Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Bahnhof’

Marian kam um die Mittagszeit am Zentralbahnhof an.

Seine Mutter hatte ihn gewarnt.

„Pass nur ja auf, dass du nicht in den Menschenmassen verloren gehst“, erklang ihre kritische Stimme noch in seinen Ohren.

Bis zum Schluss, er stand schon auf dem Bahnhof von Unterhofen, hatte sie versucht ihn zurückzuhalten. Diesmal ließ Marian sich nicht beirren und brach zum größten Abenteuer seines Lebens auf.

Onkel Henri hatte im einen Lehrplatz in seinem Betrieb angeboten. Automobile! Das Fortbewegungsmittel der Zukunft. Henris Auto war das erste, das er überhaupt zu Gesicht bekam und die Leidenschaft hatte Marian sofort gepackt. Um nichts in der Welt hätte er sich abhalten lassen, die Chance die Henri ihm bot zu ergreifen.

Marian zwängte sich durch das Gedränge zwischen den ankommenden und abfahrenden Zügen. Er war froh, dass er nur einen kleinen Koffer und einen Rucksack bei sich hatte, auch wenn es ihm ärmlich vorkam. Er genoss die neuen Eindrücke, Geräusche, Gerüche, ja saugte sie geradezu in sich auf. Plötzlich vernahm er eine bekannte Stimme.

„Marian! Hier sind wir!“

Er drehte sich in die Richtung aus er den Ruf vermutete. Dort stand Onkel Henri. Marian hob die Hand und winkte, als er das hinreißende Geschöpf an der Seite seines Onkels bemerkte. Viola, Henris Frau.

Read Full Post »

Oder:

Ein kurzer Sommer oder viel Lärm um Nichts

In den letzten Monaten waren die Zeitungen voll von Berichten über die NSA – Affäre. Da ich an diesem Skandal nicht unbeteiligt war, hielt ich es für das Beste den vor mir liegenden Sommer nicht in heimatlichen Gefilden zu verbringen, um mich nicht auch noch in die Schusslinie zu begeben. Gute Jobs sind rar gesät und außerdem gefiel es mir, ein heimlicher Lauscher zu sein. Wissen ist Macht.

Bei meinem Besuch im Reisebüro zog ich zuerst eine Afrika – Safari in betracht, verwarf den Plan aber schnell wieder, da ich bei einer „Weltreise in Turnschuhen“, die mir der nette Berater ans Herz legte, 36% sparen konnte. Tatsächlich war mir zu dem Zeitpunkt nicht klar, auf welch skurrilen Trip mich dieses Angebot führen würde.

Zwei Tage später stieg ich mit Rucksack und kleinem Trolley im Schlepptau an dem winzigen Provinz-Bahnhof von Almhütte aus, das noch nicht einmal ein Wartehäuschen und einen Bahnsteig besaß. Zum Glück hielt der Zug, wenn auch nur kurz, so dass es mir erspart blieb, während der Fahrt abzuspringen. Einiges an der Situation erinnerte mich an das Sujet eines Westerns. Allerdings gab es keinen Salon mit Pferdetränke, sondern ein Gasthaus direkt gegenüber der kleinen Kirche, die sich mit einigen Häusern um einen großen Brunnen drapierten. Für Ruhesuchende sicher ein lohnendes Reiseziel, war es nicht das, was ich erwartet hatte. Ich trug zwar Turnschuhe, war aber von einer Weltreise war ich weit entfernt. Meilenweit. An den Fenstern des Gasthofes prangten riesige Blumenkästen mit Geranien in allen Farben. Dies sollte also für die nächsten Wochen meine Bleibe sein. Ich überlegte umzudrehen und den nächsten Zug zurück in die Zivilisation zu nehmen, aber meine Smartphone hatte keinen Empfang und ich beschloss, zumindest einen Blick in das Wirtshaus zu werfen. Ein gutes Essen und eine Maß Bier würden meine Lebensgeister wieder auf den rechten Pfad bringen.

Kaum hatte ich einen Fuß über die Schwelle gesetzt, als jegliches Gespräch zum Erliegen kam. Die Anwesenden wendeten sich mir mit unverhohlener Neugier zu und warteten. Ich vermutete, dass es sich bei den Gästen, um sämtliche Einwohner des Dorfes handelte, denn ich bemerkte bei einigen gewisse Familienähnlichkeiten. Ich fühlte mich wie ein Pekinese unter Schäferhunden. Ein falscher Laut und die Meute würde sich auf mich stürzen und zerreißen. Der dicke Wirt zog die buschigen Augenbrauen zusammen. Seine Frau, eine dralle Blondine, um einige Jahre jünger, als ihr Ehegespons, warf mir einen interessierten Blick zu. Ich wollte mich gerade zu einer Begrüßung herablassen, als sie um den Tresen eilte, auf mich zu kam und sich vor mir aufbaute.

„Grüß Gott, der Herr. Sie müssen Herr Brauer sein. Manfred Brauer. Wir erwarten sie schon.“

Ich lächelte und mein Blick wanderte von ihrer gefüllten Dirndlbluse hinauf zu ihren kornblumenblauen Augen. Eine gewisse Benommenheit bemächtigte sich meiner und ich dachte an ein weiches Bett mit Federkissen und einem Kruzifix über dem Kopfteil der Schlafstadt. Wie ging das noch: Auf der Alm da gibt`s keine Sünde. Bei den Katholiken lag die Vergebung direkt neben dem Sünder oder eben darüber, das kam auf die Perspektive an.

„Ja, der bin ich, grüß Gott“, sagte ich.

In meinem Ausweis stand zwar ein anderer Name, aber sollten sie glauben, ich wäre Manfred Brauer. Wenn sie mir die Tarnung schon auf dem Silbertablett servierten, wer war ich, dass ich sie ablehnte. Was für ein listiger Fuchs ich doch bin, dachte ich. Ich stand am Kreuzweg und verpasste die rechte Abzweigung, aber das wusste ich in diesem Moment noch nicht. Wenn einem Mann zwei entscheidende Tatsachen präsentiert werden, können wichtige Details schnell zur Nebensache werden. Der Auftritt war gut inszeniert, wie ich später feststellen sollte.

„Ich bin die Walli. Ich zeige ihnen ihr Zimmer.“

Ich wollte ihr folgen, als mich der Wirt zurückrief.

„Hallo sie, erst die Formalitäten, dann das Zimmer.“

In meinem Kopf formten sich die Worte „Frauenzimmer“, da mein Blick direkt auf die wohlgeformte Rückseite der Walli gerichtet war. Der Herr des Hauses reichte mir ein Gästebuch über den Tisch und ich füllte die entsprechenden Zeilen aus.

„Ganz schöne Kritzelei, der Herr Brauer.“

Ich zuckte mit den Schultern. Er warf mir noch einen scharfen Blick zu, dann nickte er und ich war entlassen. Walli brachte mich zu meinem Quartier. Auf den ersten Blick ein Bilderfriedhof, dem man nicht gerne einen zweiten gönnte. Ob der dicke Wirt der wahnsinnige Dekorateur war? Die Surrealisten konnten von dem wilden Kunstmix noch etwas lernen. Der Stoff aus dem Albträume gestrickt sind. Wallis geschickte bayrische Handarbeit entschädigte mich kurz darauf dafür, dass ich in diesem kruden Sammelsurium aus Reprints, Postern, Heimatmalerei und diverser Jagdtrophäen mein Haut zur Ruhe betten sollte. Auf meinen diversen Reisen traf ich viele Frauen, aber Walli legte sich besonders in Zeug. Eigentlich hätte mich das misstrauisch machen müssen, aber mein Gehirn operierte im Stand-by-Modus und ich war zu keiner objektiven Betrachtung der Situation fähig.

Als ich mein Bewusstsein wiedererlangte, saß ich gefesselt in einem feuchten Keller. Auge in Auge mit einer Ratte. Ich hätte gerne laut geschrien, fand dies aber aufgrund meines Status als nachrichtendienstlicher Ermittler unangebracht. Außerdem hätte mich der Knebel dran gehindert. In diesem Moment erinnerte ich mich an einen Ausspruch meines Onkels Specht, der viele Jahre als Seidenstrumpfverkäufer im Außendienst tätig und kein Kind von Traurigkeit gewesen war: „Ja, mein Jung, wie das auf solchen Reisen eben so ist.“

Der Text entstand in einer Schreibrunde. Anstoß waren Worte und Sätze aus der Zeitung „Die Zeit“. Jeder Schreiber generierte aus den Schlagzeilen 10 Titel für Geschichten, schrieb auf 10 Zettelchen jeweils ein interessantes Wort, die ihm beim Durchblättern ins Auge fielen und dazu jeweils noch drei Sätze auf separate Zettel. Nach dem wir unsere Zettelwirtschaft gemischt und neu verteilt hatten, wurden für jeden Schreiber drei Titel ausgewählt, aus denen er sich die Überschrift für seine Geschichte aussuchen konnte.

Read Full Post »

Der Bus hielt. Sandra griff nach den Krücken und hievte sich von ihrem Sitzplatz hoch. Jemand stieß sie an. Sandra wankte und wäre beinahe hingefallen, hätten sie nicht zwei starke Arme aufgefangen.

„Hey, passen sie doch auf“, rief der Mann dem Rempelrowdy hinterher, „sie hätten die junge Frau beinahe umgestoßen.“

Der Junge drehte sich kurz um, zeigte den Stinkefinger und ging weiter.

„Ich würde beinahe sagen, die Jugend von heute, wenn ich nicht selber dazugehören würde“, sagte Sandra.

Ihr Retter lachte.

„Zum Glück sind nicht alle so gleichgültig.“

Sandra nickte.

„Eigentlich bin ich selbst schuld. Normalerweise würde ich um diese Uhrzeit nicht Bus fahren. Schon gar nicht in meinem angeschlagenen Zustand. Aber ich habe ein Vorstellungsgespräch. Das kann ich auf keinen Fall sausen lassen.“

Der Mann lächelte. Er erinnerte Sandra an ihren Vater. Dunkles Haar, graue Schläfen. Er trug Anzug, sah aus wie ein Bänker oder Versicherungsmann.

„Dann wünsche ich ihnen alles Gute!“

„Vielen Dank und Danke für ihre Hilfe“, sie rückte ihren Rucksack mit der Bewerbungsmappe zurecht und wendete sich dem imposanten Büroklotz zu, „wenn ich den Job kriege und wir uns wiedersehen, lade ich sie zu einem Kaffee ein.“

„Wie wäre es mit Tee?“

„Auch das“, Sandra grinste.

Er winkte einen Gruß zum Abschied und entschwand in die entgegengesetzte Richtung. Sandra gab sich einen Ruck und stelzte auf den Eingang des Hochhauses zu. Es gefiel ihr in keiner Weise in diesem lädierten Aufzug bei dem Firmenchef eines Megakonzerns aufzutauchen, aber mit einem gebrochenen Bein konnte sie nicht wirklich Businessmäßig aussehen.

Sandra hatte den Eingang beinahe erreicht, die warme Luft aus dem Foyer drang ihr schon entgegen, als sie ein nervöses Gebell neben sich hörte (Übersetzung: Hey, du, ich brauche einen Türöffner!). Sie drehte den Kopf und da stand er. Glänzendes brauner Fell, kurze Beine, lange Ohren mit einem roten Lederhalsband und einem Herz daran. Sandra liebte Hunde und ehe sie wusste, was sie tat, sagte sie:

„Na, du Süßer, wo gehörst du denn hin?“

Als Antwort auf die Frage kläffte er kurz (Übersetzung: „Jedenfalls nicht hier her!“). Sandra übersetzte:

„Du weißt nicht, wo dein Herrchen ist?“

Sandra sah sich nach einem Hundehalter um. Aber die Leute liefen vorbei, in Gedanken versunken, vermutlich schon halb im Büro. Keiner sah wie ein potenzieller Dackelbesitzer aus. Dafür rückte dieser ein Stück näher. Sandra balancierte zu ihm herunter und streichelte sein glänzendes Fell. Das gefiel ihm außerordentlich und er erwählte Sandra zu seiner Begleiterin. Der Dackel blieb ihr dicht auf den Fersen, als sie sich anschickte das Foyer zu betreten.

„Nein, das geht nicht“, flüsterte Sandra dem Dackel zu und erntete einen finsteren Blick von einem Security-Mann in Bodybuilderformat, Glatze und Schlagstock inbegriffen.

„Der Hund muss draußen bleiben!“, knurrte er.

Der Dackel ebenfalls. (Übersetzung: „Ich denk ja gar nicht dran! Ätsch!“)

„Ich weiß, das“, sagte Sandra, „aber er nicht!“

„Binden sie ihn draußen an!“

Sein Ton verschärfte sich und er kam näher, baute sich in voller Größe vor Sandra auf. Der Dackel trippelte zwischen Sandra und den Mann in Uniform und gab ein ungnädiges Wuffen von sich. (Übersetzung: „Lass meine Gesellschafterin in Ruhe! Sonst … .“)

„Wollen sie mir drohen? Mein Freund ist bei der Presse“, log Sandra, „soll morgen in der Zeitung stehen, Security des stadtgrößten Konzerns schlägt Behinderte?“

Irritiert sah er sie an. Sandra konnte sehen, wie hinter seiner hohen Stirn die Gedanken schwerfällig auf und ab schwappten. Er kam ihr wie eine menschliche Lavalampe vor. Blubb, Blubb, Blubb.

„Ist das eine Fangfrage oder was?“, versuchte er Zeit zugewinnen.

Sein Meister-Propper-Gesicht war inzwischen purpurrot. – Ob er platzt, wenn man eine Nadel in seine Wange sticht, überlegte Sandra. – Wütend über ihre Weigerung seinem Befehl zu folgen, tippte er Sandra mit spitzen Fingern fest gegen die Schulter.

Sandra wackelte, verlor eine Krücke, der Dackel-Guard kläffte einmal scharf (Übersetzung: „Jetzt reicht`s!“), und warf sich mit aller Kraft gegen den Feind. Er sprang hoch und schnappte nach dem Unterarm des Securitymannes. Sofort setzte Gebrüll ein. Der Muskelmann wirbelte herum und versuchte den Dackel abzuschütteln. Doch der Hund hielt fest und die scharfen Zähne bohrten sich weiter in sein Fleisch, je energischer er ihn entfernen wollte.

„Verstärkung! Sanitäter!“, schrie er.

Eine kleine Menschenmenge hatte sich um das turbulente Trio versammelt. Doch niemand kam dem Muskelprotz zu Hilfe. Einige machten Handyfotos oder nahmen die Dramödie auf. – Das kann ich mir sicher nachher auf YouTube ansehen. – Sandra nutzte die Gelegenheit und humpelte dem Aufzug zu. Was hatte die Sekretärin am Telefon gesagt? 26te Etage?

Vor dem Eingang ertönte ein nerviges Blaulicht. Endlich trafen die Sanitäter ein, die der Rezeptionist gerufen hatte.

„Würden sie bitte Platz machen“, riefen die beiden Jungs vom Roten Kreuz und versuchten sich einen Weg zu dem Opfer zu bahnen.

Die Türen des Lifts öffneten sich. Sandra trat ein. Sie drückte mit dem Fuß der Krücke auf die 26. In diesem Moment ließ der Dackel von dem Security-Mann ab. Er flog ein Stück durch die Luft, fiel, rappelte sich hoch, hoppelte in den Lift und setzte sich siegesgewiss neben Sandra.

„Hey, sie“, brüllte der Wachmann den Flüchtigen hinterher, „sofort stehen bleiben.“

Er wollte hinter her, aber die beiden Sanis hielten ihn fest. Sandra schwenkte eine Krücke, die Türen schlossen sich. Mit leisem Summen setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung. Sandra sah sich und den Dackel in den Spiegeln des Lifts und musste grinsen.

„Na, Dackelito, dem haben wir es aber gezeigt.“

Der Lift hielt im siebten Stockwerk. Zwei Männer stiegen zu. Interessiert betrachten sie Sandra und den Hund, die ihrerseits die beiden Neuankömmlinge musterten. Der Kleinere, dunkle Haare, drei-Tage-Bart stieß seinen Begleiter an. Sie grinsten.

„Das ist aber ein kleiner Behinderten-Hund“, sagte der große Blonde mit den himmelblauen Augen.

„Ich habe ja auch nur eine kleine Behinderung“, erwiderte Sandra und grinste zurück.

Das werteten die beiden Herren als Startschuss zum Flirten.

„Wo soll es denn hingehen?“, fragte der Dunkelhaarige.

„In die sechsundzwanzig. Vorstellungsgespräch.“

Die beiden warfen sich einen bedeutungsvollen Blick zu.

„Oh, dann viel Glück.“

„Das hört sich nicht besonders ermutigend an.“

„Nur nicht ins Boxhorn jagen lassen, sie haben doch ihre Bulldogge dabei“, sagte der große Blonde.

Dackelito fühlte sich angesprochen und kläffte. (Übersetzung: „Ich nehm es mit jedem auf!“). Ein Piepton erklang. Der Kleine zog sein Smartphone aus der Tasche, schaute aufs Display und lachte.

„Lass mal sehen“, der Blonde nahm ihm das Handy aus der Hand und sah schmunzelnd auf den Minibildschirm, „Sie sind der Star des Hauses.“

Er hielt Sandra das Handy hin. Es zeigte einen Schnappschuss von Meister Proper, der wutschnaubend versuchte den Dackel loszuwerden.

„Oh, Oh“, sagte Sandra.

Der Lift hielt in der 24. Die beiden verabschiedeten sich von Sandra und wünschten ihr Glück. Bevor die Türen zu gingen, kam der Blonde zurück, stellte sich auf die Kontaktschwelle und strahlte Sandra an.

„Vielleicht rufen sie mich an und wir feiern. Im schlimmsten Fall weinen sie sich an meiner Schulter aus.“

Bevor Sandra antworten konnte, drückte er ihr seine Visitenkarte in die Hand, hauchte verwegen einen Kuss auf ihre Wange und eilte seinem Kollegen hinterher. Dackelito kratzte sich mit der Hinterpfote hinter den langen Ohren. (Übersetzung: „Na so was.“)

„Na so was!“, Sandra war platt, „ganz schön frech.“

Ein verklärtes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. Wieder hielt der Lift. Diesmal auf der 26. Die Türen glitten auf. Sandra blickte auf eine riesige Uhr, Marke Hauptbahnhof, über einem sterilen Tresen, auf dem eine weiße Orchidee blühte. Sie war pünktlich, hatte sogar noch zehn Minuten Zeit. – Ob die Orchidee echt ist, überlegte Sandra, könnte sein. – Die ältere Dame hinter dem Tresen musterte sie streng.

„Setzen sie sich. Herr Bernhard empfängt sie gleich“, sagte sie mit schnarrender Stimme.

– Was für eine schlechtgelaunte alte Schachtel! – Sandra ließ sich gegenüber auf der weißen Plastikbank mit den verchromten Füßen nieder. Dackelito benahm sich tadellos. Er sprang neben Sandra auf den Sitz, sah sich interessiert um und machte keinen Mucks. – Als würde er zum Vorstellungsgespräch gehen. – Bei dem Versuch ihre Krücken zu sichern, rutschten sie weg und fielen geräuschvoll zu Boden.

Der strafende Blick der Empfangsdame verursachte Sandra Unbehagen. – Und sie hat nicht mal den Hund gesehen. Wer weiß, was dann los ist. Durchziehen oder gleich wieder gehen? – Sandra hatte sich geschworen nie wieder in einer Firma zu arbeiten, in der schlechte Schwingungen herrschten. Weiteres Grübeln erübrigte sich. Sie hörte eine sonore Männerstimme:

„Die Nächste!“

Die Empfangsdame bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung – Mädchen steh auf, beweg dich. – Sandra brachte sich wieder in den aufrechten Stand. – Die hat mich schon abgeschrieben. Ich bin nicht mal eine paar Worte wert. – Eine Dame im eleganten Kostümchen rauschte hocherhobenen Hauptes an ihr vorbei, Richtung Fahrstuhl. Sie würdigte Sandra und den Empfangsdrachen keines Blickes. Dackelito sprang von der Bank.

„Bleib lieber hier“, raunte Sandra ihm zu, „wenn dich der Drache sieht, bist du dran. Die kann Feuerspucken.“

Dackelito legte den Kopf schief und sah Sandra aus seinen tiefbraunen Augen an. (Übersetzung: „Ich glaube, du verstehst da was falsch.“) Dann schoss er wie ein Blitz davon, um die Ecke des Tresens, in die Richtung aus der die Stimme gekommen war. Sandra schüttelte den Kopf und seufzte. Dann setzte sie sich in Bewegung. – Jetzt ist es eh schon egal. – Sandra musste ihre ganze Finesse aufbringen, um die schwere Glastür, trotz ihres Handicaps, zu öffnen. Herr Bernhard, im eleganten dunklen Anzug, stand nur da und warf ihr einen finsteren Blick zu.

„Tut mir leid“, erklärte Sandra, „nächste Woche bin ich wieder fit. Dann ist der Gips weg.“

Er murmelte etwas vor sich hin, das Sandra nicht verstand. Sie erblickte Dackelito. Der saß aufrecht und stolz, wie Bolle, auf dem großen Ledersessel hinter dem Schreibtisch. Trotz der Spannung im Raum, konnte Sandra ein Lachen nur mit Mühe unterdrücken.

„Komm darunter“, mahnte sie den Hund.

„Das wird er nicht tun“, stellte Herr Bernhard trocken fest.

„Warum nicht?“, fragte Sandra.

„Heiner sitzt immer da, wenn er im Büro ist.“

„Heiner!“, stieß Sandra hervor.

Sie kniff die Lippen zusammen, biss sich auf die Zunge, um nicht laut loszuprusten. Der Hund sprang vom Chefsessel herunter. Er setzte sich neben Sandra und schaute mit Unschuldsblick zu ihr auf. (Übersetzung: „Ich bin der liebste Hund der ganzen Welt!“)

„Eine Idee meiner Tochter“, klärte Herr Bernhard Sandra auf und schmunzelte. „Sie hat ihn mir geschenkt, damit ich Gesellschaft habe.“

Ehe er weitersprechen konnte, stürzte Herr Security herein und wollte sich mit einem Hechtsprung auf Heiner stürzen. Sandra hob die Krücke und traf direkt auf seine Brust. Er prallte ab und sie zurück. Herr Bernhard hatte gute Reflexe und fing die strauchelnde Sandra auf. Heiner sprang mit heiserem Bellen (Übersetzung: Ha! Blödmann! Mich kriegst du nicht.“) um den Wachmann herum, der nicht so viel Glück hatte. – Er hätte die beiden Rot-Kreuz-Jungs gleich mit bringen sollen -dachte Sandra schadenfroh, als sie sah, dass er nicht mehr aufstehen konnte.

„Mein Bein“, jammerte er.

Heiner kläffte lauter. (Übersetzung: Rühr dich ja nicht! Ich kann auch anders!) – Wie viel Tohuwabohu so ein kleines Tier doch anrichten kann. –

„Ruhe!“, rief Herr Bernhard.

Sofort wurde Heiner still und setzte sich ganz brav neben Sandra.

„Was soll denn das Theater“, fuhr er den Wachmann an, „können sie nicht klopfen?!“

„Aber der Hund …“ nölte der Gefallene.

„Gehört mir!“

Herr Bernhard rief die Sanitäter. Diesmal erreichten sie den Ort des Geschehens schneller. Sie waren gerade erst einen Block weit weg, als sie den Notruf erhielten.
Als es endlich wieder still im Büro geworden war, sah Herr Bernhard Sandra mit prüfendem Blick an, dann sagte er wohlwollend:

„Sie haben den Job.“

„Danke …“

Herr Bernhard unterbrach Sandra energisch.

„Unter einer Bedingung!“

Sandra sah ihn erwartungsvoll an.

„Sie kümmern sich darum, dass der Hund genug Auslauf hat und meine Security-Leute nicht zu Kleinholz verarbeitet. Dafür dürfen sie sich während der Arbeitszeit jederzeit freinehmen.“

Sandra nickte begeistert. – Toller Job. – Heiner wuffte kurz. (Übersetzung: „Tolle Betreuerin.“)

Read Full Post »

Der Weg nach Hause war lang. Der Bummelzug hielt mit quietschenden Rädern an dem kleinen Bahnhof. Ein einziger Bahnsteig im Nirgendwo und das Bahnhofsgebäude nicht mehr als ein baufälliges Häuschen. Ich stieg aus. Niemand erwartete mich. Selbst wenn jemand gewusst hätte, dass ich zurück wäre, würde keiner kommen, um mich abzuholen. Dazu war zu viel Zeit vergangen.

Ich klopfte an die Tür des Bahnhofshäuschens. Ein alter Herr in einer antiquierten Uniform öffnete atemlos. Er sah mich verwirrt an. Entweder, weil er mich wiedererkannte, ich wusste genau, wer er war, oder weil ich ihn bei seinem Mittagsschlaf störte. Ich bat Mister Johnson, meinen Koffer bei ihm unterstellen zu dürfen. Nachdem ich ihm eine fünf Pfund Note in die Hand gedrückt hatte, stimmte er zu.

„Aber wieder abholen“, nörgelte er mit seiner kratzigen Stimme, „wenn das jeder machen würde. Hier ist doch keine Gepäckaufbewahrung.“

Ich versprach es. Dann verließ ich den Bahnhof. Es gibt Orte auf dieser Welt, die sich nicht verändern. Solange du dort lebst, bemerkst du es nicht. Wenn du fortgehst, erstarren sie. Als ob sie in einer zähen Schicht aus Bernstein eingegossen würden. Umgeben vom nostalgischen Glanz der Vergangenheit, der nur die guten Erinnerungen durchscheinen lässt und die schlechten mit einer Schicht aus Patina bedeckt. Konserviert und bewegungslos bis ans Ende aller Tage.

Die Musikinspiration ist von Birdy „Wings“. Ein wunderschöner, etwas wehmütiger, Song.

Read Full Post »

Hier das Ergebnis des heutigen Schreibtipps aus Schreiberlebentipps. Drei 10 Minuten-Texte, die wir in unserer Schreibgruppe geschrieben haben. Durch das schnelle Schreiben hat man keine Zeit sich lange zu überlegen, was man eigentlich schreiben soll. Da man unter Zeitdruck steht, schnappt man meistens den ersten Gedanken auf, der vorbeigleitet, und legt los. Dadurch kann man die Angst vor dem weißen Blatt überwinden. Der Tipp ist aus Roberta Allens Buch: Literatur in fünf Minuten. Später kann man die Texte überarbeiten und wenn man gerne experimentiert auch zu einem einzigen Text „verarbeiten“. Durch das Umstellen  der Reihenfolge und mit Überleitungen/Zwischenstücken ist das eine interessante Möglichkeit.

1.      Schwäche

Ich stehe vor dem Schaufenster und starre in den Juwelierladen. Jemand der mich sieht, könnte vermuten ich würde die Auslagen betrachten, aber dem ist nicht so. Meine gesammelte Aufmerksamkeit gilt nicht dem Schmuck, sondern dem Mann, der den Schmuck verkauft. Ich weiß, dass er nicht nur verkauft sondern den Schmuck entwirft.

Am Anfang waren es das Geschmeide und die Juwelen, die ich bewunderte, aber dann kam der Tag, an dem ich ihn sah. Im Schaufenster lag ein besonderer Ring. Schlicht und doch hatte er durch die Maserung des Metalls etwas Außergewöhnliches. Also ging ich in den Laden. Eine kleine Glocke gab ein liebliches Klingen von sich. Er erschien, kam auf mich zu und lächelte. Fragte mich mit samtiger Stimme, was er für mich tun könne und ich? Ich war sprachlos. Geblendet. Noch nie hatte ich jemand so Schönes gesehen. Ich erinnerte mich nicht, weswegen ich gekommen war. Erinnerte mich nicht an den begehrten Ring, stand nur da uns sah ihn an. Noch einmal fragte er mich, was er für mich tun könnte. Hilflos zuckte ich mit den Schultern und verließ den Laden. Seitdem stehe ich jeden Tag vor dem Schaufenster und sehe hinein, um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Ich nehme mir immer wieder vor, es nicht zu tun, aber ich komme nicht von ihm los.

