteten ganze Arbeit. Trotz des Verfalls sah das Häuschen heimelig und einladend aus.

Es stand an der Landspitze von Havens Gate, umgeben von Dünen, Reedgras und der Unberechenbarkeit eines nördlichen Meeres. Wenn man die steile Holztreppe hinaufstieg und aus dem runden Giebelfenster blickte, konnte man einen Wald sehen, der sich je nach Wetterlage heftig mit den Winden bog oder anmutig in der Brise tanzte.

Ich stellte meinen Koffer auf der Veranda ab, setzte mich auf die oberste Stufe und blickte den weißen Wattewolken nach, die gemächlich über den azurblauen Julihimmel bummelten.

Es war lange her, dass ich in Großmutters Haus gewesen war. Nun endlich hatte mich ein ungenädiger Schicksalsschlag nach Hause gespült, wie die rosa Muscheln, die ich früher am Strand gesucht hatte. Winzige Raritäten, nicht größer als Marienkäfer und so zart wie Schmetterlingsflügel. Wie sanft ich sie auch behandelte, ich konnte nur wenige heil nach Hause bringen. Meine Kinderhände waren zu gierig und hastig für das dünne Gehäuse. Mir schien es hatte sich nicht sehr viel daran geändert. Und so kam ich mit gebrochenen Flügeln zurück.

 

Read Full Post »

Da ist es. Mein Haus. Im Sonnenschein unter Birken. Die leichte Brise bringt den Duft des nahen Meeres und das Geschrei der Möwen mit. Ich öffne das Gartentor und betrete mein Exil. Endlich Ruhe vor dem Chaos der Welt. Kein Fernseher, Internet und mein Handy liegt im Schließfach am Bahnhof. Die nächsten vier Wochen gibt es nur mich, das Meer und das Schreiben.

Read Full Post »

Neujahrssegen

Möge das Feuer der Kreativität in dir brennen und mögest du die Glut der Liebe immer wieder hoch auflodern lassen.

Mögest dein Weg so geschmeidig sein, wie ein sanft dahin fließender Fluss und magst du so beharrlich den Stein höhlen, wie ein steter Tropfen, um zu erreichen, was dir wichtig ist.

Mögen deine Sorgen mit dem Wind verwehen und dein Herz so leicht sein, wie eine Sommerbrise, damit du nie beschwert werdest.

Mögest du mit beiden Beinen fest verankert auf der Erde stehen, dann kann dich nichts aus der Bahn werfen.

Ich wünsche dir Liebe heiß, wie Feuer, sanft wie ein Frühlingsregen, leicht wie eine Feder und dauerhaft, wie Felsen.

Allen eine friedliche Zeit und ein erfolgreiches neues Jahr!

Read Full Post »

Lea lag auf der Wiese. Der Duft des Grases legte sich wie ein zarter Schleier auf ihre Haut und die Pappeln am Wiesenrain flüsterten in der warmen Sommerbrise. Sie blickte zum Himmel empor. Imposante Wolkengebilde zogen über ihr hinweg. Lea dachte an David. Er stieg gerade in ein Flugzeug in die USA. – Ich hätte es ihm sagen sollen. –  Lea seufzte. – Drei Monate! Ob er zurückkommt? –

Read Full Post »

Die Stille ist dumpf und feucht. Der Nachthimmel ist von schweren Wolken verdeckt. Ich höre den ersten Donner grollen. – Endlich. – Ich stehe barfuß auf der Terrasse, die Fliesen unter den Füßen sind warm. Wieder brummt ein Donner zu mir herüber. Er ist noch einige Kilometer weg. Ich kann die Blitze in der Ferne sehen, aber der Paukenschlag braucht eine ganze Weile, bevor er an meine Ohren dringt. Nun frischt die Luft auf. Eine Brise, erst lau und feucht rollt über mich hinweg. Die nächsten Winde werden deutlich kühler. Blitz und Donner folgen jetzt schnell aufeinander. Der Wind trägt das Gewitter in hastigem Tempo näher. Ich atme tief durch. Die ersten Regentropfen fallen, wie winzige Perlen, dann bricht es aus dem Himmel hervor, als öffneten sich alle Schleusen. Ich breite meine Arme weit aus, strecke mein Gesicht dem Wasser entgegen und warte bis die Feuchtigkeit meine erhitze Haut abkühlt. Dann gehe ich hinein und trockne mich ab.

