Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Blätter’

Nur die eine Runde

Laura zog die Laufschuhe an, heute würde sie es endlich mal wieder schaffen, die ganze Runde zu laufen. Sie versuchte es seit Wochen, es gelang ihr einfach nicht. Heute fühlte sie sich gut. Diesmal würde es sicher gelingen. Als sie die Haustür öffnete wehte ein heftiger Windstoß einige braune zerknitterte Herbstblätter in den Flur des alten Hauses. Laura achtete nicht auf sie.

Laufen, ermahnte sie sich, du musst laufen. Laura ging den Gartenweg zur Straße entlang, streckte sich, hob die Arme, hüpfte von einem Bein auf das andere. Noch war alles in Ordnung. Herzschlag und Puls normal. Sie sah es auf der App ihres Handys.

Laura betrat sie den Bürgersteig. Erst einen Fuß, dann den zweiten. Sofort erhöhte sich ihre Pulsfrequenz. Sie spürte, wie sich der Schlag ihres Herzens beschleunigte. Alles ist gut, sagte sie vor sich her, es ist vergangen, dir kann nichts passieren. Sie lief langsam los, setzte einen Schritt vor den anderen, sagte sich immer wieder ihr Mantra vor: alles wird gut, es ist vergangen, dir kann nichts passieren.

Bevor Laura die erste Kreuzung erreichte, war sie atemlos. Sie drosselte ihre Geschwindigkeit, lief nicht mehr, ging nur noch zügig. Immer wieder sah sie sich um. Niemand zu sehen. Die Straße war leer. Die Vorgärten der kleinen Vorstadthäuser lagen still da. Die meisten Nachbarn arbeiteten und die Kinder besuchten die Schule.

Laura blieb stehen. War da nicht ein merkwürdiges Knacken, ein Rascheln, ein Heulen, das nicht von der stürmischen Brise verursacht wurde. Alles wird gut, dachte Laura, alles wird gut, du musst weiter laufen, sonst gelingt das nie mehr. Sie widerstand der Versuchung sich umzudrehen.

Vorwärts, immer vorwärts, hatte Andrew ihr gesagt, aber was wusste er schon. Da, da war es wieder! Lauras spürte, wie ihr die Angst die Kehle zuschnürte. Diese merkwürdige Geräusch, ein Ratschen von Stoff, oder Zerreißen. Lauras Körper war von einer Gänsehaut überzogen, sie zitterte. Ein eisiger Schauer rann über ihre Beine hinauf in ihre Hüften, zog sich das Rückrad entlang. Ihre Nackenhärchen richteten sich auf.

Es waren höchstens 300 Meter bis zu ihrem Haus. Alles wird gut, betete Laura vor sich her, vorwärts. Aber sie konnte keinen Schritt tun. Es war wie damals. Nie würde sie diesen schrecklichen Tag vergessen. Ein Schlagen und Flattern. Laura fuhr herum, sprintete zurück zu ihrem Haus, den Vorgartenweg entlang, stürzte in den Hausflur und warf die Tür hinter sich zu. Schweratmend sank sie gegen die Tür, Tränen rannen ihr über das Gesicht. Sie würde es nicht schaffen, nie mehr. Seit dem schrecklichen Tag vor zwei Jahren.

Der Mann sah Laura hinterher und grinste, während er den schwarzen Regenschirm zuklappte und das Klettbändchen verschloss. Sie würde die Runde nie mehr laufen, dafür würde er sorgen.

Read Full Post »

Der folgende Text entstand als Aufwärmtext im Schreibkurs. In dem Text sollte eine stürmisch Nacht vorkommen, allerdings ohne den obenstehenden Satz 😉 .

Der Wind fegte um die alten Backsteinhäuser. Trockene Blätter tanzten über den Fußweg. Marton zog den Mantel enger um die Schultern. Er bedauerte es, dass er den Schal vergessen hatte. Gemächlich ging er die Abby-Street entlang, die zum Uhrenturm führte. Morton redete sich ein, er hätte noch Zeit, obwohl er wusste, dass die anderen auf ihn warteten. Charly und Will waren immer pünktlich. Heute, in der letzten Oktobernacht, besonders, da kam es auf den richtigen Augenblick an.
Die Straßenlaternen warfen runde Lichtkegel auf den Gehweg. Morton dachte mit Wehmut an den Abschied. Es gefiel ihm in Blackcastle. Der Ort war klein und sauber. Die Nachbarn hilfsbereit und freundlich. Am meisten schmerzte ihn, dass er Amelie nicht mehr sehen konnte. Nie wieder. Morgen würde er weit fort sein, in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Bis zum nächsten Jahr, in der letzten Oktobernacht.

Read Full Post »

Momentitos

Seideninspiration

Das Boot schoss mit einem schnellen Wasserrauschen vorwärts, wie wenn Seide reißt. Ich schloss die Augen, konnte rote Seide vor mir sehen, wie sie von kräftigen Händen auseinander gerissen wurde und sich in zwei Hälften teilte. Hier im Süden war alles Seide, der weiße feine Sand, der azurne Himmel und die zartesten Wolkengebilde, die ich je gesehen hatte. Die Luft streichelte die Haut und auch die Tage und Nächte umschmeichelten mich, wie der kostbare Stoff der Maulbeerspinner. Eine Welt aus Seide, Meersalz, Blüten und Sonne.

Gewitter

Es regnet. Es ist ein lauter orchestraler Regen, mit Paukenschlägen und Lichteffekten. Nach einer Weile ruhen die Trommeln, das Feuerwerk verglüht. Nur die Streicher sind noch zu hören. Im Hintergrund ein Klavier, das hervortritt, als die anderen Instrumente verklingen. Jeder Ton ist zu hören, jeder Tropfen fällt auf einen Stein. Ein zartes, ja zärtliches Säuseln und Glucksen wiegt mich auf und ab, einer Ballerina gleich, die am Arm ihres Galans über einen Teppich aus Harmonien schwingt. Ich liege auf meinem weichen Bett lausche dem Regenorchester, den Blättern, die unter der Berührung der Melodie ein Lied anstimmen. Mir fallen die Augen zu und ich fließe mit dem Wasser dahin…

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: