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Posts Tagged ‘Anwesen’

Anthony schien sich auf die Fahne geschrieben zu haben, Rosalie zu unterhalten. Bis zur Testamentseröffnung am Nachmittag zeigte er ihr sämtliche Räume des Schlosses, einschließlich seiner Geschichten und Legenden. Einige kannte sie von ihrem Vater, andere waren ihr neu. Am meisten beeindruckte sie die Bibliothek von gigantischen Ausmaßen.

Rosalie hätte dort gerne mehr Zeit verbracht, aber Anthony war kein großer Bücherliebhaber und lotste sie beinahe im Laufschritt hindurch. Er interessierte sich eher für die unterirdischen Gänge des Hauses, die seit langem verschlossen und ihre Eingänge vergessen waren. Rosalie war der Überzeugung, dass es zwischen den Tausenden Büchern Lagepläne des Hauses geben musste, behielt ihre Meinung aber für sich.

Als sie nun in dem düsteren Arbeitszimmer ihres verstorbenen Großvaters vor dem großen Schreibtisch sitzt, gilt ihre ganze Neugier der Dame des Hauses, Lady Edna und dem neuen Herrn der Familie, Gilbert de Clare. Die beiden ließen sich beim Frühstück entschuldigen und vertrauten Anthony die Rolle des Gesellschafters bereitwillig an.

In der unangenehmen Stille, neben Lady Edna im steifen Witwenkostüm, das ihre faltige blasse Haut hervorhebt, und die sie keines Blickes würdigt, und unter den scharfen Blicken von Gilbert, der ihr gegenüber am Kamin steht, vermisst sie ihn beinahe. Rosalie hat kein ängstliches oder leicht zu beeinflussendes Wesen, aber sie bevorzugt im Allgemeinen die Gesellschaft fröhlicher Menschen.

Lady Ednas schrille Stimme zerreißt jäh die Stille und Rosalie zuckt unmerklich zusammen.

„Wo bleibt er denn nur? Unzuverlässig wie immer, dieser blutsaugende Winkeladvokat!“

Lady Edna stampft mit ihrem Stock auf den Fußboden. Rosalie bemerkt ein Lächeln auf Gils sonst so ernstem Gesicht, das sofort wieder verschwindet, als er ihrem Blick begegnet. Tatsächlich hat die Szene etwas sehr Skurriles an sich, das entging nicht einmal dem arroganten Gil. Rosalie fragt sich, ob Gil jemals Leidenschaft für eine Frau empfunden oder einer die Chance gegeben hat, sein Herz zu erobern.

So wie er dort steht, aufrecht beinahe steif, glatt und unnahbar, fällt es ihr schwer sich das vorzustellen. Andererseits hat Rosalie mit einem Mann ähnlichen Kalibers, eine der aufregendsten Liebesnächte ihres bisherigen Lebens erlebt, nachdem das Eis aufbrach und das Feuer daraus hervorsprudelte.

Gil beobachtet Rosalie aus den Augenwinkeln. Verdammt, denkt er, warum lächelt sie so geheimnisvoll und warum ist sie nur so unglaublich schön. Im Geist löst er ihr helles Haar und stellt sich vor, wie es über ihre nackten Schultern den Rücken hinabfällt. Bevor Gil weiter über Rosalies Vorzüge nachdenken kann, fliegt die Tür des Arbeitszimmers auf und besagter Winkeladvokat stolpert herein.

„Entschuldigen sie, Mylady, Mylord.“

Er nickt beiden Herrschaften diensteifrig zu und platziert seine abgegriffene Aktentasche auf dem Schreibtisch. Die Schnalle der Tasche löst sich und ein Stapel Papiere rutscht heraus.

„So, so, so“, der dickliche kleine Mann sammelt sie mit fahrigen Fingern wieder ein. Schweißtropfen bilden sich auf seiner Stirn, die er mit einem riesigen Taschentuch abtupft. Rosalie muss sich ein Lachen verkneifen. Die ganze Situation wird immer absonderlicher, geht es ihr durch den Kopf.

„Sie müssen Rosalie Graville sein“, inzwischen hat sich der Notar gefasst und blickt Rosalie über seine Brille hinweg an.

„Das ist richtig. Und sie müssen Mister Blythe sein.“

Sie streckt ihm die Hand entgegen, die er verlegen ergreift, ohne recht zu wissen, was er machen soll.

„Wie lange soll das dauern“, keift Lady Edna, „fangen sie an Blythe, wofür bezahlen wir sie!“

Rosalie befürchtet, die alte Dame könnte den Stock gegen den Notar erheben.

„Ja, nun“, stammelt Mister Blythe und lässt Rosalies Hand fallen, als hätte er sich die Finger verbrannt. Mit schuldbewusst gesenktem Kopf huscht er hinter den Schreibtisch. „Dann lassen sie uns anfangen.“

Mister Blythe setzt sich und versinkt beinahe in dem riesigen Ledersessel. Gils und Rosalies Blicke begegnen sich und in diesem winzigen Moment blitz etwas wie verstehen zwischen ihnen auf. Um nicht laut aufzulachen wendet sich Rosalie dem herrlichen Ausblick auf den Garten zu. Der Notar hat inzwischen das Testament aus dem Zettelgewirr herausgesucht.

„Darf ich um ihre geschätzte Aufmerksamkeit bitten“, Mister Blythe blickt von einem Anwesenden zum anderen. „Seine Lordschaft hat in seinem letzten Willen verfügt, dass Gilbert de Clare als nächstem Angehörigen, das gesamte Erbe, beweglich und unbeweglich, zufällt. Seine geliebte Frau Lady Edna wird natürlich bis zu ihrem Lebensende Wohnrecht in ihrem geliebten Zuhause erhalten und eine Apanage von 1000 Pfund im Jahr“, Mister Blythe macht eine kurze Atempause, wischt sich die Schweißtröpfchen von der Stirn. „Des Weiteren wird meine Enkeltochter Rosalie Graville, nach dem Tod Lady Ednas, das Familiengeschmeide der de Clares erben.“

„Unmöglich!“, Lady Edna springt erstaunlich agil aus ihrem Sessel auf, „dieses Bastardkind wird nicht meine Juwelen erben. Das ist unmöglich.“

Drohend schwingt sie den Stock und Rosalie überlegt, wie sie sich der alten Lady erwehren soll, als Gil ihren Arm nimmt und sie von Rosalie weg zieht.

„Bitte, Tante Edna, beruhige dich“, sagt er leise, aber bestimmt.

„Ich will mich nicht beruhigen! Das ist eine Schande, eine Schmach. Wie konnte er unser Familie das antun?!“

Rosalie hält es nicht mehr auf ihrem Platz. – Es reicht! Eine absolute Unverschämtheit! Der alte Lord macht einer jungen naiven Frau ein Kind und mein unschuldiger Vater muss noch, nach seinem Tod dafür büßen. – Kerzengrade geht sie auf Lady Edna zu. Gil wirft ihr einen warnenden Blick zu, aber es ist zu spät. Rosalie hat nicht vor, für Gils Seelenfrieden auf ihre Genugtuung zu verzichten.

„Ich kann ihnen sagen, warum!“, ihre Stimme ist ruhig, aber innerlich brodelt es in ihr, „weil er es meiner Familie zuerst angetan hat!“

Lady Edna klappt den Mund auf und wieder zu. Sie wirft Rosalie eisige Blicke zu, dann lässt sie sich von Gil hinausführen.

Mister Blythe sitzt eingesunken hinter dem Schreibtisch und tupft sich erneut die Stirn ab. Er hat einen Eklat befürchtet und ist froh, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist. Rosalie wendet sich an den Anwalt. Die schöne junge Frau, die sich vor dem Schreibtisch aufbaut und ihn scharf ansieht macht ihn nervös. Unkontrolliert beginnen seine Lider zu zucken.

„Mister Blythe, bitte erklären sie mir diese Farce!“ Rosalie stützt sich mit den Händen ab und beugt sich vor, „ich komme doch nicht den weiten Weg aus London hier her, um mir Frechheiten gefallen zu lassen – für ein paar Juwelen. Das interessiert mich nicht!“

„Was interessiert sie dann?“

Gil ist lautlos ins Arbeitszimmer zurückgekehrt. Seine Stimme ist zwar kühl, lässt aber auch Interesse erkennen. Rosalie ist versucht ihm eine Antwort zu geben, überlegt es sich dann aber anders.

„Ich glaube kaum, dass sie das verstehen werden.“

Ihre blauen Augen funkeln zornig. Sie strafft die Schultern und geht ohne ein weiteres Wort hinaus.

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Nach unruhigem Schlaf und verwirrenden Träumen, in denen Gilbert de Clare eine entscheidende Rolle gespielt hat, beschließt Rosalie einen Spaziergang zu unternehmen. Es ist noch früh am Morgen, zarte Nebelschleier liegen über dem Garten und den angrenzenden Ländereien. Im Haus ist noch alles still, nur im Küchentrakt und in den Räumen der Dienerschaft herrscht reges Treiben.

Rosalie verlässt unbemerkt das Haus. Die Kühle des Morgens lässt sie erschauern. Sie schließt die oberen Knöpfe ihres Mantels und zieht sich den warmen Schal enger, um die Schultern.

Auf dem Rondell vor dem Haus befindet sich ein großer Brunnen inmitten von Rosenbeeten. Rosalie bemerkt sofort, dass sie die sorgenden Hände eines Gärtners schon seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen haben. Bei näherer Betrachtung stellt sie fest, dass sich das riesige Anwesen in einem bedauernswerten Zustand befindet. Es ist nicht völlig heruntergekommen, aber anders als Rosalies elegantes, modernes Stadthaus mit elektrischem Licht, fließendem Wasser und einem kleinen, aber perfekt angelegtem Garten, macht das Herrenhaus der de Clares einen verwilderten, abgewirtschafteten Eindruck. Die einzigen Gebäude, die penibel gepflegt sind, sind die Pferdeställe.

Rosalie überlegt, ob sie es sich erlauben kann, die Stallungen ohne Genehmigung des Hausherrn zu besichtigen, als sie ein fröhliche Stimme hinter sich hört.

„Guten Morgen. Sie sind früh auf, Miss Graville, nehme ich an.“

Rosalie dreht sich um und blickt in zwei strahlend blaue Augen, die zu einem Mann in einem eleganten Reitanzug gehören, der offensichtlich nicht Gilbert de Clare ist.

„Ich wünsche ihnen auch einen guten Morgen.“ Sie erwidert sein freundliches Lächeln. „Sie sind gut informiert. Ich bin Rosalie Graville.“ Sie reicht ihm die Hand, „und sie sind?“

„Anthony Douglas“, er nimmt ihre Hand und haucht einen Kuss auf ihren behandschuhten Handrücken.

„Gils Cousin, mütterlicherseits.“

„Sehr erfreut, Mister Douglas.“

Rosalie entzieht ihm ihre Hand.

„Oh, bitte, nicht so förmlich. Nennen sie mich Anthony.“

Rosalie schmunzelt. Mister Douglas ist ein charmanter Mann. Schlank, durchtrainiert, gut proportionierten Gesichtszügen und blonden, leicht widerspenstigen Haaren.

„Wie ich sehe, wollten sie gerade ausreiten. Ich möchte sie nicht abhalten.“

„Oh, sie halten mich in keiner Weise ab“, er beugt sich vor und senkt vertraulich die Stimme, „ich bin sogar sehr froh, dass ich sie hier treffe. Glauben sie mir, Rosalie, die düstere Umgebung drückt auf die Stimmung. Seit wir hier sind, hat Gil sich nicht zu seinen Gunsten verändert.“

Rosalie zieht die Brauen hoch und wendet sich dem Haus zu. Tatsächlich war ihr der verbesserungswürdige Zustand auch aufgefallen, aber düster? Diesen Eindruck hat sie nicht.

„Thony“, wie ich sehe, hast du dich schon mit Miss Graville bekannt gemacht“, hörte Rosalie die süffisante Stimme von Gilbert de Clare, „ich hoffe, er hat noch nicht alle Geheimnisse des Hauses ausgeplaudert.“

Rosalie dreht sich um. Vor ihr steht Gilbert. Er zieht den Hut und deutet eine Verbeugung an. Sie unterdrückt einen Überraschungslaut. Gilbert ist der bestaussehende Mann, den sie je gesehen hat. In der Dunkelheit am Vorabend konnte sie nur seine große Statur erkennen.

Gil ist größer als Anthony, hat aber die gleiche Haarfarbe. Allerdings sind seine Haare exakt frisiert. Das leicht ovale Gesicht wird von außergewöhnlichen, sehr hellen blauen Augen und einem schönen Mund mit vollen Lippen dominiert. Sein Kinn ziert ein kleines Grübchen.

„Nein, Mister Douglas war sehr diskret“, erwidert Rosalie, „aber ich hoffe, dass sie mir einige Fragen beantworten können.“

„Wir werden sehen, Miss Graville“, Gil verzieht keine Miene. Rosalie hat das Gefühl, als sähe er durch sie hindurch. „Ich nehme nicht an, dass sie uns heute schon wieder verlassen wollen.“

Der Sarkasmus in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Anthony setzt zu einer Milderung der Äußerung an, aber Rosalie schüttelt den Kopf.

„Ich bewundere ihren Scharfsinn, Mylord.“

Sie schenkt Gil ein strahlendes Lächeln. Für den Bruchteil einer Sekunde hebt sich eine seiner Augenbrauen, aber sofort ist er wieder ganz unterkühlte Beherrschung.

„Wir sehen uns zum Frühstück“, sagt sie zu Anthony gewandt.

„Das wäre mir eine Freude“, er kann sich ein Grinsen nur mit Mühe verkneifen, neigt leicht den Kopf und folgt Gil in den Stall.

„Tom, die Pferde“, hört sie Gils gebieterische Stimme.

„Ja, Sir, Tunder und Ares sind gesattelt“, antwortet eine jugendliche Stimme dienstbeflissen.

Rosalie wartet bis die beiden Herren die Pferde herausführen und aufsitzen. Während Anthony ihr einen freundlichen Abschiedsgruß zu winkt, hat Gil seinem Hengst schon die Sporen geben und prescht vom Vorplatz.

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Rosalie erreicht das Anwesen der de Clares weit nach Mitternacht. Der Chauffeur lädt das Gepäck ab und ein mürrischer Butler führt sie zu ihrem Zimmer.

„Seine Lordschaft ist ausgegangen und ihre Ladyschaft hat sich zur Ruhe begeben“, setzt er Rosalie mit überheblichem Ton in der Stimme in Kenntnis.

„Vielen Dank, Mister?“, fragt Rosalie. Sie mögen mich verachten, aber ich weiß, was sich gehört, geht es ihr durch den Kopf.

„Mister Smith“, ergänzt er widerwillig.

„Vielen Dank, Mister Smith.“ Bevor der Butler noch etwas sagen kann, entlässt Rosalie ihn mit den Worten, „sie dürfen gehen.“

Er zieht die Stirn in Falten, presst die Lippen zusammen, dreht sich auf dem Absatz um und verlässt Rosalies Zimmer. Sie öffnet die Tür einen Spalt und lauscht, bis Smith Schritte verklungen sind. Trotz der späten Stunde hat Rosalie nicht vor schlafen zu gehen.

Seit sie denken kann, hat sich in ihrer Fantasie ein Bild dieser Familie und des Hauses zusammengesetzt, gespeist aus den Erzählungen ihres Vaters. Rosalie ist enttäuscht keinen Angehörigen der Familie anzutreffen, andererseits hat sie sich keinen großen Illusionen über den Enthusiasmus ihrer Verwandten hingegeben.

Wachsam blickt Rosalie sich um, geht den Flur hinunter. Vereinzelte Nachtlichter erleichtern ihr den Weg. Sie will gerade die große Treppe hinuntergehen, als die schwere Haustür aufschlägt und ein großer Mann im Abendanzug in die Halle tritt. Rosalie drückt sich in eine Nische. – Das muss wohl seine Lordschaft sein, sie kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, ich bin eine erwachsene Frau und verstecke mich, wie ein ungezogenes Kind. – Trotzdem bleibt sie in ihrem Versteck und beobachte den Herrn des Hauses von dort aus.

„Smith!“, tönt eine volle Stimme durch die Eingangshalle.

„Ja, Sir“, Smith klingt plötzlich sehr jovial, „darf ich um ihren Mantel und Zylinder bitten. Übrigens traf Miss Rosalie Graville vor einer halben Stunde ein.“

„Oh nein!“, ein vernehmliches Stöhnen dringt zu Rosalie empor, „ich hoffe sie hat keinen Pferdefuß?!“

Rosalie ballt die Fäuste. – Was für ein Widerling, schießt es ihr durch den Kopf, den Herrn knöpfe ich mir vor! – Bevor sie ihren Plan in die Tat umsetzen kann, hört sie Smith antworten.

„Nein, Sir, die Dame hat keinen Pferdefuß, im Gegenteil, wenn ich so frei sein darf, mir ein Urteil zu erlauben. Sie ist eine ansehnliche junge Dame.“

Seine Lordschaft lacht schallend.

„So, so, hast du dir also einen längeren Blick auf die Miss erlaubt.“

„So würde ich es nicht sagen, Sir“, erwidert Smith nach einem kurzen Zögern, „man kann auf den ersten Blick erkennen, dass die Miss eine schöne Lady ist.“

Rosalie hört Schritte auf der Treppe.

„Ich werde den Wahrheitsgehalt deiner Aussage morgen früh überprüfen.“

„Ja, Sir. Kann ich sonst noch etwas für sie tun?“

„Danke, Smith, alles in Ordnung.“

Rosalie verlässt ihre Nische, eilt den Flur zurück in ihr Zimmer, ehe Gilbert de Clare die erste Etage erreicht.

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