Read Full Post »

Das Musikstück für den folgenden Text ist von Ben Becker – „Ich will du sein“ – aus dem Rilke-Projekt (sehr zu empfehlen! 🙂 )

Er kommt. Groß, dunkel, kraftvoll. Das Licht der Straßenlaterne wirft seinen Schatten.
Soll ich laufen oder bleiben. Ich wende mich ab, will mein Heil in der Flucht suchen.
Er ruft nach mir. Nennt meinen Namen. Saugt ihn in seinen Rachen. Er ist es.
Ich schließe die Augen. Er steht hinter mir. Spüre seinen heißen Atem. Fließt in meinen Nacken, meine Wirbel.
Gänsehaut überstreift, fängt er mich in seinem Netz aus Melodie und Klang. Lauf, lauf, sagt die Stimme der Vernunft.
„Ich will du sein. Ich will aufgehen in dir.“
Seine tiefe samtige Stimme reibt sich gleich einer aufkommenden Brise über meine glühende Haut.
Lauf, lauf, schreit die Stimme der Vernunft.
„Ich will leise Träume träumen.“
Seine Lippen kosten meinen Hals.
Woher kennt er meine Wünsche. Wer verriet ihm meine Sehnsucht? War ich es selbst, die Herz und Seele bloßlegte?
„Ich will am Feuer deiner Augen 1000 leise Opfer anzünden.“
Seine fordernden Hände liegen auf meinen Hüften. Fingerkuppen verlangen ihren Preis.
„Ich will aufgehen in dir.“
Seine weiche, wilde Stimme dringt ohne Mühe in mich ein.
Bis zu meinem Herzen, meinem sehnsuchtskranken Herzen.
Mein gieriges wollüstiges Herz will mehr. Mehr von ihm. Mehr von seiner Stimme. Sie soll mir von Liebe sprechen.
„Ich will aufgehen in dir. Ich will du sein.“
Kann nicht gehen, kann nicht bleiben. Seine Stimme hat sich in meinen Bauch gegraben, mich genommen, jede Zelle besetzt.
Ich will alles. Kann nicht aufhören seinen Worten zu lauschen. Gebe seiner Stimme meinen Willen hin. Ich will ihn in seine Nacht begleiten, ihm gehören unter den einsamsten Sternen.
„Ich will aufgehen in dir. Ich will aufgehen in dir. Aufgehen in dir.“ Ich flehe ihn an.
„Es ist längst geschehen.“
Sein Mund nimmt mich ohne Gnade, ohne Reue. Nur er und ich. Aufgegangen ineinander.

Read Full Post »

Der letzte glückliche Sommer

Dieser Sommer schien für die Ewigkeit … die leuchtenden Sonnentage über einem sanften Meer, ließ in uns die Illusion entstehen, dass es immer so weitergehen und kein Ende nehmen würde. Doch in einer Nacht änderte sich alles. An dem Abend, der dieser schicksalhaften Nacht vorausging, ahnte keiner meiner Freunde, wie schrecklich es tatsächlich werden würde.

Ich erinnere mich, wie wir dem leisen Plätschern der Wellen lauschten, das sich mit dem Knistern des Lagerfeuers vermischte. Wir träumten vor uns hin. Ab und zu fielen kurze Bemerkungen, die keine besondere Bedeutung hatten. Plötzlich strich eine kühle Brise über den sonst menschenleeren Strand und die fast erloschene Glut flammte erneut auf.

Noch heute höre ich Toms raue unheilschwangere Stimme, als er sagte:

„Leute, etwas Schlimmes wird geschehen. Ich spüre es in meinen Knochen.“

Damit meinte er sein linkes Schienbein, das er sich als kleiner Junge gebrochen hatte und das ihn bei Wetterwechsel schmerzte.