2.      Licht

             Die Dunkelheit war so dicht, das ich sie greifen konnte. Wachsam tastete ich mich an der rauen Wand entlang. Wie konnte ich nur so dumm sein zu glauben, dass er es ehrlich gemeint hatte. In eine Falle gelockt hatte er mich. Verzaubert mit seinen glänzend blauen Augen und ich dumme Gans war darauf hereingefallen. Zu meiner Verteidigung konnte ich sagen, dass ich schon länger Single war. Trotzdem kein Grund sich reinlegen zu lassen.

             Ich stolperte. Konnte mich gerade noch mit den Händen abfangen. Der Staub von Jahrtausenden stob um mich herum empor. Verdammt! Diese verwünschten Pharaonengräber! Tausend Gänge und nur ein Ausgang. Ich taste mich weiter. Erst bergan, dann bergab. Plötzlich sah ich einen winzigen Lichtpunkt, hielt es für eine Sinnestäuschung. Je weiter ich ging, umso größer wurde er. Endlich! Ich hatte den Ausgang erreicht, dachte ich erleichtert. Dann sah ich, wohin ich wirklich gelangt war. In eine gigantische Halle, in deren Mitte ein Feuer von ungeheuren Ausmaßen brannte. So musste der Vorhof zur Hölle aussehen, schoss es mir durch den Kopf. Mir war klar, dass dies kein guter Zufall war!

3.      Bahnhof

             Das Gedränge auf dem Bahnhof der Zeitwächter war kolossal. Ich irrte durch die Menge zu dem angegebenen Treffpunkt. Es war das erste Mal, dass ich zu einer Zeitreise eingeladen wurde und war dementsprechend aufgeregt. Ich durfte nur wenige Dinge mitnehmen, nicht mehr als eine kleine Tasche. Außerdem musste ich entsprechend der Zeit, in die ich reiste, gekleidet sein. Soweit so gut. Das einzige, das noch fehlte, war mein Begleiter. Jeder Neuling wurde einem Betreuer zugeteilt, der ihn auf der ersten Reise begleitete und in die Besonderheiten einführte. Für die Neuen gab es auf dem Bahnsteig 1 ein Wärterhäuschen, an dem die Reiseleiter zugeteilt wurden. Ich kämpfte mich bis zu dem Häuschen vor. Enttäuscht sah ich die Warteschlange. Ich träumte seit Tagen von dieser Reise. Die letzte Nacht schlief ich kaum und jetzt musste ich mich anstellen. Was blieb mir übrig. Sobald ich allein reisen durfte, konnte ich dieses Prozedere überspringen. Dann brauchte ich nur ein Ticket zu lösen und konnte meine Zeitreise ohne Verzögerung antreten. Nervös ließ ich meinen Blick über die Umstehenden gleiten. Ich fragte mich, wer mein Führer werden sollte.   

Read Full Post »

„Oh, Miss, wie schön, dass sie da sind!“, höre ich die dienstbeflissene Stimme des Bahnhofsvorstehers, „es hat ja lange gedauert, aber heute fährt endlich wieder ein Zug.“

„Wie lange hat es denn gedauert?“, frage ich vorsichtig und ich befürchte insgeheim, die Antwort könnte mir nicht gefallen.

„Nun, der Aufenthalt bei Lady Shelley muss sehr unterhaltsam gewesen sein, wenn sie sich nicht mehr erinnern, wie lange sie hier waren.“ Er lächelt Beifall heischend. „Immerhin ist es schon drei Monate her, dass sie angekommen sind.“

Drei Monate!? Das kann nicht sein. Darf einfach nicht sein.

„Sind sie sicher?“, frage ich ängstlich nach, es könnte ja möglich sein, dass ich mich verhört habe.

„Aber ganz sicher, Miss“, er reckt sich zu voller Größe auf, „ich bin Bahnhofsvorsteher und muss darüber bescheid wissen.“

Der Mann nimmt meinen Koffer und schleppt ihn in den Bahnhof. Antriebslos folge ich ihm. Drei Monate. Raoul. Drei Monate. Der Zug steht auf den Gleisen. Der Schaffner läuft aufgeregt auf und ab.

„Miss, endlich“, atemlos bleibt er vor mir stehen, „wir warten schon seit einer halben Stunde auf sie. Da wird der Zugführer aber ordentlich Kohle schaufeln müssen, um die Zeit wieder aufzuholen. – Kommen sie, steigen sie ein!“

Der Bahnhofsvorsteher wuchtet meinen Koffer in den Zug und schubst mich fast hinter her. Eine halbe Stunde warten? Drei Monate! Ich stehe kurz vor einer Krise. Der Schaffner steigt in den Wagon, lässt den schrillen Ton seiner Trillerpfeife ertönen und schwenkt seine Kelle.

„Gute Reise, Miss.“

Der Bahnvorsteher schwenkt seine Mütze zum Abschied und der Zug setzt sich mit quietschenden Rädern in Bewegung. Ich gehe in ein leeres Abteil, lasse mich erschöpft in den Sitz am Fenster fallen und sehe hinaus. Das kann doch nicht wahr sein? Mein Verstand will nicht verstehen, was mein Herz gesehen hat.

„John, was hast du getan“, flüstere ich.

„Darf es etwas sein? Ein Kaffee vielleicht?“, reißt mich die freundliche Stimme einer Zugbegleiterin aus meinen Gedanken.

„Ja, gerne. Ich habe heute Morgen noch keinen getrunken.“

Mein Magen knurrt.

„Hätten sie auch etwas Essbares?“

„Aber sicher doch. Sie sehen aus, als hätten sie eine schlimme Nacht hinter sich.“

Die nette Dame gießt mir einen großen Becher Kaffee ein und reicht mir einen Teller mit zwei Muffins. Sie verströmen einen tröstlichen Duft nach Frischgebackenem.

„Ja, da haben sie Recht“, sage ich und denke, „drei Monate! Drei!“

Die Dame nickt mir mit einem liebenswürdig Lächeln zu.

„Machen sie sich keine Sorgen, Zeit heilt alle Wunden.“

„Danke“, erwidere ich.

Und die Wunde wird alle Zeiten heilen. Ich habe Raoul verloren, John hat sich für mich geopfert und Lancelot irrt durch die Zeit, um mich zu beschützen. Ich nippe an meinem Kaffee und ein paar Tränen fallen in die heiße Flüssigkeit. Ich fürchte, ich bin nicht nur verloren, sondern auch verflucht. Was sagte Lancelot damals? Es gibt jemand der Menschen verfolgt, die Welten von Fantasie in sich tragen und ich würde zu diesen besonderen Menschen gehören. Kann das wahr sein? Dann wünschte ich, dass sie in diesem Moment verfliegt, damit niemand meinetwegen mehr leiden muss.

„Wünsch dir das niemals!“

Lancelot sitzt plötzlich neben mir.

„Aber siehst du nicht, was geschieht?“, frage ich verzweifelt.

„Alles wird gut“, beruhigt mich Lancelot und streicht zärtlich über meine Hand, „glaub mir. Aber wünsch dir nie wieder, den Verlust deiner Fantasie. Wenn du dies tust, hat ER schon gewonnen und alles was ich und die anderen erlitten haben, wird umsonst gewesen sein.“

„Was soll ich tun?“

„Das, was deine Bestimmung ist. Du musst finden, was du suchst und dein Schicksal erfüllen.“

Mutlos sehe ich Lancelot an.

„Was ist mein Schicksal?“

Lancelot lächelt und küsst sanft meine Hände.

„Sieh in dein Herz und du wirst es wissen.“

Sein Bild verschwimmt vor meinen Augen. Er löst sich in einem Bündel aus Sonnenlicht auf, der durch das Abteilfenster fällt. Zurück bleiben nur die schwebenden Staubpartikelchen, die in den goldenen Strahlen blinken, wie glitzernde Fischschuppen.

„Sei eine Geschichtenerzählerin“, höre ich ein Flüstern.

„Geschichtenerzählerin“, murmele ich.

Das wollte ich schon immer sein, aber ich traute mich nicht. Ich las gerne vor, wenn andere mich darum baten, aber eigene Geschichten erzählen? Bin ich dazu fähig? Lancelot sagte, ich sollte auf mein Herz hören, aber ich habe gerade nicht das Gefühl, mein Herz könnte mir irgendetwas Zuverlässiges sagen. Da war die Sache mit John. Während ich Liam als Freund betrachten kann, ist die Sache mit John anders gelagert. Ich kann hören, was mein Herz mir sagt:

„Er hätte der Richtige sein können.“

Und ich bin ehrlich genug es zuzugeben. Ich hatte es gespürt. Aber es war nur ein „hätte“. Denn ich habe mein Herz schon längst verschenkt. Raoul hatte es mit genommen, als er mich verließ. John füllte diese Lücke und ich hatte solche Sehnsucht nach Nähe, Zärtlichkeit, dass ich mir keine Gedanken machte. Raoul hat mir das Kostbarste gestohlen, die Freiheit. Ich kann nicht lieben, wen ich will, denn Raoul lässt es nicht zu. Solange er mein Herz in Händen hält, bin ich verlorener denn je. Es gibt nur eine Möglichkeit, ich muss versuchen mein Herz zurückzuholen. Ich liebe ihn voller Schmerz, aber ein Geschichtenerzähler braucht das Glück genauso, wie den Schmerz. Wir können keine Gefühle auslassen. Freude, Trauer, Angst, Erleichterung, Hochmut, Bescheidenheit, Liebe und Hass, gehören zu unserer Fantasie. Meine Suche wird also weiter gehen. Der Duft der Muffins dringt immer stärker in meine Gedanken. Ich spüre meinen Hunger, nehme das Muffin mit dem feinen Schokoladenguss und beiße hinein. Eine Welle des Wohlgefühls durchströmt mich. Ich werde einen Weg finden, die zu sein, die ich bin.

Ich erwache aus einem tiefen dunklen Schlaf. Ich bin mir sicher, dass ich etwas geträumt habe, denn ein beunruhigendes Gefühl hat mich erfasst. Außerdem fühle ich mich zerschlagen und gereizt. Ich kann mich kaum noch erinnern, wann ich das letzte Mal in einem weichen Bett geschlafen habe. Der Zug durchquert eine steppenartige Landschaft unter einem stahlgrauen Himmel, der heftige Windböen über die niedrigen Gräser jagt. Mir ist kalt. Ich hole einen breiten Wollschal aus meinem Koffer und hülle mich darin ein. Ich bemerke eine silberne Thermoskanne, an der ein Zettel hängt. „Mit besten Grüßen, der Bordservice“, steht darauf. Dem Himmel sei dank, wenigstens ein Kaffee zum Aufwärmen. Froh über das fürsorgliche Geschenk, öffne ich die Kanne und gieße mir einen Kaffee ein. Ich trinke in kleinen Schlucken und genieße es, das heiße Getränk meine ausgetrocknete Kehle hinab laufen zu lassen. Ich seufze leise. Um mir die Zeit zu vertreiben, nehme ich eins der Notizbücher zur Hand. „Beginn eines unbekannten Zeitalters“

Ich schlage es auf der ersten Seite auf und beginne zu lesen:

„Ich war verliebt. So verliebt, wie man es nur sein kann. Nicht in irgendetwas Bestimmtes oder in irgendjemand. Nein, ich war verliebt in das Leben und die Liebe an sich. Ich erhielt mir diese Verliebtheit manchmal sogar auf künstliche Weise. Nur um diesen Rausch, die Ekstase zu verspüren und in einen unglücklich, glücklichen Zustand zu gelangen, der meine Kreativität und meine Inspirationen, gemeinhin als Musenküsse belächelt, frei zu setzen.

Das gelang mir in dem ich, sobald ich eines schönen Mädchens ansichtig wurde, ein romantisches Gefühl für sie entwickelte und in ihr meine große Liebe erkannte, bis mir das nächste Mädchen über den Weg lief. So wurde mir niemals langweilig, da ich nach Belieben eine neue Romanze aus meinen Fantasien schöpfen konnte, ohne jemals in das triste Gefühl eines grauen Alltags abgleiten zu müssen. Die Herzen der Mädchen flogen mir zu und ich konnte mir aussuchen, wem ich mein Herz, oder dass was ich dafürhielt, schenken wollte. Mein Leben malte sich in den buntesten Farben, ohne jemals den bittersüßen Scherz des Verlassenen zu spüren, da ich immer einer neuen Raupe begegnete, die sich in meinen Illusionen zu einem Schmetterling verwandelte.

Damals wusste ich noch nichts von der Liebe, obwohl ich dachte, alles zu wissen. Dann kam der Tag, an dem ich erfahren sollte, was Liebe ist. Das neue unbekannte Zeitalter begann damit, dass ich erkannte, dass ich meine beste Freundin Sara liebte. Wir kannten uns seit Kindertagen, hatten Freud und Leid geteilt. Jeder kannte den Gedanken des anderen, ohne ihn ausgesprochen zu haben. Durch verwickelte Umstände verließ sie mich, weil sie dachte, ich hätte mich ernsthaft in ein anderes Mädchen verliebt. Und noch bevor ich es wusste, wusste Sara, dass zwischen uns mehr war als Freundschaft. Um meine Beziehung zu dem anderen Mädchen nicht zu gefährden, ging sie fort. Es dauerte nicht lange und ich spürte, dass mir etwas fehlte. Sara. Ich dachte immer an sie. Kaum eine Minute verging, in der ich nicht daran dachte, was Sara jetzt sagen oder tun würde, ob sie sich ärgern, oder glücklich sein würde. Nachts sah ich ihr Gesicht in meinen Träumen, spürte ihren biegsamen warmen Körper in meinen Armen, nur um am Morgen aufzuwachen und allein zu sein. Noch nie in meinem ganzen Leben hatte ich mich so einsam und leer gefühlt. Mein törichtes Herz hatte meine wechselnden Schwärmereien für Liebe gehalten, aber die wahre echte Liebe hatte ich nicht gesehen, obwohl sie direkt vor mir gestanden hatte. So begann die Suche nach Sara, meiner einzig wahren Liebe.“

Ich blättere die Seite um und lese weiter. Mit einer Neugier, die man beinahe voyeuristisch nennen könnte, sauge ich die Sehnsüchte eines Mannes auf, der mir noch nie begegnet ist. Andererseits ist es nicht ausgeschlossen, dass der nette Herr Grimm diese Texte nicht selbst geschrieben hat.

„An die Geliebte:

Mein Herz zerspringt vor Sehnsucht. Keine Minute vergeht, in der ich nicht an dich denke. Ich sehe dich vor mir, wie bei unserer ersten Begegnung. Je weiter du fort bist, um so mehr verzehre ich mich nach dir. Meine Seele ist leer ohne deine Liebe. Wo bist du? Gib mir ein Zeichen dich zu finden. Meine Tränen füllen Ströme. Mein Herzblut tropft in einem fort. Du bist mein Herz, mein Leben. Gib mir ein Zeichen, dass ich hoffen kann, wo es keine Hoffnung mehr gibt. Meine Einsamkeit lässt mich erfrieren und doch wärmt meine Liebe zu dir mein krankes Herz. Im Fieber seh ich dein Gesicht, deine dunklen Augen verbrennen meine Seele, deine Lippen kosten meine salzigen Tränen. Warum gingst du ohne ein Wort? Meine Verzweiflung verschlingt mich, ein Abgrund in der Nacht. Ich kann nicht essen, nicht schlafen, nicht atmen ohne dich. Liebe ist wie ein wildes Tier. Hat dich ihr Biss erst infiziert, gibt es keine Heilung. Nimm mir alles, nackt und bloß will ich vor dir sein, aber nimm mir nicht deine Liebe. Meine Haut sehnt sich nach deinen Liebkosungen, mein Körper verzehrt sich nach deinem, meine Lippen suchen deinen Mund. Ohne dich gibt es nichts. Du bist Anfang und Ende. Mein Leben, meine Liebe beginnen mit dir, enden mit dir. Durch dich hab ich mich gefunden. Als du fortgingst hab ich mich verloren. Ich erinnere meine Träume, alle sprechen von dir. Deine Augen wachen über meinen Schlaf. Vergiss mich nicht. Komm zurück und liebe mich.“

Ich schließe die Augen und presse das Buch an meine Brust. Die Worte haben mir aus der Seele gesprochen. Ganz fest stelle ich mir Raouls Augen, sein Lächeln und seine Hände vor. Ich spüre, wie seine Fingerspitzen über die empfindliche Haut an meinem Hals gleiten. Fühle seine sinnlichen Lippen, die den gleichen Weg nehmen, über meine Wangen, meine Stirn und meine Nase, bis zu meinem Mund.

„Hallo, ist alles Ok mit ihnen?“

Erschrocken reiße ich die Augen auf und lasse mein Buch fallen.

„Sorry, ich wollte sie nicht erschrecken“, sagt ein schöner Mund, der zu einem ebenmäßigen Gesicht gehört und aus dem mich zwei dunkelbraune Augen neugierig anschauen.

„Dann hätten sie das nicht tun sollen!“, erwidere ich wütend, reiße ihm das Notizbuch aus der Hand, dass er aufgehoben hat und mir entgegenhält.

„Ich bin übrigens Justin“, stellt er sich vor und streckt mir die Hand entgegen.

Sein entwaffnendes Lächeln macht es mir schwer zornig zu bleiben und ich lege meine Hand in seine.

„Ich bin Noelle“, entgegne ich.

„Schön sie kennenzulernen, Noelle. Darf ich fragen, wohin sie reisen?“, fragt Justin und setzt sich mir gegenüber.

„Sie dürfen fragen, aber ich muss ihnen nicht antworten.“

„Sie scheinen eine misstrauische junge Dame zu sein“, stellt Justin amüsiert fest.

„Früher war das nicht so, aber ich fürchte, dass ich vorsichtiger werden muss, wenn ich mein Ziel erreichen will.“

Justin sieht mich interessiert an, oder sollte ich sagen, er mustert mich ausgiebig. Lässig hat er die Beine übereinandergeschlagen. Sein enges Shirt lässt einen Blick auf seinen trainierten Körper zu, und seine gepflegten Hände hat er ineinander verschränkt in seinen Schoß gelegt. Ein bemerkenswertes Bild aus Selbstbewusstsein und gutem Aussehen. Ich muss zugeben, dass mir ein Mann mit so einem Auftreten noch nicht oft begegnet ist, um nicht zusagen, nie. Es sei denn, er hätte ein gewisses Alter und ein Bewusstsein erreicht, dass ihm dieses Auftreten sichert. Justin ist noch keine dreißig Jahre alt, aber seine Selbstsicherheit ist die eines gereiften, erfahrenen Mannes. Diese Mischung aus Jugend und Reife wirkt sehr anziehend, ja geradezu aufreizend attraktiv. Besonders da Justin sie auf ganz natürliche Weise ausstrahlt. Nichts Aufgesetztes oder Falsches ist an seinem Auftreten zu erkennen.

