Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘allein’

31.12.2016, Café Vienna  

Morgens um sieben. Der einzig heimelige Ort an diesem Tag. Ich sitze auf meinem Lieblingsplatz.

„Einmal wie immer“, fragte Ruth, meine Lieblingsbäckereifachverkäuferin.

Ich nickte und legte das Geld auf den Tresen. Sie lächelte und legte ein Quarkbällchen neben meine Laugenstange.

„Geht aufs Haus“, sagte sie, „ich wünsche dir einen guten Rutsch ins neue Jahr.“

„Das wünsche ich dir auch.“

Ich erwiderte ihr Lächeln, obwohl ich am liebsten geweint hätte und warf das Wechselgeld in das bunte Sparschwein neben den Besteckbehältern. Ihre Kollegin schäumte die Milch für meinen Milchkaffee auf. Dann gab sie den Espresso zu der Milch in das Glas, verzierte den Schaum mit Schokosoße. Ich liebte das Zischen und Brodeln der chromglänzenden Espressomaschine.

„Denk dran, morgen machen wir erst um zehn auf“, sagte Ruth, dann stellte sie mir den Milchkaffee neben meinen Teller auf das Tablett.

„Danke“, ich nahm mein Tablett und setzte mich.

Auf meinem Lieblingsplatz schreibe ich. Beobachte die Leute, die hereinkommen, sich an die umliegenden Tische setzen. Ich lausche ihren Gesprächen, schaue mir ihre Gesichter an. Frage mich, welche Lebensgeschichte sie mitbringen. Wohin sie gehen, woher sie kommen. Sind sie glücklich oder unglücklich. Ich weiß es nicht, aber ich bin Schriftstellerin. Ich muss es nicht wissen, ich denke es mir aus.

Jetzt denke ich an dich. Wo bist du? Was tust du? Ich frage dich nicht, auch wenn ich es gerne wüsste. Was würde es nützen? Du antwortest nicht, rufst nicht zurück. Für dich bin ich nur Lückenfüller. Ein netter Zeitvertreib, mehr nicht.

Ich sollte es mir nicht zu Herzen nehmen. Du hast mich über deine Motive nie im Unklaren gelassen. Leicht und unkompliziert soll es sein. Aber das Herz will, was das Herz will. Besonders wenn es einen Ausweg sucht. Gegen jede Regel und gesunden Menschenverstand und so werde ich den heutigen Abend allein verbringen, wie den Abende davor und die vielen anderen Abende vorher.

Read Full Post »

Es ist wie verhext! Die ganzen Wochen lechtze ich nach Urlaub – endlich mal frei, keine festen Termine, keinen Wecker stellen, die Seele baumeln lassen und schreiben. Die Familie ist außer Haus und ich endlich mal wieder allein. Ich sitze vor dem PC, starre meine angefangenen 5 Seiten an und – – – – –

Ich habe schon Wäsche gewaschen, habe eingekauft, getankt, Geschirrspüler ein und ausgeräumt, Müll entsorgt  – – – – –

Verdammte Axt! Dabei habe ich gestern Abend noch die Überleitung für die nächste Szene für den Text geschrieben. Die letzten Wochen habe ich es geschafft fast jeden Tag einen Text oder mehr zu schreiben. Und jetzt? – – – – –

Ich habe das alles schon erlebt und wie sagen wir so schön – das ist nur eine Phase – aber eine echt blöde, blöde Phase. Ich mach mir jetzt einen Kaffee, setzt mich auf den Balkon, lass die Phase Phase sein und lese was. Wer weiß, vielleicht fallen mir heute Nacht vorm Einschlafen die nächsten Zeilen ein – – – – –

Read Full Post »

„Das Herz ist ganz im Dunkeln, ganz allein,

möchte man sagen, und weiß ganz allein alles besser.

Nur wenn man dahinter sieht, findet man die Erkenntnis;

weil die verwirrenden Lichter der ganzen Welt nicht hingelangen;

und es wie ein Maß einer anderen Welt in uns lebt;

als ein Ja oder Nein: sonst nichts.“

Rahel Varnhagen von Ense

Read Full Post »

Der Zug donnert mit ohrenbetäubender Geschwindigkeit über die Gleise. Die Schienen beben, der Felsspat zwischen den Bohlen schleudert nach oben. Ich sehe ihn immer näher kommen, kannt mich nicht rühren. Schweiß steht mir auf der Stirn, mein Herz rast. Ich muss springen. Von den Gleisen weg. Spring! Schreit die Stimme in meinem Kopf. Ich bin gelähmt. Nur noch wenige 100 Meter. Ich höre den Lokführer brüllen, die Bremsen kratzen auf dem Eisen, Funken stieben auf. Ich rieche das Feuer. Schließe die Augen.

Schreiend fahre ich hoch. Der Pyjama klebt auf der Haut. Immer wieder dieser schreckliche Traum. Ich krieche aus dem Bett. Ein kranker Mond scheint durch mein Fenster und wirft Schatten auf meine Decke. Ich schleiche zur Toilette. Vielleicht liegt es am Kaffee. Aber die Kanne war fast voll gewesen und ich hatte nicht wiederstehen können.

Wann hatte ich das schon gekonnt? Wiederstehen? Wollte ich das überhaupt? Das Urteil über mich war sowieso gefällt und was konnte ein zerbrechliches Geschöpf dagegen tun.

Meine Täuschungsabsicht war aufgeflogen und ich hatte Job, Freund und selbst Feind verloren. Ich folgte einem unsichtbaren Muster, dass ein launisches Schicksal für mich gestrickt hatte. Einsam und allein. Man konnte allein sein, ohne einsam zu sein. Ich war gnadenlos einsam und allein. Kein Mensch wagte es sich mir zu nähern oder Partei für mich zu ergreifen. War das mein Urteil für die Ewigkeit? Die Verräterin, die Ausgestoßene zu sein?

Diese nagenden, brennenden Gefühle, die in meinem Bauch aufsteigen sich durch meinen ganzen Körper ziehen und meine Gedanken immer wieder kreisen lassen. Was wäre, wenn ich ihn nie getroffen hätte? Was wäre, wenn ich an diesem Tag meine Mutter besucht hätte? Was wäre, wenn mein Freund bei mir gewesen wäre?

Er hatte mich gesehen, meine Zweifel, meine Sehnsucht, meine Unsicherheit und hatte mich für seine Machenschaften benutzt. Wir tanzten die ganze Nacht. Ich hatte das Gefühl weit fort von allem zu sein. In seinen Armen. Seine Lippen meinen ganz nah. Ich hatte nicht wiederstehen können und er hatte es gewusst.

Die Briefe kamen per Express und noch bevor ich sie öffnete, ahnte ich ihren Inhalt. Der Sturz war lang und er endet noch lange nicht.

Morgen beginnt der Prozess und ich werde ganz vorne stehen. Einsam. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen, die endlich ihr Sommerloch stopfen können. Ich stürze und stürze, solange bis mich die Justiz durch jede Mangel getrieben hat, die ihr zur Verfügung steht und nichts mehr von mir übrig sein wird, als eine leere, hohle Hülle.

Er wird weit fort sein und einen anderen Schwan finden, dem er das Gefieder ausreißen kann. Einem, der ihm nicht wiederstehen kann.

Read Full Post »

Eisiger Wind fegte über den menschenleeren Bahnsteig. Lea suchte hinter einer Anschlagtafel Schutz, aber es gab kein Entkommen. Ihr Mantel war viel zu dünn und die leichten Schuhe isolierten nicht gegen die Kälte, die unerbittlich ihre Beine hinauf kroch.

Er würde kommen. Sie gingen fort, dorthin wo sie niemand suchte. Ein unkontrolliertes Zittern erfasste Lea. Sie schlug den Mantelkragen höher und trat auf der Stelle hin und her. Es nützte nichts. Immer tiefer drang die Kälte in ihren schlanken Körper vor. Schüttelte sie, sog ihr die Energie aus den Adern. Ergriff Besitz von ihr.

Lea warf einen Blick auf die Bahnhofsuhr. So erbarmungslos die Kälte war, so lief die Zeit dahin. Nur noch fünf Minuten. Der Zeiger hopste von einem Minutenstrich zum Nächsten, während der Sekundenzeiger im Laufschritt die Runde drehte. Lea hörte das Rattern des Zuges. Sah die flackernden Lichter in der Dunkelheit.

Er würde nicht kommen. Lea war allein. Ihr Herz erstarrt in den letzten endlosen Minuten der frostklirrenden Nacht. Gedanken rasten dahin. Allein, allein, allein. Der Rhythmus des Zuges auf den vibrierenden Schienen. Es war leicht. Allein, allein. Nur wenige Schritte, ein Schlag, übertönt vom Kreischen tonnenschweren Stahls.

Er las es am nächsten Tag in der Zeitung. Sein eiskaltes Herz zerbrach allein.

Der Name der Gruppe ist Hurts und der Song heißt „Miracle“.

Read Full Post »

J.C. Oates hat Recht. Am Ende bin ich beim Schreiben allein. Niemand nimmt mir die Suche nach den richtigen Worten ab. Schließlich kennt sie keiner, außer mir. Ob es fließt oder ich mich abmühe, niemand nimmt mir die Last von den Schultern. „Schreib dir die Seele aus dem Leib“ – guter Vorschlag und dann? Tausende Seiten und kein Ende. Wo ist Anfang und wo Ende? Keine Durchblick mehr, aber seitenlange Mono- und Dialoge. Super, man versucht das Werk seines Lebens zu schaffen und dann(?) werfen geplagte Lektoren einen schnellen Blick drauf und schicken dir eine unverbindliche Absage. – Wieder allein!
Was bleibt? Papier, eng bedruckt mit Worten, die wir uns abgerungen, die uns Herzblut und wertvolle Zeit gekostet haben. Wer will die Texte dann noch haben? Meine Kinder? Vielleicht sind sie, wenn sie erwachsen sind, stolz darauf was ihre Mutter fabriziert hat oder sie tippen sich gegen die Stirn und denken, dass ich nicht alle Tassen im Schrank hatte und da könnten sie gar nicht so falsch liegen, wenn man das Zitat von Cicero liest: „Ich habe nämlich oft gehört, kein Dichter sei ohne inneres Feuer, keiner ohne einen gewissen Wahnsinn zu denken.“
So beißt sich die Katze in den Schwanz (tut sie wirklich!). Jeder Schriftsteller ist beim Schreiben allein. Egal, ob man in einem Kurs/Seminar zusammen sitzt oder nicht, die Worte müssen uns allein einfallen. Die Geschichten auch. Wobei das mit den Ideen nicht das eigentliche Problem ist. Es sind genug da, aber nicht immer die Möglichkeit die Idee in Schrift zu verwandeln. Oder die Zeit.
Gestern Nacht im Bett, dachte ich über diesen Text nach. Legte mir die Worte hübsch zu recht, modellierte die Sätze -und schlief ein. Heute fällt mir kein Wort von denen ein, dass ich gestern dachte. Weg! Verschwunden in meinen Träumen, sollte ich welche gehabt haben. Die verschwinden leider sobald sich die Morgensonne zeigt. Darum wächst der Ordner „Träume“ ungleich langsamer, als der „nur ein paar Worte“.
Joseph Conrad schrieb: „Schreiben ist die Umwandlung nervöser Kraft.“ Wie wahr. Ohne Schreiben werde ich nervös. Um diesen Zustand zu beenden muss ich schreiben. Und doch, wenn ich mich gequält habe und die Zeilen lese, mein Perfektionismus durchbricht, werde ich wieder nervös. Ich fürchte nicht gut genug zu sein und meine geliebte Schreiberei nach meinem Tod zu Fischfutter verarbeitet wird.
Wie viel Gesellschaft ich auch habe, in einer Ecke meines Herzens werde ich immer allein sein (dagegen kann ich nichts tun. Ich schreibe gegen meine Einsamkeit an, aber sie bleibt, die Sehnsucht, die mich treibt.) Autorenschicksal. Ich reihe mich damit immerhin in eine prominente Personengruppe ein. Und das hat doch was!

Read Full Post »

Meine Mutter geht mit mir in ein Einkaufszentrum. Es ist so voller Menschen, Geräuschen, Lichtern und Dingen, dass ich mich nicht satt sehen kann. Meine Mutter trifft eine Bekannte. Sie reden kurz, niemand beachtet mich und ich versuche die Auslagen in den Schaufenstern zu betrachten. Meine Mutter zieht mich weiter. Von einem Geschäft zum nächsten. Sie drückt meine Hand so fest, dass es weh tut. Vor dem Spielzeugladen darf ich auf dem blauen Elefanten reiten. Meine Mutter sagt: Ich soll hier warten, sie muss noch etwas erledigen. Irgendwann steht der Elefant still. Ein anderes Kind will reiten. Ich muss absteigen. Im Schaufenster sehe ich mir die bunten Spielzeuge an. Ich warte. Hinter einem Auto sitzt ein kleiner Teddy. Er trägt einen grauen Pulli mit roten Rändern. Ich werde ihn meiner Mutter zeigen. So einen hab ich mir schon lange gewünscht. Meine Mutter hat mir verboten alleine in so einen großen Laden zu gehen. Ich warte. Neue Kinder kommen und reiten auf dem Elefanten. Die Menschenmassen werden weniger. Die Warenkörbe werden eingeräumt und die Ladentüren geschlossen. Die Leute machen Feierabend. Ich warte. Meine Mutter holt mich nicht ab. Ich bin ein verlorenes Kind.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: