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Posts Tagged ‘Briefkasten’

Gold, Tropfen, Glanz, steuern, Papier

Lea nahm die Feder und tauchte sie in die goldfarbene Tinte für ihre Unterschrift. Der Brief auf ihrer Schreibunterlage war lang. Eigentlich hatten es nur ein paar Zeilen werden sollen und nun lagen 5 Seiten engbeschriebenes Papier vor ihr. Mit einem eleganten Schwung setzte sie den Namen unter den Text, den ihr ihr Briefpartner gegeben hatte. Luciana, die Geliebte.

Sie seufzte. Niemals hatte sie gedacht, dass es einen Mann geben könnte, der ihre Fantasie und ihren Geist so beflügelte und doch war es geschehen. Leicht pustete sie auf die trocknende Tinte.

Lea öffnete eine der kleinen Schubladen ihres Sekretärs und entnahm ihr einen Briefumschlag. Seit sechs Wochen schrieb sie ihrem unbekannten Verehrer Briefe. Er musste ganz in ihrer Nähe sein, denn sonst wäre es unmöglich gewesen jeden Tag einen Brief zu tauschen. Aus seinen Worten sprach eine Kenntnis ihrer Lebensumstände und sogar ihrer innigsten Gedanken.

Und doch, sie hatte ihn bis jetzt nicht entdecken können. Selbst nicht, als sie sich ganz in der Nähe ihres geheimen Briefkastens auf die Lauer gelegt hatte.

Lea faltete die Seiten und schob sie vorsichtig in den Umschlag. Sie erinnerte sich an den ersten Brief, den er ihr schrieb. Sie fand ihn auf ihrem Nachttisch, mit der Anweisung ihre Antwort in dem kleinen Vogelhaus an der 1000 jährigen Linde zu deponieren.

Nie hatte ein Mann so wunderbare Dinge an sie geschrieben. Er war eloquent, aus seinen Zeilen sprach Lebenserfahrung, Intelligenz und Humor. Jeder Tag erstrahlte im Glanz seiner zauberhaften Worte. Er hauchte ihrem tristen Alltagseinerlei Träume und Fantasien ein, die Lea schon lange begraben glaubte. Seit ihre Eltern sie in die Einöde zu ihrer kranken Patentante geschickt hatten, von der sie sich einen großen Anteil eines riesigen Erbes erhofften, das Lea für sie sichern sollte. Wer er auch wahr, er kannte ihr Unglück und ihre Traurigkeit.

Lea verschloss den Umschlag, gab einen Tropfen Wachs auf die Spitze und drückte den Stempel in die Oberfläche. Der Abdruck ihres Anfangsbuchstaben L erschien in dem roten Siegelwachs. Sie hob den Brief an ihre Lippen und drückte einen Kuss auf das teure Papier. Morgen früh, bevor sie zu ihrer Tante gerufen wurde, würde sie den Brief zur Linde tragen.

Ihr Herz schlug heftig, bei dem Gedanken, welche süßen Geständnisse sie ihm gemacht und welche Wünsche sie an ihn gerichtet hatte. Lea wünschte sich nichts sehnlicher, als seinen Mund auf ihrem Mund zu fühlen, seine starken Arme, die sie umfingen und seine Hände, die sie liebkosten. Aus allen Zeilen ihres Briefes sprach Sehnsucht und Verlangen und Lea hoffte, er würde zu ihr kommen und ihr seine Zuneigung zeigen.

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Der Briefkasten ist grün. Ziemlich verbeult. An einigen Stellen ist die Farbe abgeplatzt, dort setzt sich Rost ab. Grün – Farbe der Hoffnung. Doch jeden Tag, wenn ich den kleinen silbernen Schlüssel in das Schloss stecke, enttäuscht er mich seit Tagen. Kein Brief von George. Er hat es versprochen und was er zusagt, hält er. George ist der zuverlässigste Mensch, den ich kenne. Das mag an seinem Namen liegen. George – ein alter Name mit Sicherheitsgarantie, Erde und Arbeit verschmolzen. Ein Landwirt lässt seine Heimat nicht im Stich.

Die Unruhe hat mich gepackt. Es muss etwas Schreckliches passiert sein. Ein Unfall oder ein anderes tragisches Schicksal hat ihn ereilt, weswegen George sich nicht meldet.

Ich höre den schweren Schritt meiner Nachbarin. Ihre schweren Holzclogs dröhnen durch den Hausflur. Klack, klack, klack. Ich eile die Stufen hinunter. Heute muss ein Brief von George dabei sein. Ich will vor ihr am Briefkasten sein. Sie soll nicht sehen, wie ich seinen Brief herausnehme und mich fragen: „Von wem haben sie denn Post bekommen?“, in dieser näselnd neugierigen Tonart.

Hastig öffne ich das grüne Maul. Es gibt nichts her, sein Bauch ist leer. Ich kämpfe die Tränen nieder.

„Na Kindchen wieder nichts?“, höre ich meine Nachbarin hinter mir.

Ich presse die Lippen zusammen, will nicht weinen. Ich schüttele den Kopf, wende mich ab und gehe zurück ins Haus. Wieder nichts. Die Enttäuschung zieht sich in mir zusammen, wie ein dickes schwarzes Knäul, dessen feine Fäden sich in jeden Winkel meines Körpers winden und mir die Freude heraussaugen. Es gibt nichts zu tun. Nur das Warten auf Morgen und die schwindende Hoffnung auf ein Lebenszeichen von George.

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