„Gefällt ihnen was sie sehen?“, fragt er spöttisch.

„Dasselbe könnte ich sie auch fragen“, erwidere ich schlagfertig.

„Touche!“

Justin lacht und die winzigen Fältchen um seine Augen geben ihm den letzten Schliff.

„Sie sind sehr dreist“, bemerke ich, „wir kennen uns nicht und sie stellen solche Fragen.“

„Ich würde das pragmatisch nennen. Denn, wie sie ja wissen, ist Zeit ein relativer Faktor. Da wir uns in einem Zug befinden, aus dem einer von uns demnächst aussteigen könnte, muss man diese Dinge sobald wie möglich klären.“

Vor Erstaunen bleibt mir der Mund offen stehen. Die Direktheit mit er diese These in den Raum stellt, haut mich um.

„Mit welchem Ziel“, frage ich, „müssen sie das feststellen?“

Justin grinst und beugt sich vor. Seine Augen dringen dabei tief in meinen Blick.

„Muss ich dir auf diese Frage tatsächlich eine Antwort geben?“

Ich kann es nicht glauben. Er ist nicht nur dreist, er ist geradezu frech und mein Herzschlag erhöht sich um einige Schläge, während mir die Hitze ins Gesicht steigt.

„Seit wann duzen wir uns?“, frage ich aus Ermangelung einer besseren Idee.

Justin hält meinem empörten Blick stand und schmunzelt nur zufrieden. Es macht ihm Spaß mich aus der Fassung zu bringen. Ich sollte meine Sachen packen und das Abteil wechseln. Noch ehe ich mein Buch in meinem Rucksack verstaut habe, hält mir Justin eine kleine Metalldose unter die Nase. Sie sieht antik aus, ein kleines Kunstwerk. Kleine Blüten sind darauf eingraviert. Justin schüttelt das Döschen.

„Kandierte Veilchen“, lockt er mit sanfter Stimme, „mit Vanille- und Schokoladenaroma.“

Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Ich zögere einen Moment zu lange. Justin hat den Deckel der Dose entfernt und ein unwiderstehlicher Duft strömt mir entgegen. Noch nie habe ich solch ein berauschendes Aroma gerochen. Dabei dachte ich, eine Kennerin von Schokoladen aller Art und Geschmacksrichtungen zu sein. Justin hält mir die Dose hin und schaut mich mit seinem unergründlichen Blick an, der mich immer tiefer in einen Strudel reißt. Mein Sinn, meine Geschmacksnerven verspüren ein unbändiges Verlangen nach dieser Süßigkeit. Dieses verheißungsvolle Aroma gepaart mit Justins betörendem Blick lässt alle Dämme brechen und als er fragt:

„Was bekomme ich dafür?“

Erwidere ich nur:

„Alles, was du willst.“

Justin setzt sich neben mich, die Dose in der Hand und flüstert mir mit rauer Stimme ins Ohr:

„Du weißt, was das bedeutet?“

Ich nicke hilflos.

„Ich will dich. Aber nicht nur deinen Körper. Ich will deine Hingabe mit ganzer Seele.“

Bei diesen Worten läuft ein Schauer durch meinen Körper. Der Duft der Süßigkeit, seine intensive Nähe, der Sog seiner Worte und dieser hypnotische Blick machen mich schwach, lähmen meinen Willen. Je länger er neben mir sitzt und mir zärtliche Worte zuflüstert, um so mehr verliere ich den Sinn für die Wirklichkeit. Seine Gegenwart und sein Zauber verschleiern meine wahren Gefühle und meine Gedanken sind schwer wie Blei. Justin dringt in meine Seele ein und ich kann nichts dagegen tun. Ich schließe die Augen, versuche mich auf Raoul zu konzentrieren, aber es gelingt mir nicht.

„Öffne deinen Mund“, flüstert Justin.

Ich gehorche. Justin legt mir eine kandierte Blüte auf die Zunge. Wie zufällig berührt er mit den Fingerspitzen meine Lippen. Ich schließe den Mund.

„Nicht kauen“, mahnt er mich, „lass es auf der Zunge zergehen.

Ich tue, was er mir sagt. Eine Geschmacksexplosion ist die Folge. Mein Atem geht schneller, meine Haut beginnt zu kribbeln. Alles ist in mir ist in Aufruhr. Justins Lippen gleiten über meine Wange, bis zu meinem Mund und nehmen ihn in Besitz. Ich spüre, wie das Blut in meinen Adern kocht, ein Kreislauf aus Feuer und Eis. Immer schneller drehen sich meine Gedanken. Mein Verstand sackt in eine gnädige Bewusstlosigkeit.

Als ich erwache, halte ich die kleine Dose in meiner Hand. Ich bin in einem Zug, auf der Reise. Alles ist in Ordnung, rattere ich diese Sätze wie Mantren herunter. Das monotone Rattern des Zuges hilft mir mein Gleichgewicht wieder zu erlangen. Nach einer Weile beruhigt sich mein aufgewühlter Geist und mein erregter Körper. Justin hat sich in meine Seele geschlichen. Raffiniert und skrupellos. Hätte mir das jemand vorher gesagt, ich hätte es nicht geglaubt.

Meine Gefühle sind total durcheinander geraten und dass nicht erst seit Justin. Aber seine wissenden tiefgründigen Augen, die mir das Gefühl gaben, dass er alle meine Wünsche erfüllen könnte, hatten mir die innere Balance und Selbstverständlichkeit geraubt.

Ich fühle mich elend. Steht Justins Erscheinen mit dem Brief in Zusammenhang, den ich in dem Notizbuch gelesen habe? Hätte denn nicht Raoul erscheinen müssen? Schließlich hatte ich seine Augen gesehen und nicht Justins. Oder wahr Justin die Essenz aus allen meinen geheimen Wünschen und Neigungen, die sich durch meine Schwärmerei manifestiert haben.

Wenn ich ihn vor mir sehe, dann hat er etwas von allen Männern, denen ich in der letzten Zeit begegnet bin. Sein Aussehen, seine Augen, sein Charme, seine Zielstrebigkeit und sein Wissen, das sich in seinem Verhalten mir gegenüber äußerte. Justin hatte alle versteckten Gefühle in mir angesprochen, die ich unterdrückte, weil ich auf Raoul warte. Das hatte eine Ekstase in mir ausgelöst, der ich nur durch eine Ohnmacht entkommen konnte.

Justin hätte immer mehr von mir Besitz ergriffen, bis Raoul nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung gewesen wäre. Ich muss an Lancelots Warnung vor diesem ominösen Verfolger denken, der meine Fantasie und meine Liebe fresse will, weil ihm diese Eigenschaften zuwider sind. Justin hätte meine Liebe genommen und meine Fantasie, die ich in seiner Person nährte, bis sie aufgebraucht gewesen wäre. Zum Glück hat mir mein Verstand rechtzeitig die Energie entzogen, und mich auf einen halbwegs normalen Zustand heruntergeholt, wenn man bei mir von normal sprechen kann.

Dabei fällt mir ein Mythos aus längst vergangenen Zeiten ein. Der Sukkubus. Ein Dämon, der sich von der Energie und den Träumen schlafender Menschen ernährt, mit denen sie sich nachts paaren. Wirklich eine böse Sache, wenn man überlegt, dass der Schläfer sich nicht wehren kann.

War es möglich, dass Justin so ein Sukkubus war? Mein Verstand wehrt sich dagegen, dass es einem Trugbild möglich sein sollte, mich so sehr zu beeinflussen. Das würde bedeuten, dass ich verführbar bin und mehr als mir lieb ist.

Will ich verführt werden? Ich schüttele den Gedanken ab, weil ich Angst vor der Antwort habe. Denkt Raoul noch an mich, oder lässt er sich verführen, um mich zu vergessen? Ich könnte es ihm nicht einmal verdenken. Was gab es zwischen uns? Blicke, ein wildes Gefühl, dass alles durcheinander wirbelt und diese Stimme, die mich so verzaubert hat. Reicht das, um zu wissen? Lancelot, John und auch Liam haben mir versichert, dass sie mich lieben. Woher diese Gewissheit? Ist es das ständige Kreisen um diese eine Person? Was mich betrifft, muss es wohl so sein, denn Raoul geht mir nicht aus dem Kopf. Ich fühle mich hoffnungslos, verzweifelt und einsam. Verloren gegangen auf meiner Reise zu mir, habe ich die Chance verpasst, den Menschen kennen zulernen, der diese eine besondere Person für mich sein könnte.

Read Full Post »

Teil I

Erst einmal sollte ich erzählen, wie ich verloren ging. Ehrlich gesagt, ich erinnere mich nicht mehr genau. Mit Erinnerungen ist das immer so eine Sache, in dem erlebten Moment wissen wir nicht, wie wichtig die Dinge sind und in der Rückschau verklären sie sich. Wie auf alten Fotos, die einmal scharf, im Laufe der Jahre mit gelblicher Patina die bitteren Augenblicke mit einem gnädigen Schleier verdecken.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich mich verloren habe, oder ob ich verloren ging, wie ein Ding, das aus einem Loch in einer Manteltasche fiel. Am Anfang ärgert man sich noch, dass man das Eurostück oder das Feuerzeug verlor, aber schon ein paar Stunden später, ist es vergessen.

Das Leben geht weiter. Selbst für die Verlorenen geht das Leben weiter. Nur was ist, wenn du verloren gegangen bist, und dich niemand finden will? Wohin gehst du, dein Haupt zur Ruhe zu betten? Wer leiht dir ein hörendes Ohr? Kann ich gefunden werden und will ich das überhaupt?

Der Anfang meines Verlorenseins begann auf einem Bahnhof. Gibt es einen besseren Ort? Wohl kaum. Ich kenne keine Orte, an denen mehr verloren geht und wieder gefunden wird, als an Bahnhöfen. Gut, es gibt auch Airports, aber das ist nicht dasselbe. Ein Bahnhof hat immer eine ganz besondere Atmosphäre.

Ich stehe auf dem Bahnsteig, mein kleiner Trolley steht neben mir. Fast hat er etwas Tröstliches an sich, mit seinen winzigen Rädern und den persönlichen Sachen. Kalt pfeift der Wind zwischen den schmucklosen Säulen hindurch. Das Plexiglaswartehäuschen bietet weder Kälte- noch Sichtschutz und die Gitterbänke sind hart und unbequem. Es gibt ein festeingezeichnetes Areal, auf dem sich die Raucher um einen metallenen Ascher drängen. Die Durchsagen dröhnen unpersönlich durch die Lautsprecher. Ein Bahnsteig hat nichts Gemütliches an sich. Ich habe das Gefühl, dass auf Bahnsteigen niemals die Sonne scheint und sich die Regenwolken vornehmlich über Bahnhöfen festsetzen. Die Regentropfen vermischen sich mit den Tränen, die fließen, oder symbolisieren sie für die, die nicht mehr weinen können.

Nirgendwo gibt es so viele Menschen mit gebrochenem Herzen. Ich höre in mich hinein. Bin ich auch eine von ihnen? Es ist möglich, sicher bin ich mir nicht. Wie sicher kann man sich sein, wenn man verloren gegangen ist? Es gibt eine elementare Wahrheit: Nichts ist sicher, nur der Wandel.

Ich schaue dem Treiben auf dem Bahnsteig zu und frage mich, wo ich verloren ging. Da Bahnhöfe austauschbar sind, scheine ich auf meiner Reise die Übersicht verloren zu haben. Ich würde den Bahnhof gerne verlassen und mir die dazu gehörige Stadt ansehen, aber ich fürchte, ich bin noch nicht angekommen. Ich habe mir geschworen erst anzuhalten, wenn ein Bahnhof nach Kaffee und Schokolade riecht(warum, erzähle ich euch später). Bis jetzt war allerdings keiner dabei. Es roch nach vielem: Alkohol, Abort, Rauchschwaden, Menschenmassen, aber nie nach Kaffee und Schokolade. Ich habe in Erwägung gezogen, dass ich diesen einen Bahnhof nicht finden werde, dass er möglicherweise verloren ging, so wie ich. Allerdings habe ich nie gehört, dass ein Bahnhof verloren gegangen ist. Wer weiß?

Da fällt mir ein, ich habe vergessen mich vorzustellen. Wie unhöflich! Mein Name ist Noelle Snow. Ein lustiger Name, ich weiß, wer ihn einmal hört, der vergießt ihn nicht mehr. Allerdings könnte das auch im Zusammenhang mit meinem Äußeren stehen. Jedenfalls sagte mir das der ältere Herr, der mir vor ein paar Stunden im Regionalexpress Gesellschaft leistete. Ich habe feuerrote Haare, grüne Augen mit goldenen Sprenkeln und liebe alle Grünschattierungen mit Glitzerelementen in Gold und Rot. Der ältere Herr lächelte mich verschmitzt an und sagte:

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie sind die schöne Tochter des Weihnachtsmannes.“

„Wer weiß, wer weiß“, erwiderte ich geheimnisvoll und zwinkerte lachend zurück.

Wir unterhielten uns sehr angeregt, und als er ausstieg, machte mich das traurig. ER erinnerte mich an meinen Großvater. Er hatte schlohweiße Haare und einen ebensolchen Bart. Sein Lachen war warm und herzlich und er erzählte seine Geschichten so lebendig, dass ich den Eindruck hatte, dabei gewesen zu sein. Als ich ihn nach seinem Namen fragte, antwortete er rätselhaft:

„Den verrate ich ihnen nicht. Er ist ein Geheimnis, aber sie werden früher oder später selbst darauf kommen.“

Ich machte neugierig, aber ich wollte höflich sein und drang nicht weiter in ihn. Nachdem er ausgestiegen war, fiel mir ein Beutel auf, den er neben seinem Sitz lag.

Oh, nein! Er hat seine Tasche vergessen, hoffentlich ist nichts Wertvolles darin, schoss es mir durch den Kopf.

Ich öffnete die Tasche und erschrak. Sechs Notizbücher lagen darin. Sie waren feinsäuberlich zusammengebunden und oben im Knoten steckte ein Bleistift. Der Zug hatte inzwischen eine längere Strecke zurückgelegt. Ich überlegte fieberhaft, wie ich dem Mann sein Eigentum zurückgeben könnte, obwohl ich seinen Namen nicht kannte und nicht wusste, wie der Bahnhof hieß, an dem er ausgestiegen war. Da bemerkte ich einen zusammengerollten Zettel. Ich zog ihn aus dem Knoten und rollte ihn auf. In sauberer geschwungener Handschrift stand darauf:

„Liebe Noelle,

ich wünsche ihnen auf ihrer Reise alles Gute. Es ist nicht einfach den Platz zu finden, an dem man sich nicht mehr verloren fühlt. Haben sie keine Angst, wenn es etwas länger dauern sollte, haben sie Zutrauen zu sich selbst und sie werden den richtigen Ort finden. Schließen sie die Augen und denken sie an die Dinge, die sie am meisten lieben.“

Ich schloss die Augen und hörte in mich hinein. Ich hörte das Sprudeln der Kaffeemaschine und konnte den Duft von Kaffee und Schokoladenkuchen riechen.

„Haben sie es getan? Dann wissen sie, wo sie aussteigen müssen. Bis dahin können sie sich mit meinen Geschichten die Zeit vertreiben. Aber seien sie vorsichtig, es könnte sein, die Zeit wird ihnen zu lang und sie wollen irgendwo bleiben. Halten sie nicht an, bevor sie wirklich den richtigen Bahnhof gefunden haben.

Mit Hochachtung der Ihre

Ihr Jacob Grimm

PS.: Es ist noch Platz ihre eigene Erlebnisse aufzuschreiben.“

Das konnte unmöglich wahr sein. Jacob Grimm. Etwa einer DER Grimms? Ich kniff mich in den Arm. Das tat weh. Ich schlief nicht. Der Mann war mir tatsächlich begegnet, wer immer er in Wahrheit sein mochte. Vorsichtig, ja fast ehrfürchtig, öffnete ich den Knoten und sah mir die Notizbücher an. Es waren alte Hefte, schwarz-weiß gemustert, mit einem kleinen weißen Feld, in das der Titel jeden Buches eingetragen war:

1. Ferne Jahre

2. Beginn eines unbekannten Zeitalters

3. Das Buch der Wanderungen

4. Erzählungen vom Leben

5. Der Beginn eines verschwundenen Zeitalters

(Wie kann ein beginnendes Zeitalter verschwinden? Weil morgen heute schon gestern ist?) und als Letztes:

6. Die Windrose

Ich höre das Rattern eines Zuges herannahen und muss gleich einsteigen. Woher er kommt und wohin er fährt, weiß ich nicht, aber ich freue mich einzusteigen und mich den interessanten Geschichten in den Notizbüchern zu widmen.

Wenn ich nachts fahre, gehe ich in ein Zugabteil. Dort habe ich Ruhe und kann schlafen, ohne zu oft gestört zu werden. Tagsüber suche ich mir einen Platz am Fenster in einem Großraumwaggon. Ich kann mir die vielen Leute anschauen, die ein- und aussteigen, die hindurch gehen, auf der Suche nach einem Platz oder dem Bordrestaurant. Ich lausche den Atemzügen meines Nachbarn, der gerade eingeschlafen ist, oder höre einem Gespräch zu, das in meiner Nähe geführt wird. Wenn sich jemand zu mir setzt, der mir sympathisch ist, unterhalte ich mich gerne mit ihm.

Ich habe es mir gemütlich gemacht, als unerwartet der junge Mann an mir vorbei geht, der mir auf dem Bahnhof aufgefallen ist, und sich nach einem Platz umschaut. Vorhin als er den Bahnsteig betrat, fiel er mir sofort auf. Ich fühlte, dass es nicht unsere erste Begegnung war. Auch er warf mir einen erkennenden Blick zu und mit einem strahlenden Lächeln sagte er:

„Hallo.“

Ich erwiderte seinen Gruß. Dann war er vorübergegangen. Als er sich kurz nach mir umdrehte und mir zu nickte, setzte mein Herzschlag für einen Moment aus. Nach ein paar Augenblicken verlor er sich im Gewühl der Wartenden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ihn wiedersehen würde. Woher kenne ich ihn nur? Bis jetzt ist es mir nicht eingefallen. Ich höre das Pfeifen des Zugbegleiters und schon setzt sich der Zug in Bewegung, um mich irgendwann an mein Ziel zu bringen.

In diesem Zug ist es nicht sehr voll. Überall sind Plätze frei. Einige der Passagiere dösen vor sich hin, andere schauen aus dem Fenster, oder sprechen leise miteinander. Die Landschaft fliegt vorbei und ich wünschte, ich könnte mehr davon sehen. Aber als Reisende darf man nicht unzufrieden sein. Eines Tages werde ich ankommen und dann kann ich alles ganz genau anschauen. Die Berge oder das Meer. Am liebsten beides. Vor mir das Meer und hinter mir die Berge, Bäume aller Art. Wenn ich es mir aussuchen dürfte, dann Zypressen, Oliven- und Mandelbäume, Korkeichen und Pinien. Ich liebe Bäume. Die verschiedenen Blätter, die raue Rinde, die bei jedem Baum anders ist, wie eine Signatur, ein Fingerabdruck. Ich finde es faszinierend Bäume zu fühlen, ihnen zu lauschen, wenn der Wind durch ihr Laub fährt und sie mit ihrem Rauschen immer neue Geschichten erzählen. Außerdem soll es dort Häuser geben, aus rotem Backstein mit Reetdächern, oder weiß getünchte Häuser, die in der Sonne wie Edelsteine strahlen, mit Dachterrassen, auf denen man die Weite des Meeres und des Himmels sehen kann. Ich wünsche mir einen Ort mit Blumen. Bougainvilleas in ihren wundervollen Farben, Rosen, die mit ihrem zarten Duft die Luft erfüllen. Flieder, Goldregen, Schneebälle und Rhododendron, ich weiß, das sind Büsche, aber ich mag ihre Blüten so sehr. Aber Lavendel, Veilchen, Margeriten, Vergissmeinnicht und Gänseblümchen sind Blumen. Ich bin leider kein guter Blumenkenner, aber ich mag sie außerordentlich.

„Hallo“, sagt eine freundliche Stimme.

Ich blicke auf und sehe in zwei bernsteinfarbene Augen.

„Darf ich mich zu ihnen setzten?“

„Ja, gerne“, antworte ich erfreut.

Der Mann vom Bahnsteig setzt sich mir gegenüber.

„Wo soll es denn hingehen?“, fragt er und lächelt.

„Ich weiß es nicht.“

„Oh, das ist aber selten. Sie wollen also in ein Abenteuer aufbrechen“, stellt er belustigt fest.

„Nein, so würde ich es nicht sagen“, ich schüttele den Kopf, „ich bin verloren gegangen und suche diesen einen bestimmten Ort, wissen sie?“

Da verdunkeln sich seine schönen Augen und eine große Traurigkeit senkt sich auf ihn herab.

„Ja, ich weiß“, sagt er leise, mehr zu sich selbst als zu mir.

Wir schweigen eine Weile, dann hebt er den Blick und sieht mich bedauernd an.

„Ich möchte sie nicht beunruhigen, aber ich fürchte sie werden ihn niemals finden.“

Ein kleiner Stich geht mir durchs Herz. Ob der Mann die Wahrheit sagt. Er sieht aus, als hätte er schon Erfahrungen mit dem Verlorensein und dem Finden gemacht. Doch dann denke ich an Jacob Grimm. Er sagte, ich solle nicht einfach irgendwo bleiben. Ich glaube fest, dass ich meinen Zielort finden werde.

„Wohin wollen sie?“, frage ich den Mann.

„Ich weiß nicht. Irgendwohin. Ich bleibe, wo es mir gefällt, und fahre weiter, wenn ich es nicht mehr aushalte.“

Nervös fährt er sich durch sein pechschwarzes Haar. Seine Haut ist von der Sonne gebräunt und schimmert golden in ihren Strahlen. Meine Haut dagegen ist weiß, wie Schnee und egal was ich tue, sie bleibt es.

„Wenn sie möchten, lade ich sie ein, ein Stück mit mir zu reisen“, schlage ich ihm vor.

Er legt den Kopf etwas schief und ein kleines Lächeln huscht wieder über sein Gesicht.

„Warum nicht“, antwortet er, „ich habe noch nie jemanden wie sie getroffen. Wer weiß, vielleicht, wenn sie ihren Platz gefunden haben, werde ich eine Weile bleiben und sehen, wie das Leben dort ist. Getreu meinem Motto, man muss immer gierig sein, auch wenn man nicht hungrig ist.“

Ich strecke ihm die Hand hin.

„Das ist ein Wort. Mein Name ist übrigens Noelle Snow.“

„Sehr erfreut, Noelle, mein Name ist Raoul Kapoor.“

Er nimmt meine Hand und drückt sie fest. Raoul hat warme, schlanke Hände mit schönen Fingern.

„Sie haben Klavierhände“, stelle ich fest, „sind sie Klavierspieler?“

Raoul schaut mich erstaunt an.

„Woher wissen sie das?“

„Ich weiß es nicht. Ich nehme es nur an. Ihr Name hat so eine eigene harmonische Melodie und ihre grazilen Finger dazu.“

„Ich kann nicht nur Klavier spielen. Ich spiele jedes Instrument, das es gibt.“

„Oh, geht das?“, jetzt ist es an mir erstaunt zu sein.

„Ja“, erklärt er, „natürlich muss ich es in den Händen halten und mich daran gewöhnen, aber es gelingt mir innerhalb kürzester Zeit, jedes Instrument zu erlernen.“

„Was für eine wundervolle Gabe!“, bewundernd sehe ich ihn an.

„Und was für eine Gabe haben sie?“

„Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, ich bin eine Erzählerin.“

Ich höre ganz tief in mich hinein und es fühlt sich richtig an.

„Warum sind sie sich nicht sicher?“

„Weil ich mich verloren habe und nun muss ich mich finden und dazu den Ort, an dem ich gefunden werde.“

„Wer wird sie finden?“, fragt Raoul, „oder weiß jemand, dass sie verloren gingen?“

„Ich weiß es nicht. Bis jetzt scheint niemand nach mir zu suchen.“

„Woher wissen sie dann, dass sie eine Geschichtenerzählerin sind?“, hakt Raoul nach.

„Weil ich Geschichten über alles liebe und mir selbst immer neue Geschichten ausdenke, wenn ich alle anderen schon kenne“, erkläre ich, „dazu ist das Reisen übrigens von Vorteil. Ich sehe und höre soviel, dass mir die Geschichten niemals ausgehen.“

Raoul sieht mich nachdenklich an. Seine Augen ruhen auf meinem Gesicht, als würde er es mit den Fingern abtasten. Ich erröte und senke meinen Blick. Ein warmes Gefühl erfüllt mich. Es fühlt sich ein bisschen so wie finden an. Als ich Raoul wieder anschaue, hängt sein Blick an meinen Lippen und ich spüre ein leichtes Kitzeln, wie von Sonnenstrahlen.

„Sie mögen Schokolade, nicht wahr?“, fragt er ohne Zusammenhang.

„Ja, und wie gerne.“

Ich klatsche in die Hände. Raoul lächelt über meine kindliche Begeisterung.

„Darf ich meine mit ihnen teilen?“

Raoul zieht eine bunte feine Seidentüte aus seinem Rucksack. Er öffnet die goldene Schleife und gibt mir die glitzernde Kordel.

„Für sie“, sagt er nur.

„Danke, wie schön!“

Ich schlinge das Band um meine roten Locken und binde mir einen Pferdeschwanz. Raoul hat ein winziges Päckchen aus der Tüte geholt und hält es mir hin.

„Bitte sehr.“

Er lächelt. In seinen Augen tanzen kleine Funken. Ich nehme das Päckchen, öffne es vorsichtig, um die Verpackung nicht kaputt zumachen. In dem Schächtelchen liegt eine kostbare Praline. Obenauf ist ein winziger Splitter Blattgold drapiert, der das Ganze noch wertvoller macht. Verzückt sehe ich Raoul an.

„Die ist wunderschön! Viel zu schön, um sie zu verspeisen.“

Raoul lacht.

„Bedenken sie aber, dass solch ein Kunstwerk vergänglich ist. Zuviel Wärme, ein Stoß … und schon ist es kaputt und verliert an Geschmack.“

Raoul hat Recht. Ich nehme die kleine Kugel in die Hand und lege sie behutsam auf meine Zunge. Raoul schaut mir gebannt dabei zu. Ich schließe meinen Mund und meine Augen. Man kann besser schmecken, wenn die Augen geschlossen sind, weil sich der ganze Sinn auf das Schmecken konzentriert. Langsam schmilzt der äußere zartbittere Kern und setzt die Nuancen der anderen Zutaten frei. Ich erkenne Mandeln, Orangen, ein Hauch von Lavendel und Rose, und einen Geschmack, den ich nicht kenne.

„Das ist das Gold“, höre ich Raoul.

Als die kleine Kostbarkeit sich aufgelöst hat, öffne ich meine Augen wieder, sehe Raoul an und habe plötzlich das übermächtige Gefühl, als würde ich ihn eine Ewigkeit kennen. Ich zögere einen Moment, dann fasse ich mir ein Herz.

„Raoul, da du mir so eine Kostbarkeit zum Geschenk gemacht hast, darf ich dir auch etwas von mir geben?“, frage ich.

„Ja, sehr gerne. Was ist es denn?“

„Nun, ich habe nichts Kostbares, außer meinen Geschichten.“

„Ich liebe Geschichten.“

Raoul lehnt sich bequem in seinem Sitz zurück und sieht mich erwartungsvoll an. Etwas nervös, weil er mich so genau betrachtet, ziehe ich das goldene Band aus meinem Haar und spiele damit herum, während ich nach einem Anfang suche.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: