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(Oder das Monster in meinem Kopf)

Eine Frage, die ich mir so oft gestellt habe, dass ich sie gut sein und hinter mir lassen könnte. Und doch, ist da diese kleine fiese Stimme in meinem Kopf, die mich nervt.

Ich bin ein Schreiber. Ja. Aber bin ich ein Schriftsteller? Gut, ich habe einen Roman veröffentlicht, der sich ca. 5000 Mal verkauft hat.

Jetzt kommt das unvermeidliche ABER: unter Pseudonym und einen erotischen Roman. Das an besagt nichts und doch scheint es mir nicht zu reichen, um mich Schriftstellerin zu nennen. Ich stehe dazu, sehe mich aber in einer gewissen Rechtfertigungshaltung. Warum? Ist es, weil nicht mein eigener Name vorne draufsteht oder weil es in der Geschichte um Sex geht?

Barbara Cartland ist eine Bestsellerautorin. Auch wenn sie „Liebes-Schmonzetten“ geschrieben hat, hat sie sich damit eine goldene Nase verdient. Selbst Dan Brown bleibt bei seinem Erzählschema. Und jetzt mal ehrlich, in Shades of Grey geht’s doch auch nicht wirklich um die Story.

Ist es, dass ich einfach Spaß beim Schreiben haben will? Dass ich keine „Kunstbücher“ schreibe? Mein Motto ist: ich schreibe mir das Leben schön. Ist das zu leicht gedacht? Ist meine Idee: ich will mit meinen Geschichten unterhalten, zu anspruchslos? Ist man ein Schriftsteller, wenn man auf einer Liste steht oder, wenn man eine Botschaft hat?

Nicht, dass es in meinen Geschichten um nichts ginge. Es geht um etwas. Immer! Sonst wäre es langweilig. Allerdings gebe ich zu, dass meine Figuren nicht die Welt retten. Sie versuchen herauszufinden, wer sie sind und wozu sie in der Lage sind. Oder wie sie ihre Liebe finden.

Ich schreibe oft und viel über Liebe. Vielleicht weil sie mir alles bedeutet. Liebe bedeutet alles. Ohne Liebe sind wir verloren. Und doch verlieren meine Personen. Manchmal ist das Leben ungerecht. Da hilft es auch nicht, so sehr zu lieben, dass einem das Herz bricht. Am Ende bleibt oft die Sehnsucht, was wäre wenn…

Das ist etwas, dass ich früh in meinem Leben lernen musste. Einfach nur zu lieben, hält den Verlust nicht fern. Es macht ihn unerklärlich, aber er tritt trotz aller Gegenwehr ein.

Ich beneide die, die so selbstbewusst sind, sich ohne zu zögern Schriftsteller nennen. Komischerweise habe ich keine Probleme damit zu sagen, dass ich Kurse für kreatives Schreiben gebe. Bin ich zu zurückhaltend? Was kann ich tun, um das zu ändern? Selbstbewusster zu sein?

Gerade habe ich einen Durchhänger. Ich schreibe an einem neuen Roman. Die Geschichte bedeutet mir etwas. Es geht um Treue und Freundschaft, Rache, Tod und Leben, Schönheit und Vergänglichkeit. Ich will den Roman auf jeden Fall zu Ende schreiben. Um mich handwerklich zu verbessern (und meine Betriebsblindheit zu überlisten) habe ich einen Kurs bei der VHS besucht. Manuskriptvorbereitung. Eine kompetente, sehr nette Kursleiterin, und ein gutes Konzept. Ich konnte wichtige Aspekte mitnehmen. Und?

Bin total blockiert. Die Leichtigkeit und der Enthusiasmus sind weg. Ich betrachte meinen Text mit Argusaugen. Jedes Wort liegt auf der Goldwaage. Ich hinterfrage jeden Satz, jeden Absatz auf seinen Wert, statt einfach drauflos zu schreiben und mir die Kritik für später aufzuheben.

