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Posts Tagged ‘Abtei’

Ich habe Angst. Es ist schwärzeste Nacht, wolkenverhangen und stürmisch, als das Auto mit quietschenden Reifen im Hof der Abtei hält. Der schweigsame Chauffeur öffnet den Fond, lässt mich aussteigen, stellt meinen Koffer neben mir ab, steigt wieder in sein Vehikel und fährt weiter.
Meine Angst erreicht langsam die Panikstufe. Sollte mein Onkel tatsächlich Recht behalten? Nein, ich werde diesen Auftrag zu aller Zufriedenheit ausführen. Es ist meine Chance ihm und seinen alten verknöcherten Kollegen zu zeigen, dass eine Frau ebenfalls eine gute Archäologin und Wissenschaftlerin sein kann.

Nachdem auch nach Minuten des Wartens niemand erscheint, um mich zu begrüßen und der irische Himmel beschlossen hat seine dunklen Wolken über mir zu entleeren, raffe ich meinen ganzen Mut zusammen, nehme meinen Koffer und steige die breite Treppe zum Eingang hinauf. Ich muss alle Kraft aufbieten, um die schwere Eichentür aufzudrücken. Sie quietscht und ächzt, als hätte sie seit Jahrhunderten niemand mehr geöffnet. Ohne Aufforderung betrete ich die düstere Eingangshalle, in der tatsächlich einige Kerzen brennen, die den Anschein erwecken, dass ich nicht das einzige menschliche Wesen in diesem Gemäuer bin. In diesen entlegenen Winkel Irlands hat die Elektrizität den Weg noch nicht gefunden.

„Guten Abend!“, rufe ich und erschrecke bei dem Echo meiner Stimme.

Nichts geschieht. Nur der Wind heult um die Abtei, wie ein wildes Tier, dem ich gerade noch entschlüpft bin, bevor es meiner habhaft werden konnte. Er schleudert schwere Regentropfen gegen die alten Fenster und ich habe das Gefühl mit meinem Erscheinen, das letzte Gericht zu entfachen. Eine Frau in den geheiligten Hallen, schien er nicht zu dulden. Mit einem unangenehm mulmigen Gefühl im Bauch rief ich erneut:

„Guten Abend! Ist jemand im Haus.“

Erschrocken fahre ich herum, als jemand antwortet:

„Ja, Miss Winter, es ist jemand im Haus.“

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