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Posts Tagged ‘Balkon’

So ist es!

8:41 Uhr – Feiertag

Ich bin seit sechs Uhr auf, habe zwei Tassen Kaffee getrunken, geduscht, Blumengegossen, die Küche aufgeräumt und 746 Worte geschrieben! Yeah!

Ich bewundere meine Autorenkollegen, die sich nachts hinsetzen können und tausende Worte schreiben. Ich kann es leider nicht. Durch die Kinder und meine Arbeitszeiten ist meine innere Uhr auf früher Morgen programmiert. Natürlich kann ich auch Abends schreiben, aber das fällt mir viel schwerer.

Heute habe ich keine Termine, die Familie liegt in tiefem Schlaf und ich habe es mir mit meinem Laptop auf dem Balkon bequem gemacht. Die Aussicht ins Grüne und das vielstimmige Gezwitscher der Vögel sind eine zusätzliche Inspiration, besonders da meine Szene im Wald spielt.

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Und nach dem Frühstück geht es dann mit der nächsten Szene weiter.

Ich freue mich schon auf morgen. Da ist Brückentag! Zeit für Lerchen zu schreiben!

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Schreibe über die Wohnung deiner Kindheit. An was erinnerst du dich? Haus, Garten, Balkon. Erinnerst du dich an Gerüche?

Ich erinnere mich an den Tag, als wir umziehen mussten. Mussten deswegen, weil ein Kind von neun Jahren nicht einfach sagen kann:

„Macht was ihr wollt! Ich bleibe hier!“

Bis auf Pippi Langstrumpf. Ich wünschte, ich wäre mehr wie sie gewesen, aber tatsächlich war ich eher wie Annika. Schüchtern, vorsichtig, brav.

An diesem Tag, es war am Beginn der Sommerferien, alle Möbel und Dinge verpackt und bereit, abgeholt zu werden, stand ich auf dem kleinen Balkon im Schlafzimmer meines Vaters. Ich sah in den Garten, den Hang hinab und auf die Häuser, die sich an den gegenüberliegenden Hang schmiegten.

Der Morgen war jung und frisch unter einem strahlend blauen Himmel, ohne Wolken. Es duftete nach feuchtem Gras, saftig und dunkelgrün. Ich stand da und saugte den Geruch in mich hinein. Mir war bewusst, es war das letzte Mal, dass ich dort stehen würde. Am liebsten wäre ich in Tränen ausgebrochen. Ich schluckte sie herunter. Nein, nicht weinen, keine Gefühle zeigen. Ich wollte keine Heulsuse sein, als die ich gemeinhin galt.

Seit diesem Tag habe ich mich nur noch an wenigen Orten wirklich zu Hause gefühlt. Es war immer dann, wenn dort Menschen waren, die ich liebte. Meine Kinder. Gute Freunde. Auch heute ist zu Hause der Ort in meinem Inneren, nichts was sich an einem geografischen Punkt festmachen lässt.

Doch den Duft dieses besonderen Tages, das strahlende Blau habe ich nie vergessen, es lebt immer noch in meinem Herzen und ist wohl die besondere Sehnsucht, die niemals vergehen wird. Sehnsucht nach einem Teil meiner Kindheit, der mit unbeschwerten und hellen Tagen gefüllt war, an denen alles sicher und nichts unmöglich war.

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Der Herbst kommt – auch wenn es auf dem Kalender noch nach Sommer aussieht. Morgens ist es frisch und die Nächte lassen einen wieder aufatmen und schlafen. Die Stare in den großen Thuja-Bäumen sind bedeutend ruhiger geworden und die Eichhörnchen springen mit ihrer Beute für ihre Wintervorräte durch die Gegend, Spinnen sind emsig damit beschäftigt Netze zu weben. Wenn die Felder abgeerntet werden, sind das die ersten Anzeichen – außerdem dröhnt unser Nachbar mit dem Laubbläser herum – samstags um halb neun. Jetzt ist es offiziell.

Ich mag den Herbst. Die Farben und das Wetter. Die Düfte nach gemähtem Gras und trocknendem Stroh, den Geruch nach Erde, Wasser und nassem Laub. Das süße Aroma der letzten Rosen. Die Lebensgeister kehren zurück, nachdem die Sommerhitze das Tempo gedrosselt hat. Es macht wieder Spaß Tee zu trinken und Suppe zu essen.