Oh, mein Gott, ich habe ein Monster geschaffen. Und damit meine ich nicht das Monster, das in meiner Geschichte vorkommt, sondern das, das hinter mir am Schreibtisch steht und mir dauernd einflüstert: „Du kriegst die Geschichte nie so hin, wie du es dir vorstellst. Wer will das schon lesen? Du findest sowieso keinen Verlag dafür. Hat beim letzen Mal auch nicht geklappt.“ Und was der noch alles raushaut, um mich umzuhauen.

Und so schleiche ich um meinen Roman herum, die Szene, die ich schreiben will genau im Kopf, und drücke mich(soll ich die Szene wirklich so schreiben?). Ich schreibe alles Mögliche: Blogbeiträge, überarbeite ältere Texte, schreibe Notizen aus meinem Arbeitsjournal ab, beschäftige mich mit Drehbuchschreiben und meinem Kurs, der erst in vier Wochen anfängt und für den ich das Konzept seit Monaten fertig habe. Ich putze, häkele, lese, gehe spazieren usw.

Ist ja nur`ne Phase! – Hahaha. Sage ich mir auch. Geholfen hat es noch nicht. Ich suche nach dem besten Mittel das Monster zu töten. Das hinter meinem Rücken. Das Miststück ist schlau. Es kämpft mit allen Tricks. Aber ich will nicht aufgeben und wenn ich auf dem Zahnfleisch kriechen muss. Was das betrifft, bin ich Schriftsteller, denn ich weiß, dass es den „richtigen“ Schriftstellern auch nicht besser geht. (Siehe Titus Müller, Federwelt Nr.109, Dez. 2014 – Wie ich es schaffe, trotz Selbstzweifeln produktiv zu sein)

Es ist nichts Ehrenrühriges ein Schreiber zu sein. Damit fängt es an. Bei jedem Schriftsteller. Also, gehe ich Monster jagen. Ich kriege es, früher oder später. Da wette ich drauf!

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Die folgenden zwei Texte, beide mit demselben Anfangsabsatz, sind in unserem Schreibcafe entstanden. Dazwischen liegen vier Wochen.

Aufgabe: erster Absatz

Text I

Kurz hinter dem düsteren Tunneleingang sah er ihn: Auf der Parkbank sitzend, die Hände in den Taschen vergraben. Alte Kleidung, Tüte mit Essensresten. Eine leere Gestalt, voller Erinnerungen an die Vergangenheit. Nur der Schnurrbart wirkte einigermaßen zeitgemäß …

Es kostete Alexander viel Mühe ihn ausfindig zu machen und jetzt, in dem Moment des Erkennens, war ihm flau im Magen. Alle hatten ihn gewarnt. Seine Mutter, seine Verlobte. Seine Freunde und Arbeitskollegen, Journalisten wie er. Nicht zimperlich, die die gefährlichsten Orte der Welt besucht hatten. Alexander stand da, wie angewachsen, hilflos. Er zögerte. Entweder weiter gehen und tun, als ob nichts wäre, oder ansprechen und sich der Realität stellen, dass dieser Mann sein Vater war. Ein Verräter, der seine Familie im Stich gelassen hatte.

Alexanders Unschlüssigkeit dauerte einen Moment zu lange. Der Obdachlose erwachte aus seiner Versunkenheit und bemerkte ihn. Sein trüber Blick gab Alexander das Gefühl, dieser Mann lebte seit Langem nicht mehr in dieser Welt. Der Mann zog eine Hand aus der Tasche. Sie steckte in einem zerschlissenen Handschuh, denen die Fingerspitzen fehlten. Seine Nägel glichen ungepflegten Klauen. Er hielt die Handfläche auf. Alex schauderte. Trotzdem ging er auf ihn zu, kramte in seiner Hosentasche nach Kleingeld. Als er vor dem Obdachlosen stand, schlug ihm ein Geruch nach muffiger Kleidung, Schweiß und kaltem Rauch entgegen. Alexander war schlimmere Gerüche gewöhnt, sonst wäre ihm der Schwaden auf den Magen geschlagen. Seine Finger tasteten nach zwei harten Münzen. Er legte sie in die Hand des anderen Mannes. Der beäugte die Geldstücke misstrauisch. Als er zwei zwei Eurostücke erkannte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Die Hand klappte zu wie eine Auster. Hastig verbarg er den Schatz in seiner Tasche. Er sah Alexander an und nickte ihm zu. Seine Augen schienen ihm klarer. Für einen kurzen Moment dachte Alexander einen Funken Bewusstsein in ihnen zu entdecken. Es verglomm so schnell es gekommen war. Alles Einbildung, dachte Alexander, wenn man etwas unbedingt glauben will, klammert man sich an den kleinsten Hoffnungsschimmer. Die Frage nach dem Namen des Obdachlosen lag ihm auf der Zunge. Jetzt oder nie. Alexander schluckte sie herunter. Vielleicht war er sein Vater, vielleicht nicht. Alexander wollte es nicht mehr wissen. Er war der, der er war. Nichts würde daran etwas ändern.

Text II

Kurz hinter dem düsteren Tunneleingang sah er ihn: Auf der Parkbank sitzend, die Hände in den Taschen vergraben. Alte Kleidung, Tüte mit Essensresten. Eine leere Gestalt, voller Erinnerungen an die Vergangenheit. Nur der Schnurrbart wirkte einigermaßen zeitgemäß…

Ich blieb im Schatten stehen und beobachtete ihn. War das wirklich Declan? Da er saß, konnte ich seine Größe nur schätzen. Der Mann, den ich suchte, war groß. Etwa 1.90 Meter. Die zotteligen langen Haare, die abgewetzte Kleidung und dieser Schnurrbart. Declan hätte sich niemals so in der Öffentlichkeit gezeigt. Jedenfalls nicht freiwillig. Für einen Auftrag möglicherweise, aber privat, keine Chance. Nur über seine Leiche. Das war so ein Kindheitsding, erzählte er mir in einer schwachen Stunde. Als ich nachfragte, schüttelte er nur den Kopf und sagte: Alles vorbei. Muss man nicht aufwärmen.

Mir wird bewusst, wie wenig ich über ihn weiß. Obwohl wir fünf Jahre fast jeden Tag zusammen verbrachten. Er konnte singen. Ich erwischte in einmal dabei, seitdem war er vorsichtig. Declan hielt sich, wenn es um sein Privatleben ging, sehr bedeckt.

Beruflich war er der zuverlässigste, kompetenteste Partner, den ich je hatte. Dazu einer der begnadetsten Schützen des NYPD. Mehr als einmal rettete er mir den Hals.

Als er vor einem Jahr verschwand, konnte ich es nicht fassen. Er erschien morgens nicht zum Dienst. Meldete sich weder krank, noch ließ sonst etwas von sich hören. Er verschwand, wie vom Erdboden verschluckt. Tagelang klapperte ich die Krankenhäuser ab. Seine Wohnung war leer. Nicht ein Stäubchen. Ich suchte in den dunklen Vierteln nach ihm, weil ich fürchtete, jemand hätte ihn erschossen. Ich setzte sämtliche Unterweltkontakte auf seinen Verbleib an. Nichts! Wie konnte ein Mann so spurlos verschwinden? Ich hatte die Mafia in Verdacht.

Seitdem arbeitete ich allein. Mehr oder weniger. Mein Chef drehte mir immer mal wieder einen neuen Partner an. Aber es dauerte nicht lange, bis sie von selbst das Handtuch warfen. Das funktionierte einfach nicht. Entweder Declan oder keiner.

Was hat Declan dort hingebracht? Als einer meiner Informanten mir mitteilte, dass er ihn gefunden hat, wollte ich es nicht wahrhaben. Aber je länger ich ihn betrachte, umso unausweichlicher  ist die Gewissheit. Mein Gefühl will es nicht wahrhaben, aber mein Verstand muss akzeptieren, was meine Augen sehen. Der Mann mit dem leeren Blick ist Declan.

 

 

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