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Posts Tagged ‘Bagan’

In der Stille, in der nur der Wind und das Klingeln der Glöckchen an den Spitzen der Pagoden von Bagan zu hören sind, habe ich den Eindruck von der Gegenwart in die Vergangenheit zu fallen. Ehrfürchtig steige ich die Stufen zu den lichtlosen Gängen einer jahrtausendealten Pagode mit hunderten Buddha-Figuren hinauf, die am Ufer des Irrawaddy-Stroms steht, der hinter den Tempeln träge dahin gleitet.

Es ist mein erster Aufenthalt im Ausland. Gesponsert vom britischen Museum, dass eine Gruppe von Archäologiestudenten und zwei Professoren in so eine Art Sommercamp geschickt hat. In meinen kühnsten Träumen habe ich mir nicht vorgestellt, eines Tages an so einer heiligen Stätte zu stehen und doch bin ich hier.

Der Kegel meiner Stabtaschenlampe geistert über die rauen Tempelwände und erhellt die ausdruckslosen Buddha-Gesichter. Immer tiefer wandere ich durch die labyrinthischen Gänge des Tempels. Als würde mich ein unsichtbarer Faden weiter und weiter ziehen. Durch die Dunkelheit und die verworrenen Flure habe ich jedes Zeitgefühl verloren. Es können Minuten vergangen sein – oder Stunden. Vielleicht bin ich im Kreis gelaufen. Unter Umständen habe ich, wie in einem unterirdischen Tunnelsystem, verschiedene Tempel durchlaufen, und komme an einer ganz anderen Stelle ans Tageslicht. Im schlimmsten Fall bin ich auf dem Weg ins Jenseits.

Ich bleibe stehen und lausche. Stille. Bagan ist der Ort, an dem die Stille geboren wurde, denke ich. Die kalte, leicht modrige Luft, die mich einhüllt, erinnert mich an eine Begebenheit meiner Kinderzeit. Ich entwischte meiner Mutter im Freibad, stürzte mich, ohne nachzudenken von einer Wasserrutsche ins Schwimmbecken, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, dass ich nicht schwimmen konnte. Einfach nur angezogen von dem Gedanken an herrlich klares Wasser und wäre beinahe ertrunken.

Genauso habe ich mich in diesen Tempel gestürzt. Ich habe nicht darüber nachgedacht, dass ich mich verirren könnte oder darauf gewartet, dass mich jemand begleitet und bescheid gesagt, habe ich auch keinem meiner Kommilitonen. Tauche ich nicht wieder auf, weiß niemand, wo ich abhanden gekommen bin. Ich weiß es ja selbst nicht. Ein Areal von 36 Quadratkilometer, das 2300 Tempel fasst, abzusuchen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man nicht weiß, wo man anfangen soll.

Angst verspüre ich dennoch nicht. Obwohl es hier in der Dunkelheit sicher nichts Ehrenrühriges wäre, eine gewisse Furcht zu empfinden. Es könnte sogar eine Notwendigkeit sein, um mich zum Handeln zu veranlassen. Dazu sehe ich keinen Bedarf. Es wird einen Ausweg geben, da bin ich sicher. Und ich bin selten zuversichtlich. Ich neige eher dazu die Dinge schwarz zu sehen, aus der verrückten Ansicht heraus, dass es dann nur noch besser werden kann. Klar, wenn man sich ausmalt 1000 Tode zu sterben, kann das Resultat nur positiv ausfallen. Ein Mensch kann nur einmal sterben, wenn man den westlichen Religionen glauben schenkt.

Im Buddhismus ist das anders. Nach dem Tod gehen wir in einen neuen Kreislauf des Lebens ein, um uns zu veredeln, bis wir ins Nirwana aufsteigen. Möglicherweise ist es der Geist dieser Idee, die hier seit hunderten Jahren existiert, der mich umfängt und mir eine ungewohnte Zuversicht vermittelt. Ein Abdruck, der sich durch die ständig wiederholten Gebete der Mönche in das Gestein, die Luft, das Leben eingegraben hat.

Dieser Text ist mir „zugefallen“, nachdem ich einen interessanten Bericht über das Tempelgebiet von Bagan in Myanmar gelesen habe.

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