Ich bedauere nur, dass auch dieses Jahr so schnell und erbarmungslos dem Ende entgegensteuert. Wie schnell ist die Zeit dahin gerast und immer deutlicher wird mir, wie wichtig es ist, das Leben nicht zu verwarten, sondern jeden Moment zu schätzen. Die kleinen Dinge noch viel mehr. Ein Gespräch mit den Freunden, der Familie, ein ruhiger Moment auf dem Balkon, Sonnenuntergänge, ein Spaziergang durch den Park, die Katze, die auf dem Schoss schläft usw. – die Liste ist lang.

Die letzten Monate waren angefüllt mit so vielen Schreckensmeldungen, dass es nicht leichtfällt sich immer wieder auf die schönen Momente zu konzentrieren und sich nicht von den Katastrophen die Freude nehmen zu lassen. Ich denke dann immer an einen Satz, den ich in einer Zeitschrift gelesen habe: Der Sinn des Lebens ist es zu leben. Ich füge für mich an: Der Sinn des Lebens ist es so gut zu leben, wie ich kann. Das bedeutet zu sehen wenn ich helfen kann, mitfühlend zu sein, mich nicht zu verhärten, nicht von Misstrauen getrieben zu sein, innere Ruhe zu bewahren, immer wieder dazu lernen. Jeden Tag neu.

Jede Jahreszeit hat ihre eigene Schönheit. Wir sollten weise mit dem umgehen, was uns geschenkt wurde. Der Erde, unserem Leben und unserer Zeit.

 

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Es ist wie verhext! Die ganzen Wochen lechtze ich nach Urlaub – endlich mal frei, keine festen Termine, keinen Wecker stellen, die Seele baumeln lassen und schreiben. Die Familie ist außer Haus und ich endlich mal wieder allein. Ich sitze vor dem PC, starre meine angefangenen 5 Seiten an und – – – – –

Ich habe schon Wäsche gewaschen, habe eingekauft, getankt, Geschirrspüler ein und ausgeräumt, Müll entsorgt  – – – – –

Verdammte Axt! Dabei habe ich gestern Abend noch die Überleitung für die nächste Szene für den Text geschrieben. Die letzten Wochen habe ich es geschafft fast jeden Tag einen Text oder mehr zu schreiben. Und jetzt? – – – – –

Ich habe das alles schon erlebt und wie sagen wir so schön – das ist nur eine Phase – aber eine echt blöde, blöde Phase. Ich mach mir jetzt einen Kaffee, setzt mich auf den Balkon, lass die Phase Phase sein und lese was. Wer weiß, vielleicht fallen mir heute Nacht vorm Einschlafen die nächsten Zeilen ein – – – – –

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Sonntag, 12.07.2015

Ein herrlicher Morgen, den ich eigentlich in meinem Lieblingscafé verbringen wollte – mich mal wieder ein bisschen wie Hemingway fühlen. Stattdessen sitze ich auf dem Balkon, was gewiss seinen Reiz hat, bei diesem fantastischen Wetter, mit Kaffee, Büchern und Laptop und pflege meine Erkältung. Eingemummelt, mit laufender Nase und einem Kopf voll Watte.

Dabei hatte ich viel vor. Zwei Texte für Ausschreibungen „erledigen“, eine Charakterstudie erstellen – von einem zugegeben sehr skurrilen Herrn, dem ich bei einer bekannten Supermarktkette begegnete. Solche Gelegenheiten darf sich ein Autor nicht entgehen lassen.

Außerdem wollte ich einen eloquenten, vor Witz sprühenden Text über „das liederliche Leben eines Schriftstellers“ verfassen – im Café wäre das ein Leichtes gewesen – aber mit triefender Nase, gläsernen Augen und im Schlabberlook stellt dies eine schier nicht zu bewältigenden Aufgabe dar.

Dafür singt Marvin Gay „Hey, what`s going on“ – das wüsste ich auch zu gerne.

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Die Hitze der letzten Tage hat die Luft mit den Aromen des Sommers angefüllt. Es duftet nach reifem Korn, erinnert mich fast etwas wehmütig an den Herbst, gemähtem und vertrocknendem Gras. Angereichert mit den Essenzen sterbender Blüten. In einer anderen Zeit wird mich der Duft immer an diesen besonderen Sommer erinnern, in dem ich alles viel stärker fühlte, Glück, Unglück, Farben, Düfte, Musik, mich selbst.

Ich sitze auf dem Balkon, lausche in die sternklare Nacht. Von den nahen Teichen höre ich die Frösche quaken, einige Grillen zirpen im Gras, scheinbar selbst erschöpft von der Hitze des Tages. Nur die Fledermäuse huschen in einem rasanten Tempo durch die samtene Nacht, auf Beutezug. Alles andere geht langsam vor sich. Jede Bewegung, sogar die Gedanken verlangsamen sich in diesem südlich anmutenden Sommer. Ich frage mich, teils bang, teils neugierig, ob ich diese betörenden Gefühle über die Grenze des Herbstes in den Winter tragen kann, oder ob es mir nicht vergönnt sein wird, nachdem ich mich so lange danach gesehnt habe.

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„It`s rain again…“ dröhnt die Musik aus meinem alten Küchenradio. Wenn es doch endlich regnete! Die letzten Tage hat die Sonne gnadenlos auf unsere Stadt herunter gebrannt und wenn man dem Wetterleuten glauben darf, wird diese Hitzewelle nicht so schnell vorüber gehen. Serafina räkelt sich auf den warmen Balkonfliesen und blinzelt nur ab und an zu mir auf. Gnädig serviere ich ihr das Abendessen auf dem Balkon und mit der gewohnten Herablassung bequemt Serafina sich zu ihrem Napf. Nur um mir gleich darauf naserümpfend einen vernichtenden Blick zu zuwerfen und sich wieder auf ihren alten Platz fallen zu lassen. Ich zucke mit den Schultern.

„Dann eben nicht! Du bist eine viel zu teure Katze für meinen Geldbeutel.“

Serafina schaut mich missbilligend an, miaut kläglich und legt sich auf den Rücken. Ich darf sie einmal am Bauch kraulen, aber dann ist Schluss und sie verzieht sich ins Wohnzimmer auf ihren Lieblingssessel.

In der Küche schneide ich mir eine Scheibe Brot ab und belege sie mit Salami. Mit Wasserflasche und Buch bewaffnet setze mich auf den Balkon. In Zeitlupe versinkt die Sonne hinter den Dächern der Stadt. Ich liebe diesen Ausblick, auch wenn ich jedes Mal über die „hunderttausend“ Stufen ins Dachgeschoss schimpfe, wenn ich sie mit schweren Einkaufstaschen beladen hinauf steigen muss.

Der Himmel wird von leichtem Rosa bis zu allen Schattierungen der Rot-Lila-Farbpalette überzogen. Dieses Schauspiel ist alle Treppenstufen wert.
Ich muss noch für die Klausuren lernen. Seufzend schlage ich das Buch auf der Seite auf, an der ich die Lektion abgebrochen hatte. Es klingelt. Um diese Uhrzeit? Ich gehe zur Tür, drücke auf den Summer. Schnelle, leichte Schritte sind zu hören. Mia oder Anna? Aber die sind nie so schnell und lassen sich schon unten darüber aus, wie viele Stufen sie zu mir herauf klettern müssen.

„Toby?“

Erstaunt sehe ich ihn an. Er erwidert meinen Blick lächelnd und mustert mich. Ich laufe rot an. Ich stehe da, nur in einem knappen Höschen, Trägertop und Barfuss.

„Hallo Lea. Ich wollte dir nur das Buch vorbeibringen, dass sie in der Bücherei nicht mehr hatten.“

Toby streckt mir das Buch hin.

„Danke, willst du rein kommen?“

Ich sehe ihn dabei nicht an und gebe den Weg in die Wohnung frei. Das ist ja das Mindeste, wenn er den Weg auf sich genommen hat.

„Gerne.“

Schon steht er in meinem kleinen Flur und streift die Turnschuh ab. Seine Füße passen gut zu seinem Körper. Nicht zu klein und nicht zu groß. Er scheint gleichmäßige Zehen zu haben, soweit ich das durch die Socken sehen kann.

„Ich war gerade in der Gegend, da dachte ich, ich bring es dir gleich vorbei.“

Ich gehe voraus durch die Küche auf den Balkon.

„Das ist echt nett. – Möchtest du eine Cola?“, frage ich unruhig.

„Das wäre super!“

Ich hole eine Flasche aus dem Kühlschrank. Es zischt, als ich den Deckel öffne. Ich gieße zwei Gläser ein.

„Hast du deine Bücher immer dabei, wenn du durch die Gegend fährst?“

Ich führe Toby auf den Balkon, stelle die Gläser auf dem Bistrotisch ab. Toby lacht. Es ist wie verhext. Ich kann meine Augen nicht von ihm wenden. Endlich ist er da, so wie ich es mir immer vorgestellt hatte.

„Nein, aber meine Freundin wohnt einen Block weiter und da dachte ich, nehme ich das Buch gleich mit, wenn ich schon in der Nähe bin.“

Also doch, Freundin. Mist! Ein unerwarteter Stich in meinem Herzen lässt mich fast an der Cola ersticken. Toby klopft mir auf den Rücken. Ich spüre seine warmen Finger auf meiner Haut. Was habe ich nur verbrochen? Warum er? Stolpern nicht genug Jungs durchs Leben, die Single sind.
Nachdem ich wieder Luft bekomme, versuche ich das Gespräch in ungefährlicheres Fahrwasser zu steuern, aber Toby scheint nicht sonderlich an ungefährlichen Themen interessiert zu sein. Das Komische ist, dass es mit ihm ganz einfach ist. Die Zunge löst sich von allein. Wir reden über Gott und die Welt und innerhalb kürzester Zeit weiß er mehr von mir und ich von ihm, als von allen meinen Freundinnen zusammen. Ich mache Cappuccino, hole den Rest von Mamas Eierlikörkuchen und wir beide sehen zu wie der Himmel anfängt sich in schwarzen Samt und Diamanten zu kleiden.
Serafina stattet uns einen Besuch ab, lässt sich von Toby den Rücken kraulen (was ist denn mit der los? Die lässt doch sonst keinen an sich heran.).

„Es ist schön hier oben.“

Tobys Stimme ist sanft und anschmiegsam.

„Ja. Ich bin froh, dass ich hier für mich allein sein kann. Bis auf die vielen Stufen.“

Es soll leicht und lässig klingen, aber das Pochen meines Herzens lässt mich kurzatmig und nervös erscheinen.

„Ich denke, ich sollte jetzt gehen.“

Toby erhebt sich. Ich muss was sagen. Was? Bleib. Er hat eine Freundin. Was dann? Alles klingt hohl. Nur Phrasen. Nichts Brauchbares. Meine Schlagfertigkeit lässt mich im Stich. Ausgerechnet jetzt. Beim Ihm. Ich folge Toby in meinen schwach beleuchteten Flur. Er schlüpft in seine Schuhe. Die Hand an der Klinke. Ich sehe zu ihm auf. Halte den Atem an. Der Geruch seines Deos, After Shaves oder was auch immer, verbunden mit der Wärme seiner Haut raubt mir die Sinne. Seine Augen fixieren meinen Blick. Meine Sehnsucht wirft alle Skrupel und Bedenken über Bord.

„Geh nicht.“

Ein Flüstern nur. Toby macht einen Schritt auf mich zu. Ich fühle den Herzschlag in meiner Kehle, meinem Kopf, meinen Adern, meinem Fleisch, meiner Haut, in jeder Zelle.

„Willst du mich?“

Hat Toby mich gerade gefragt? Ich kann nicht antworten. Er kommt noch einen Schritt näher. Habe ich ja gesagt? Toby greift nach meiner Hand. Zieht sie an seine Lippen, drückt eine sanften Kuss auf meinen Puls. Ich stöhne leise. Er zieht mich in seine Arme. So fest gegen seinen Körper gepresst, dass ich seinen Herzschlag unter seinen Rippen spüre, bilde ich mir ein. Sein Mund gleitet über meine Wangen, meine Augen, meine Nase, mein Kinn, bleibt an meinen Lippen hängen.

„Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich will!“

Seine Worte jagen Schauer durch meinen Körper. Seine Lippen erobern meine. Bedingungslose Kapitulation. Die Kleidungsstücke fallen, wie Blätter im Sturm. Wir gelangen irgendwie ins Schlafzimmer. Sein Körper setzt meinen in Brand. Er verwandelt mich in Asche. Die kühlen Laken bilden einen Kontrast zu unserer heißen Haut. Seine Hände, seine Lippen, seine Zunge erkunden jeden Winkel meines Körpers. Ich winde mich unter seinen Liebkosungen. Dränge seiner Erregung entgegen. Meine Quelle fließt wie entfesselt.

„Willst du mich? Sag es mir“, fragt er.

„Ich will dich!“

Ich schiebe mein Becken vor und sein harter Schwanz gleitet in mich. Ein Stöhnen aus zwei Mündern. Verschleierte Blicke aus begehrenden Augen. Gierige Küsse, saugen, schmatzen, lecken, atmen, stöhnen, seufzen, stoßen. Immer weiter stoßen. Nichts ist mehr wie vorher. Säfte fließen. Mein Körper wird mich verraten. Zucken, umschlingen, stoßen, aufpeitschen, pulsen, stoßen, wogen, fluten, stoßen, fließen, ergießen, stoßen. Stöhnen. Schreien. Mund auf Mund. Geteilter Atem. Seelen verschmolzen.

Mein Kopf liegt auf seiner Brust. Ich höre seinen Herzschlag.

„Was ist mit deiner Freundin?“, frage ich vorsichtig.

„Ich habe keine Freundin, aber ich wünsche mir, dass du es bist“, sagt er hoffnungsvoll.

„Aber du hattest eine Freundin?“

„Ja.“

Pause.

„Ich habe Schluss gemacht.“

Schweigen. Soll ich fragen, warum? Ich muss es nicht wissen.

„Heute Abend, bevor ich zu dir gekommen bin“, fügt Toby leise hinzu.

Langsam gleiten meine Finger durch seine gekräuselten Härchen, tiefer zu seinen Lenden…

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„Es war einmal“, beginne ich.

„Oh, ein Märchen?“

Raoul zieht erstaunt die Augenbrauen hoch.

„Nein“, ich muss lachen, „aber es muss ja einen Anfang für die Geschichte geben. Ich kann auch beginnen mit: Es wird einmal sein. Diese Geschichte kann immer und jederzeit stattfinden.“

„Gut. Entschuldige, ich werde versuchen, nicht mehr dazwischen zu reden.“

Raoul zwinkert mir zu.

„Es ist die Geschichte einer jungen Frau und eines jungen Mannes. Nennen wir sie Maja und Gabriel. Sie trafen sich in einem fernen Land, an einem fernen Meer, wie es der Zufall so wollte.“

„Oder das Schicksal“, murmelt Raoul.

Ich ignoriere den Einwurf.

„Maja hatte das Gefühl, von einer Last befreit zu sein. Ihr Herz atmete auf und warf alles von sich, was sie bedrückte. Vor ihr lag das Meer und über ihr erstrahlte ein blauer Himmel, der so hoch war, dass man das Ende nicht abwägen konnte. Die kleine Pension, in der sie untergekommen war, lag auf einem Felsen, direkt über einer winzigen Bucht, die man über eine schmale Steintreppe erreichen konnte. In ihrem Koffer befanden sich nur die wichtigsten Dinge, kein unnötiger Ballast. Ihre beiden Lieblingsbücher und ein Laptop steckten in einem Rucksack und warteten auf ihren Einsatz. Der Balkon vor ihrem Zimmer lag zum Meer hin und hatte gerade genug Platz für ein Tischchen und zwei bequeme Korbstühle. Am Geländer war ein Sonnenschirm angebracht, der alle Farben des Regenbogens auf seinem Schirm vereinte. Von irgendwoher ertönte leise Musik. Sanfte lateinamerikanische Rhythmen, die sich wie aromatische Düfte in die Luft erhoben und sich in ihren Gedanken verewigten. Sie war sich sicher, dass sie später, wenn sie an diese ersten Augenblicke zurückdachte, immer diese Musik hören würde. Unauslöschlich verbanden sie sich mit diesem magischen Moment. 

Sie setzte sich auf den Balkon und lauschte gedankenverloren der köstlichen Melodie, die zu ihr herauf schwebte, sich in ihre Ohrmuschel setzte, unter ihre Zunge kroch, die Bilder in ihrer Iris einkreiste, über ihren Hals, ihre Schultern strich, bis sie schließlich von ihrem ganzen Körper Besitz ergriffen hatte.

Noch vor ein paar Stunden hatte sie auf einem lauten Flugplatz gestanden. In einem grauen Häusermeer, unter einem stahlgrauen Himmel, mit der Schuld einer gescheiterten Beziehung beladen, die sie befürchten ließ, sich eher von einer Klippe zu stürzen, als einen Hoffnungsschimmer am Horizont zu erblicken. Aber nun, hier an diesem Meer, unter diesem Himmel gab es nichts mehr, das sie von sich trennte. Ihr Herz, ihre Seele und ihre Gedanken begannen wieder im Einklang miteinander zu schwingen. Alles relativierte sich unter der Unendlichkeit des Himmels und er Tiefe des Meeres. Was ist Zeit im Angesicht der Ewigkeit der Gezeiten? Was für eine Bedeutung hat das Leben im Angesicht der unbändigen Gewalt der Elemente?

Da hörte Maja einen Schrei. Hastig sprang sie auf und sah, dass jemand im Wasser trieb. Die Person musste von der Klippe gesprungen sein. In Windeseile rannte Maja die Treppe hinunter, zu der Stelle von der die Person gesprungen war. Der Körper trieb leblos im Wasser. Maja riss sich die Kleider vom Leib und sprang hinter her. Sie war eine gute Schwimmerin, aber es fiel ihr schwer den leblosen Körper zum Ufer zu schleppen. Die Wellen waren nicht hoch, aber es kostete sie alle Kräfte. Sie zog die Person an den Strand. Es war ein Mann, Gabriel. Sein schwarzes wirres Haar ließ sein schönes Gesicht noch bleicher erscheinen. Maja beugte sich zu ihm herunter und blies ihm ihren warmen Atem zwischen die kalten Lippen. Immer wieder gab sie ihm ihren Atem zu trinken, bis sein stummes Herz einen Schlag tat. Voller Angst, dass er wieder in die schreckliche Dunkelheit zurückfiel, küsste sie ihn. Da schlug er seine Augen auf. Sie waren von einem goldenen Braun und in ihnen lag alle Traurigkeit der Welt. Er sah Maja fragend an.

„Warum?“

Gabriel fiel in eine gnädige Bewusstlosigkeit.

„Ich kenne den Grund“, flüsterte Maja leise.

 

„So!“, unterbricht Raoul ungehalten meine Erzählung, „und was ist der Grund dafür?“

Erstaunt, von so viel Leidenschaft, sehe ich ihn an und bemerke ein dunkles Glimmen in seinen schönen Augen.

„Unerwiderte Liebe. – Verzeih mir, wenn ich dich verletzt haben sollte.“

„Man lebt nur einmal und man liebt nur einmal!“, sagt er ohne mich anzusehen.

Raoul blickt aus dem Fenster und ich sehe, wie aufgewühlt er ist.

„Du hast meine Geschichte erzählt“, stößt er wütend hervor.

„Das wusste ich nicht! Verzeih mir. Es ist so herausgesprudelt.“

Deshalb hatte ich so viel Traurigkeit in seinen Augen gesehen und deswegen, war es mir gewesen, als ob ich ihn kennen würde. Mir ist so etwas schon öfter passiert. Ich setze mich neben ihn, nehme seine Hand und streichele sie beruhigend. Er zittert bei meiner Berührung. Still sitzen wir einfach nur da. Sehen der Landschaft zu, die an uns vorbei huscht und ich bemerke, dass sich langsam der Abend über dem Land ausbreitet. Die untergehende Sonne hat den Himmel mit einem sanften rosa Schleier überzogen.

„Wie der Schleier einer Braut“, sage ich leise.

Ich will mich wieder auf meinen Platz setzen, aber Raoul hält meine Hand fest.

„Erzähl mir noch eine Geschichte“, bittet er.

„Gut. Ich habe von einem netten Herrn ein paar Bücher geschenkt bekommen. Daraus werde ich dir vorlesen“, schlage ich vor.

Ich hoffe, dass die Geschichten darin weniger aufregend für Raoul sind. Raoul nickt zustimmend. Ich hole das Bündel Notizbücher aus dem Rucksack und reiche es Raoul.

„Aus welchem soll ich dir vorlesen?“

Er schaut sich die Etiketten an. Dann nimmt er eins davon und legt es auf die anderen.

„Dies hier“, sagt er und sein eindringlicher Blick trifft mich.

„Gut. Die Windrose.“

Ich stecke die anderen Bücher wieder ein und schlage, das Notizbuch auf.

 

„Es war einmal eine Zeit, als noch Götter auf Erden weilten, da lebte ein Nomadenvolk am Rande einer großen Wüste. Sie wurde Sandmeer genannt, da es in ihr soviel Sandkörner, wie Wassertropfen in den Ozeanen gab. Am Tage war es dort so heiß, dass sich kaum jemand aus den Zelten herauswagte, nur die mutigsten Krieger bestiegen ihre Kamele und kundschafteten die mächtigen Sanddünen aus. Nur während der kurzen Zeit der Dämmerung und der Morgenröte war es möglich unbeschadet hinauszugehen, denn in den sternenübersäten Nächten sank die Temperatur so stark, dass man aufpassen musste nicht zu erfrieren.

Die Nomadenfrauen waren die schönsten Blumen, die je ein Menschenauge erblickte. Ihre Haut war weiß, ja fast durchsichtig und ihre Augen so schwarz, wie der nächtliche Himmel. Sie waren feingliedrig und zart und doch von starkem Willen. Wer einmal eine dieser Frauen sah, verfiel ihr ohne sich je wieder davon zu erholen. Deswegen passten die Wüstensöhne besonders gut auf ihre Töchter und Schwestern auf.

Eines Tages, es war zurzeit der Dämmerung, kam der Gott Asch auf die Erde, um nach seinen Kindern zu sehen. Um nicht erkannt zu werden, nahm er die Gestalt eines Falken an und kreiste über der Oase Nahadip, wo die Wüstensöhne ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Asch ließ sich auf einer Palme nieder und beobachtete das Treiben der Menschen. Da wurde er eines Mädchens gewahr, so schön, dass die Göttinnen vor Neid erblassen würden. Ihre langen Haare hatten die Farbe von glänzendem Kupfer, und als sie ihre Kleidung ablegte, um in dem Spiegelteich der Oase zu baden, sah Asch ihren makellosen Körper im Licht der untergehenden Sonne wie einen Mondstein leuchten. Er hielt den Atem an und war gebannt. In dem Moment, in dem er seine Augen auf sie richtete, erfasste ihn eine unbändige, unsterbliche Liebe zu dem Mädchen. Sein Falkenherz schlug so laut, dass das Mädchen für einen Moment zu ihm aufblickte. Ein Lächeln huschte über ihre sanften Gesichtszüge und Asch hatte das Gefühl bei diesem Anblick sterben zu müssen.

Da aber die Götter nicht bei den Sterblichen verweilen dürfen, kehrte Asch in den Himmel zurück. Aber was er auch tat, immer sah er nur sie vor seinen Augen, die holde Wüstenblume aus der Oase Nahadip. Asch kehrte jeden Abend zu dem Spiegelsee der Oase zurück und wartete auf das Mädchen. Oft sah er sie und sie erblickte ihn. Eines Abends streckt sie die Hand aus und rief ihn. Nach einer Schrecksekunde breitete der Falke seine Flügel aus und schwebte auf ihren Arm. Ganz nah kam sie ihm und betrachtete seine Augen, die ganz anders als Vogelaugen blickten.

„Wer bist du?“, fragte sie.

„Ich bin Asch, der Falkenköpfige“, antwortete er.

„Und ich bin Saphira, die Tochter von Amir dem Helden“, stellte sie sich vor und fragte ihn, „warum kommst du jeden Abend hier her? Du bist ein Gott und hast sicher Wichtigeres zu tun?“

„Was gibt es Wichtigeres als dich zu sehen, Schönste aller Wüstenblumen.“

Asch verwandelte sich in einen Mann und Saphira betrachtete ihn voll Wohlwollen.

„Ich danke dir für dein Lob, aber du hast meine Schwestern noch nicht gesehen“, lächelte Saphira bescheiden.

„Und wenn sie tausend Mal schöner wären als du, bist du doch die eine, die ich will“, sagte Asch voller Inbrunst und Leidenschaft.

„Ich danke dir abermals. Du bist der schönste Mann, den ich je erblickte und wenn meine Schwestern dich sehen, dann werden sie um dich buhlen und du wirst mich vergessen.“

„Niemals!“, stieß Asch erregt hervor.

Inzwischen hatte sich die Nacht auf die Oase herabgesenkt und Asch musste Saphira wieder verlassen. Durch diese Begegnung war er in noch größerer Liebe entbrannt und ließ keinen Abend verstreichen, ohne Saphira zu besuchen. Seine Vorliebe für die schöne Menschenfrau blieb den anderen Göttern nicht verborgen. Eines Tages stellte ihn Bastet, die Göttin des Glücks und der Fruchtbarkeit, zur Rede. Asch schüttete ihr sein Herz aus. Bastet, die ein großes Herz für Liebende hatte, versprach ihm ein gutes Wort bei Amun einzulegen. Tatsächlich ließ sich Amun erweichen und ließ Asch zu sich rufen.

„Wie ich von Bastet hörte, hast du dein Herz an eine Sterbliche verloren“, sagte Amun.

„Ja, so ist es, Herr. Es ist über mich gekommen, wie ein Sandsturm, den man kommen sieht und dem man nicht entkommen kann.“

„Du weiß, dass es verboten ist, sich eine Menschenfrau zu erwählen?“

„Ich weiß, mein Herr, aber ich kann nichts dagegen tun. Lieber verzichte ich auf mein ewiges Leben, als auf Saphira.“

„Große Worte, Asch, große Worte“, sprach Amun, „wenn es aber nun dein unbedingter Wunsch ist, dann soll er sich erfüllen.“

Asch fiel auf die Knie.

„Danke, oh Herr, ich werde dir auf ewig dankbar sein.“

„Aber es sind Bedingungen daran geknüpft“, warf Amun ein, „niemals darfst du Saphira unglücklich machen, indem du anderen Frauen nachschaust, oder sie betrügst.“

„Das verspreche ich, ich werde Wort halten!“, sagte Asch voller Leidenschaft und überglücklich, seinem Wunsch so nahe zu sein.

„Hältst du nicht Wort, wirst du den Rest deiner Tage als Falke verbringen, ohne dich zurück verwandeln zu können und ich werde Saphira einen würdigeren Mann geben, als dich.“

„Das wird niemals geschehen! Niemals!“

Asch sprang auf und verneigte sich.

„Dann geh und handele weise!“, sagte Amun.

Nachdenklich sah er Asch nach, denn er kannte das verräterische Herz der Menschen und wusste, wie viel Leid sie über sich brachten.

     Asch nahm Saphira zur Frau und war glücklich. Sie versüßte seine Nächte und erfreute seine Tage. Dann, eines Tages, kam eine Schwester von Saphira zu Besuch. Erst bemerkte Asch sie nicht, er hatte nur Augen für seine Frau. Aber je länger die Schwester im Haus weilte, umso mehr sah er, wie schön sie war. Dann lauerte er ihr eines Tages am Spiegelsee auf, als die Stunde der Dämmerung nahte. Begehrlich betrachtete Asch die schöne junge Frau. Plötzlich kam ihm seine eigene Frau so glanzlos und einfach vor. Immer öfter schlich er sich hinaus und beobachtete die Jungfrau. Sein Herz wurde immer dunkler und schwärzer. Seine verbotene Leidenschaft machte ihn streitsüchtig und reizbar, das ließ er an seiner Frau aus. Saphira konnte Asch nichts mehr recht machen und wurde von Tag zu Tag unglücklicher. Eines Abends, als er wieder am Spiegelsee auf das Mädchen wartete, erschien Bastet und sah Asch traurig an.

„Was willst du hier?“, fragte Asch wütend.

„Ich bin hier, um dir eine Nachricht von Amun zu überbringen“, erwiderte Bastet traurig, „er lässt dir sagen, dass er die Not deiner Frau Saphira gesehen hat und wenn du dich nicht änderst, wird er die Strafe an dir vollziehen.“

„Mach dir keine Sorgen, ich mach das schon“, wehrte er Bastets guten Rat ab.

In der nächsten Zeit versuchte er sich zu ändern, aber es dauerte nicht lange und er fiel wieder in seine unselige Verhaltensweise zurück. Als er versuchte Saphiras Schwester zu verführen, vollstreckte Amun die Strafe an Asch und verwandelte ihn in einen Falken. Niemals wieder würde er menschliche Gestalt annehmen können. Asch weinte und flehte, er demütigte sich, aber Amun ließ sich nicht erweichen.

„Du warst ein Gott und ich habe dich gewarnt, aber du hast nicht auf mich gehört.“

Amun suchte unter den mutigsten Söhnen der Nomaden einen stattlichen guten Mann aus, Samadi, der nach langen Prüfungen und Härten Saphiras Herz gewann. Ihr Vertrauen war durch Aschs Verrat verloren gegangen und musste erst von Neuem gewonnen werden. Es dauerte lange ehe sie Asch, den schönen Gott, vergessen konnte, aber der Krieger Samadi erwies sich Saphiras Liebe als würdig und die Beiden lebten ein langes glückliches Leben in der Oase Nahadip.“

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