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Posts Tagged ‘Bett’

„Ich bin glücklich“, sagte er nachdrücklich.

Sein strahlendes offenes Lächeln, das mein Herz jedes Mal höherschlagen ließ, schmolz zu einem pragmatischen Geschäftsgrinsen zusammen. Es erreichte seine Augen nicht ansatzweise.

Ich sah ihn aufmerksam an. Seine ganze Haltung deutete Spannung an. Die Lippen leicht gepresst, die schlanken Finger ineinander verschlungen.

„Ich bin glücklich“, widerholte er.

Es klang trotzig.

Ich überlegte, was ich darauf sagen sollte. Die beiden zusammenzusehen hatte mir einen Stich versetzt. Ich versteckte es. Wer war ich, dass ich ihm sagen durfte, was ich sah? Ich kannte ihn und kannte ihn nicht, aber ich spürte die Spannung und das Machtgefälle zwischen den beiden, dass nicht zu seinen Gunsten ausfiel.

Eine Erfahrung, die ich nur allzu gut kannte. Hatte ich mich in meiner Ehe nicht ebenfalls oft genug angepasst, um den Frieden zu wahren und nicht aufs Spiel zu setzen, was ich als mein Leben oder meine Zukunft betrachtete? Ich wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte, wenn aus Liebe Nett sein, aus Leidenschaft Gewohnheit wurde, gepaart mit Bequemlichkeit und der Sicherheit eines goldenen Käfigs.

Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach, hörte ich den Satz, den mir meine Mutter immer wieder vorgebetet hatte und erkannte erst spät, dass ich selbst lieber Taube, als Spatz sein wollte.

Ich fing seinen dunklen Blick auf, der mir unter anderen Umständen eine Gänsehaut über den Körper gejagt hätte.

„Sag mir was du denkst!“, forderte er mich auf.

Vermutlich sah er die Gedanken auf meiner Stirn geschrieben, wie dunkle Wolken, die Vorboten eines Gewitters.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Was soll ich dir sagen? Du sagst, du bist glücklich.“

„Aber du glaubst mir nicht.“

Es war eine Feststellung, keine Frage. Ich schwieg. Wie konnte ich das ernstlich glauben? Seine Küsse, seine Berührungen, das, was er mir anvertraut hatte – er und ich – es kam mir vor, als hätte es niemals jemand anderen gegeben – nur er und ich. Aber ich war meiner selbst nicht sicher. Liebe ist ein Januskopf. Man sieht was man sehen möchte und das Herz sagte mir, du liebst ihn, du hältst es aus, auch wenn er gebunden ist und du ihn niemals für dich haben kannst – und dann…?

„Ich werde nicht an deinem Kartenhaus rütteln“, sagte ich ruhig, „aber ich glaube dir nicht, das ist wahr.“

An seinem Blick konnte ich erkennen, dass er ärgerlich war. Es erstaunte mich immer wieder, wie gut wir uns lesen konnten. Obwohl wir so wenig übereinander wussten, war da ein geheimes Verständnis, dass uns ein Gespür für die Stimmungen des anderen gab.

„Dann kannst du mir auch sagen, wie du darauf kommst!“, seine Stimme klang gereizt, „glaubst du, ich lüge dich an?“

„Nein. Es ist keine Lüge, sondern dass, was du glauben willst“, ich hielt inne. Einfach den Mund halten, ermahnte ich mich und dachte, würdest du dir die Wahrheit eingestehen, könntest du so nicht mehr leben. Die Sehnsucht nach der Welt hinter dem Horizont würde dich auffressen und das Gefühl machte einen kaputt. „Ich habe wirklich genug gesagt. Du willst kämpfen, dann tu es. Du bist glücklich. Gut.“

„Was hast du dagegen einzuwenden?“, fragte er und beugte sich etwas vor.

Mein Herz schlug schneller. Wenn er mir so nah war, fiel er mir schwer klar zu denken. Sein Duft benebelte mir das Hirn und ich wollte nur eins, mit ihm ins Bett gehen und jedes Tabu brechen.

„Wenn man um eine Beziehung kämpfen muss, läuft was schief“, rutschte es mir heraus.

Verdammt! Sei endlich still, schalt ich mich.

„Aber sie ist nett!“, warf er dazwischen.

Ich atmete tief durch. Ja, nett, dachte ich, aber Liebe? Liebe ist nicht nett. Liebe ist alles. Konnte er wirklich lieben? War ich es, die mehr in ihm sah, als da war? Konnte er eine einzige Frau lieben, leidenschaftlich, mit Haut und Haar. Konnte er eine Frau entdecken, ihre Höhen und Tiefen erforschen, ohne oberflächlich verliebt zu sein und gleich zur nächsten verführerisch winkenden Blüte zu gaukeln, wie ein betrunkener Schmetterling in der Sommersonne, geblendet und unfähig die Schönheit einer tiefen innigen Liebe zu erkennen, die freiwillig gab und den anderen so nahm, wie er wahr und dadurch ein Universum an Leidenschaft öffnen konnte?

Ich gab mir einen Ruck und lächelte.

„Ja, sie ist nett“, sagte ich, aber sie behandelt dich, wie einen ungezogenen Jungen, der sich zu weit von der schützenden Mutter entfernt hat und dem sie die Leviten lesen muss, damit er wieder in der vorgegebenen Spur geht. In meiner Fantasie hatte sie ihm ein Gängelband angelegt, an dem sie ihn jederzeit zurückzerren konnte.

Andererseits, das eine bedingte das andere. Zu einer Beziehung gehören zwei, einer, der es tut und einer, der es geschehen lässt. Eine Erkenntnis, die ich gerade erst selbst gemacht hatte. Und ich war diejenige, die es mit sich machen ließ. Deswegen verstand ich es so gut, wenn er von Freiheit sprach.

Wer war ich, dass ich vorwegnehmen durfte, was er vielleicht irgendwann erkennen würde? Und wenn er es nie erkannte, dann war es auch nicht an mir, die Karte aus dem Stapel zu ziehen. Es lag in seiner Verantwortung seine Verstrickungen zu erkennen und wenn er die Fesseln nicht abwerfen wollte, war dies ebenfalls seine Entscheidung. Egal, wie sehr ich ihn liebte, es war nicht mein Leben, es war seins.

„Ja, sie ist nett. Wir haben uns was aufgebaut, das will ich nicht verlieren“, wiederholte er sein Argument.

Ich nickte. Wer weiß, was morgen ist, dachte ich, Carpe diem, lagen mir die Worte auf der Zunge. Ich schluckte sie herunter.

“Sei glücklich”, sagte ich, beugte mich zu ihm herunter und küsste ihn sanft auf den Mund. Ich liebe dich, mehr als du je wissen wirst, dachte ich und sagte, „Ich werde dein Kartenhaus nicht stürzen.“

Erstaunt sah er mich an. Ich wendete mich ab und ging schnellen Schrittes davon. Meine Tränen sollte er nicht sehen.

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Tür, Silber, Aufschrift, Dämmerung, klopfen, Spitze

„Bist du sicher, dass das“, ich deutete auf die silbernen Buchstaben der Beschwörung auf der Eingangstür, „ein ausreichender Schutz ist?“

Roman zuckte mit den Schultern.

„Es ist eine erste Barriere, die uns etwas Zeit verschaft.“

Ich war skeptisch. Eine sehr wage Aussage und wenig zufriedenstellend. Zu gerne hätte ich ihm meine Meinung dazu gesagt, aber Lucius schenkte ihm Vertrauen und hatte uns befohlen, ihn ebenfalls als einen der unseren zu akzeptieren.

Ich sah aus dem Fenster und ließ den Blick über meine geliebten Hügel schweifen. Sie waren das einzige, dass sich nicht verändert hatte. Noch nicht. Seitdem sie die Königsburg einnahmen und König Leon töteten, hatte sich alles verändert.

Die Dämmerung brach herein. Es gab eine Zeit, da liebte ich diese stille Stunde vor der Dunkelheit. Doch dies schien eine Ewigkeit her, nurn fürchtete ich sie. Die Stunde der Dämmerung war nur noch kurzes Aufatmen, dann mit dem verlöschen des letzten Tageslichtes begannen die Schrecken, die jede Nacht wiederkehrten.

„Ich übernehme die erste Wache“, bot ich an.

Roman nickte und streckte sich auf dem schlichten Holzbett aus. Ich richtete mich auf dem Lehnstuhl nahe der Tür ein, die langläufige Pistole mit den geweihten Kugeln auf den Knien.

***

Klopfen, drang in mein Bewusstsein. Ich riss die Augen auf. War ich eingenickt? Wie konnte das passieren? Die Kerze war kaum heruntergebrannt, es konnte nicht viel Zeit vergangen sein. Ich suchte den Raum nach Roman ab. Das Bett war leer. Angespannt lauschte ich. Es war totenstill. Das beunruigte mich.

„Roman, wo bist du?“, flüsterte ich.

„Hier“, hörte ich ihn hinter mir und fühlte seine spitze Klinge an meiner Kehle.

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Gymnastik, ein geheimes Tagebuch und etwas Unangenehemes unter dem Bett

Mandy lag auf der rosa Gymnastikmatte und schnaufte wie ein Walross. Dies blöde Gymnastik, dachte sie, Sport ist Mord. Sie drehte sich auf die Seite und wollte aufstehen, als sie unter dem Bett etwas merkwürdiges Ding bemerkte. Mandy robbte näher an das haarige Etwas heran. Sieht aus wie ein riesiges Kuscheltier, überlegte sie, aber wer hat es dorthin gelegt und warum? Vorsichtig streckte sie eine Hand aus und stubste es mit dem Zeigefinger an. Es rührte sich nicht. Mandy stubste nochmal. Es gab ein leises Geräusch von sich und drehte sich langsam um. Zwei riesige grüne Augen sahen Mandy an.

„Lass das!“, sagt es dann.

„Du kannst reden?“

„Na klar, wieso nicht?“

„Weil, weil“, Mandy suchte nach Worten, „weil du ein – was bist du?“

„Keine Ahnung was ich in deiner Welt bin.“

Mandy sah das Wesen verständnislos an.

„Ach übrigens, eine sehr interessante Lektüre. In deiner Welt ist ja eine Menge los.“

Das Wesen hielt Mandy ihr Tagebuch hin. Sie schnappte nach Luft.

„Du liest in meinem Tagebuch? Ich fasse es nicht. Das ist geheim, das tut man nicht, in unserer Welt.“

„In unserer auch nicht, aber das hat noch keinen daran gehindert es zu tun.“

Mandy riss dem Wesen ihr Buch aus der Hand.

„Komm da jetzt raus oder willst du da liegen bleiben?“, sagte Mandy ungnädig.

„Nein, wenn du mir einen Tee anbietest.“

„Ok“, gab Mandy sich geschlagen, „und du erzählst mir dafür, wie du hier her gekommen bist.“

„Wenn ich das wüsste, wäre ich schlauer“, murmelte das Wesen und kroch unter dem Bett hervor.

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Es ist genau acht Uhr, als Inspektor Robins in Begleitung eines jungen Sergeant, den schweren Türklopfer gegen die Eingangstür krachen lässt.

Misses Morse zuckt nervös zusammen und blickt Rosalie irritiert an.

„Wer kann den jetzt noch kommen?“

Ihre Augen sind vom Weinen gerötet und ihre Hand zittert, als sie an ihrem Tee nippt. Rosalie streicht beruhigend über ihre kleine, mollige Hand.

„Ich nehme an, die Polizei. Wären sie so nett, den Herren einen frischen Tee aufzubrühen und im Arbeitszimmer servieren zu lassen?“

„Natürlich, Miss“, sie springt eifrig auf und macht sich an die Arbeit.

Rosalie verlässt die Küche und begibt sich in die Eingangshalle. Ehe sie sich bemerkbar machen kann, hat der Inspektor sie bemerkt. Er steht zwischen Anthony und Gilbert, mit dem Rücken zu ihr. Als sie sich nähert, dreht er sich um. Der intensive Blick lässt ihr Herz für einen Moment schneller schlagen.

„Sie müssen Miss Graville sein“, seine Stimme ist tief und angenehm. Er reicht ihr die Hand. Sie erwidert seinen festen Händedruck und ein flüchtiges Lächeln umspielt seine etwas zu sinnlichen Lippen. „Inspektor Nathan Robins.“

Zwischen den beiden athletischen, blonden Männern mit den ebenmäßigen Gesichtszügen, wirkt der drahtige Inspektor mit dem dunklen welligen Haar, dem etwas zu eckigen Gesicht, der charakterstarken Nase und den tiefbraunen, fast schwarzen Augen, wie ein dunkler Engel. Ein Wort, eine Geste von ihm könnte Anthony und Gil aus ihrem zerbrechlichen Himmel stürzen lassen.

„Wie mir mein Sergeant berichtete, haben sie uns rufen lassen.“

Nathan lässt Rosalie nicht aus den Augen.

„Das stimmt.“

Anthony lächelt schief, während Gils Gesichtsausdruck keine Emotionen erkennen lässt.

„Sie glauben nicht, das der Sturz von Lady Edna ein Unfall war?“

Seine Blick streift die Runde und bleibt wieder bei Rosalie hängen.

„Dazu kann ich mir kein Urteil erlauben, ich bin kein Arzt. Sie war eine alte gebrechliche Dame.“
Gil unterbricht Rosalie durch einen verächtlichen Laut. Sie runzelt unmerklich die Stirn und ist sicher, dass der Inspektor es gesehen hat.

„Es wäre ein Leichtes gewesen, ihr einen Schubs zu geben, damit sie die Treppe herunterstürz“, fährt sie fort, genauso gut könnte sie gefallen sein. Aber deswegen sind sie nicht hier.“

„Nicht?“

„Nun ja, irgendwie schon“, Rosalie zuckt entschuldigend mit den Schultern, „sie sind hier, weil die Familienjuwelen aus dem Safe gestohlen wurden. Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang?“

„Wo befindet sich der Safe, Mister de Clare?“

Gils Gesichtsausdruck ist Ablehnung pur. Nathan zieht eine Braue hoch, ohne die Schärfe seines Blicks zu mildern. Männer wie Gilbert de Clare lehrten Nathan nicht klein beizugeben und zu kämpfen.

„Der Safe mit dem Familienschmuck befindet sich in Lady Ednas Zimmer“, lässt Gil sich zu einer Antwort herab.

„Wann wurde der Diebstahl bemerkt?“, Nathan wendet sich erneut Rosalie zu. Miss Graville passt überhaupt nicht in dieses Haus, geht es ihm durch den Kopf, sie scheint die einzige mit gesunden Menschenverstand zu sein.

„Nachdem der Bestatter eintraf. Etwa gegen sechs Uhr. Ich sollte ein Kleid für Lady Edna heraussuchen. Sie ist im Nachthemd gestürzt“, fügt sie hinzu, als würde diese Erklärung ausreichen.

„Wo befanden sie sich alle, als Lady Edna stürzte?“

„Ich war mit Miss Graville in der Küche“, kommt Anthony Rosalie hilfsbereit zu vor.

Nathan runzelt die Stirn.

„Und sie, Mister de Clare?“

„In meinem Bett“, Gils Ton lässt deutlich erkennen, dass er die Frage des Inspektors für eine Zumutung hält.

Nathan ignoriert es und sagt zu seinem Sergeant:

„Collins, befragen sie die Angestellten.“

„Ja, Sir.“

Der junge Mann eilt dienstbeflissen in die Küche, in der sich die Dienstboden zur Verfügung halten sollen.

„Miss Graville, würden sie mir bitte den Tatort zeigen?“

Nathan macht eine einladende Handbewegung. „Darf ich sie bitten voranzugehen.“

Rosalie setzt sich in Bewegung. Gil und Anthony wollen ihr folgen, aber Nathan schüttelt den Kopf.

„Sie warten bitte in der Bibliothek.“

„In meinem Haus haben sie gar nichts zu befehlen“, Gils Stimme ist gefährlich ruhig.

Nathan lächelt überlegen.

„Ich habe nichts befohlen. Ich habe bitte gesagt.“

Über Rosalies Gesicht huscht ein Lächeln und sie ist froh, dass Gil ihr Gesicht nicht sehen kann.

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– Was hat sich Großvater nur dabei gedacht! Was habe ich mir dabei gedacht! Und dabei habe ich mir vorgenommen ganz ruhig und gefasst zu bleiben. Ich hätte auf John hören sollen, er hat mich gewarnt. – Mit energischen Schritten umrundet sie den großen Brunnen vor dem Haus. – Ich sollte nach Hause fahren. Aber das wäre ein Triumph. Gil würde sich ins Fäustchen lachen, dass er die lästige Erbin losgeworden ist. Ich muss mehr wissen. – Rosalie hält kurz inne, atmet tief durch. – Ich werde meine allwissende Quelle anzapfen müssen. – Kurz darauf sitzt sie bei Misses Morse in der Küche, genießt ein Stück frisch gebackenen Kuchen und eine Tasse Tee.

***

Rosalie liegt im Bett, in spitzenbesetzten Kissen und Decken und betrachtet den reich bestickten Baldachin über sich. Sie hat den Verdacht, das Bett gehörte schon zur ersten Möblierung des Hauses und obwohl sie in ihrem eigenen Heim den modernen Stil bevorzugt, übt das altmodische Ambiente einen besonderen Reiz auf sie aus.

Ihre Gedanken kreisen um die beiden Besitzer des Anwesens. Lady Edna, die in selbstgewählter Begrenzung aus Konvention und Arroganz wie ein zurückgebliebenes Kind wirkte, nicht im Stande einfachste Zusammenhänge zu verstehen. Während Gil sich durch die Traditionen an das Haus und das Erbe ketten ließ, alles genau beobachtete, sich auf der Suche nach einem Ausweg im Kreis drehte und eine Mauer aus eisiger Ablehnung aufbaute.

Rosalie schlägt die Decke zurück, schlüpft in Pantoffeln und Morgenrock und verlässt ihr Zimmer. Sie könnte Mister Smith aus dem Bett klingeln und ihn bitten ihr einen Tee zu bringen, doch sie will seine Abneigung gegen ihre Person nicht verstärken. Den Weg in die Küche findet sie ohne nachzudenken.

***

Durch den nachglühenden Herd herrscht in der Küche noch eine angenehme Temperatur. Rosalie legt einen Holzscheit nach und ragt mit dem Schürhaken mehr Glut um das Holz. Sie rückt den Wasserkessel über die Feuerstelle. Er ist noch zur Hälfte gefüllt und lauwarm. Rosalie nimmt eine kleine Teekanne vom Regal, füllt eine Handvoll Pfefferminzblätter ein und zieht sich einen Stuhl vor den Herd. Das trockene Holz knistert hinter der Ofentür und verströmt einen harzigen Geruch. Rosalie genießt die Stille und die behagliche Atmosphäre.

Ihre Gedanken kehren zum Nachmittag zurück, als sie Misses Morse in der Küche aufsuchte, um ihr ein paar Auskünfte bezüglich ihres Großvaters, Lady Ednas und des Familienschmucks zu entlocken.
Misses Morse genoss die Aufmerksamkeit der schönen Miss Rosalie und ließ sich nur zu gerne herab, ihr interessante Einzelheiten über ihre Ahnen anzuvertrauen. Immerhin, so sagte sie sich, war die Miss die Enkelin seiner Lordschaft und es wäre sträfliche Nachlässigkeit gewesen, ihr die Bedeutung ihres Großvaters vorzuenthalten.

Rosalie versucht sich einen Reim auf Misses Morse Mitteilungen und die merkwürdige Dynamik in dieser Familie zu machen. Nach der Testamentseröffnung hatte sie nicht vorgehabt am Dinner teilzunehmen, bis Anthony sie bei Misses Morse in der Küche aufspürte und sie mit Engelszungen davon überzeugte nicht klein beizugeben.

Sie machte aus der Not eine Tugend. Ein Erbe ihrer Eltern. Rosalie zog eines ihrer schönsten Kleider an, steckte ihr Haar zu einer eleganten Frisur auf und setzte ein strahlendes Lächeln auf. Kannst du deine Feinde nicht schlagen, gewinn sie für dich, beherzigte sie die Maxime ihres Vaters. Bis dahin war es ihr meistens gelungen, Neider oder Kritiker für sich zu gewinnen, aber was Lady Edna und Gil betraf war sie alles andere als sicher.

Erleichtert stellte Rosalie fest, dass sie nicht der einzige Gast war. Lady Edna thronte wie eine bösartige Krähe in schwarzer Witwentracht und streng frisiertem Haar an einem Ende der Tafel. Neben ihr saß Pater Markus dessen geistiger Beistand, gegen diese schreckliche Frau, seine Anwesenheit verlangte. Anthony flüsterte ihr in einem unbeobachteten Moment zu, dass der Pater Lady Ednas Beichtvater war. Die alte Dame beobachte die junge Frau mit Argusaugen. Zu ihrem Überdruss konnte sie keine Regelverstöße gegen die Etikette feststellen. Die fixe Idee Rosalie bei einem Faux Pas zu erwischen und bloßzustellen, schlug fehl.

Des weiteren bereicherte eine adelige Familie aus der Nachbarschaft das Dinner. Rosalie verdächtigte Lady Edna Gil verkuppeln zu wollen. Die drei Töchter im heiratsfähigen Alter konnten ihre Augen nicht von Gil und Anthony abwenden. Es kostete Rosalie Mühe das alberne Kichern der jungen Damen nicht mit sarkastischen Worten zu kommentieren.

Victor, der schneidige Bruder der drei Mädchen entschädigte Rosalie mit einem interessanten Gespräch über eine Reise nach Ägypten, von der er gerade ein paar Tage zuvor zurückgekehrt war. Er schien Gefallen an ihr zu finden und wich ihr den ganzen Abend keinen Schritt von der Seite.

Rosalie war so beschäftigt, beschäftigt zu sein, dass sie nicht bemerkte, das sowohl Gil, als auch Anthony ihren Gesprächspartner mit Argusaugen beobachteten. Je mehr sie sich in die Unterhaltung mit Robert vertiefte, je weiter sank die Stimmung bei den beiden Herren, die parallel die Laune der flirtenden Mädchen herabsetzte.

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Liegt Langeweile auf der Hand
Stört die Fliege an der Wand
Nicht so wie der Sand
Verrinnt im Glas der Stunde
Ach lass mich noch`ne Runde
Schlafen

Ich glaube, diese Zeilen sind mir deswegen eingefallen, weil heute mein erster Urlaubstag ist. Ich hatte mir keinen Wecker gestellt, wurde dann aber ziemlich unsanft von meiner Tochter aus dem Bett geworfen, weil sie dringend zum Bahnhof musste. Erster Tag eines Seminars 🙂 und schließlich möchte Mama nicht, dass das Kind zu spät kommt. Ich bin froh, dass mich niemand gesehen hat – oder zumindest nur im Vorbeirauschen. Halb im Schlafanzug, die Haare auf Sturm – aber !!! Zähne geputzt. Zum Glück ist Sommer. Schlimmer war es im Winter bei minus 10 Grad, aber bis dahin ist das Seminar längst vorbei.

Und ich habe meine 6 Zeilen für mein 365-Tage-Projekt. Ob die Musen solche Sonderfälle vorgesehen haben? *g*

Euch allen einen wunderschönen Tag und einen guten Start in die Woche.

Eure Caro

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Ich glaub ich träume!

Warum denken die Leute eigentlich, dass der Vollmond unseren Schlaf beeinträchtigt, denke ich und drehe mich von rechts nach links und wieder zurück.

„Weil es wohl so ist“, seufze ich und schlage die Bettdecke zurück. Eddy, mein Kater, schaut kurz auf und ich sage zu ihm, „aber vermutlich ist es der Kaffee. Ich hätte so spät keinen mehr trinken sollen.“

Eddy schließt die Augen wieder. Nicht zu ändern. Es ist zu spät. Ich bin hellwach. Silberne Lichtstraßen erhellen mein Schlafzimmer. Ein riesiger Mond hängt über meiner kleinen Stadt. Wenn er jetzt herunterfallen würde, wären alle Häuser platt. Oder vielleicht könnte ich ihn auch berühren, wenn ich keine Höhenangst hätte und auf`s Hausdach steigen würde?

„Blödsinn“, murmele ich vor mich hin. Eddy rührt sich nicht. „Ich mit meinen komischen Gedanken!“

Ich gehe in die Küche und hole mir ein Glas Wasser. Statt wieder ins Bett zu gehen, biege ich in mein Schreibzimmer ab. Mein Gedankenkarussell hat längst Fahrt aufgenommen. Wenn ich die Ideen gleich in den PC schreibe, kann ich sie morgens wenigstens noch lesen, anstelle der Hieroglyphen in meinem Notizbuch.

Auch in mein Schreibzimmer fällt das Licht des Frühlingsvollmondes. Ich kann alles klar erkennen. Die Bücherregale, meinen Schreibtisch und den PC, die Orchideen und die Figur auf der Fensterbank und – ich traue meinen Augen nicht – den Drachen. Er ist ziemlich klein. Etwa von der Größe eines Meerschweinchens. Aber geschuppt, mit Schwanz, Flügeln und Reptilienkopf, so wie ich mir einen Drachen vorstelle.

Was für ein Quatsch! Ich träume. Ich zwicke mich in die Wange. Aua, das tut weh. Ich kneife die Augen für einen Moment fest zusammen. Als ich sie wieder öffne, ist der Drache weg. Erleichtert atme ich auf. Nur Vollmond-Schriftsteller-Fantasien. Aber die Idee mit dem Drachen gefällt mir. Ich schalte meine Schreibtischlampe an und fahre den PC hoch. Ich öffne eine Datei, speichere sie unter „Notizen“ und schreibe:

„Haben sie zufällig meinen Drachen gesehen?“

Hm, habe ich das gerade jemand sagen hören? Nicht umdrehen, sagt die innere Stimme zu mir, alles nur Einbildung oder lieber doch umdrehen und der Gefahr ins Auge sehen? Langsam drehe ich mich um. Vor mir steht ein Mann in Klamotten, die an Steampunk erinnern, und schaut mich interessiert an.

„Was ist das für eine Maschine?“ Er deutet auf meinen PC.

„Ein Computer“, stottere ich.

„Aha“, sagt er, als wüsste er, was ich damit meine, „haben sie meinen Drachen gesehen?“

„Etwa so groß?“

Ich deute die Größe mit den Händen an, ohne meinen Blick von dem Fremden abzuwenden. Was ist hier los? Rotiert die Frage in einer endlos Schleife durch meinen Kopf.

„Da ist er ja“, der Mann kommt auf mich zu.

Ich rühre mich nicht von der Stelle, nehme aber aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Ehe ich etwas tun kann, sitzt der Mini-Drache auf meinem Schoss und gibt wohlige Töne von sich, die an Eddys Schnurren erinnern. Instinktiv will ich ihn kraulen.

„Halt“, warnt mich der Mann, „er beißt Fremde.“

Ich sehe auf den Drachen herunter. Er dreht mir den Hals zu, und mit zwei Fingern streiche ich über die weiche Innenseite des Halses. Der Drache gibt leise wohlige Quiecklaute von sich.

„Scheint ihm zu gefallen“, stelle ich fest.

„Interessant“, sagt er und betrachte mich prüfend.

Interessant finde ich diese Situation auch, bin mir aber nicht sicher in welcher Richtung. Die gute oder die schlechte.

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Sie biegt ab, fährt auf die Autobahn auf und gibt Gas. Das Radio dudelt die neusten Hits. Die Sonne scheint, als ob Sonntag ist. Wie an einer Schnur gezogen fährt sie den Weg, ohne sich ein einziges Mal zu verfahren.

Das Haus liegt genauso still da. Wie damals. Sie steigt aus, wechselt auf die andere Straßenseite. – Ob er überhaupt zu Hause ist? Was tue ich eigentlich hier? Es war eine blöde Idee herzufahren. Ich kann mich nicht ungefragt in sein Leben drängeln. –
Sie schlägt den Weg zum Schloss ein. Wie damals. Sie setzt sich auf die Bank im Schatten der Platanen und schaut dem Spiel der Sonnenstrahlen auf dem gepflasterten Platz zu. Ihr Herz beruhigt sich langsam wieder. – Welcher Teufel hat mich da bloß geritten? Ich gehe noch einen Kaffee trinken, dann fahre ich wieder. –

Sie schlendert Richtung Innenstadt. Vor einem Buchladen bleibt sie stehen und schaut sich die Auslagen an. Ein Passant bleibt neben ihr stehen. Sie wirft einen kurzen Seitenblick auf ihn und zuckt zusammen. Er lächelt.

„Was machst du denn hier?“ fragt er.

„Bücher anschauen“, stottert sie.

Er lacht.

„So, so. Ist das alles?“

„Nein. Ich wollte noch einen Kaffee trinken.“

„Ohne deinen alten Freund zu besuchen?“

In seiner Stimme liegt leiser Spott. Sie schweigt verlegen. Er nimmt ihren Arm und zieht sie sanft hinter sich her.

„Na, komm, ich lade dich auf einen Kaffee ein.“

„Ok. Aber dann muss ich wieder los.“

Ihre Blicke treffen sich. Als er eine Augenbraue hochzieht und sagt: „Bist du sicher?“ Wird sie rot. Vor einem hübschen kleinen Café bleibt er stehen.

„Setz dich.“

Widerspruchslos lässt sie sich in einen Korbsessel gleiten. Er setzt sich ihr gegenüber und streckt seine langen Beine aus. Provozierend schaut er sie an.

„Gibt es in München nicht die Bücher, die du suchst?“

„Ach, hör auf. Du weißt, dass ich nicht wegen der Bücher gekommen bin.“

Um sich abzulenken, rührt sie in ihrem Kaffee. Seine prüfenden Blicke bohren sich in ihre Gedanken.

„Schau mich bitte nicht so an“, sie seufzt.

Er ignoriert ihre Bitte.

„Du hättest also nicht bei mir geklingelt?“

Sie schüttelt den Kopf.

„Nein, hätte ich nicht.“

Schweigend nippt er an seinem Kaffee und sieht sie mit seltsamem Ausdruck an.

„Warum?“, fragt er nach einer Weile.

„Warum sollte ich? Du hast mir nicht geantwortet“, erwidert sie schlicht.

„Warum?“, fragt er wieder.

„Weil ich das Unmögliche hoffte. Dich zu sehen.“ Sie trinkt einen Schluck. „Aber warum fragst du mich? Eigentlich weiß du es doch schon.“

„Ich will nur, dass du dir sicher bist“, sagt er. Wie damals.

 – Ob er das ironisch meint? Ich bin mir sicher, schon lange. Im Grunde von Anfang an. –

Der Rückweg verläuft still. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Sie würde ihm gerne soviel sagen, aber sie hat Angst und schweigt. Vor dem Haus streckt sie ihm die Hand entgegen.

„Machs gut“, sagt sie leise.

Ein dicker Kloß schnürt ihr die Kehle zu. Er schüttelt den Kopf.

„Kommt gar nicht infrage! Der Weg ist viel zu weit. Du kannst hier schlafen und morgen fahren.“

„Nein, ich schaff das schon. Das macht mir nichts aus“, wehrt sie ab.

„Keine Widerrede.“

Er legt ihr eine Hand auf den Rücken und schiebt sie den Gartenweg entlang zum Haus.

„Nein.“

„Psst.“

Er legt einen Finger auf den Mund. Er führt sie ins Wohnzimmer. Legt eine CD auf.

„Bin gleich wieder da, ich hol uns schnell was zum Essen. Mach es dir bequem.“

Steif lässt sie sich auf dem Sofa vor dem kleinen Tisch nieder. – Ich dürfte nicht hier sein. Ich sollte gehen. – Sie will gerade zur Tür hinaus, da steht er mit einem Teller mit Pizza und einer Flasche Wein vor ihr.

„Nanu, du willst doch nicht flüchten.“

Er stellt die Sachen auf das Tischchen und lässt sich auf dem Boden nieder.

„Komm, hier wird nicht gekniffen.“

Er grinst spitzbübisch. Sie setzt sich neben ihn, und als er ihr ein Glas Rose hinschiebt, trinkt sie.

„Du musst was essen“, sagt er und beißt in ein Stück Pizza.

„Nein, ich bringe nichts runter.“

Als er fertig gegessen hat, erhebt sie sich.

„Ich sollte jetzt schlafen gehen, damit ich Morgen früh fahren kann.“

Der Wein verursacht einen angenehmen Schwindel.

„Danke. Wo geht’s noch mal ins Gästezimmer?“

„Ich zeig es dir.“

Er nimmt ihre Hand und führt sie über den Flur.

„Ich glaub, ich hab einen Schwips“, Sie kichert.

„Ja“, sagt er leise, „so wie damals.“

„Ja, aber damals hast du mich geküsst“, sie lacht.

Vor dem Bett bleibt er stehen und schaut auf sie herunter. Sein Blick trifft in ihr Herz.

„Und du bist noch genauso süß, wie damals“, seine Stimme ist rau.

Er nimmt ihr Gesicht in seine Hände und küsst sie. Nicht sanft, wie damals. Sondern Wild und leidenschaftlich. Er zieht sie eng an sich. Sie spürt seine suchenden Hände auf ihrem Körper.

„Ich will dich,“ flüstert er. „Ich habe solange gewartet.“

„Warum?“, sie schaut ihn erstaunt an.

„Weil ich Angst hatte.“

„Warum?“

„Weil ich mich auf der Stelle in dich verliebt habe und panische Angst vor einer weiteren Verletzung hatte.“

„Du wusstest, dass ich gehen musste. Aber ich wäre wiedergekommen.“

„Ich weiß.“

Und als er sie erneut küsst, überlässt sie sich seinen Zärtlichkeiten. Sie wird wiederkommen. Für immer.

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So! Hier der zweite Teil meines kleinen Schreibmarathons. Viel Spaß beim Lesen 🙂 . Die nächsten 13 Sätze für die Nachtbereitschaft warten schon. Werden morgen auf den Schreiberlebentipps gepostet unter dem Titel: 13 Sätze – 13 Geschichten

6.Heute bei der Arbeit…

Heute bei der Arbeit, ich saß im Pyjama auf dem Bett, das Laptop auf den Knien, im Fernsehen lief „Crossing Lines“, hörte ich vor meiner Zimmertür ein merkwürdiges Geräusch. Zugegeben, ich höre öfter Geräusche vor meiner Zimmertür oder über meinem Zimmer. Kein Wunder! Bei 20 Schlaf-Gästen und einem Haus, das mindestens zwei Jahrhundertwenden überdauerte, kann es die verschiedensten Geräusche geben. Türen quietschen oder krachen, Treppen knarren, Holzdielen knarzen und wer weiß, ob nicht die ein oder andere Maus im Spiel ist.

Die Töne heute waren mir jedenfalls nicht vertraut. Ich speicherte meine Datei, stellte das Netbook aufs Bett und stand auf. Das Geräusch nahm an Lautstärke zu. Ich hatte sie schon öfter gehört, nur eben nicht in diesem Haus. Ich zog meine Turnschuhe und meinen Pulli an, griff nach dem Zimmerschlüssel und drückte die Klinke herunter. Sacht zog ich die Tür auf. Ein kalter Luftzug drückte durch den Spalt zu mir herein und verursachte mir eine Gänsehaut. Völlig fassungslos starrte ich auf das Szenario vor mir.

Als Schriftstellerin kann ich mir alle möglichen wilden und abstrusen Situationen vorstellen, das ist mein Job – aber das?! Es war wie eine Szene aus einem Traum! Völlig surreal und mit nichts zu erklären. Denn trotz meiner ausufernden Fantasie bin ich mir der Naturgesetze wohl bewusste, auch wenn ich sie in meinen Geschichten gelegentlich außer Kraft setze.

Vor meiner Tür ankerte ein Schiff. Und nicht irgendein Schiff. Es war ein fünf-Mast-Segelschiff. Am Bug hing eine riesige Meerjungfrau als Galionsfigur. Ihr hellblauer Fischschwanz wand sich über der Wasseroberfläche.
Ich kniff mich in den Arm. Verdammt, das tat weh. Ich drückte panisch die Zimmertür zu. Für einen Moment herrschte Stille.

Dann hörte ich erneut Geräusche. Was stimmte nicht mit mir? Erneut öffnete ich die Tür. Dieses Mal lag vor meinen Füßen ein Bahnsteig. Mir gegenüber stand ein altmodischer Zug. Menschen gingen auf und ab. Sie trugen Kleider, wie aus den BBC Verfilmungen von Jane Austen. Niemand nahm Notiz von mir. Ich schien unsichtbar zu sein. Vielleicht können sie mich sehen, wenn ich auf den Bahnsteig trete, dachte ich und wagte einen Versuch.

7.Nach dem Ball …

Nach dem Ball ist vor dem Ball, denke ich, schleiche mich in die Garderobe und mache mich auf die Suche nach meinem Mantel. Ein langer roter Mantel aus Kaschmir. Passend zu meinen Schuhen. Es ist alles nur geliehen. Ich kann mir so teure Sache nicht leisten. Ich bin arm wie eine Kirchenmaus. Na gut, etwas übertrieben. Aber für das teure Seidenkleid, das ich gerade trage, müsste ich mehr als drei Monate arbeiten. Ich fühle mich wie Cinderella. Der Fehler in meiner Geschichte ist, dass es für sie ein Happy End gab. Ich dagegen habe alles auf eine Karte gesetzt und verloren. Ich habe ihn gesehen, aber er mich nicht. Morgen früh wird es so sein, als hätte es diesen Abend nicht gegeben. Ich bringe die Kleider zurück. Bis auf die Quittung wird nichts mehr daran erinnern, dass ich ein paar Stunden Prinzessin war.

Endlich habe ich meinen Mantel gefunden. Ich streiche gedankenverloren über den weichen Stoff. Er fühlt sich fantastisch an. Der Mantel trägt sich wie eine zweite Haut. Ich muss lächeln. Der Busfahrer wird sich wundern, wenn er sieht wie ich einsteige. Ich werde sagen: Guten Abend, leider habe ich meinen Kürbis verlegt. Ich hoffe, er hat Humor. Ich knöpfe den Mantel zu, schließe den Gürtel. Noch einmal sehe ich zum Ballsaal hinüber. Musik dringt heraus. Ich drehe mich um und gehe auf die breite Marmortreppe zu.

„Sie wollen schon gehen?“

Ich halte inne, sehe über die Schulter. Da steht ein großer blonder Mann in einem tadellos sitzenden Anzug, klassisch schwarz. Gutaussehend, sympathisch.

„Ja, leider. Es ist nach Mitternacht und mein Kürbis ist schon weg.“

Er lacht und kommt näher.

„Darf ich ihr Kutscher sein?“

Ich lächele.

„Ich bin mir nicht sicher. Meine Mutter hat mir immer eingebläut nicht mit fremden Männern mitzugehen. Nur weil sie einen Anzug tragen, heißt das nicht, dass sie vertrauenswürdig sind.“

In seinen blaugrauen Augen blitzt der Schalk auf.

„Dann darf ich mich vorstellen. Thomas Berger.“ Er verbeugt sich galant. „Zu ihren Diensten.“

„Lea Winter. Prinzessin für eine Nacht.“ Ich mache einen Knicks. „Schade, dass sie mich nicht in meinem Kleid sehen konnten.“

„Woher wollen sie das wissen?“, er schmunzelt, „ich habe den ganzen Abend nichts anderes gesehen.“

„Dann muss ich sie tadeln, Herr Berger.“

„Tom, bitte, sagen sie Tom“, unterbricht er mich.

„Gut. Also Tom, wenn das wahr ist, dann frage ich mich, warum sie mich nicht zu einem Tanz aufgefordert haben?“

Er wird ernst.

„Sie hatten ihre Aufmerksamkeit auf einen anderen Herrn gerichtet. Ich war mir nicht sicher, ob sie mir einen Korb geben.“

Ich senke beschämt den Blick und erröte. Hat er recht? Bin ich so durchschaubar.

„Wollen wir das jetzt nachholen?“

Seine Stimme ist sanft. Ich sehe auf. Tom streckt mir die Hand entgegen. Ich lege meine hinein. Er zieht mich zu sich heran, legt die andere Hand in meine Taille. Wir machen die ersten Schritte. Tom ist ein guter Tänzer. Er schafft es problemlos meine Fehltritte auszugleichen. Die Prinzessin hat ihren Tanz zu guter Letzt doch noch bekommen.

„Vielen Dank für diesen Tanz“, sagt Tom, neigt leicht den Kopf und bietet mir seinen Arm, „darf ich sie nach Hause chauffieren?“

„Gerne.“

Ich genieße die Fahrt durch die nächtliche Stadt. Wir reden über Gott und die Welt. Lachen mit einander. Ich fühle mich wohl mit ihm. Tom ist ein guter Autofahrer. Entspannt und sicher. Er findet meine Straße ohne Navi, kennt sich gut aus. Vor meinem Haus steigt er aus, hält mir die Autotür auf und begleitet mich zur Haustür. Er nimmt meine Hand. Warme Finger umfassen meine.

„Darf ich sie wiedersehen?“, fragt Tom.

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“

„Warum nicht?“

„Wie ich schon sagte, ich bin Prinzessin für einen Abend gewesen. Morgen bin ich wieder das Mädchen in der Asche. Ich passe nicht in ihre Welt.“ Ich deute an der Hausfassade hinauf. „Ich bin das Mädchen aus dem Dachgeschoss.“

„Was würde der Prinz jetzt tun?“, ignoriert er meinen Einwand und lächelt.

Ich zögere, sehe in seine strahlenden Augen. Der Mann ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen.

„Die Prinzessin küssen.“

Tom zieht mich in seiner Arme und küsst mich. Ich schließe die Augen, gebe mich dem Augenblick hin.

„Keine Angst Prinzessin“, sagt er, nachdem er mir das Versprechen abgenommen hat, ihn wiederzusehen, „alles ist möglich.“

8.Später beim Picknick…

„Später, nach dem Picknick!“

„Später, später … das sagst du immer!“, mault das Mädchen.

„Nein. Sag ich nicht.“

Sie stapft mit dem Fuß auf. Der Kellner serviert meinen Kaffee.

„Doch! Du hörst dir ja nicht mal selber zu. Du hilfst mir später bei den Hausaufgaben, du gehst später mit mir zum Gartenfest, später redest du mit meinem Lehrer, später, später, später!“

Der Mann sieht erschöpft aus. Er hat etwa mein Alter. Das Mädchen, wohl seine Tochter, zirka 13.

„Bitte, Natalie, beruhige dich. Du weißt, dass ich einen streßigen Job habe.“

„Bei Mama ist es viel besser. Ich will das Mama wiederkommt.“

„Deine Mutter ist aber noch zwei Monate im Ausland. Du wirst es wohl oder übel mit mir aushalten müssen.“

Aha, daher weht der Wind. Scheidungskind, nervt Vater und macht ihm ein schlechtes Gewissen. Natalie scheint zu spüren, dass ihr Vater die Grenze seines guten Willens erreicht. Ich trinke den letzten Schluck Kaffee.

„Bitte, Tom, bitte. Ich habe so einen Hunger“, sie hakt sich bei ihrem Vater ein.

„Na gut, dann mach die Tüte auf! Und nenn mich nicht Tom.“

Natalie zerrt eine Tüte mit Schokoriegelchen aus der Einkaufstasche und reißt sie auf. Ziel erreicht. Sie lächelt triumphierend.

Ich lege das Geld für den Kaffee neben meine Tasse. Tom bemerkt, dass ich die Szene interessiert beobachte. Ich lächele ihm zu und nickte. Er erwidert es verlegen.

„Du Papa“, Natalie zieht die Worte schmeichelnd in die Länge.

Der nächste Angriff kündigt sich an. Ich stehe auf, mache ein überraschtes Gesicht und sage:

„Mensch Tom! Jetzt erkenn ich dich! Ich bin`s die Sandra aus der Schule. Schön dich wieder zu sehen.“
Vater und Tochter sehen mich überrascht an. Ich mache noch einen Schritt nach vorn und umarme Tom stürmisch, Küsschen rechts, Küsschen links, und flüstere ihm ins Ohr:

„Einfach mitspielen, alles wird gut.“

Zu Natalie sage ich:

„Hallo und du bist Toms Tochter?“

„Ja!“, erwidert sie reserviert.

„Freut mich dich kennen zu lernen“, ich sehe zu Tom, „wirklich gut hingekriegt, mein Lieber!“

„Stimmt“, er nickt leicht irritiert.

„Darf ich euch einen Vorschlag machen?“, ich sehe die beiden an und rede einfach weiter, „magst du Pferde, Natalie?“

Bitte sag ja, denke ich, alle Mädchen mögen Pferde.

„Ja, wieso?“

„Mein Bruder hat ein Gestüt. Wenn dein Vater nichts dagegen hat, könnt ihr euer Picknick dort machen und du könntest eine Reitstunde nehmen.“

Mein Vorschlag hat die gewünschte Wirkung.

„Papa, bitte, darf. Bitte, bitte, Papaaaa.“

„Wenn Sandra uns einlädt können wir so ein tolles Angebot nicht ablehnen“, sagt er verhalten.

Ich zwinkere ihm zu.

„Ich geh schon mal zum Auto!“, ruft Natalie und rennt los.

„Ich hoffe mein Überfall hat sie nicht völlig aus dem Konzept gebracht“, grinse ich Tom an, „ich bin auch alleinerziehend und meine Tochter ist im selben Alter. Ich kenne solche Situationen zu gut. Vielleicht verschafft ihnen meine Intervention einen entspannten Nachmittag.“

Tom zieht die Augenbraue hoch und schmunzelt.

„Aha, Leidensgenossin also.“

Ich nicke.

„Sie haben was gut bei mir“, sagt er und sein Blick verursacht einen Herzhopser bei mir. „Ich hoffe, dass war nicht der letzte Überfall.“

9.Wir gingen am Strand entlang…

Wir gehen am Strand entlang. Die Jungs mit großen Schritten vor weg. Ich in sicherem Abstand hinter her. Das Wetter hat sich etwas beruhigt. Der Dauerregen der letzten zwei Tage hält seit ein paar Stunden den Atem an und gönnt uns eine Verschnaufpause. Vermutlich drehe ich sonst durch.

In der kleinen Ferienhütte herrscht ein Testosteronpegel, der ausreichen würde eine ganze Klosterschule flach zu legen. Bei dem Gedanken setzt bei mir ein Kopfkino ganz besonderer Art ein. Nur gut, dass von den Fünf keiner Gedanken lesen kann.

Dass das keiner falsch versteht! Ich liebe Männer. Männer sind toll. Ich komme gut mit Männern klar. Wirklich wahr. Aber fünf Männer auf engstem Raum – alle gut befreundet und ich?!

Der ganze Ausflug fing ganz harmlos an. Wie das bei solchen Sachen meistens der Fall ist. Arbeitsurlaub nannte es unser Boss.

„Alles easy“, höre ich Adam noch sagen und dachte, na wenn er meint.

Wir arbeiten zusammen. Die Fünf und ich. In einer Drehbuchschmiede für eine SiFi-Serie. Vielleicht erklärt das den Frauenmangel im Team. Gestört hat das bis dahin nicht. Klar wird anders geredet, wenn keine Frau dabei ist und tatsächlich habe ich immer das Gefühl gehabt, in der Masse unterzugehen. Ja, hahaha, schon klar. Aber ich bin halt kein Püppchen, sondern Frau. Make up ist nicht meins. Klamotten mag ich gerne bequem, was nicht heißen soll, dass ich in Sacktuch und Asche herumlaufe. Ich bin nicht auf den Mund gefallen und eine klare Sprache macht mir nichts aus. Im Gegenteil. Mein Vater war Vorarbeiter auf dem Bau. Ich kenne den Sprachduktus unter Männern. Eigentlich finde ich es sogar witzig. Wenn es nicht total unterste Schublade ist.

Jedenfalls hatte ich in dem Jahr unserer Zusammenarbeit nicht den Eindruck der Gegenstand von Anmache zu sein, sondern eine Kollegin unter Kollegen. Voll integriert. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich daran etwas ändert, wenn wir in Klausur gehen. Wir waren heilfroh der tristen Büroatmosphäre eine Weile zu entkommen. Das Ganze sollte der Teambildung und der Ideenfindung dienen. Die Serie ist so beliebt, dass man einen Kinofilm drehen will und wir sollen das Drehbuch schreiben. Immerhin ist das unser Baby.

Die ersten zwei Tage ging alles gut. „Alles easy.“ Das Gerangel fing an, als ich am dritten Tag morgens aus dem Bad kam. Ich vergaß meine Klamotten in meinem Zimmer und trug auf dem Rückweg nur ein knappes Handtuch. Das Bad liegt im Erdgeschoss, mein Zimmer in der ersten Etage. Der Weg dorthin führt durch die Küche. Womit ich nicht rechnete war, dass meine lieben Kollegen so früh auf waren, nachdem ich sie die vorangehenden Tage wecken musste. Nein, alle fünf standen, saßen dort und tranken ihren ersten Kaffee. Muss ich noch etwas sagen?

Nur so viel. Jerry, der Spaßvogel, grinste und sagte: „Wow Kat, zeig uns mehr,“ und griff nach dem Zipfel meines Handtuchs. Es passierte, was passieren musste. Und auch wenn Jerry sich später bei mir entschuldigte, nachdem ich im Evakostüm posiert hatte, schienen „meine“ Jungs in Erwägung zu ziehen, dass ich mehr sein könnte, als ihre Kollegin und taten alles, um es mich wissen zu lassen.

10.Ich beobachtete den Regenbogen…

Ich beobachte den Regenbogen, der sich in leuchtenden Farben über die Straße spannt. Leider kann ich dabei die Verkehrslage nicht so gut überblicken und werde mit einem heftigen Ruck und Krachen in die Wirklichkeit zurückgeholt. Meine Tasche fliegt durch den Innenraum. Mein Apfel auch. Mist! Und vor mir ein großer BMW. Ziemlich neues Model. Glänzend poliert und chromverziert. Seufzend steige ich aus. Der Halter des BMW steht schon am Heck und beugt sich über die Stoßstange. Anzugträger, teurer Stoff, tadelloser Sitz. Durchgestylt vom Scheitel bis zur Sohle. Der mag bestimmt keine Kratzer. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Ich mache mich auf einen rauen Anpfiff gefasst.

„Hm, nichts zu sehen“, sagt er und sieht mich mit einem freundlichen Lächeln an.

Ich atme auf. Keine verbale Attacke. Leider hat mein fahrbarer Untersatz mehr einstecken müssen. David gegen Goliath. Der linke Kotflügel ist verzogen und die Motorhaube hat sich nach oben gedrückt.

„Zum Glück“, sage ich und denke an meinen Versicherungsbeitrag.

„Leider muss ich ihn in die Werkstatt bringen. Ist ein Firmenwagen“, stellt er beinah bedauernd fest.

„Ok“, ich zucke mit den Schultern.

Die Prozedere kenne ich. Wenn die Schrauber das Auto erst mal in der Mache haben, wird’s teuer. Schließlich bezahlt die Versicherung – denen ist egal ob da nichts zu sehen ist. Hauptsache die Kohle stimmt. Ich krame meine Visitenkarte aus der Geldbörse und drücke sie dem BMW-Mann in die Hand. Er gibt mir seine. Creative Direktor steht drauf. Na sowas aber auch.

Wir steigen wieder in unsere Autos. Hinter uns hat sich eine morgendliche Rush-Hour-Schlange gebildet. Wir fahren weiter.

Der BMW-Mann sah gut aus und nett war er, wieder erwarten. Ich bin froh, dass ich mich in dieser Hinsicht getäuscht habe. Der Crash reicht mir, da brauche ich nicht noch einen wutschnaubenden Fahrer, der mich auf offener Straße zur Schnecke macht.

Ich lächele zufrieden. Immerhin steht auf meiner Visitenkarte Autorin. Das macht ein bisschen was her, Herr Creative Direktor, oder? Auch wenn mein kleiner Reisfresser eher nach Chaos als nach Kaviar aussieht. Aber der erste Eindruck muss ja nicht unbedingt, der richtige sein.

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Die Kirchturmuhr schlägt zwölf. Mitternacht. Ich schalte den Fernseher aus. Zeit schlafen zu gehen. Eigentlich wollte ich vor einer Stunde im Bett sein, aber wie das so ist – rumgezappt und hängen geblieben. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bei N24 zeigen sie um die Uhrzeit immer Knastdokus aus den USA. Brutal! Meterhohe Mauern und Stacheldraht. Gefangene mit Tattoos und Körpern wie Bodybuilder. Gehalten in offenen Zellen, von allen Seiten einsehbar oder in hermetisch abgeriegelten Kästen aus Sicherheitsglas.

Dagegen sind die Wärter blass und fluffig, wie Weißbrot. Nicht gerade das, was einem zu fünfmal Lebenslänglich verurteilten Serienmörder den Schrecken in die Glieder fahren lässt. Für mich ist das ein Magnet des Grauens. Ich kann nicht abschalten, muss hinsehen. Wie können Menschen es in so einer Maschinerie aushalten? Ein hohler Betonklotz angefüllt mit Leibern, Gerüchen, Stimmen, Geräuschen aus Metall, Neonlicht und Gewalt. Ich würde verrückt. Immer Licht, immer Krach, Körper an Körper. Mir läuft eine Gänsehaut über den Rücken.

Lissi hat sich schon hingelegt. Sie hatte wieder Zoff auf der Arbeit. Ihre blöden Arbeitskolleginnen mobben sie, seit sie zur „Chefsache“ befördert wurde. Eine beschissene Situation. Aber ändern will sie es aber nicht. Sie verdient endlich mehr Geld, kann schicke Kleider kaufen und mit dem Chef auf Geschäftsreise gehen. Auf den hat sie es seit ersten Tag abgesehen. Zum Glück bin ich selbstständig und muss mir so einen Kollegenklüngel nicht antun.

Ich gehe ins Bad und putze mir die Zähne. Ob die Gefangenen ihren Mitinsassen Streiche spielen? Mit den Zahnbürsten das Klo putzen oder so? Bei dem Gedanken wird mir übel und ich spüle mir den Mund mit Fresh Minze aus. Vor der Tür höre ich schnelle Schritte. Lissi kann wohl nicht schlafen? Ich strecke den Kopf zur Tür hinaus. Nichts zu sehen? Ich muss mich verhört haben, rede ich mir ein.

Bevor ich in mein Zimmer gehe, schaue ich kurz bei Lissi rein. Sicher ist sicher. Ein langer Lichtschein vom Flur fällt in ihr Zimmer. Mein Schatten ist drei Meter lang. Lissis Bett ist zerwühlt, aber sie liegt nicht drin. Gibt`s doch nicht. Ich lausche. Nichts zu hören. Wach ich oder träum ich? Ich kneif mich in den Arm. Mist, das tut weh!

„Lissi, verdammt, wo steckst du?“, rufe ich.

Nichts rührt sich. Die anderen Zimmer liegen still und dunkel da. Ob Lissi schlafwandelt? Diese Phänomene können durch psychische Anspannung ausgelöst werden. Hatte ich als Kind auch mal. Als meine Mutter abgehauen ist und mich und meine Brüder bei Verwandten zurückließ. Aber darum geht’s ja gerade nicht. Wo kann Lissi bloß sein? Also die Wohnungstür ist verschlossen. Fest. Zweimal. Habe ich gerade gescheckt. Scheiße! Kann man einen Menschen in seiner eigenen Wohnung verlieren?

Im Wohnzimmer höre ich plötzlich Stimmen. Das unangenehme Gefühl in meinem Bauch zieht sich immer mehr zu einem dicken Knäul zusammen. Vorsichtig gehe ich zur Tür und drücke sie auf. Ich atme auf. Die flimmernden Schattenwürfe und die Stimmen kommen vom Fernseher. Alles kein Hexenwerk. Ist von allein angegangen. Kann vorkommen. Hab ich schon erlebt. Bei meiner Nachttischlampe. Wackelkontakt, kosmische Störungen, was weiß ich. Werde morgen beim Fernsehfritzen anrufen, der soll sich das Gerät mal anschauen. Vielleicht sollten wir gleich einen neuen kaufen. Röhrengeräte sind so was von out.
Wo ist die Fernbedienung? Habe ich wohl vorhin auf`s Sofa geworfen. Am besten ich ziehe den Stecker. Ist sicherer. Nicht das der durchschmort und abbrennt, während ich schlafe.

„Kathy! Kathy“

Das ist Lissi! Warum schreit die so? Ich tauche zwischen den Sofakissen auf, die Fernbedienung in der Hand.

„Lissi! Wo bist du?“

„Hier!“

Mein Blick fällt auf den Fernsehbildschirm. Das kann nicht sein! Unmöglich! Katrin steht im Schlafanzug in einer der Zellen im Hochsicherheitstrakt in dem die Todeskandidaten untergebracht sind. Sie lässt den bulligen Gefangenen, der mit einem tückischen Grinsen näher kommt, nicht aus den Augen. Das ist doch der Kerl, der 10 Frauen umgebracht hat, von denen sie wissen. Ein Irrer! Psychopath, Soziopath. Ich schätze, ich habe bei „Criminal Minds“ nicht aufgepasst. Was ist hier los!

„Bist du es wirklich?“

„Was denkst du?! Kannst du nicht gucken?“, schreit Lissi außer sich.

„Lissi, komm da raus. Sofort!“, brülle ich.

„Wie denn?“, schreit sie zurück.

„Keine Ahnung! Wie bist du darein gekommen?“

„Weiß auch nicht. Hol mich raus! Jetzt!“

Lissi fängt an zu heulen. Der Häftling lacht. Er sagt etwas, dass ich nicht verstehe. Scheiße, was kann ich tun?

„Soll ich ausschalten?“, schreie ich.

„Nein! Bloß nicht. Tu irgendwas!“

„Aber was?“

Die Panik lähmt mich. Ich stehe hilflos da und sehe, wie der Kerl Lissi in eine Ecke drängt und ihr die Kleider vom Leib reißt. Sie tritt und schlägt, schreit wie von Sinnen. Oh Gott, was kann ich tun? Ich dreh gleich durch.

„Ich rufe in dem Gefängnis an. Halte durch!“

Die denken bestimmt, da ist`ne Bekloppte am Telefon, sollte ich es überhaupt schaffen nach Amerika durchzukommen. Aber was Besseres fällt mir nicht ein. Ich stürze zum Telefon. Jemand packt mich am Shirt und reißt mich zurück.

„Du rufst nirgendwo an, Schätzchen“, höre ich eine bösartige Stimme an meinem Ohr. „ich will auch ein bisschen Spaß haben.“

 

Der Text entstand beim Freitagsschreiben. Die markierten Sätze sollten in den Text einfließen. Und das vorherrschende Gefühl im Text sollte „Entsetzen“ sein.

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