Jay schüttelte den Kopf, verdrehte genervt die Augen gen Himmel und blies den Rauch seiner Zigarette in die wieder windstille Abendluft.

„Du immer mit deinen Vorahnungen. Nichts wird geschehen. Du wirst sehen“, knurrte er.

„Genau“, stimmte Sally zu, „du bist ein Schwarzseher.“

„Und du ein Schwarzfuß“, neckte Tom sie.

Worauf Sally eine leere Zigarettenschachtel nach ihm warf.

„Da passt ihr ja hervorragend zusammen“, stellte Andrew lapidar fest.

Mary stimmte Andrew zu. Die beiden waren seit Beginn des Sommers ein Paar und Mary teilte seine Auffassung im Grunde immer, wenn es um andere ging. Solange er ihrer Meinung war, wenn es um sie ging.

Ich sagte nichts, wollte nicht abergläubisch erscheinen, wusste aber, dass Tom schon einige Male recht behalten hatte, was seine Voraussagen betraf. Ich sah zu David hinüber. Er schlug die Augen auf, lächelte mir kurz zu, dann lehnte er sich wieder entspannt zurück. Solange David ruhig blieb, gab es keinen Grund besorgt zu sein. Er war der Älteste unserer Gruppe und jeder akzeptierte seine Ansichten als maßgebend.

Ich verliebte mich auf Anhieb in David. Natürlich. David war groß, sportlich, hatte dunkle Haare und die verführerischten Katzenaugen, die sich ein Mädchen vorstellen kann. Leider war ich nicht die Einzige, die seinem Charme verfiel. Jedes Mädchen im Umkreis von zwei Meilen schwärmte von ihm. Ich war sehr schüchtern und rechnete mir keine großen Chancen bei ihm aus, umso mehr erstaunte es mich, als er sich auf dem Heimweg vom Strand zu mir gesellte und nach meiner Hand griff. Ich war selig und völlig abgelenkt von dem Geschehen vor uns. Als die Gruppe den Leuchtturm passierte, blieb David stehen.

„Komm“, sagte er, „ich will mit dir allein sein.“

Mein Herz raste und ich brachte kein Wort heraus. Ich nickte nur und folgte ihm. David zog mich zum Eingang des Leuchtturms. Er drückte die Türklinke herunter und schob die schwere Eisentür auf. Wir drängten uns durch den schmalen Spalt in das finstere Innere des Turms. David legte die Arme um meine Taille und ich schlang meine Arme unbeholfen um seinen Hals. Ich hörte das Lächeln in seiner Stimme, als er sagte:

„Das hast du noch nicht oft getan?“

„Nein“, flüsterte ich und verwünschte meine schwachen Nerven. David denkt bestimmt, ich bin ein „Fräulein-Rühr-mich-nicht-an“, ging es mir durch den Kopf.

„Macht nichts. Ich weiß genug für uns beide.“

Das glaubte ich ihm aufs Wort, schluckte die Bemerkung aber hinunter. Ich wünschte mir, dass David mich wollte und mir beibrachte, wovon ich bis jetzt mehr oder weniger nur gelesen hatte. Ich streckte mich ihm entgegen, als er sich zu mir herunterbeugte und mich aufreizend und fordernd küsste.

„Hat dich schon einmal ein Junge geküsst?“, fragte er.

„Ein Junge schon, aber kein Mann, wie du“, antwortete ich atemlos.

„Das Gefühl habe ich auch“, stellte er triumphierend fest.

David presste mich mit seinem muskulösen Körper gegen die Wand. Die Kälte der Mauer an meinem Rücken und seine offenkundige Erektion an meinem Bauch verursachten mir eine Gänsehaut.

„Dann sollten wir es gleich noch mal versuchen“, flüsterte er an meinem Ohr.

Sein warmer Atem löste einen neuen Schauer in mir aus und ich schmiegte mich willig an ihn. Gerade als Davids Mund sich wieder meinen Lippen näherte, hämmerte jemand gegen die metallene Tür des Leuchtturms.

„David! Bist du da drin! David!“

Es war Tom. Er schrie verzweifelt immer wieder Davids Namen. David ließ mich los und versuchte die Tür aufzureißen. Sie bewegte sich keinen Zentimeter.

„Das ist nicht möglich“, keuchte David, „sie muss aufgehen.“

Sie öffnete sich nicht, so sehr er sich mühte. Draußen schrie Tom wie von Sinnen. Drinnen kämpfte David mit der Tür. Er schrie und schlug mit den Fäusten gegen das unnachgiebige Metall. Seine Knöchel bluteten, hinterließen eine dunkelrote Spur auf dem Türblatt. Ich stand nur da, wusste nicht, wie ich hätte helfen können. Der Schrecken lähmte mich.

Jäh verstummte Tom. David hielt inne. Wir lauschten. Die schlagartige Stille war unerträglich. Ein leises Geräusch ließ uns zusammenzucken. Der Riegel des Schlosses löste sich. Die Tür sprang auf. Ich griff nach Davids Hand. Sein warmer fester Händedruck gab mir etwas Sicherheit.
Vorsichtig traten wir ins Freie und fanden uns in einem Albtraum gefangen. Unsere Freunde waren tot. Ihre Körper zerrissen und verstümmel, als wären sie von einem Rudel wilder Tiere attackiert worden. Übelkeit stieg mir in die Kehle. Ich drehte mich weg. Mein Inneres kehrte sich nach außen.

***

Dieser Sommer liegt inzwischen fünf Jahre zurück. Niemand fand heraus, wer unsere Freunde tötete und warum wir überlebten. David reiste noch vor der Beerdigung ab. Vermutlich fühlte er sich schuldig, weil es ihm nicht möglich gewesen war, Tom zu helfen. Aber wie hätten wir das tun können? Die Tür war fest verschlossen.

Seitdem gingen David und ich getrennte Wege. Doch dieses Ereignis hat uns nicht losgelassen. Jeder versuchte auf seine Weise damit fertig zu werden. Ich habe Davids berufliche Laufbahn verfolgt. Er ist ein ausgezeichneter Forensiker geworden und klärt außergewöhnliche Verbrechen auf. Während ich meinen Master in Geschichte und Mythologie gemacht habe. Ich bin die beste meines Fachgebietes.

Das muss ich sein, denn anders als David, glaube ich nicht, dass ein menschlicher Serienkiller unsere Freunde auf dem Gewissen hat und endlich habe ich einen Anhaltspunkt gefunden, der mich der Lösung des Rätsels näher bringen könnte.

Ich bin gespannt, was David dazu sagt. Heute treffe ich ihn das erste Mal, nach diesem schicksalsträchtigen Tag, wieder. Ich rief ihn an und erzählte ihm, dass ich neue Erkenntnisse habe. David lachte mich aus und wollte nicht kommen, als ich ihn bat mir eine Chance zu geben. Zwei Tage später hatte er sich anders überlegt.

In zwei Minuten kommt David mit dem Zug um 12:34 Uhr an. Zig Fragen donnern durch meinen Kopf. Wie sieht er wohl aus? Hat er sich verändert? Was erwartet er von mir? Soll ich ihn umarmen? Oder lieber nicht? Wird er mir helfen oder reist er mit dem nächsten Zug wieder ab?

„Vorsicht an der Bahnsteigkante“, schnarrt die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher, „der Zug aus London läuft ein.“

 

Der Anfangssatz und die Worte, die ich mir im Generator erspielt habe, sind:

Dieser Sommer schien für die Ewigkeit…

Königin, Leuchtturm, Erfolg, Leistung, necken, gebogen, Zug, umleiten, schmal, Beerdigung, akzeptieren

Leider konnte ich noch nicht alle Wort in diesen Teil des Textes einbauen. Aber da die Aufgabe „zwischen 6 Zeilen und zwei Seiten“ lautet, habe ich nach vier Seiten ein vorläufiges Ende gesetzt. Aber es interessiert mich schon sehr, was für einen Anhaltspunkt sie gefunden hat …. 😉

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: