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Archive for the ‘Roman-Reisebericht’ Category

„Menschen sind merkwürdig, nicht wahr?“, Antonio unterbricht mich, „je mehr uns jemand ablehnt, um so stärker entbrennt unsere Leidenschaft.“

„Tja, als ob uns das anzieht. Die Abwehr zieht uns an, oder die Gleichgültigkeit. Sie ist wie ein Magnet. Plötzlich erscheint uns der andere so begehrenswert.“

Ich klappe das Buch zu. Ich schließe die Augen und höre dem Rauschen des Meeres zu.

„Ich wünschte, ich müsste nie, nie mehr hier fortgehen. Ich würde so gerne hier sitzen bleiben bis in alle Ewigkeit. Irgendwann würde ich erstarren, wie eine Fliege im Bernstein und immer würde ich hier sitzen und das Meer sehen. Die Möwen würden mir am Tag Gesellschaft leisten und in der Nacht die Sterne.“

„Ein romantischer Wunsch“, lacht Antonio, „aber ich schätze du würdest irgendwann großen Hunger bekommen.“

„Da hast du wohl recht“, seufze ich.

In seine Augen kann ich ein wehmütiges Lächeln sehen.

„Meinst du, man kann an gebrochenem Herzen sterben?“, fragt er mich.

Ich nicke wortlos mit dem Kopf. Wenn ich an Raoul denke, spüre ich diesen Schnitt in meinem Herzen noch genauso heftig, wie zu dem Zeitpunkt, als er mich verließ. Die Gedanken, die heiße Sehnsucht, die Träume lassen mich nicht los und vertiefen den Riss noch.

„Die Wunde heilt alle Zeiten“, murmele ich.

„Heißt das nicht, die Zeit heilt alle Wunden?“

„Ja, schon, aber ich fürchte, dass meine Wunden die Zeiten überdauern werden.“

„Meine auch“, flüstert Antonio und zieht mich in seine Arme.

Ich rücke zu ihm hinüber und lehne meinen Kopf an seine Schulter. Ich weiß nicht, ob ich davon laufen, oder jede Grenze überschreiten und mich einfach fallen lasse soll. Tränen laufen mir über die Wangen. Meine Gefühle schlagen Wellen, wie das Meer und ich hab das Empfinden unterzugehen.

Antonio streicht mir eine Locke, die sich aus meinem Zopf gelöst hat, aus dem Gesicht, legt den Finger unter mein Kinn und hebt mein Gesicht seinem entgegen. Zärtlich küsst er mir die Tränen fort. Seine Lippen sind weich und sanft, ohne zu fordern.

„Antonio“, flüstere ich.

„Sag nichts. Lass mich dich einfach nur küssen. Ich weiß, dass du nicht bei mir bleiben kannst. Niemand kann das besser verstehen als ich. Wenn es um dich gehen würde, dann würde ich auch immer weiter nach dir suchen.“

„Warum?“

„Weil Liebe, Liebe ist. So wie du dich in diesen andern Mann verliebt hast, ohne an die Konsequenzen zu denken, so hab ich mich in dich verliebt.“

Antonio drückt mich fest an sich, und als er mich wieder küsst, lasse ich es geschehen, ohne nachzudenken. Wie lange wir dort sitzen, weiß ich nicht. Eng aneinander geschmiegt und schweigend.

„Ich glaube wir müssen langsam zurückgehen. Mutter wird mit dem Essen warten“, bricht Antonio das Schweigen.

„Dann sollten wir gehen“, versuche ich zu lächeln, „deine Mutter wundert sich bestimmt, wo du solange geblieben bist.“

„Ich glaube nicht. Meine Mutter ist eine kluge Frau!“

Als wir zurück sind, gehe ich auf mein Zimmer. Meine Sehnsucht bringt mich fast um. Ich denke an Antonio und seine Zärtlichkeit, die mich bis in mein Inneres getroffen hat. Ich könnte bleiben. Niemals fortgehen von diesem wunderbaren Mann, dem Meer, dem Himmel. Mein Herz hier verlieren. Aber dann wird mir bewusst, dass ich es schon längst verloren habe und es weit fort von hier ist.

Habe ich mich die ganze Zeit vor dem Leben gedrückt? Bin ich verloren gegangen aus Angst, niemals wirkliches Glück und echte Liebe zu finden? Mein Herz schlägt wie verrückt. Mir ist bewusst, dass es keine Alternative gibt. Ich habe meinen Bestimmungsort noch nicht gefunden und muss gehen. Schnell packe ich meine Sachen und gehe hinunter ins Café. Madeleine erwartet mich.

„Du gehst fort nicht wahr“, fragt sie traurig.

Ich nicke unter Tränen.

„Ja, ich muss gehen. Grüßen sie bitte Antonio von mir?“

Da kommt Antonio aus der Küche.

„Du musst nicht fortlaufen“, sagt er leise.

Ich umarme ihn ganz fest. Mein Hals ist zugeschnürt. Tränen laufen über meine Wangen und vermischen sich mit seinen.

„Vergiss mich“, flüstere ich, „finde die Eine, die dich so sehr liebt, wie du es verdienst.“

Dann nehme ich mein Gepäck und gehe zum Bahnhof hinüber. Mein Herz ist steinschwer und meine Augen sind blind vor Tränen. Der Zug hält gerade, als ich ankomme. Ein netter Schaffner hilft mir beim Einsteigen, dann ist ein lauter Pfiff zu hören und der Zug setzt sich in Bewegung und verlässt den Bahnhof. Die Tränen sind wie ein Strom, der über die Ufer tritt. Jeder Zentimeter meines Körpers, meines Herzens und meiner Seele schmerzt. Da höre ich eine sanfte Stimme neben mir.

„Hab keine Angst, Noelle, alles wird gut.“

„Herr Grimm?! Wie kommen sie hier her?“, frage ich überrascht und erleichtert.

Ich umarme ihn und er streicht mir sanft über das Haar.

„Nun, ich dachte, es wäre an der Zeit meine Notizbücher wieder abzuholen und dir deine eigenen zu bringen.“

Er lächelt und reicht mir ein Bündel Notizbücher, das mit einer roten Schleife versehen ist. Oben auf den Etiketten steht mein Name: Noelle Snow. Sie sind ganz neu und riechen nach frischem Papier.

„Hier und dies sind ein paar Stifte, damit du sofort anfangen kannst.“

Herr Grimm reicht mir einen Bund Stifte, die von einem Bindfaden zusammengehalten werden.

„Danke, Herr Grimm.“

Er sieht mich aufmerksam an.

„Hab keine Angst. Sei mutig, du wirst finden, was du suchst. Du bist jetzt eine Geschichtenerzählerin. Du hast die Liebe, die Freude, das Leid gesehen. Du brauchst all dies um deine Geschichten zu erzählen. Und hab keine Angst vor den Schatten. Du kannst sie bezwingen. Deine Fantasie wird sie zurückdrängen und die Welt um vieles bunter machen.“

Dann küsst er mich auf die Stirn, nimmt sein Bündel Notizbücher unter den Arm und verlässt mein Abteil.

Ich erwache. Was war das für ein Traum? Ich reibe mir die Augen und strecke mich. Neben mir auf dem Sitz liegen die Notizbücher. Ich nehme sie in die Hand. Auf den Etiketten steht mein Name. Noelle Snow.

„Hallo Noelle, wie schön, dass du wach bist.“

Diese Stimme! Wie sehr habe ich mich danach gesehnt sie zu hören.

„Raoul?“, flüstere ich verwundert.

„Hast du daran gezweifelt?“, fragt er.

„Nein“, erwidere ich fassungslos, „ich sah dich in meinen Träumen, hörte deine Stimme. Was ist passiert?“

Raoul setzt sich zu mir und reicht mir einen Becher Kaffee.

„Ich weiß es nicht. Du bist eingeschlafen und ich hab dich nicht mehr wach bekommen. Dein Schlaf war sehr unruhig und ich hatte Angst um dich. Manchmal hast du gesprochen, aber ich konnte dich nicht richtig verstehen. Aber nun bist du ja wieder erwacht.“

Das ist unmöglich. Alles soll nur ein Traum gewesen sein? Nein, das kann, das darf nicht sein. Ich öffne meinen Rucksack. Alles, was ich geschenkt bekam, ist noch da. Ich finde sogar eine Feder von Lilis Flügeln. Was ist passiert? Die Schatten? Ich sehe Raoul aufmerksam an, ich weiß nicht, was es ist, aber seine Gesten, seine Blicke sind so verändert, dass ich es mehr als beunruhigend finde.

„Raoul kannst du dich noch daran erinnern, was du mir am Anfang unserer Reise über die Liebe sagtest?“

„Was gibt es über die Liebe zu sagen?“, antwortet er gleichgültig.

„Du bist nicht Raoul! Wer bist du!“, schreie ich den Doppelgänger an.

Ein böses Lachen ist zu hören.

„Ich habe dich unterschätzt Noelle Snow. Woran hast du es bemerkt?“

Vor meinen Augen verwandelt sich Raoul in einen gesichtslosen dunklen Schatten. Schwarz und bedrohlich erfüllt er das kleine Abteil und nimmt der Sonne das Licht.

„An deinen Augen. Du bist ein Schatten, seelenlos und Raoul ist alles andere als das!“

Der Schatten kommt näher und ich spüre, wie mich die Kälte, die er ausstrahlt, zu lähmen beginnt.

„Gib ihn mir zurück!“, befehle ich ihm.

„Warum sollte ich!“, der Schatten lacht mich aus.

„Weil ich, dich töten werde.“

Die Wut treibt mir Tränen in die Augen, aber ich werde mich nicht unterkriegen lassen.

„Mit was willst du mich töten?“

Immer weiter dringt die Kälte in mich ein.

„Mit meinen Worte, meiner Fantasie. Ich werde solange Geschichten erzählen, bis du fort bist, du hast keine Chance, denn dir fehlt die Liebe und niemals! Niemals wird das Böse das Gute besiegen! Es war einmal ein kleines Mädchen, das sich verloren hatte …“, beginne ich mit letzter Kraft zu erzählen.

Plötzlich ertönt ein lautes Zischen ich halte mir die Ohren zu und rede dabei immer weiter. Schwarze grausame Nebel wallen auf und ab, greifen nach mir. Ich rede, wie ein Wasserfall. Jeder Gedanke, der sich in meinem Gehirn verfangen hat, ist mir recht. Ich spreche, bis mir die Zunge am Gaumen klebt und ich mich kaum noch aufrecht halten kann. Da weicht unerwartet der Schatten immer weiter zurück, bis er ganz verschwunden ist.

Die Sonne erhellt mein Abteil, wie vorher. Ich atme auf. Da geht ein leichter Ruck durch den Zug. Die Bremsen krallen sich in die Schienen. Ein lautes Zischen. Die Lok stößt einen weißen Schwall Rauch aus. Ein Bahnhof. Soll ich jetzt den Zug verlassen und an diesem Ort bleiben? Alles in mir verkrampft sich. Ein lähmendes Gefühl lässt mich zögern, als ich eine sanfte Stimme höre.

„Geh, Noelle, versuch dein Glück!“

Ich sehe Herrn Grimms gütige Augen vor mir. Er zwinkert mir zu und lächelt aufmunternd.

Ich nehme allen Mut zusammen und steige aus. Es ist ein Bahnsteig, wie alle anderen. Nichts ist besonders hier. Kein Duft, keine außergewöhnlichen Menschen. Und tatsächlich regnet es. Wie auf Tausenden Bahnhöfen vorher. Vielleicht sollte ich wieder in den Zug einsteigen. Ich will einen anderen Bahnhof finden, einen besseren als diesen ordinären Bahnsteig im Nirgendwo.

Da setzt sich der Zug wieder in Bewegung, meine Chance ist vorbei. Ich gehe zu der einzigen Bank auf dem Bahnsteig, setze mich und öffne meinen Rucksack. Da, auf den Notizbüchern von Herrn Grimm, liegt das kleine Päckchen, dass Raoul mir hinterlassen hat, bevor er ging. Ich nehme es heraus, hebe den Deckel an und ein unglaublicher Duft von Kaffee, Schokolade und betörenden Essenzen strömt heraus.

Das ist genau der Duft! Ich hatte ihn schon die ganze Zeit bei mir und habe es nicht gewusst. Ich verschließe das Döschen wieder, stecke es in meine Tasche und verlasse eilig den Bahnsteig.

Draußen empfängt mich unerwartet ein milder Duft, der Regen ist fort und es riecht nach Blüten und Sommer. Ein kleiner Platz umsäumt mit Platanen liegt vor dem Bahnhof. Sonnenstrahlen drängen durch die Wolken und lassen das Wasser in den Pfützen glitzern wie Silber. Ich setze mich auf eine weiße Bank und genieße die Düfte, die mich umschweben.

Zu Hause? Ich weiß es nicht, aber ich weiß plötzlich, dass alles gut wird. Egal wohin ich von hier aus gehe, egal wem ich begegne und was mir passieren wird. Ich werde niemals allein sein. Es wird Menschen, Elementare, Ritter und Engel geben, die meinen Weg begleiten. Ob in meinen Träumen oder in der Realität ist nicht wichtig. Für mich leben sie alle und die Schatten werden vergangen sein. Auch die Schatten meiner Vergangenheit. Ich habe sie besiegt, weil ich sie bunt gemacht habe. Ich habe ihnen durch meine Fantasie die Spitzen und die Bitterkeit genommen.

Festentschlossen meine eigene Geschichte zu schreiben, werde ich meinen Weg gehen. Alles ist Legende. Vielleicht noch nicht heute, aber die Zeit wird kommen, in dem meine Geschichte sich in ein Märchen verwandelt. Ich hole die kleine Dose wieder heraus, entnehme die Praline und stecke sie mir in den Mund. Sie zergeht auf der Zunge, die Quintessenz des Lebens, Süße und Bitternis. Füllung und Umhüllung.

„Noelle?!“

Raoul kommt auf mich zu. Ich sehe ihn einfach nur an.

„Du bist da“, sage ich, ohne überrascht zu sein.

Es ist eine Feststellung und keine Frage.

„Ja.“

Er schaut mich mit einem fragenden Blick an.

„Ich bin gekommen, um dir eine Frage zu stellen. Weiß du noch, was du mir am Anfang der Reise sagtest?“, frage ich.

„Man lebt nur einmal und man liebt nur einmal“, antwortet Raoul.

„Bist du immer noch dieser Ansicht?“

Raoul sieht mir tief in die Augen. Dann nimmt er meine Hand, legt sie auf seine Brust. Ich spüre seine warme Haut unter meinen Fingerspitzen und den Schlag seines Herzens, der in meinem Rhythmus schlägt.

„Als ich dich sah, wusste ich es. Ich liebte dich, mehr als ich jemals geliebt habe. Aber ich habe schon soviel Schmerz gesehen, soviel Leid erlebt, dass ich dir das ersparen wollte.“

„Und jetzt?“, flüstere ich ängstlich.

„Willst du mich, mit allen meinen Zweifeln, meiner Zerrissenheit und meiner Angst?“

Mein Herz setzt für einen Moment aus.

„Willst du mich mit all meiner Liebe?“, frage ich zurück.

Schweigend sehen wir uns an. Raoul hält immer noch meine Hand auf sein Herz gepresst. Ich fühle, dass sein Herz sich fast überschlägt.

„Mehr als alles, was ich mir je wünschte“, antwortet er.

Seine Lippen sind meinen ganz nah, und als er mich küsst, ist es genauso, wie ich es mir erträumt habe. Also werden Träume doch wahr.

„Komm, lass uns gehen“, sagt Raoul und lächelt.

„Wohin?“, frage ich.

„Ich weiß es nicht. Wenn wir da sind, werden wir es wissen.“

Ich muss lachen.

„Also bin ich nur angekommen, um wieder zu gehen?“

Raoul schüttelt den Kopf.

„Du bist gekommen, um zu finden. Deine Suche ist zu Ende. Du bist nicht mehr verloren, weil du gefunden wurdest und gefunden hast.“ Er lacht und küsst mich zärtlich. „Aber unsere Reise beginnt erst und es gibt soviel, das ich dir zeigen will, meine süße Noelle.“

Mein Herz macht einen Satz.

„Wo möchtest du zuerst hin?“, fragt Raoul.

„Zurück zum Meer“, antworte ich sofort.

„Dann schnell, der nächste Zug kommt gleich. Er wird uns ans Meer bringen.“

Raoul nimmt mich an die Hand, und als wir den Bahnsteig betreten, fährt gerade der nächste Zug ein.

 

„Bon Voyage!“

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Als er seine warmen Lippen auf meinen Mund legt, fahren meine Gefühle Achterbahn. Ich weiß nicht, wie lange wir so engumschlungen da stehen. Mir ist klar, dass es nur ein halbherziger Versuch ist, Raoul zu vergessen, aber dieses Gefühl von Nähe und Wärme, das Antonio in mir auslöst, weil ich es vor Sehnsucht kaum aushalten kann, bringt mich durcheinander. Ich wünsche mir ich könnte Antonio lieben. Seine schönen Augen, die mich mit einem liebevollen Blick umfassen und seine angenehme Gegenwart machen mich so traurig, weil ich sie nicht annehmen kann. Ich kann es nicht ändern, aber ich sehe Raouls melancholische Augen, seinen sinnlichen Mund und dieses Lächeln, dass mein Herz wärmt und mich gleichzeitig traurig macht. Es ist dieses innere Band, das ich zu ihm spüre, weil ich seine Zerrissenheit und seine Zweifel so gut nachvollziehen kann.

„Komm, dort drüben haben wir einen schönen Blick über das Meer und die Bucht.“

Antonio führt mich einen schmalen Pfad entlang, ein paar roh behauene Treppenstufen hinauf, auf eine Plattform. Wir setzen uns an den Rand und lassen die Beine herunter hängen. Schweigend sitzen wir da, Hand in Hand. Dem anderen ganz nah und doch ist mein Herz so fern und ich habe Angst, dass ich Antonio wehtun muss.

„Ich habe gehört, dass du eine Geschichtenerzählerin bist“, bricht Antonio nach einer Weile das Schweigen.

„Ja“, sage ich leise, „möchtest du eine Geschichte hören?“

„Das wäre schön, dann könnte ich mich immer an diesen wundervollen Moment erinnern.“

Ich höre die Niedergeschlagenheit in seiner Stimme.

„Du weißt es?“

„Ja, ich sehe es in deinen Augen“, sagt Antonio, „aber ich finde, er hat dich nicht verdient. Wenn du mich lieben würdest, würde ich dich niemals verlassen.“

Ich lächele bekümmert, denn ich weiß, dass er recht hat. Trotzdem ist alles was ich will, Raoul. Ich öffne meinen Rucksack, nehme das Notizbuch, Erzählungen vom Leben heraus, schlage es auf und fange an zu lesen:

„Also, es waren einmal drei Geschwister, die kamen nach Paris, auf der Suche nach Glück, so wie die meisten Menschen um die Jahrhundertwende. Die Stadt war voll von Glücksrittern und Karrieristen, die es zu Reichtum und Wohlstand bringen wollten. Als die drei jungen Leute am Place Gaillon ankamen, blieb das Mädchen überrascht stehen.

„Schau einmal, Jean!“, rief sie freudig erregt, „dieses Teeservice mit den kleinen Rosen. Genau so eins hatte Mutter sich immer gewünscht.“

Denise drückte ihr zierliches Näschen an der Fensterscheibe des Porzellangeschäftes platt. Ihre langen blonden Haare waren zu einem dicken Zopf geflochten und sie trug ein winziges Hütchen. Ihre einfache Kleidung zeigte ihre Herkunft an, war aber sauber und ordentlich, genau, wie die ihrer älteren Brüder.

„Hmmm, wirklich nett“, brummte Jean.

Seine Aufmerksamkeit galt allerdings nicht dem kostbaren Teeservice, sondern einer jungen Dame, die in dem Café saß, das direkt an den Porzellanladen grenzte. Sie trug ein modisches Kleid und ihr Dekollete leuchtete geradezu aufreizend hell im Kontrast zu dem dunkelgrünen Stoff, der ihre Katzenaugen betonte. Sie lächelte ihr Gegenüber an und mit einer anmutigen Bewegung, schob sie sich mit einer silbernen Kuchengabel ein Stückchen Sahnetorte in den sinnlichen Mund. Gierig starrte Jean auf ihre roten Lippen.

„Wenn ich sie doch nur einmal küssen könnte“, schoss es ihm durch den Kopf.

„Komm Jean, lass uns gehen“, Andre zupfte ihn am Ärmel, und als Jean nicht reagierte, zog er ihn hinter sich her, über die belebte Straße.

 

Andres eilige Schritte waren schon von Weitem zu hören. Denise riss die Tür ihres bescheidenen Zimmerchens auf und sah in Andres strahlendes Gesicht.

„Nun, was ist los? Hast du sie?“, fragte Jean ungeduldig.

Er war aufgesprungen und schob Denise beiseite.

„Ja“, stieß Andre atemlos hervor, „und wisst ihr, was das Beste ist?“

„Nein, los sag schon! Spann uns nicht auf die Folter!“, drängte Jean seinen Bruder.

„Sie nehmen euch auch in Lohn und Brot!“

„Oh, wie schön!“

Denise jubelte und fiel Andre um den Hals, „dann muss ich mich nicht von euch trennen. Ich hatte solche Angst ganz allein in einen fremden Haushalt zu kommen.“

Denise war sechzehn Jahre alt und seit dem Tod der Eltern kümmerten sich ihre Brüder um sie. Sie war ein frisches natürliches Mädchen mit Verstand, aber Paris machte ihr Angst.

„Ich bin auch froh“, sagte Andre, der ältere der beiden Brüder, „aber du scheinst ja nicht sehr glücklich zu sein?“

Andre sah Jeans gedankenverlorenen Blick. Er machte sich Sorgen um ihn. Jean war impulsiv und hatte ein selbstquälerisches Wesen, das Andre, der ein vernünftiger, bodenständiger Charakter war, völlig fremd war.

„Doch, doch, alles ist gut“, murmelte Jean und sah aus dem Fenster auf die wogenden Massen, auf der Straße.

„Als was werde ich arbeiten?“, bestürmte Denise Andre.

„Du wirst der Köchin zur Hand gehen, da kannst du dir gleich noch etwas abschauen“, Andre lächelte sie liebevoll an.

„Und was wird Jean machen?“, fragte Denise neugierig.

„Jean wird der Kammerdiener des jungen Herrn. Der Alte hat in einen anderen Haushalt gewechselt.“

Jean fuhr herum. Sein Blick hatte sich verfinstert. Er hasste es, zu lange in engen Räumen eingesperrt zu sein. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätten sie ihr Dorf nie verlassen. Aber Andre hatte ihm klar gemacht, dass sie dort keine Zukunft hatten.

„Na, toll! Du darfst im Stall bei den Pferden arbeiten und mich sperren sie in so einen muffigen alten Kasten“, begehrte er auf.

„Beruhige dich!“

Andre legte seinem Bruder beschwichtigend eine Hand auf den Arm, aber Jean schüttelte sie ab. Er war wütend.

„Leider ist im Stall zurzeit nur eine Stelle frei“, erklärte er, „aber wer weiß. In so einem großen Haushalt findet dauernd ein Personalwechsel statt. Es wird sich sicher bald etwas ergeben. – Und inzwischen hat jeder von uns sein eigenes Zimmer, freie Kost, einen freien Nachmittag und sein eigenes Geld.“

Jeans Unzufriedenheit konnte Andres gute Laune nicht mindern. Er war froh eine gute Lösung für sich und seine Geschwister gefunden zu haben. Besonders auf Denise musste er ein wachsames Auge haben. Sie war zu jung und naiv, um es zu wissen, aber Denise war eine kleine Schönheit und Andre wollte nicht, dass sie irgendeinem üblen Kerl in die Hände fiel.

Jean stand vor dem Spiegel. Der schwarze Anzug saß zu eng, spannte über den Schultern, den Armen und den Hüften. Außerdem war er an allen Enden zu kurz. Das gestärkte weiße Hemd schnürte ihm am Hals die Luft ab und zwickte überall. Jeans muskulöse Statur passte einfach nicht zu der eines Kammerdieners. Jean war zweiundzwanzig Jahre alt, groß und seine dunklen Locken ließen sich nie bändigen. Egal was er auch versuchte. Er musterte sich mit dunklem Blick und je länger er sich im Spiegel besah, um so mehr beneidete er Andre um seine Stelle als Reitknecht. Zu Hause war er den ganzen Tag mit seinem Vater auf den Feldern gewesen, hatte gejagt, gefischt und mit dem alten Gaul gepflügt. Hier, in diesem dunklen alten Haus, in dem es nach dem Mief von Hunderten Jahren roch, fühlte er sich wie ein alter Hofhund. Er konnte zwar ein Stück Himmel sehen, es aber nie erreichen. An die Kette gelegt und eingesperrt.

Jean fragte sich, wie er es hier aushalten sollte, dabei war gerade sein erster Tag. Gestern Abend waren sie vom Hausdiener begrüßt und in die Personalquartiere eingewiesen worden. Danach hatten sie mit dem anderen Personal zu Abend gegessen und waren früh zu Bett gegangen.

Es klopfte. Jean fuhr erschrocken zusammen. Die Tür wurde aufgestoßen und Françoise, der Kammerdiener des alten Duc de Saint-Simon, trat ein. Als er Jean so unglücklich vor dem Spiegel stehen sah, grinste er.

„Ich würde sagen, du brauchst einen neuen Anzug. Der alte Kammerdiener des jungen Herrn war kleiner und dünner als du.“

„Sieht so aus“, sagte Jean resigniert.

Er versuchte keine unbedachte Bewegung zu machen, aus Angst der dünne abgetragene Stoffe könnte der Belastung nicht standhalten.

„Ich werde das veranlassen“, sagte Françoise, „aber es kann ein paar Tage dauern, bis dahin musst du dich mit dem abfinden.“

„Ja, muss ich wohl.“

„Gut, dann komm. Ich werde dir alles zeigen. Da kannst du dir schon mal einen Überblick verschaffen. Der junge Herr wird heute zurück erwartet. Er war ein halbes Jahr in England.“

Françoise ging hinaus und Jean folgte ihm mit hängenden Schultern. Wenn es nicht für Andre und Denise gewesen wäre, dann wäre er am liebsten davon gelaufen.

 

In einem anderen Zimmer drehte sich Denise vor einem schmalen Spiegel hin und her. Das schwarze Kleid, die schwarzen Strümpfe und die feinen Schuhe gefielen ihr außerordentlich gut, auch wenn die Stiefelchen zu groß waren. Denise hatte sich ein paar ihrer eigenen dicken Socken angezogen und so schlüpfte sie nicht mehr hinaus. Ihre Haare hatte sie zu einem strengen Zopf geflochten, der ihr bis auf die Hüften reichte und ein weißes Leinentuch um den Kopf gebunden. Das war so üblich in der Küche hatte man ihr erklärt, außerdem trug sie eine weiße gestärkte Schürze. Die musste jeden Tag erneuert werden. So wünschte es die Dame des Hauses.

Denise war gespannt, wann sie die Duchesse kennenlernen würde. Die Dienerschaft hatte gestern beim Abendessen darüber spekuliert, wann die Herrschaften eintreffen würden. Denn es war Herbst und die Ballsaison würde bald beginnen. Die ersten Einladungen waren eingetroffen. Mademoiselle Manon war ihren Eltern voraus gereist, da sie sich mit einer ihrer Freundinnen treffen wollte, während Monsieur Jules am nächsten Tag erwartete wurde. Denis strich sich noch einmal ihre Schürze glatt, stellte sich aufrecht hin und hob den Kopf. „Immer Kopf hoch, egal was auch passiert. Du musst dich vor niemand verstecken“, hatte ihre Mutter immer gesagt. Denise war festentschlossen diesem Motto getreu zu handeln. Sie atmete tief durch und ging dann hinunter in die Küche.

 

Andre war an diesem Morgen schon sehr früh auf den Beinen gewesen. Er hatte eine schlaflose Nacht hinter sich. Er fragte sich, wie alles sein würde und ob er den Anforderungen des Duc gerecht werden konnte.

Andre hatte Schmied gelernt und Pferde waren ihm vertraut. Einmal hatte er sogar eins zugeritten, für den Pfarrer seines Ortes. Der unwissende Mann hatte sich von einem Händler, zu einem weit überhöhten Preis, einen jungen Hengst andrehen lassen, der kaum zugeritten war. Verzweifelt war er zu Andre gekommen und hatte ihn gebeten, ob er nicht einmal sein Glück mit dem Tier versuchen wollte. Es war zwar ein hartes Stück Arbeit gewesen, aber Andre hatte es tatsächlich geschafft, den Hengst zu einem guten Reitpferd zu machen. Seitdem träumt er davon einen eigenen Stall zu besitzen und Pferde zu züchten.

Andre war sich im Klaren, dass dies nur ein Traum war, aber auch wenn er versuchte seine Chancen immer möglichst realistisch abzuwägen, so spukte ihm dieser Wunsch trotz allem im Kopf herum.

So war Andre viel früher als die anderen Knechte im Stall, um sich die Pferde anzusehen und die Arbeit einzuschätzen, die ihn erwartete. Im Gegensatz zu dem hitzköpfigen, verschlossenen Jean, hatte Andre ein offenes, freundliches Wesen, das ihm bei der Arbeit mit Mensch und Tier zugute kam. Alle schätzten ihn und legten Wert auf seine Meinung.

Andre hoffte, dass ihm auch hier gelingen würde, eine gute Atmosphäre zu schaffen. Er war zwar nur zwei Jahre älter als Jean, aber sein selbstbewusstes überlegenes Auftreten sicherte ihm schnell eine gewisse Autorität.

Andre hatte wie sein Bruder dunkles Haar, aber ohne seine Widerspenstigkeit, die seinem Charakter widersprochen hätte. Seine hellen Augen standen im außergewöhnlichen Kontrast zu seinem pechschwarzen Haar und fielen sofort auf, während Jean die schwarzen seelenvollen Augen seiner Mutter geerbt hatte. Andre hatte dieselbe Statur seines Bruders, allerdings war Jean feingliedriger. Andres Körper hatte die schwere Schmiedearbeit geprägt und an Kraft konnten es wenige Männer mit ihm aufnehmen. Er war sich dessen nicht bewusst, aber wenn er irgendwo in Erscheinung trat, richteten sich alle Blicke auf ihn, egal ob die der Männer oder der Frauen.

Seine Befürchtungen waren allerdings umsonst. Nach den ersten Stunden im Stall stellte sich heraus, dass Andre mehr als geeignet war, diese Stelle zu versehen. Der Stallmeister überlegte sich schon, wie er dem Duc am geschicktesten klar machen konnte, was für einen guten Fang sie mit Andre gemacht hatten.

 

Jean stand in den Räumen des jungen Herrn. Der Salon allein war geräumiger, als das Haus in dem er mit seinen Eltern und Geschwistern gelebt hatte. Dazu gab es noch ein Schlafzimmer, Ankleidezimmer und ein Bad. Françoise hatte Jean eine Menge erklärt und ihm brummte der Kopf. Auf was er alles achten sollte. Jean hielt diese ganzen Regeln des Anstands und der Etikette für Schwachsinn, aber er musste sie wohl oder übel befolgen, sonst würde er hinausfliegen.

„Das werde ich wohl nie schaffen. Bei der ersten Gelegenheit werde ich irgendetwas falsch machen und hinaus geworfen“, dachte er, „andererseits, warum nicht? Vielleicht ist es das Beste, was mir passieren kann. Denise und Andre sind gut untergebracht und ich suche mir was Besseres.“

„Hallo, Jules!“, hörte Jean eine glockenhelle Stimme, „bist du schon zurück?“

Hastig drehte er sich um und hörte ein Ratschen. Das Jackett war entzwei gerissen.

„Oh, nein! Auch das noch“, dachte er verzweifelt.

Da kam sie auch schon herein. Es war die Dame aus dem Café. Jean starrte sie aus seinen schwarzen Augen an. Es war wie eine Erscheinung. Ihr zartes lindgrünes Kleid war so duftig wie Rosenblätter und ließ ihre feurigen roten Locken aufstrahlen. Ihre grünen Augen blitzen freudig in Erwartung ihres Bruders Jules, aber als sie Jean sah veränderte sich ihr Blick und wurde fragend neugierig.

„Oh“, sagte sie, „ich hatte meinen Bruder Jules erwartet. Wer sind sie?“

„Mein Name ist Jean Laval. Ich bin der neue Kammerdiener ihres Bruders“, antworte Jean steif, ohne den Blick von ihr abzuwenden.

„Ich bin Manon de Saint Simon“, stellte sie sich vor, „ich hoffe, dass ihr länger hier sein werdet, als der vorherige. Mein Bruder hasst die ständigen Veränderungen.“

Manon tat so als würde ihr sein eindringlicher Blick entgehen. Sie wandte sich zur Tür.

„Dann will ich sie nicht bei der Arbeit stören. Guten Tag, Jean“, säuselte sie.

Jean sah dem göttlichen Wesen nach, das aus der Tür schwebte. Sein Herz raste wie verrückt und er hoffte, dass Manon keinen zu schlechten Eindruck von ihm bekommen hatte. Immerhin sah er in dem schlecht sitzenden Anzug nicht gerade vornehm aus.

„Ach, du Schreck“, fiel ihm wieder ein, „die Jacke ist gerissen. Ich muss sie nähen.“

Eiligen Schrittes verließ er Jules Räume, um Francois zu suchen.

 

Kaum hatte Manon den Raum verlassen, als sie ein Lachen nicht mehr zurückhalten konnte. Sie schien einen außerordentlichen Eindruck auf den jungen Mann gemacht zu haben. Er hatte den Blick nicht von ihr lassen können und sie war sich sicher, dass er sich in sie verliebt hatte. Manon war zwanzig Jahre alt und hatte inzwischen einige Erfahrung mit Männern, die sich in sie verliebt hatten.

„Tölpel alle samt“, dachte sie verächtlich, „kaum haben sie mich gesehen und aus Männern werden Dummköpfe. Kein Stolz und keine Stärke mehr. Alles dahin.“

Manon wollte zwar einen Mann, der in sie verliebt war, aber keinen der jede Selbstachtung verlor und vor ihr zu Kreuze kroch. Leider war ihr dieser Mann noch nicht begegnet und sie fürchtete inzwischen, dass er auch nie kommen würde. Manon hatte sich einige Prüfungen ausgedacht, denen sie die Männer aussetzte. Diejenigen, die darauf hereinfielen, sortierte sie sofort aus und bis jetzt hatte noch keiner bestanden.

 

Andre striegelte den schwarzen Wallach. Unruhig tänzelte das schöne Tier hin und her. Er war noch nicht an Andre gewöhnt und war nervös. Andre redete beruhigend auf ihn ein und klopfte ihm sanft auf die Flanken.

„Ganz ruhig, mein Schöner. Du wirst dich an mich gewöhnen müssen.“

„Und ich wohl auch!“, vernahm Andere eine weibliche Stimme.

Er richtete sich auf und sah über den Pferderücken hinweg eine junge Frau im dunkelgrünen Reitkostüm. Es war auf Figur geschnitten und betonte ihren wohlgeformten Körper.

„Sie sind nun schon das zweite neue Gesicht, das ich im Haus sehe. Wie ist ihr Name?“, fragte sie.

„Ich bin Andre Laval und sie sind sicher die Duchesse de Saint Simon“, sagte Andre und sah Manon aufmerksam an.

„Genau die bin ich!“ Manon sah Andre mit einem Stirnrunzeln an, „satteln sie mir Malice, ich will ausreiten!“

„Natürlich, Mademoiselle“, sagte Andre freundlich.

Ohne Eile legte er die Bürste weg und ging den langen Gang zu Malice Box hinunter. Das Sattelzeug hing neben der Box und Andre sattelte den Fuchs. Nervös trat das junge Tier von einem Bein auf das andere. Andre spürte, dass es noch nicht reif war, von einer ungestümen jungen Dame geritten zu werden.

„Mademoiselle darf ich ihnen einen Rat geben?“, Andre drehte sich zu Manon um, „ich würde ihnen lieber eins der anderen Pferde satteln. Malice ist heute Morgen sehr nervös.“

Manon sah Andre mit einer hochgezogenen Augenbraue an. Was erlaubte sich der Mann eigentlich. Malice war ihr Pferd und sie würde ihn reiten, wann es ihr passte. Unwillig schüttelte sie den Kopf.

„Nein, danke!“, antwortete sie eisig, „ich werde Malice reiten.“

Unverschämter Kerl. Erst starrte sie sein Bruder an, wie das siebte Weltwunder und dann versuchte ihr der Pferdeknecht Vorschriften zu machen. Andre zuckte nur mit den Schultern und legte dem Pferd das Zaumzeug an.

„Hebt mich hoch“, befahl Manon.

Andre verschränkte die Hände zu einem Tritt, ließ Manon mit einem Fuß darauf steigen und hob sie in den Sattel. Kaum saß sie auf dem Pferd, als es auch schon in die Höhe stieg. Verzweifelt versuchte Manon das Tier zu bändigen, aber je fester sie zugriff, um so mehr scheute das Tier. Andre versuchte an die Zügel zu kommen, aber ehe er zufassen konnte, fiel Manon auch schon. Geschickt fing Andre sie auf, stellte sie auf die Füße und griff in Malice Zügel. Beruhigend redete er dem Pferd zu, das schnaubte und versuchte auszubrechen. Mit einiger Mühe gelang es ihm, Malice wieder in die Box zu bugsieren. Andre zog die Box zu, dann wandte er sich mit einem liebenswürdigen Lächeln an Manon.

„Soll ich ihnen ein anderes Pferd satteln“, der Spott in seiner Stimme war nicht zu überhören.

„Nein, danke. Ich hab genug“, erwiderte Manon ärgerlich.

So würdig es ihr nach dieser Niederlage möglich war, trat sie den Rückzug an. Einerseits war sie zornig, weil er nicht danach gefragt hatte, wie es ihr ging. Anderseits bewunderte sie sein beherztes Zugreifen und noch ein paar Stunden später, spürte sie seinen festen Griff um ihre Taille, als er sie aufgefangen hatte.

 

Manon erwachte schweißgebadet. Sie hatte schwer geträumt. Sie fiel und fiel, dabei spürte sie heftige Tritte von Pferdehufen, und als sie schon dachte, es wäre alles aus, wurde sie aufgefangen. Sie fand sich in Andres starken Armen wieder. Manon hatte das Gefühl nackt zu sein, denn sie spürte seine Haut direkt auf ihrer, wie Feuer brannte es und als sie in seine Augen sah, wurde ihr ganzer Körper von einem erregenden Gefühl erfasst, dass bis zu ihrer Venusspalte reichte und eine ungeahnte Feuchtigkeit in ihr auslöste. Andre hatte ohne Umschweife seine Hände zwischen ihre Schenkel geschoben und seine Finger bewegten sich geschickt zwischen ihrer Spalte und ließen ihren Saft immer heftiger fließen. Immer schneller glitten seine Finger in sie hinein und heraus. Die Erregung war kaum auszuhalten und dann, als die Lust sie wie eine Welle hoch aufgetürmt war und Manon die Erfüllung erwartete, erwachte sie durch ein lautes Geräusch und alles war vorüber.

Zittern lag Manon in der Dunkelheit. Draußen donnerte es wie Kanonenschläge, dicke Blitze zuckten über den Himmel und große Regentropfen schlugen gegen die Fensterscheiben. Manon fühlte sich leer und betrogen. Sie sah Andres spöttische Augen vor sich, die zu sagen schienen „soll ich ihnen ein anderes Pferd satteln“, und sie fühlte sich gedemütigt und doch wusste sie, wenn Andre zu ihr kommen würde, dann würde sie sich sofort in seine Arme werfen und sich ihm bedenkenlos hingeben.

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Ich schlage das Buch zu. Auch ich will frei sein. Ankommen. Welches ist meine Gesichte? Muss ich sie erst entdecken, bevor ich frei sein kann, um zu bleiben? Ich glaube, dass ich mich erinnern könnte, aber ich will es nicht, weil es mir zu weh tut. Welchen Nutzen würde es haben sich zu erinnern? Alte Wunden aufzureißen und darauf zu hoffen sie würden sich wieder schließen. Ich bin ich. Die Erfahrungen aus meiner Vergangenheit haben mich geformt, so wie alles was mir in meinem Leben begegnet ist. Die Menschen, die Geschichten und die Dinge, die ich gesehen habe. Also wieso erinnern? Es ist passiert, es wird sich nicht ändern, nur weil ich alles wieder hervor krame.

Ich hole die Tüte heraus, die mir die Backfrau gegeben hat. Mein Magen knurrt. In der letzten Zeit ziemlich oft. Was machte das schon. Wenigstens etwas Süßigkeit in meinem Leben. Die Tür des Wagens schlägt auf. Ich widerstehe der Versuchung mich umzudrehen und nachzusehen, wer hereingekommen ist.

„Entschuldigung“, höre ich eine helle Stimme, „die Tür ist so schwer.“

Ich schieße herum und versuche einen Blick auf den neuen Fahrgast zu werfen. Niemand ist zu sehen. Nur die Spitzen von zwei weißen Flügeln. Ich drehe mich um und knie mich auf den Sitz, um über den Rand schauen zu können. Vor mir steht ein Mädchen von ungefähr acht oder neun Jahren. Es hat einen Verband um den Kopf und ein weißes langes Kleidchen an – und es hat Flügel!

„Hallo“, sagt die Kleine und lächelt schief, „darf ich mich zu dir setzen?“

„Ja“, flüstere ich.

Umständlich setzt sich das Engelskind neben mich und schaut mich mit riesigen Augen an. Das kleine zarte Gesicht drückt Neugier aus.

„Wie heißt du?“, fragt es.

„Ich bin Noelle Snow“, antworte ich, „und wer bist du?“

„Ich bin Lili.“

„Du bist ein Engel?!“

Lili nickt heftig.

„Ja, ich bin ein Engel, aber ich bin beim Spielen von einer Wolke gefallen“, sie wird kleinlaut, „ich war zu neugierig und habe mein Gleichgewicht verloren.“

„Das ist ein Problem“, denke ich laut, „darf ich deine Flügel anfassen?“

„Klar.“

Lili dreht mir den Rücken zu und ganz vorsichtig streiche ich über die schneeweißen Federn. Sind das Weichste was ich jemals gefühlt habe.

„Schön nicht wahr?“

„Ja, wirklich schön und soooo weich!“

Lili nickt nachdenklich.

„Leider nützen sie mir hier unter nichts. Deswegen bin ich auch in den Zug gestiegen. Ich muss nach Himmelstür, dort soll es eine Leiter nach oben geben.“

„Aha, und dies ist der richtige Zug dort hin?“

„Ich denke schon“, antworte Lili.

„Warum hast du eigentlich den Verband am Kopf?“

„Blöde Geschichte“, sagt sie und fast sich an den Kopf, „ich habe mich auf einem Apfelbaum versteckt, damit mich keiner sieht, aber leider kamen ein paar Jungs vorbei.“

„Oh, Oh, ich kann mir schon denken, dass das nicht gut ausgegangen ist.“

„Ja, du sagst es“, Lili nickt unglücklich, „nachdem mich einer der Bengel entdeckt hat, haben sie versucht mich aus dem Baum zu locken, aber ich hatte Angst vor ihnen. Dann hat einer angefangen mit Steinen nach mir zu schmeißen. Ein paar Mal konnte ich ausweichen, aber dann haben sie mich doch getroffen. Direkt an die Stirn und ich bin aus dem Apfelbaum gefallen.“

„Das tut mir sehr leid. Tut es noch weh?“, frage ich mitfühlend.

„Nein, es geht schon. Zwei von den Jungen hatten wohl ein schlechtes Gewissen. Sie kamen zurück und haben mir die Platzwunde am Kopf verbunden und mich hier her zur Bahn gebracht. Ich bin vorne eingestiegen und habe dort eine Weile gesessen. Als niemand kam, und bin ich auf die Suche gegangen. Ich habe doch ein bisschen Angst so allein.“

„Das kann ich verstehen. Normalerweise sind Züge nie so leer. Nun jetzt können wir ja eine Weile zusammenfahren.“

Ich sehe auf meine Tüte und halte sie Lili hin.

„Magst du die Hälfte davon abhaben? Schmeckt bestimmt sehr lecker.“

„Oh ja! Ich hab tatsächlich Hunger.“

Lili nicht freudig und ihre goldenen Löckchen wippen auf und ab. Ich teile das Kuchenstückchen und gebe Lili das Größere.

„Danke, Noelle, ich hab auch etwas für dich“, sagt sie.

Lili greift in ihr Gewand und holt zwei Äpfel heraus.

„Die habe ich von dem Apfelbaum, sind lecker!“

„Danke, kleine Lili.“

Schweigend essen wir und genießen das Zusammensein. Alleine reisen ist wirklich nicht so schön. Besonders im Zug. Eine Weile allein zu sein ist gut, aber zu lange muss es nicht sein.

Leider kann man nicht mit allen Menschen reisen. Manche sind begeisterte Reisende. Sie nehmen alles Neue interessiert auf und fügen es ihrem Erfahrungsschatz hinzu. Während andere unzufrieden jede Abweichung von ihrem Alltag als Störung empfinden und unleidlich und anstrengend werden.

Lili ist ein angenehmer Reisegefährte. Sie passt sich meiner Stimmung an und schweigt, wenn sie spürt, dass ich nicht reden will und steigt sofort in eine Unterhaltung ein, wenn ich plötzlich anfange über irgendetwas, sei es auch noch so unsinnig, zu reden. Lili ist eben ein Engel. Ich frage mich, wie alt sie wirklich ist? Werden Engel aus Nichts geschaffen? Aus Nebel oder Geist? Sind sie klein, wie Kinder und lernen während sie wachsen oder sind sie nicht eher gleich wie Erwachsene?

„Sag mal Lili, wie alt bist du eigentlich?“

„Ich weiß es nicht. Dort wo ich herkomme, gibt es keine Zeit. Ich sehe dort auch anders aus. Nicht mit einem weißen Kleid und Flügeln, wie ein Schwan. Ich bin dort oben unsichtbar und habe keine menschliche Gestalt.“

„Also das würde bedeuten, dass ich dich so sehe, wie du in meiner Vorstellung eines Engels erscheinst?“

„Nein, so ganz ist es nicht. Du siehst mich eher so, wie mich die Mehrheit der Menschen sieht.“

Das macht mich nachdenklich. Wenn wir Engel ansehen, als wären sie Kinder, nehmen wir ihnen damit nicht auch ihre Macht? Oder tun wir es, weil wir sie dadurch klein und ungefährlich machen wollen? Wenn Lili in glänzender Rüstung und mit einem Schwert vor mir stehen würde, hätte das sicher eine andere Wirkung auf mich.

„Aha? Ich würde dich gerne so sehen, wie du wirklich bist. – Also nicht unsichtbar“, ich lächele Lili an, „aber so, wie du erscheinen würdest, wenn du dich nach deiner Vorstellung zeigen würdest.“

„Gut“, sagt sie, „aber du musst kurz die Augen schließen. Wenn ich mich verwandele, sieht das für euch Menschen nicht sehr appetitlich aus.“

„Gut.“

Ich schließe die Augen. Dann höre ich merkwürdige Knirsch- und Knackgeräusche.

„So jetzt kannst du wieder herschauen“, höre ich Lili sagen.

Ich öffne die Augen und bin sehr erstaunt. Neben mir sitzt ein Erwachsener. Noch niemals habe ich so eine Schönheit gesehen. Tatsächlich hat die Person mit Lili noch dieselben goldenen Locken gemeinsam und die hellen strahlenden Augen. Ich kann nicht erkennen ob die Person männlich oder weiblich ist. Das Gesicht ist von einer zeitlosen Schönheit. Ebenmäßige Züge und in ihren Augen kann man die alte Seele erkennen, die schon so viele Dinge gesehen hat. Die Person trägt eine Art Uniform, aus weiß und silbernem Stoff, Leder und Besätzen, dazu feine Lederstiefel. Die Flügel sind allerdings nicht mehr zu sehen. Alles an ihr strahlt Würde und Größe aus und ich bin überwältigt.

„Du bist wunderschön“, flüstere ich.

„Danke“, lächelt Lili, „das kommt meiner echten Form schon näher. Ich bin eben kein Mensch, sondern ein Engel und man kann uns normalerweise nicht sehen. Aber die Menschen haben die Angewohnheit allem eine Gestalt und ein Gesicht geben zu müssen, da sie sonst nicht glauben können.“

„Ich sehe dich aber jetzt auch“, entgegne ich.

„Ja“, Lili nimmt meine Hand, „ich wollte mich dir aber zeigen. Du warst so traurig und ich fühlte deine Einsamkeit. Ich dachte, es wäre gut, wenn du nicht so lange alleine wärst und dich mit mir unterhalten könntest. In meiner jetzigen Gestalt bin ich auch nicht mehr Lili, nenn mich Lil.“

„Das ist nett von dir, Lil. Du bist gerade zur rechten Zeit gekommen. – Weißt du, ich finde das Leben doch recht kompliziert, manchmal.“

„Ich weiß. Ich kenne die Menschen schon sehr lange und weiß, wie sie so ticken“, Lil lacht leise, „aber hab keine Angst, alles wird sich finden, auch wenn es seine Zeit dauert.“

„Die Dinge ändern sich, willst du damit sagen.“

„Ja, in gewisser Weise schon. Aber es gibt auch Dinge, die sich zusammenfügen, auch wenn du nicht mehr daran glaubst, dass es so kommen wird.“

„Das wäre schön“, seufze ich und sehe Lil nachdenklich an.

Lil beugt sich vor und sieht mir tief in die Augen.

„Er wartet auf dich. Du wirst ihn finden. Die Lösung liegt ganz nah“, flüstert Lil.

Erstaunt reiße ich die Augen auf und tausend Fragen schießen mir durch den Kopf. Bevor ich einen davon stellen kann, schüttelt Lil den Kopf.

„Mehr darf ich dir nicht sagen, aber vertrau auf deine Intuition und deine Fantasie.“

Es geht ein Ruck durch den Zug. Er hält an und eine knarrende Stimme ist durch den Lautsprecher zu hören.

„Himmelstür, der VIP – Fahrgast möchte bitte den Zug verlassen.“

Lil steht auf und umarmt mich herzlich.

„Leider muss ich dich verlassen, man vermisst mich schon. Pass auf dich auf Noelle und sei immer guten Mutes.“

„Danke, Lil. Ich werde dich nie vergessen.“

Lil lächelt wissend und steigt aus dem Zug. Hastig öffne ich das Fenster und sehe, wie Lil von einem anderen Engel begrüßt wird. Lil dreht sich noch einmal zu mir um und winkt mir zu, dann verschwindet sie im Nebel, der über den Bahnsteig weht. Es ist in Himmelstür wie auf jedem anderen Bahnhof, schlechtes Wetter. Eigentlich habe ich hier anderes erwartet. Ich werde mich wohl oder übel damit abfinden müssen, dass der wässrige und gasförmige der häufigste Aggregatzustand von Bahnhöfen ist.

Ich schließe das Fenster und lasse mich wieder in den Sitz sinken. Eine angenehme warme und zuversichtliche Aura ging von Lil aus und ich werde sie sehr vermissen. Der Zug ruckt erneut und setzt sich wieder in Bewegung.

Nachdem wir den Nebel hinter uns gelassen haben, strahlt die Sonne über einem irisierenden azurnem Himmel. Fasziniert blicke ich aus dem Fenster. Die Gleise laufen direkt neben dem Meer entlang. Es ist zum Greifen nah. Nur der Strand und eine Promenade trennen mich vom Wasser. Möwen ziehen ihre Kreise und stoßen herunter, um sich einen Fisch zu packen. Boote mit geblähten weißen Segeln kreuzen vor dem Ufer. Rechst und links der Bahnlinie stehen lichte Pinienhaine, die immer wieder einen Blick auf das Meer ermöglichen. Riesige Kakteen stehen an der Promenade und kleine Vögel fliegen auf die großen roten Blüten, um sich Nektar zu holen. Aufgeregt packe ich meine Sachen. Ich werde auf jeden Fall am nächsten Bahnhof aussteigen. Egal wer oder was mich erwartet oder nicht.

Als der Zug in den nächsten Bahnhof einläuft, steige ich aus. Die Luft ist warm und geschwängert vom Duft der Blumen und dem Salz des Meeres. Es regnet nicht! Ist dies mein Ziel? Werde ich mich hier finden? Ich schnuppere, aber ich kann weder Kaffee noch Schokolade riechen. Das macht nichts, ich habe noch Zeit. Eilig verlasse ich den Bahnhof. Neben dem Bahnhofsgebäude liegt eine hübsche Pension über einem Cafe. Ich betrete das Haus und eine freundliche Dame kommt mir entgegen.

„Guten Morgen, meine Liebe, was kann ich für sie tun?“, fragt sie.

„Ich hätte gerne ein Zimmer“, sage ich, „ich möchte so gerne das Meer sehen.“

„Da sind sie bei mir genau richtig. Kommen sie, ich zeige ihnen ihr Zimmer. Danach kommen sie ins Café und frühstücken ordentlich. Ich bin übrigens Madeleine“, sagt sie mit ihrem strahlenden Blick und reicht mir die Hand.

„Ich bin Noelle Snow“, antworte ich und spüre ihren festen Händedruck.

Dann geht sie mir voran eine schmale Treppe hinauf und führt mich über einen Flur in ein hübsches Gästezimmer. Die Möbel sind zwar eher antik, aber alles ist sauber und ordentlich, wie in einer Puppenstube. Ein winziger Balkon hängt wie ein Schwalbennest vor dem Zimmer.

„Ihr Bad ist gleich gegenüber auf dem Flur. Hier ist der Schlüssel“, sagt Madeleine und drückt mir einen riesigen Schlüssel in die Hand.

„Danke, ich kann eine Dusche gebrauchen.“

„Lassen sie sich Zeit, Kindchen, ich richte in der Zeit das Frühstück.“

Madeleine nickt beruhigend und verlässt das Zimmer. Hastig, um keine Zeit zu verlieren, suche ich mir ein paar leichte Sachen aus meinem Koffer und husche ins Bad. Die kühle Dusche tut gut. Nachdem ich mich gründlich gesäubert und hergerichtet habe, schlüpfe ich in einen roten Glitzerrock und ein weißes Shirt mit grüner Spitzeneinfassung. Dazu trage ich rote Spitzensöckchen und weiße Leinenschuhe. Ich setzte meinen Lieblingsring auf und lege meine Perlenkette und die passenden Ohrringe dazu an. Ich nehme das goldene Band, das mir Raoul geschenkt hat, und flechte meine Haare zu einem Zopf. Ein paar Strähnen kringeln sich vorwitzig heraus und lassen mich nicht so streng aussehen. Endlich bin ich mit mir zufrieden und gehe hinunter ins Cafe.

Madeleine hat ein Tischchen für mich gedeckt, und als ich mich setze, kommt sie auch schon mit einer großen Tasse Kaffee aus der Küche.

„Oh, wie niedlich!“, sagt sie fröhlich und deutet auf meine Kleidung, „sie sehen aus, wie die Tochter des Weihnachtsmanns.“

Ich muss lachen.

„Das habe ich schon öfter gehört.“

„Wenn sie einen Wunsch haben, sagen sie es“, bietet Madeleine eifrig an.

„Danke, es ist alles bestens.“

Der kleine Tisch biegt sich unter der Last der Speisen. Croissants, Madeleines, Marmelade, Paprikawürstchen, hauchdünner Schinken, Erdbeertörtchen.

„Ich glaube nicht, dass ich alles aufessen kann“, stelle ich fest.

„Oh, das macht nichts“, winkt Madeleine ab, „essen sie, was sie mögen.“

Ich frühstücke ausgiebig und trinke dazu einen hervorragenden Milchkaffee. Nach dem Frühstück will ich zum Strand hinunter gehen.

„Madeleine, ich gehe zum Strand“, rufe ich.

„Ja“, sie kommt aus der Küche und wischt sich ihre Hände an ihrer Schürze ab, „ich rufe meinen Sohn, er wird sie hinführen.“

„Ich weiß nicht, ich glaub ich schaff das schon alleine“, wehre ich ab.

„Nein, nein“, Madeleine schüttelt den Kopf, „es ist nicht so einfach, ihr müsst erst durch einen Tunnel und dann durch einen Pinienhain.“

Sie dreht sich um und ruft:

„Antonio! Komm doch bitte mal her!“

„Was ist denn Mamita, ich habe keine Zeit.“

„Noelle möchte zum Strand, begleitest du sie, damit sie sich nicht verläuft.“

„Aber Mamita… .“

Ein Mann mit dunklem Wuschelkopf kommt aus der Küche. Als er mich sieht, bricht er ab und sieht mich mit großen Augen an.

„Hallo! Ich bin Noelle“, sage ich zurückhaltend.

Er kommt auf mich zu, sieht auf mich herunter und nimmt meine Hand.

„Guten Morgen, ich bin Antonio.“

Er dreht sich zu seiner Mutter um.

„Ich bringe Noelle zum Strand.“

Seine Mutter lächelt mit zu und verschwindet wieder in der Küche. Antonio fährt sich durch sein Kraushaar und legt seine Schürze über einen Stuhl. Unsicher folge ich ihm. Seine braunen Augen lächeln. Er mich an die Hand und ich lasse es geschehen. Schweigsam gehen wir durch den Tunnel, seine Hand ist warm und fest. Als wir aus dem Tunnel heraus treten, blendet mich die Sonne.

„Hier entlang“, Antonio zieht mich sanft nach rechts, „wenn wir durch den Pinienhain gegangen sind, dann sind wir am Meer.“

„Ich hab das Meer so lange nicht gesehen,“ murmele ich.

„Dann wird es Zeit.“

Seine Stimme ist wie sein Lächeln, leicht und unkompliziert. Die Sonne malt diffuse Muster auf den sandigen Weg, es duftet nach den Pinien. Ich kann die Schreie der Möwen hören und das salzige Meerwasser riechen. Wir gehen einen Hang hinunter. Ich rutsche ab.

„Ich falle!“

„Nein, keine Angst“, lacht Antonio, „ich halte dich.“

Er hat seine Arme um mich geschlungen und hebt mich sacht herunter. Mein Atem geht schneller, als ich seine kräftigen Arme spüre.

„Alles Ok?“, fragt er.

„Ja, alles gut“, erwidere ich und kann nicht verhindern, dass meine Stimme zittert.

Für den Bruchteil einer Sekunde sind wir uns so nah, dass ich seinen Atem auf meinem Gesicht fühlen kann. Er riecht gut. Mein Herz rast. Oh, Himmel, diese Sehnsucht. Alles in mir reagiert und mein Verstand schreit mich an:

„Tu das nicht. Warte!“

„Dort! Schau das Meer!“ Antonio deutet aufs Wasser.  „Wer zuerst da ist“, ruft er und lacht.

Wie zwei Kinder laufen wir nebeneinander her. Antonio ist schneller, und als er sich bückt und mit der Hand das Wasser berührt, lacht er mich an:

„Ich hab gewonnen.“

Dann spritzt er das Wasser in meine Richtung.

„Na, warte.“

Ich spritze zurück und laufe davon. Er jagt hinter mir her. Es dauert nicht lange und er hat mich eingeholt. Hält mich fast und wirbelt mich herum. Wir lachen und er neckt mich:

„Tja, Noelle, du bist eben ein Mädchen.“

„So bin ich das?“, ich zwicke ihn in die Seite.

„Das wirst du mir büßen“, grinst Antonio und drückt mich an sich.

Plötzlich ist alles anders. Wir stehen ganz still, sehen uns an. Antonio beugt sich vor und ich denke:

„Küss mich doch endlich.“

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„Das war wirklich eine aufregende Geschichte“, die Bäckereiverkäuferin strahlt über das ganze Gesicht, „sie machen das gut. Ich mag romantische Geschichten mit Happy End.“

„Danke!“, freue ich mich, „ich auch.“

Ich gebe zu, es hat mir großen Spaß gemacht, und wie ich sehe, haben auch andere Spaß daran. Vielleicht eher Frauen als Männer, aber andererseits haben meine Begleiter im Zug auch gerne zugehört. Männer mögen Geschichten mit anderen Elementen, aber Liebe und ein kleines Happy End wird nicht schaden.

„Darf ich ihnen meine Gesichte erzählen?“, fragt sie.

„Gerne“, antworte ich, „ich bin gespannt.“

„Es ist aber eine traurige Geschichte“, warnt sie mich.

„Jede Geschichte hat ihre Berechtigung und nach dieser Romanze holt uns eine reale Geschichte wieder in die „normale“ Welt zurück.“

„Das ist wohl wahr, allerdings stellt sich die Frage, ob wir das wirklich wollen?“, sie lächelt melancholisch.

„Jede Geschichte, ob real oder ausgedacht, hat wahre und unwahre Elemente. In der Erinnerung verschwimmen auch die wirklichen Ereignisse und werden zu Fiktion oder Mythos“, erkläre ich.

Ich muss an meine eigene Geschichte denken. Auch meine Vergangenheit verwandelt sich in einen Mythos, je mehr ich mich von ihr entferne, nähere ich mich ihr und auch wieder nicht. Ich weiß, dass ich nichts mehr weiß. Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage, oder sollte ich sagen: verloren sein, oder nicht.

Nachdenklich sieht mich die Dame an. Dann fasst sie sich ein Herz und erzählt mir ihre Geschichte:

„Ich liege auf dem Sofa. Die Decke fest um meine Schultern geschlungen. Draußen heult der Wind um das kleine Holzhaus. Er zerrt an den Balken, fährt zwischen die Dachschindeln und wühlt das Meer auf, das in hohen Wellen auf den Strand klatscht und bis an die Veranda heranreicht. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so einsam gefühlt, obwohl ich freiwillig hierher gekommen bin, wünsche ich mir, es wäre nicht so. In meinem Kopf rasen die Gedanken Achterbahn.

Mich verlieben in einen verheirateten Mann. Wie blöd! Niemals wollte ich das. Ein Tabu! Und dann kam er. Ein Blick in seine Augen reichte und ich konnte nicht mehr zurück. Jeden Tag wartete ich auf ein Lächeln, einen Blick und nachts träumte ich davon, wie es wäre mit ihm zusammen zu sein. Ich war besessen. Besessen von einem Mann, den ich nicht haben konnte und der nicht einmal von mir wusste, auch wenn ich ihn jeden Tag auf der Arbeit sah. Ich litt still vor mich hin unter Menschen und manchmal laut, wenn ich alleine war. Ich weinte soviel, dass ich dachte, der Tag würde kommen, an dem die Tränen versiegen würden, aber er kam nicht, so sehr ich mich danach sehnte.

Dafür kam ein anderer Tag. Der Tag, an dem ich fortgehen musste. Ich schrieb einen Brief an ihn, packte meine Sachen und stieg in den Zug ans Meer. Es war ein großes Meer. Tief und weit. Jeden Tag wanderte ich am Strand entlang und sah zum Horizont. Dann kam der Sturm und ich hatte Angst, er würde das Haus fortreißen.

Als ich am nächsten Tag erwachte, herrschte um mich herum eine Totenstille. Ich zog meine dicke Jacke an, band mir den Schal um, setzte meine Mütze auf und trat hinaus. Der Himmel war stahlgrau und das Meer lag still und glatt wie ein Spiegel. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Schnell schlüpfte ich in meine Gummistiefel und ging zur Wasserkante. Der Sturm hatte eine Menge Strandgut angespült und es schien mir, als würde das Meer vor Erleichterung aufatmen. Ich wünschte mir, auch alles ausspeien zu können, aber die Gefühle hatten mich so fest im Griff, dass sie meinen ganzen Körper und meine Gedanken durchdrungen haben. Vielleicht tobte deswegen dauernd ein Sturm in mir, weil das Treibgut meiner Liebe einfach nicht aus mir heraus geschwemmt werden konnte.

Ich trat einen Schritt vor, dann noch einen. Immer weiter ging ich ins Wasser. Das Wasser lief in meine Stiefel, stieg mir bis zu den Knien, reichte bis zu den Hüften, zur Taille und dann stand ich bis zum Hals im Meer. Die Kälte durchdrang jede Pore meines Körpers, so wie die Gedanken an ihn. Das Meer um mich herum stand still. Hielt mich aus, so wie ich die eisige Kälte aushielt. Meine Zähne schlugen aufeinander, meine Knie schlotterten. Ich überlegte weiter zugehen, aber das hätte keinen Sinn gehabt, denn ich kann schwimmen. Jemand der schwimmen kann, ertrinkt nicht einfach, der kämpft bis zum Schluss und das erschien mir dann doch zu anstrengend. Wenn sterben, dann sollte es wenigsten schnell gehen. Ich beschloss zurück ins Haus zu gehen. Was ich auch tat.

„Und was passierte dann?“, frage ich bedrückt.

Ich habe genau dasselbe Gefühl. Diese alles überschattende Einsamkeit, das Gefühl nie wieder glücklich sein zu können. Mein Herz ist taub vor Schmerz und Sehnsucht und ich weiß kein Mittel diese Gefühle aus meinem Inneren heraus zubringen.

Die Verkäuferin lächelt, aber es reicht nicht bis zu ihren Augen. In ihnen erkenne ich die Melancholie, die sie noch mit der damaligen Zeit verbindet. Ich fürchte, dass man solche Dinge nie ganz überwindet, auch wenn sie mit der Zeit nicht mehr so intensiv sind und der Schmerz sich in Wehmut verwandelt, kann man so eine Liebe doch niemals völlig vergessen.

„Ich habe überlebt. Ich habe noch nicht einmal eine Erkältung bekommen. Vielleicht lag es daran, dass ich mir einen starken Grog einverleibt habe. Aber vielleicht sollte es einfach nicht sein. Der Tod wollte mich nicht, aber vom Leben fühlte ich mich ausgeschlossen.“

„Wie kam es, dass sie hier angekommen sind? Sie machen einen glücklichen Eindruck auf mich.“

Sie schaut mich aufmerksam an, legt ihre warme Hand auf meine und sagt:

„Ich habe gelernt glücklich zu sein.“

„Wie? Ich dachte immer Glück ist eine flüchtige Sache, die fortfliegt sobald man versucht sie zu halten.“

„Das ist auch so, Kindchen. Aber wer lernt, dass er selbst für seinen Zustand Verantwortung trägt, wird viel seltener unglücklich sein.“

Ich lasse mir die Worte durch den Kopf gehen. Die Dame hat nicht unrecht. Niemand ist für mein Glück und mein Leben verantwortlich, nur ich allein. Sobald ich anfange mein Glück auf andere zu projizieren geht das Chaos los. Im Grunde fing es damit an, dass ich mein Glück bei Raoul suche und nicht in dem, was ich tat.

„Zufrieden kann man nur sein, wenn man aus seinem Leben, mit dem was man kann und hat, das Beste macht“, sagt die Verkäuferin, „alles andere ist Selbstbetrug.“

Ich nicke und komme nicht umhin ihr Recht zugeben.

„Darf ich sie etwas fragen?“

„Nur zu, Herzchen.“

„Haben sie die Liebe gefunden?“

Die Dame lacht ein warmes herzliches Lachen.

„Wenn man zu sich selber findet, dann wird einen auch die Liebe finden.“

Eine prosaische Antwort denke ich. Wie kann mich die Liebe finden, wenn ich eine Verlorene bin?

Mir fällt da eine junge Frau ein, die alle paar Wochen ihre große Liebe fand, sich die Zukunft mit ihm ausmalte und dann plötzlich feststellte, dass der Mann ihrer Träume seine ganz eigenen Vorstellungen von Liebe und Leben hatte. Wen wundert`s? Aber sie konnte diese kleinen Differenzen nicht akzeptieren. Statt dem Mann eine Chance zu geben, tolerant zu sein, ihn so zu lieben, wie er war, dasselbe was sie im Gegenzug voraussetzte, wurde er aus ihrem Leben entfernt und sie wandte sich einem neuen Mann zu. Der Kreislauf begann von vorn. Sie sucht wahrscheinlich heute noch. Was ist mit mir und Raoul? Liebte ich ihn oder ist es nur der Gedanke, den ich liebte, ihn zu lieben? In mir ist ein totales Chaos und so gerne ich der netten Backdame etwas erzählt habe, so froh bin, dass ich gleich weiter fahren kann. Ich höre das Rattern des Zuges schon von Weitem.

„So“, sage ich und erhebe mich, „ich habe mich sehr gefreut, dass wir uns unterhalten konnten. Ich hoffe, sie werden sich noch lange an mich erinnern.“

„Aber natürlich, wie könnte sie vergessen?!“

Die Dame füllt mir nochmals meinen Kaffeebecher voll.

„Und wer weiß“, sagt sie und zwinkert mir zu, „vielleicht sehen wir uns ja eines fernen Tages wieder?“

Ich wiege den Kopf leicht hin und her.

„Nun ja, wer weiß. Mal sehen, ob ich meinem Verlorenendasein bald ein Ende setzen kann.“

Die Dame nimmt meine Hand und dreht sie mit der Handfläche nach oben. Mit ernstem Gesicht blickt sie auf die Linien, die sich über meine Hand ziehen. Dann lächelt sie plötzlich.

„Ja, sie werden ES finden, da bin ich sicher.“

Ich muss lachen.

„Ja, irgendwann findet jeder etwas.“

Die Dame lacht ebenfalls.

„Genau mein Kind, alles wird gut.“

Ich umarme sie spontan und drücke ihr einen dicken Kuss auf die rosa Wange.

„Ich wünsche ihnen alles Gut, bleiben sie so, wie sind und ich hoffe, wir werden uns wieder sehen.“

„Ja, dass wünsche ich mir auch.“

Ich winke ihr zum Abschied zu und trete auf den Bahnsteig. Der Zug fährt gerade in den Bahnhof ein und hält mit quietschenden Rädern. Ich hieve meinen Trolley in den Wagen, trete ins Abteil und setzte mich an den ersten Fensterplatz, der frei ist. Ich sehe mich um. Eigentlich sind alle Fensterplätze frei, denn ich scheine die einzige Passagierin zu sein. Jedenfalls in diesem Wagon. Ist auch nicht schlimm, dann kann ich in Ruhe nachdenken. Der Zug setzt sich in Bewegung. Ich lehne mich in den Sitz, hole meinen MP3 Player aus dem Rucksack, stecke mir einen Stecker des Kopfhörers in mein Ohr und wähle meine liebsten Jazzsongs aus.

Die Landschaft draußen ist wirklich als lieblich zu bezeichnen. Saftiges Gras, alte Bäume, die auf Weiden stehen, auf denen sich Kühe und Schafherden tummeln. Lichte Birkenhaine trennen die Weideflächen, die hier und da von schmalen Bachläufen durchzogen werden. Dazwischen liegen kleine Dörfer und einzelne Güter, die wie aus dem Bilderbuch wirken. Über allem scheint eine laue Frühlingssonne, die in einem strahlenden Himmel steht. Ich versuche mich auf die Musik zu konzentrieren.

Es kommt mir vor als sei ich schon eine Ewigkeit unterwegs. Vielleicht bin ich das auch? Ich habe keine Zeit, kein Gefühl mehr dafür, wie lange es her ist, dass ich in meinen ersten Zug gestiegen bin. Ich erinnere mich nicht mehr, wo es war, wann und wohin ich als Nächstes fuhr. Am Anfang merkte ich mir noch die verschiedenen Stationen, aber mit der Zeit ließ ich sie nur noch an mir vorüberziehen.

Ich stöbere in meinem Rucksack und entdecke das antike Tarotkartenspiel. Ich erhielt es von einer alten Dame, die es von ihrer Großmutter erbte. Ich reiste eine Weile mit ihr und kümmerte mich um sie, weil sie krank war und Hilfe brauchte. Zum Dank gab sie es mir. Sie hatte selbst keine Kinder. Sie meinte, dass ich es sicher gut gebrauchen könnte und es bei mir in guten Händen sei. Lange habe ich es nicht mehr in den Händen gehabt. Ich wickele es aus dem roten Seidentuch. Die Karten sind abgegriffen und man sieht, dass es viel und oft benutzt wurde. Komischerweise haben die Bilder auf den Karten trotzdem kaum an Farbkraft und Ausdruck verloren.

Ich mische die Karten, schließe die Augen und versuche an nichts Besonderes zu denken. Dann ziehe ich eine Karte. Der Narr. Exemplarisch für mein Leben. Der ewige Optimist, der sich spontan und unbekümmert ins Abenteuer stürzt, und versucht das Beste daraus zu machen. Der Narr auf der suche nach sich selbst? Oder auf der Suche nach was? Der Narr, der sich ohne nachzudenken verliebt, sich blind ins Unbekannte stürzt. Der Narr, dessen Leben ständig in Bewegung ist und für den das Leben aus Überraschungen und unvorhersehbaren Situationen besteht. Der gerne Neues beginnt und der versucht die Zweifel und Sorgen zu verdrängen und sich dem Leben hinzugeben. Der Narr, der aufpassen muss, dass er sich nicht in Liebschaften stürzt und dabei seinen Kopf verliert. Die Karte warnt vor übereiltem Handeln.

Ist es wahr? Zurückhaltung ist verrückter, als das Risiko? Durchdenke ich die Dinge nicht alle hundert Mal? Ja, das tue ich und was habe ich davon? Raoul ist weg. Liam ist gegangen und auch John ist so fern von mir. Ich weiß, dass der Narr mir einen Neubeginn andeutet. Ist nicht jeder Bahnhof, jeder neue Zug, ja jeder, der sich neben mich setzt und ein Gespräch mit mir beginnt, ein Neuanfang oder der Anfang eines Richtungswechsels? Vielleicht wird ein wilder hemmungsloser Liebhaber in mein Leben treten. Vielleicht? Wieso vielleicht? Ich will diesen erotisierenden aufregenden Liebhaber, und zwar so bald wie möglich. Meine Sehnsucht frisst mich auf. Der Gedanke seinen warmen Körper in einer innigen Umarmung mit mir zu fühlen löst ein Kribbeln in mir aus, das meinen ganzen Körper erfasst.

Ich habe es satt zu warten. Zu hoffen, ohne Erfüllung zu finden. Oft frage ich mich, worauf ich überhaupt hoffe und was passiert dann, wenn das was ich mir wünsche eingetreten ist? Werde ich wieder gehen, weil es möglicherweise zu langweilig wird, immer an einem Ort zu sein? Werde ich dort noch wachsen können oder auf der Stelle treten?

Ich will leben. Was ist leben? Ich kenne die Antwort nicht. Auf der Suche nach dem Gefühl, das Leben heißt. Wie prosaisch. Immer die Suchende und nie die Findende. Ich glaube, das war schon mein ganzes Leben so und möglicherweise auch in denen davor. Ich bin eine ewig Suchende. Durchstreife die Zeiten. Sehe, höre, rieche, taste, schmecke und doch kann ich nicht erkennen, was das wahre Leben ist.

Liebe nur ein Wort? Das Zusammenwirken von Hormonen, die uns in einem Bruchteil von Sekunden mitteilen: jetzt! Und dann nach ein paar Jahren: Jetzt nicht!

Ich nehme eins der Notizbücher „Ferne Jahre“ und schlage es an einer beliebigen Stelle auf:

„Ein leises Zischen war zu hören, und dort wo vorher nichts gewesen war, befand sich nun eine Person. Sie trug einen langen Wollmantel, einen dicken Schal, den sie mehrmals um ihren Hals geschlungen hatte und eine Wollmütze. Die Farbe ließ sich in dem diffusen Licht der Straßenlaterne nicht erkennen. Die Person war Janis, der Zeitenwandler.

Niemand hatte seine Ankunft bemerkt. Er kam still und unerkannt und so verschwand er auch wieder. Meistens. Janis musste sich erst orientieren. Er wusste nie, wo und in welchem Jahrhundert er auftauchen würde. Diesmal schien nicht soviel Zeit zwischen seinem Zeitsprung zu liegen. Denn eigentlich war er genau unter dieser Laterne auf die Reise gegangen und genau hier war er wieder aufgetaucht. Sogar die Jahreszeit schien dieselbe zu sein. Lautlos fielen Schneeflocken vom unsichtbaren Nachthimmel. Der Bürgersteig war mit einer weißen Schicht bedeckt, in dem noch kein Mensch seine Fußstapfen hinterlassen hatte.

Janis überlegte, ob er weiter reisen sollte. Manchmal konnte er, bei guter Konzentration, erreichen, dass er sofort weiter reisen konnte. Manchmal musste er auch abwarten, was passierte und wurde dann irgendwann, ohne dass er es erwartete, zu einem anderen Ort gebracht.

Janis wusste nicht, wie lange er schon so durch die Zeiten ging und er konnte sich auch nicht mehr daran erinnern, warum es angefangen hatte. Es gab Zeiten, in denen er nur ein unsichtbarer Gast war. Dann wieder gab es Zeiten, in denen er leben musste, wie alle anderen auch.

Janis war müde. Müde zu reisen, müde zu sehen. Er wünschte sich, einfach bleiben zu können. Fast war es ihm egal wo und wann. Janis hatte in seinem Leben viele Menschen geliebt und wieder verloren. Von manchen hatte er nicht einmal Abschied nehmen können. Nachdem er viele heiße Tränen vergossen hatte, beschloss Janis sich nicht mehr zu verlieben, aber es passierte doch ab und zu. Denn gegen die Liebe kann man nichts tun, sie kommt und geht, wie sie will.

Janis kam sich so einsam vor, wie nur ein Mensch sein kann. Suchend sah er sich um. Es war nun schon das dritte Mal, dass er hier unter dieser Straßenlaterne ankam.

Er war sich sicher, dass dies nicht nur ein Zufall sein konnte. Was hatte es damit auf sich. Langsam ging Janis die Straße entlang. Es war der ärmliche Vorort einer großen Stadt. Mit mehrstöckigen Häusern, die alle gleich aussahen. Reihe um Reihe dieselben Häuser. Mit den gleichartigen Sicherheitsglastüren, exakt gleich großen Fensterlöchern und trostlosen handtuchbreiten Grasstreifen, die einen Vorgarten darstellen sollten.

Plötzlich kam Janis die Gegend bekannt vor. Er zermarterte sich das Hirn, was es mit diesem Szenario auf sich hatte. Während Janis die Straßen durchquerte, kam er an einem der geklonten Häuserblöcke vorbei, der in ihm ein Gefühl der Kälte und des Grauens weckte. Ein Zittern lief durch seinen Körper und er blieb stehen. Ängstlich überlegte er, was er tun sollte.

„Ich muss mich meiner Angst stellen“, dachte er, „sonst werde ich ewig in dieser Zeit feststecken.“

Janis nahm seinen ganzen Mut zusammen und betrat das dunkle Treppenhaus durch eine kaputte Eingangstür. Es roch nach Muffigkeit, strengen Essensgerüchen und Feuchtigkeit. Janis musste kein Licht machen, um sich in der Finsternis zurecht zu finden. Er erfasste instinktiv den richtigen Abstand zwischen den Treppenstufen und wusste sogar, wie viele es zwischen den einzelnen Absätzen waren.

Immer weiter stieg Janis hinauf, bis er in der letzen Etage angekommen war. Hier gab es nur noch eine Wohnung. Eine winzig kleine Dachwohnung, in der es jetzt eisig kalt sein musste und im Sommer brütend heiß. Janis wusste genau, wie die Zimmer hinter der zerkratzen Tür angeordnet waren. Er konnte sich sogar an die Gesichter der Bewohner erinnern.

In seinem Herzen ahnte Janis, wo er sich befand, aber die Angst es anzuerkennen war zu groß. Für einen Moment wollte Janis kehrt machen und die Treppen wieder hinunter laufen.

„Es hat keinen Zweck“, murmelte er mit hängenden Schultern, „ich muss hier sein, sonst werde ich niemals von hier fortkommen.“

Mit einem Krachen flog die Haustür gegen die Wand und jemand drückte den Lichtschalter. Ein paar Lampen flammten auf, aber dort wo Janis war, blieb es dunkel. Er hörte polternde Schritte. Jemand sang lauthals und lallte vor sich hin. Janis kannte die Stimme. Immer näher kam sie und ihm sträubten sich die Nackenhaare. Janis presste die Lippen fest zusammen, um nicht schreien zu müssen. Ein ungepflegter Mann erschien in der letzten Etage. Für einen Moment hielt er inne.

„Ist da wer?“, lallte er.

„Niemand ist hier, Vater“, dachte Janis bitter.

Der Mann, der Janis Vater war, sah sich um, konnte aber niemand entdecken.

„Ich glaub ich bin hackedicht“, kicherte der Mann.

Unbeholfen versuchte er die Tür aufzuschließen, aber er bekam den Schlüssel nicht ins Schloss. Immer wütender wurde er und schlug dann mit der Faust gegen die Tür.

„Mach auf!“, schrie er, „mach auf, du Miststück! Hast wohl Angst?“

Irgendwo riss ein Hausbewohner die Tür auf.

„Halts Maul, du Alki! Andere Leute wollen schlafen.“

„Da scheiß ich drauf!“

„Ich hol die Bullen!“

„Mir doch egal!“

Janis zitterte am ganzen Leib. Wie oft hatte er diese Szenen erlebt. Da öffnete sich die Tür und eine Frau, die seine Mutter war, zog den betrunkenen Mann in die Wohnung. Janis folgte ihnen mit einem schmerzhaften Ziehen in der Magengegend.

„Wird aber auch Zeit, du Schlampe“, grölte sein Vater, „wo ist denn das undankbare Balg?“

Der Betrunkene ging auf Janis früheres Kinderzimmer zu.

„Lass ihn“, versuchte seine Mutter den Vater zu beruhigen, „er schläft schon. Morgen muss er zu Schule.“

„Schule?“, johlte der Vater, „der Bengel hat nur Flausen im Kopf und ist viel zu blöd es jemals zu was zu bringen.“

„Bitte“, sagte die Mutter und fasste den Vater am Arm.

Noch ehe sie sich versah, hatte ihr der Mann eine klatschende Ohrfeige versetzt.

„Fass mich nicht an!“, sagte er, „du weißt, dass ich stärker bin als du.“

Der drohende Unterton in seiner Stimme jagte Janis einen kalten Schauer über den Rücken. Ihm war übel und er vermochte es kaum noch auszuhalten. Der Vater riss die Tür zu dem Kinderzimmer auf. Dort lag ein schmächtiger Junge, zitternd vor Panik im Bett. Der Betrunkene zog dem Kind die Decke weg und höhnte:

„Los du Versager, hol deinem Vater ein Bier aus dem Kühlschrank.“

Als der Junge nicht gleich reagierte, zerrte ihn der Vater am Arm aus dem Bett, schubste ihn in die Küche und brüllte ihn an:

„Du hast zu gehorchen! Ich bin dein Vater, kapiert, du Niete!“

Der Junge nickte nur, holte eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und gab sie dem Vater.

„So ist`s recht“, sagte der Mann und lachte böse, „warum nicht gleich so?“

Er holte aus und seine große Hand traf den Jungen im Gesicht. Er verlor den Halt und stürzte.

„Weichei“, brummte der Vater.

Dann trat er ihn mit seinem schweren Stiefeln in die Seite und ging hinaus. Janis krümmte sich vor Schmerzen, hielt sich die schmerzende Hüfte und weinte lautlos vor sich hin.

„Komm, Janis, steh auf“, sagte seine Mutter und zog ihn vom Boden, „du weißt doch, er meint es nicht so. Er ist kein schlechter Mensch. Er liebt dich.“

Der Junge wankte ins Bett. Er weinte, ohne ein Geräusch von sich zu geben, das hatte er nach vielen Schlägen lernen müssen. Wer einen Laut von sich gab, wurde wieder geschlagen. Der Junge lag im Bett und betete:

„Lieber Gott, wenn du da bist, lass mich von hier verschwinden. Ich ertrage es nicht mehr! Wenn du mir nicht hilfst, dann muss ich von einer Brücke springen oder mich vor einen Zug setzen. Bitte, Gott! Hilf mir. Amen.“

Janis fiel es wie Schuppen von den Augen. Das war der Anfang gewesen. Er war verschwunden, so wie er es sich gewünscht hatte. Damals vor unendlichen Jahren, war er vor Erschöpfung eingeschlafen, und als er wieder aufwachte, lag er in einem anderen Bett, an einem anderen Ort zu einer unbekannten Zeit. Am Anfang war es ihm schwergefallen die Zeiten einzuschätzen, aber es war ihm immer besser gelungen, je länger er sprang.

Janis sah auf den zitternden Jungen. Er ging zu ihm, strich ihm sanft über den Kopf und flüsterte:

„Hab keine Angst, du wirst bald frei sein.“

Ein Lächeln huschte über Janis Gesicht. Es würde enden. Er war erwachsen geworden. Janis verließ die Wohnung, ging die Straße hinunter, die inzwischen mit einer dichten Schneedecke überzogen war und sein Herz wurde leichter. Janis wusste, dass dies seine letzte Reise sein würde und dass er dort sein Glück finden würde. Er war frei. Es hatte seine Zeit gedauert, aber es war geschehen. Der Schnee glitzerte im Licht der Straßenlaternen. Janis trat ins Licht und verschwand, so leise und unbemerkt, wie er gekommen war. Frei!“

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„Danke, sie sind meine erste Kundin heute“, sagt sie, mit einer Fröhlichkeit als hätte sie einen Sechser im Lotto gewonnen.

„Und das ist mein erster Kaffee seit, ich weiß nicht wie lange“, meine Begeisterung kennt keine Grenzen, „was bekommen sie dafür?“

„Nichts, nur“, sie bricht ab.

„Ja, bitte, zögern sie nicht, was kann ich für sie tun?“

„Sie sind doch eine Geschichtenerzählerin nicht wahr?“

„Woher wissen sie das?“, frage ich überrascht.

„Nun, ich hörte davon, dass sie bei uns unterwegs sind“, sie errötet.

„Nun, dann will ich ihnen eine Geschichte erzählen.“

Die Verkäuferin strahlt mich an.

„Das ist wundervoll!“, sie klatscht in die Hände, „ich habe schon ewig keine Geschichte mehr gehört. Bitte setzen sie sich und trinken ihren Kaffee.“

Die Dame deutet auf die Bahnhofsbank und ich setze mich. Sie brüht sich einen Espresso, bringt mir einen Teller mit einem Stück Mohnkuchen.“

„Mohnkuchen“, ein Seufzer flüchtet über meine Lippen.

Die Verkäuferin lächelt wissend. Sie setzt sich zu mir und blickt mich erwartungsvoll an. Mein Gehirn arbeitet fieberhaft. Wo fange ich an? Jetzt müsste mir eine gute Zeile einfallen. Ich teile mit der Gabel ein Stück Mohnkuchen ab und stecke es in den Mund. Genießerisch schließe ich die Augen. Das Gebäck zergeht auf meiner Zunge.

„Was für ein wundervoller Geschmack.“

Da, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und da soll mal einer sagen, die Musen küssen einen nicht, fällt mir ein erster Satz ein:

„Sie kam eines Nachts in die Seemannskneipe, setzte sich an den Tresen und bestellte einen Scotch beim Barkeeper. Ihr rotes Haar fiel wie ein Vorhang vor ihre geheimnisvollen dunklen Augen. Alle Männer richteten ihren Blick auf sie, denn noch nie hatte sich eine Frau in diese düstere Kaschemme verirrt. Am Ungewöhnlichsten war ihre elegante Kleidung. So etwas bekam man hier sonst nie zu sehen. Sie trug ein kostspieliges dunkelgrünes Kostüm, unter dem eine weiße Spitzenbluse hervor blitzte, dazu ein passendes Hütchen mit Schleier und teure Lederstiefelchen. Schmuck trug sie nur sparsam. Ein paar Perlohrsteckerchen und eine goldene Kette mit Medaillon.“

„Oh wie aufregend“, flüstert die Verkäuferin.

Ihre rosa Wangen glühen vor Begeisterung. Ich lächele über ihre Begeisterung und fahre fort:

„Der Drink geht auf meine Rechnung“, hört sie eine tiefe Stimme neben sich.

Eine silberne Münze flog auf den Tresen. Erstaunt blickte sie auf. Vor ihr stand ein riesiger Mann, breite Schultern, schmale Hüften. Seine Kleidung war schlicht, aber stilvoll. Er trug einen Degen, am Gürtel und zwei Pistolen, außerdem einen Dolch. Über der linken Wange prangte eine Narbe, die ihm das Aussehen eines Draufgängers und Abenteurers verlieh.

„Mit wem habe ich das Vergnügen?“, fragte sie und lächelte.

„Kapitän Richard Morgan“, stellte er sich vor.

Er deutete eine leichte Verbeugung an, ohne sie aus den Augen zu lassen.

„Und mit welch mutiger, oder sollte ich lieber sagen: lebensmüder, Dame habe ich das Vergnügen?“, fragte er spöttisch.

„Also was mich betrifft, würde ich furchtlos vorziehen. Mein Name ist übrigens Sandrine de la Roche.“

Sie streckte ihm graziös ihre behandschuhte Hand hin, Richard ergriff sie und deutete einen Kuss an.

„Darf ich sie fragen, was sie hier herführt, Mademoiselle la Roche?“

„Sie dürfen, aber ob ich es ihnen sage, weiß ich noch nicht“, antwortete sie mit einem geheimnisvollen Lächeln.

„Wovon wird das abhängen? Sie sollten sich nicht zu viel Zeit lassen, dies hier ist keine gute Gegend für feine Damen.“

„Oh“, antwortete sie herablassend, „ich glaube Kapitän Morgan, ich kann recht gut allein auf mich aufpassen.“

Richards sinnliche Lippen wurden von einem gönnerhaften Lächeln umspielt.

„Nun, wenn sie meinen, dann will ich sie bei ihrer Mission nicht stören.“

Er verneigte sich kurz und strebte dem Ausgang zu.

„Ach, Kapitän Morgan“, rief sie ihm hinter her, „möchten sie sich ein gutes Handgeld verdienen.“

Er hielt inne und drehte sich zu ihr um.

„Das kommt auf das Handgeld an“, erwiderte Richard mit der Selbstsicherheit eines Mannes, der es nicht nötig hatte auf solche leicht zu durchschauenden Manöver einzugehen.

Sandrine Miene verriet keine Gefühlsregung, als sie einen Beutel von ihrem Gürtel nahm und ihn Kapitän Morgen zuwarf. Nachdenklich öffnete er die Börse, aus der ihm glänzende Goldstücke ins Auge sprangen.

„Dies ist für den Anfang, um die Expedition auszustatten, bei Abfahrt gibt es das Doppelte und bei gesunder Rückkehr das Dreifache“, sagte Sandrine.

Ihre Stimme zeigte ihm ihre leichte Unsicherheit an und Richard schüttelte den Kopf. Er würde sich Sandrine nicht kampflos ergeben, auch wenn ihn ihre Augen erregten. Sie verrieten Stolz und Leidenschaft. Zwei Eigenschaften, die man bei den Matronen, Mauerblümchen und höheren Töchtern nicht oft fand. Aber was auch immer sie vorhatte, sie brauchte ihn und er würde sich nicht mit Kleinigkeiten abspeisen lassen.

„Also, was wollt ihr?“, fragte sie gereizt, als er nicht antwortete.

„Ich will das Doppelte jetzt, das Vierfache bei Abfahrt und das Sechsfache bei Ankunft.“

Richard machte eine Kunstpause und kam langsam näher.

„Und?“, ihre Stimme zitterte.

Kapitän Morgan beugte sich vor und flüsterte Sandrine ins Ohr.

„Und euch!“

Empört schnappte sie nach Luft. Das konnte, nein das durfte nicht wahr sein! Dieser unverschämte Kerl, was bildete der sich ein.

„Niemals“, zischte sie.

Riss ihm den Beutel aus der Hand und begab sich zum Ausgang.

„Ihr braucht mich“, rief er hinter ihr her, „ich bin der einzige, der euch helfen kann und der dafür garantiert, dass ihr wieder heil englischen Boden unter den Füßen haben werde.“

Abrupt blieb Sandrine stehen. Sie überlebte fieberhaft, welche Möglichkeiten ihr blieben. Keine. Sie hatte schon alles versucht. Wohl oder übel würde sie in den sauren Apfel beißen müssen. Aber wenn er glaubte, sie würde es ihm leicht machen, dann hatte er sich getäuscht. Langsam drehte sie sich um. Richard kam ihr entgegen, streckte ihr die Hand hin.

„Schlagen sie ein, Mademoiselle“, sagte er mit Siegerlächeln.

Sandrine zögerte noch einen Moment. Dann hob sie den Blick kampfbereit, sich nicht in ihr Schicksal zu ergeben, und legte ihre Hand in seine.

„Also, wann kann es losgehen?“, fragte sie.

„Sofort“, gab ihr Richard zur Antwort und reichte Sandrine den Arm.

„Gut, dann gehen wir.“

Sie drehte sich um, kerzengrade um Haltung bemüht und schritt ihm voran, hinaus in die kalte Nacht.

Nur ein paar Stunden später war Kapitän Richards Schiff „Loreley“ fertig beladen und nahm Kurs auf die schwarze Insel. Sandrine hatte sich in ihre Kabine zurückgezogen. Sie überlegte fieberhaft, wie sie den aufdringlichen Kapitän, auf Distanz halten sollte. So selbstbewusst ihr Auftreten auch war, wenn es um Männer ging, war sie vollkommen ahnungslos. Nicht, dass sie keine Verehrer gehabt hätte, aber das waren junge Männer, noch grün hinter den Ohren. Ihre Mutter lag ihr dauernd in den Ohren, sich endlich zu erbarmen und einen dieser Grünschnäbel zu erhören, aber das kam für Sandrine überhaupt nicht infrage. Sie wollte im Sturm erobert werden und nicht von einer lauen Brise angeweht.“

Die Bäckereiverkäuferin lachte.

„Das haben sie schön gesagt! Ich bin auch mehr für Sturm, als für Brise. Mögen sie noch einen Kaffee?“

„Das wäre nett, danke.“

Hastig eilte sie davon, um zwei Minuten später mit zwei dampfenden Tassen Kaffee zurück zukehren. Sie reichte mir meine Tasse und ich wärmte meine Hände an der heißen Tasse.

„Und wie ging es weiter“, fragte die Dame, „wieso wollte sie überhaupt die Dienste des Kapitäns in Anspruch nehmen?“

„Genau das fragte Kapitän Morgan Sandrine, als sie ihm in der Kapitänskajüte gegenüber saß und mit ihm zu abend aß.

Sandrine zögerte unter seinem spöttischen Blick, entschied sich dann aber doch ihm die Wahrheit zu sagen.

„Es ist schon viele Jahre her, als mein Vater noch selbst zur See fuhr, als er auf der schwarzen Insel Schiffbruch erlitt. Dort verbarg er die kostbare Fracht seines havarierten Schiffes, um sie eines Tages zurück zu holen, wenn er in Not sein würde.“ Sie seufzte, machte eine kleine Pause und nippte an ihrem Wein. Dann fuhr sie fort, „durch unglückliche Umstände hat mein Vater sich hoch verschuldet. Sie können sich also denken, warum ich den Schatz heben muss.“

„Und warum geht ihr Vater nicht selbst auf die Reise und schickt seine Tochter?“, fragte Richard interessiert.

„Weil er schwer krank ist. Wenn ich den Schatz nicht finde, wird eine wilde Horde Schuldner bei uns einfallen uns alles wegnehmen und mein Vater wird diese Schmach nicht überleben.“

Ihre schönen Gesichtszüge wirken erschöpft und traurig. Richard wurde das Gefühl nicht los, das mehr hinter ihrer Geschichte steckte, als sie ihm gesagt hatte.

„Sie sind eine mutige Frau, Mademoiselle la Roche“, Richard nickte ihr zu. „Begeben sie sich zur Ruhe. Versuchen sie zu schlafen. Die Reise zur schwarzen Insel wird noch ein paar Tage dauern.“

Sandrine tupfte sich den Mund ab.

„Danke, Kapitän“, sie steuerte auf die Kajütentür zu, „sagen sie Kapitän, wird es gefährlich?“

Sie drehte sich noch mal zu ihm um. Sein Gesicht war ernst und nachdenklich.

„Ich nehme es an. Bis jetzt habe ich immer einen Bogen um die schwarze Insel gemacht. Man erzählt sich merkwürdige Dinge über sie. Ich hoffe darauf, dass die meisten nicht stimmen.“

Wortlos zog Sandrine sich zurück. Vorsichtshalber verschloss sie die Tür ihrer Kabine.

Am nächsten Morgen klopfte es an Sandrines Tür.

„Mademoiselle, der Master erwartet sie zum Frühstück“, rief die Stimme vor der Tür.

„Ich eile mich, bin gleich da!“, antwortete sie.

Hastig wusch sie sich, zog sich eines ihrer leichten Mousselinekleider an und begab sich zu Kapitän Morgans Kabine.

„Guten Morgen, Mademoiselle, haben sie wohl geruht.“ Richard hatte seine alte ironische Maske wieder

aufgesetzt.

„Danke, Kapitän“, antwortete Sandrine kühl.

Hocherhobenen Hauptes setzte sie sich ihm gegenüber. Das gemeinsame Frühstück wurde in einem dumpfen Schweigen eingenommen. Beide vermieden es den ersten Schritt zu tun, geschweige denn aufeinander zu zugehen.

So vergingen die Tage in eintönigem Einerlei. Sandrine zog die Einsamkeit ihrer Kajüte vor, während Richard ihr aus dem Weg ging. Die Matrosen tuschelten untereinander, was zwischen den Beiden für ein Zwist herrschen mochte. Sie schlossen Wetten darauf ab, wann es endlich soweit sein würde, dass der Kapitän den zweiten Teil seiner Bezahlung erhalten mochte. Nach dem feindlichen Verhalten der Mademoiselle zu urteilen, hatte sich Kapitän Morgan die Bezahlung schon genommen, aber niemand wusste Genaueres.

Eines Abends klopfte es an Sandrines Kajütentür und Kapitän Morgan trat ungerufen ein. Sandrine ärgerte sich. Sie hatte vergessen die Tür zu verschließen. In den langen Tagen der Reise hatte er nie versucht bei ihr einzudringen und Sandrine war nachlässig geworden.

„Was wollt ihr?“, fuhr sie ihn an, „wollen sie sich etwa holen, was sie sich im Angesicht meiner Notlage von mir erpresst haben?“

Erstaunt sah Richard Morgan sie an. Er konnte sich auf ihren hysterischen Ausbruch keinen Reim machen. Während der ganzen Reise hatte er sich äußerst ehrenhaft verhalten, auch wenn er ihre Ablehnung ihm gegenüber als Beleidigung empfand. Immerhin versuchte er alles, um ihr die Reise so angenehm wie möglich zu gestalten. Hatte er ihr nicht seine Bibliothek, sein Grammophon, Papier, Feder und Tinte zur Verfügung gestellt? Sie konnte sich überall frei bewegen und bekam vernünftige Mahlzeiten vorgesetzt. Außerdem hatte er der Mannschaft unmissverständlich klar gemacht, dass Sandrine de la Roche ein Gast war und keineswegs zu ihrer Verfügung stand. Das hatte ihn pro Mann eine Golddublone gekostet. Richard wiederstand dem Drang die Dame über das Knie zu legen und ihr den wundervollen Hintern zu versohlen und ihr klar zu zeigen, wer hier das Sagen hatte.

„Was für eine verlockende Aussicht“, dachte er und ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Also hätte er nicht gewusst, dass sie ihre Tür jeden Abend abschloss. Es hätte eines gezielten Tritts bedurft, sie aus den Angeln zu heben und sich Einlass zu verschaffen.

Sandrine deutete sein Lächeln in einer ganz anderen Richtung. Sie reckte sich zu voller Größe auf, löste die Bänder ihres Nachgewandes und ließ es über die Schultern auf den Boden gleiten. Nackt stand sie vor ihm und ihr perfekter Körper ließ ihn einen anerkennenden Pfiff ausstoßen. Sandrine konnte ihre Wut über diese Provokation kaum im Zaum halten. Richard erkannte es und lachte. Seine Augen verrieten unverhohlenes Begehren. Er trat einen Schritt auf sie zu und sie zuckte eingeschüchtert zusammen, als er so direkt vor ihr stand. Richard beugte sich vor und hauchte ihr dabei, wie ausversehen, über die Schulter und den Hals. Sofort stellten sich ihre Brustknospen auf und verrieten ihm, ihre Erregung.

„Nein, meine Liebe“, flüsterte er Sandrine ins Ohr, „ich werde es mir nicht holen, damit sie ein Vergnügen genießen können, und trotzdem in ihrer verlogenen Moral verharren können. Sie werden ES mir geben, und zwar freiwillig. Sie werden mich sogar darum bitten.“

Sein siegessicherer Blick brachte Sandrine in Rage.

„Niemals! Was bilden sie sich ein!“

Hastig raffte Sandrine ihr Nachtkleid zusammen und bedeckte ihre Blöße.

„Gehen sie! Sofort“, schrie sie ihn an.

„Ihr Wunsch ist mir Befehl“, der Spott in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Bevor er die Tür hinter sich schloss, sagte er noch:

„Ich wollte ihnen eigentlich nur sagen, dass wir morgen die schwarze Insel erreichen.“

Sandrine warf einen Pantoffel nach ihm, traf aber nur die Tür. Tränen liefen ihr über die Wangen.

„So ein unverschämter frecher Mensch“, dachte sie, „wie kann er mich nur so beleidigen?!“

Und sie wusste nicht, ob sie wütend sein sollte, weil er sie überrascht oder verschmäht hatte. Sie gestand es sich nicht ein, aber Richard Morgan zog sie unwiderstehlich an.

Am nächsten Morgen lief die Loreley San Marino an, den Hafen der schwarzen Insel. Sandrine war mehr als erstaunt, denn sie hatte damit gerechnet, dass es eine unbewohnte Insel war. Richard Morgan gab der Mannschaft Befehle, frisches Wasser und Proviant an Bord zunehmen und das Schiff zum sofortigen Auslaufen bereit zuhalten, falls es nötig sein sollte.

Am Kai wurden sie von einer Abordnung des Gouverneurs erwartet und in den Palast gebeten. Er war aus rosa Muschelkalk erbaut und schimmerte in der Morgensonne. Der Gouverneur war ein kleiner, dicker, ausnehmend hässlicher Mann, von ausgesucht höfischen Manieren. Er war begeistert den berühmten Kapitän Morgan und Mademoiselle de la Roche in seinen bescheidenem Heim willkommen zu heißen. Er quartierte die beiden in seinem Gästehaus direkt neben dem Palast ein und bot ihnen jegliche Hilfe an, die sie benötigten.

„Wie kommt ihr darauf, dass wir Hilfe benötigen“, fragte Richard und sah den Gouverneur erstaunt an.

„Nun, ich dachte, wenn ihr, der große Kapitän Morgan, sich den weiten Weg zu unserer unbedeutenden Insel antut, dann gäbe es etwas, dass ihr benötigt.“

„Wir danken euch für eure Fürsorge. Mademoiselle de la Roche hegte den Wunsch die Insel zu sehen, auf der ihr Vater einige Jahre lebte und die er in den schönsten Farben schilderte.“

Nun war es an dem Gouverneur verduzt zu sein. Man sah ihm an, dass er fieberhaft überlegte, was er davon halten sollte.

„Wenn ihr uns für eine Exkursion eine Kutsche zur Verfügung stellen würdet, wären wir euch dankbar.“

„Natürlich gerne. Sie steht jederzeit zu eurer Verfügung“, willigte der Gouverneur ein, „würdet ihr mir die Ehre machen und heute Abend mit mir und meiner Tochter speisen?“

„Sehr gerne.“

Sandrine und Richard bedankten sich und verließen den Inselherrscher. Eine Stunde später trafen sich die Beiden und gingen zu den Pferdeställen. Dort herrschte ein reges Treiben. Mehrere Burschen waren mit Stall ausmisten, füttern, Pferde striegeln und bewegen. Richard wollte sich gerade an einen der Stallburschen wenden und ihn darum bitten eine Kutsche anzuspannen, als die beiden eine helle Stimme hinter sich hörten und sich neugierig umdrehten.

„Guten Morgen, sie sind also Kapitän Morgan?“

Vor ihnen stand eine junge Frau, in Sandrines Alter, groß, schlank mit langen strohblonden Haaren und hellblauen Augen. Sie trug ein leichtes Kleid, dass nichts von den Rundungen ihres Körpers verbarg.

„Ja, ich bin Richard“, er verbeugte sich leicht und küsste der jungen Frau die Hand, „und mit wem habe ich die Ehre?“

„Mein Name ist Natalia, ich bin die Tochter des Gouverneurs.“

„Sehr erfreut.“

Natalia nahm Richards Arm und führte ihn ein paar Schritte weg. Sandrine schnappte nach Luft. Sie konnte es kaum fassen. Dieses Mädchen erschien auf der Bildfläche und schon war Richard eifrig um sie bemüht. Wütend über diese Unverschämtheit trat sie auf einen der Stallburschen zu und bat ihn ihr ein Pferd zu satteln.

„Soll er doch mit der dummen Schnepfe reden. Selbst ist die Frau“, dachte sie.

Kurz darauf ließ sie sich von einem der Burschen in den Sattel helfen und preschte vom Hof.

„Sandrine“, rief Richard ihr hinter her.

Wutentbrannt sattelte sich Richard einen Wallach und verfolgte Sandrine. Es dauerte eine ganze Weile, ehe er sie eingeholt hatte.

„Was denkst du dir!“, stieß er aufgebracht hervor.

Richard griff ihr in die Zügel und stoppte ihr Pferd.

„Ach sind wir jetzt schon per du?“, fragte sie schnippisch.

„Ich sollte dich übers Knie legen! Der Gedanke ist sehr verführerisch!“

Richards Augen sprühten Funken.

„Ich trage die Verantwortung dafür, dass dir nichts passiert und du wirst gehorchen, sonst mache ich meine Drohung war.“

„Dann sollten sie sich nicht mit anderen Weibern herumtreiben.“

Für einen Moment war Richard perplex, dann legte er den Kopf in den Nacken und lachte.

„Weiber? Du solltest vorsichtig sein, was du sagst. Wenn das der Gouverneur hört, jagt er uns gleich von der Insel.“

Sandrine presste die Lippen zusammen und gab ihrem Pferd die Sporen. Es verfiel in einen leichten Trapp. Nach einer Weile schloss Richard zu Sandrine auf.

„Weißt du eigentlich, wo du hin willst?“

„Ja, dorthin.“

Sandrine streckte die Hand aus und deutete auf den einzigen Berg der Insel.

„Dort gibt es einen Wasserfall.“

Nach etwa einer Stunde erreichten die beiden den Wasserfall. Sie ließen die Pferde zurück und näherten sich dem Wasserfall.

„Hinter dem Wasser gibt es eine Höhle, dort soll der Schatz versteckt sein“, erklärte Sandrine.

„Dachte ich mir schon“, murmelte Richard und folgte ihr.

Auf einem schmalen Pfad am Rande des Sees, der sich unter dem Fall gebildet hatte, schoben sich die Zwei immer dichter an die rauschenden Kaskaden heran.

„Lass mich vorgehen“, sagte Richard.

Sandrine ließ ihn vorbei, denn sein Ausbruch vorhin hatte ihr etwas Angst eingeflößt. Als er sich an ihr vorbei schob, streifte er ihren Körper mit seinem für eine Sekunde zulange und sie wurde sich seiner Existenz überdeutlich bewusst. Es kostete sie ihre ganze Selbstbeherrschung, ihre Fassung nicht zu verlieren.

„Dort ist die Höhle. Ich springe hinüber, dann solltest du es versuchen“, dirigierte Richard.

Richard setzte zum Sprung an und überwand den Abgrund. Noch ehe er sich umdrehen konnte, sprang Sandrine und glitt aus. Nur Richards Geistesgegenwart war es zu verdanken, dass sie nicht stürzte. Fest hielt er sie in seinen Armen. Ihre Blicke versanken ineinander. Einen Herzschlag lang hat Sandrine die Hoffnung er würde sie küssen. Richard zögerte einen Moment, dann stellte er sie wieder aufrecht hin, ohne seiner Lust nachzugeben.

„So und was nun?“, fragte er unbeteiligt.

Sandrine schluckte. Das hatte sie nicht erwartet. Sie hatte sich schon in einer innigen Umarmung mit Richard gesehen und seine Lippen auf ihren gefühlt.

„Hier irgendwo befindet sich ein geheimer Eingang. Es müsste das Zeichen einer Sonne darauf sein.“

Die Beiden suchten die Wände gründlich ab, als Richard plötzlich etwas entdeckte.

„Hier ist eine Sonne, sie ist winzig.“

Sandrine trat heran und taste das Zeichen ab. In der Tat befand sich eine Vertiefung darin, wie ihr Vater es beschrieben hatte. Sandrine zog ihr Medaillon hervor, öffnete es und nahm einen flach geschliffenen Onyx heraus.

„Das Auge der Sonne“, sagte sie und lächelte.

Dann steckte sie den Stein in die Vertiefung. Er passte wie angegossen. Erst passierte nichts. Sandrine und Richard sahen sich fragend an. Als plötzlich ein Knirschen zu hören war und eine Geheimtür vor den Beiden aufsprang. Sandrine löste den Stein heraus. Ihr Vater hatte ihr dies eindringlich eingeschärft. Dann betraten sie die Höhle. Sie war leer, einzig eine Goldmünze lag dort, als hätte sie jemand vergessen. Richard hob sie auf.

„Was soll denn das?“

„Nein!“, hörte er Sandrine atemlos hinter sich.

Als sich auch schon der Boden unter ihren Füßen bewegte. Es tat sich ein Abgrund auf und die beiden stürzten hinein. Mit einem schmerzhaften Aufprall landeten sie in einem unterirdischen See. Sie schwammen an Land.

„Sehen sie!“, schimpfte Sandrine, „Männer!“

„Was für eine unangemessen Äußerung“, erwiderte Richard, „du hättest mir sagen können, dass ich es liegen lassen soll. Ich schätze du hast es vorher gewusst.“

Schuldbewusst presste Sandrine ihre Lippen zusammen. Richard hatte Recht. Aber jetzt war es zu spät. Musste er denn auch alles anfassen.

„Wir sollten dem Fluss folgen, irgendwo muss er ja hinaus“, schlug Richard vor.

Er wanderte am Rand des unterirdischen Sees entlang. Sandrine folgte ihm schmollend. Sie war wütend. Ihr Kleid war nass und sie verspürte Hunger. Aber sie verkniff sich einen Kommentar. Richard sollte nicht glauben, dass sie eines dieser Püppchen war, mit denen er umspringen konnte, wie er wollte. Hocherhobenen Hauptes versuchte sie Haltung zu bewahren. Endlich kamen sie an den Durchlass des Flusses, der ans Tageslicht führte.

„Dadurch?“, fragte Sandrine nur.

Richard nickte und ehe er noch etwas sagen konnte, war Sandrine ins Wasser gesprungen und tauchte mit der Fließrichtung durch die Felsöffnung nach draußen. Zwei Sekunden später tauchte Richard neben ihr auf und zog sie hinter sich her an Land. Sie befanden sich in dem Auffangbecken des Wasserfalls.

„Alles ist zunichte“, flüsterte Sandrine niedergeschlagen, „mein Vater wird seinen Besitz verlieren und um meinen Eltern ein halbwegs menschenwürdiges Dasein zu sichern, werde ich den Duke of Herrington heiraten müssen.“

„Den alten Kerl“, rutschte es Richard heraus.

„Das ist also das Geheimnis hinter der Notlage“, dachte er.

Hilflos zuckte Sandrine mit den Schultern, stieg auf ihr Pferd und gab ihm die Sporen. Richard holte sie nach einer Minute ein. Schweigend ritten sie nebeneinander her, bis sie zum Palast kamen. Um nicht in diesem unwürdigen Aufzug gesehen zu werden, lenkten sie die Pferde zum Gästehaus und ließen sie, von einem der Diener zum Stall führen.

„Ah, wie schön sie begrüßen zu dürfen.“

Der Gouverneur begrüßte Sandrine und Richard mit einem unechten süßlichen Lächeln.

„Wie ich hörte, hatten sie einen kleinen Zwischenfall heute Nachmittag.“

„Nein, nichts Besonderes“, antwortete Richard und lächelte zurück, „wir haben nur ein kleines Bad genommen.“

„Richard, wie schön sie zu sehen. Ich muss sie unbedingt ein paar Leuten vorstellen“, zwitscherte Natalia und kicherte, wie eine dumme Göre.

Ohne eine Antwort abzuwarten, hakte sie sich bei ihm ein und zog ihn mit sich fort. Sandrine war für einen Moment sprachlos. Was für eine Frechheit.

„Nun, Mademoiselle de la Roche, wie gefällt ihnen die berüchtigte schwarze Insel?“, fragte der Gouverneur.

Sandrine versuchte einen Schauer zu unterdrücken, der ihr bei seinem abschätzenden Blick über den Körper lief. Warum hatte Richard sie nur hier stehen gelassen, mit diesem feisten Kerl, der ihr auf das Dekolleté starrte? Um ihn abzulenken, fragte Sandrine:

„Darf ich fragen, wann sie auf diese Insel kamen?“

„Nun, es ist etwa 28 Jahre her. Ich fand einen wahren Schatz und dachte mir, dass ich hier bleiben sollte.“

Bei diesen Worten funkelten seine Augen listig. Sandrine hatte plötzlich ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. 28 Jahre. Das war genau um die Zeit herum, als ihr Vater die Insel verlassen hatte und nach Hause zurück gekehrt war, um ihre Mutter zu heiraten.

„Das hört sich aufregend an.“

Sie kicherte so, wie sie es von Natalia gehört hatte und hoffte, der abstoßende Gouverneur würde sie nicht durchschauen.

„Darf ich fragen, um was für einen Schatz es sich handelt?“

Der Alte fasste Sandrine am Arm und zog sie Richtung Ballsaal. Sie musste aufpassen, dass die Übelkeit sie nicht übermannte.

„Nun, zum einen gibt es hier fruchtbaren Boden, für Kaffee, Kakao, Kokosnüsse.“ Er kam näher an Sandrine heran, die alle Beherrschung aufbringen musste, um nicht davon zu laufen, „Und außerdem fand ich einen Schatz aus Gold.“

Sandrine probte einen faszinierten Augenaufschlag.

„Ach, Gouverneur, wie aufregend, oder wollen sie mir etwa ein Märchen erzählen?“

„Nein, nein! Es ist wahr“, bestätigte er energisch, weil er glaubte, in Sandrines Gunst zu steigen, „ich kann es ihnen sogar beweisen.“

Der Gouverneur zog eine Golddublone aus der Jackentasche und hielt sie Sandrine hin.

„Hier sehen sie“, er lachte verschlagen, „eine ganze Kammer voll.“

„Oh, wie aufregend“, Sandrine spielte geschickt mit, „darf ich sie mir mal ansehen?“

„Natürlich?“, er reichte ihr das Goldstück.

„Wundervoll. Ein schönes Stück“, zwitscherte Sandrine.

Es war genau so eine wie die, die Richard in der Höhle gefunden hatte.

„Wundervoll. Sicherlich ein antikes Stück und sehr wertvoll“, sagte Sandrine.

„In der Tat, so ist es“, erwiderte der Gouverneur, sah ihr statt in die Augen, aufs Dekolleté und ließ einen seiner dicken Finger über ihren Unterarm gleiten, „wie wäre es Mademoiselle de la Roche, darf ich sie zu einem Glas Champagner entführen?“

Sandrine hätte sich am liebsten übergeben, aber sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Unauffällig ließ sie ihren Blick durch den Saal schweifen. Wo war Richard?

„Ja, sehr gerne, Gouverneur. Aber vorher muss ich noch ein stilles Örtchen aufsuchen. Ich folge ihnen gleich“, hielt sie ihn hin.

„Dann meine Liebe, lasse sie mich nicht solange warten“, er zwinkerte ihr vertraulich zu und hüpfte davon.

Sandrine sah ihm angewidert nach.

„Was für ein ekliger Mensch“, dachte sie, „Richard ist weg und Natalia ist auch nirgends zu entdecken.“

Das konnte nur eins bedeuten, die beiden waren zusammen. Sandrine spürte eine heiße Wut in sich aufsteigen. Wenn sich das als wahr herausstellen sollte, dann konnte er was erleben. Sie huschte aus einer der geöffneten Terrassentüren, die große Freitreppe hinab, zum Gästehaus. Leise ging sie den Flur entlang, eilte die Treppe hinauf, und als sie gerade Richards Tür öffnen wollte, stürzte ihr eine zornentbrannte Natalia entgegen, die ihr Mieder an sich presste.

„Das werdet ihr mir büßen! Mit mir könnt ihr nicht so umspringen!“, spie sie Richard die Worte entgegen.

Natalia hastete die Treppe hinunter und die Haustür fiel mit einem lauten Krachen ins Schloss.

„Was ist los?“, Sandrine vergaß ihre Wut und sah Richard erstaunt an.

„Wir sollten gehen, die Lady wird ihren Vater und die Wachen auf uns hetzen.“

„Wieso denn das?“

„Weil sie behaupten wird, ich hätte ihre Jungfräulichkeit angetastet“, erklärte er ungeniert.

„Und haben sie?“, fragte sie spöttisch, „sie hätten lieber mich wählen sollen, dann wäre ihnen dieses Pech erspart geblieben, mein Vater ist weit weg.“

Richard sah Sandrine mit einem Blick an, den sie nicht deuten konnte, ein schadenfrohes Grinsen huschte über sein Gesicht.

„Erstens habe ich ES nicht getan und zweitens, danke für das Angebot, ich werde es später gerne annehmen.“

Sandrine blieb der Mund offen stehen. Jetzt war ihr klar, was schief gelaufen war. Sie hatte sich freiwillig angeboten. Sie erwog, sich über die Reeling zu stürzen oder sich mit Alkohol zu vergiften. Andererseits war es vielleicht ein bisschen zu dramatisch, sich wegen so einer Sache, die ja doch irgendwann getan werden musste, umzubringen. Außerdem gab es keinen Schatz und die Heirat mit dem alten Harrington war beschlossene Sache. Dann sollte sie es doch lieber einmal mit Richard tun, denn das was sie bei dem Duke erwarten würde, ließ ihr schon jetzt eisige Schauer über den Rücken laufen.

„Sandrine, wir müssen gehen“, riss sie Richard aus ihren Gedanken.

Er hatte seinen Degen und seine Waffen angelegt und zog sie am Arm hinter sich her fort.

„Meine Kleider“, rief Sandrine unglücklich.

„Ich kaufe dir Neue, soviel du willst.“

„Aber …!“

„Nicht jetzt“, murmelte Richard.

Die Beiden verließen das Gästehaus durch die Hintertür, wo zwei gesattelte Pferde warteten. Richard hob Sandrine in den Sattel und saß selbst auf.

„Ich weiß, dass du gleich vor Neugier platzt, aber warte bis nachher, dann erkläre ich dir alles!“, brachte er Sandrine zum Schweigen.

Funken sprühende Blicke trafen ihn. Richard griff in ihre Zügel, zog das Pferd etwas zu sich herüber, griff ihr in die langen Locken, beugte sich geschickt zu ihr und küsste sie so heißblütig, dass Sandrine alles um sich herum vergaß. Richard gab dem Pferd die Sporen und Sandrine folgte ihm. Sie hatte ihren Entschluss gefasst: Sie würde sich Richard hingeben, auch wenn es eine Demütigung für sie bedeutete, aber der Kuss hatte sie restlos durcheinander gebracht.“

Ich mache eine Pause und trinke den Rest meines Cappuccinos, der schon kühl geworden ist.

„Und was passierte dann?“

Die Verkäuferin sieht mich mit roten Apfelbäckchen an.

„Nun, auf dem Schiff angekommen, stach die Loreley sofort in See. Das war auch nötig, denn die Wachen des Gouverneurs hatten die Flucht der beiden bemerkt. Allerdings stellte der Inselherrscher erst sehr viel später fest, dass Kapitän Richard Morgan seinen antiken Schatz gestohlen hatte.“

„Oh, wie aufregend! Und Sandrine?“

„Sie erfuhr erst davon, als sie eine ekstatische Liebesnacht mit Richard hinter sich hatte. Sie war in seine Kajüte gekommen, hatte sich ihres Negliges entledigt und gesagt:

„Ich will euch gehören.“

Und ganz entgegen ihrer Vermutung hatte Richard nichts Zynisches oder Sarkastisches gesagt. Er hatte sie hochgehoben und in sein Bett getragen. Was dann passierte, war für Sandrine ein Fest der Sinnesfreude. Sie lernte schnell und in dieser Nacht gab es viele explosive Höhepunkte auf beiden Seiten. Richard sorgte dafür, dass Sandrines vergehende Jungfräulichkeit in gebührendem Maß gefeiert wurde. Als er ihr sagte, dass er sie mehr als alles andere liebe und sie seine Frau werden sollte, sagte sie ohne zu Zögern ja. Als sie erfuhr, dass er der Duke of Harrington sei und nur sein Vater um sie geworben habe, um zu sehen, wie die Familie reagieren würde, konnte sie ihm nicht böse sein. Erst recht nicht, als er ihr den Schatz ihres Vaters zu Füßen legte und ihr sagte:

„Du bist frei. Wenn du mich willst, dann bin ich einverstanden. Du kannst das Geld nehmen und alle Schulden bezahlen.“ Richard machte eine Pause und sah Sandrine prüfend an. „Aber wenn du mich heiratest, dann verspreche ich dir, dass ich dich auf Händen tragen und zur glücklichsten Frau der Welt machen werde.“

Damit schließe ich die Erzählung. Mein Herz klopft. Ich liebe romantische Geschichten. Süß wie Zuckerwatte. Nicht realistisch, aber schön. Die Geschichten und das Leben haben eben nicht sehr viel miteinander gemeinsam. Ich erzähle mir mein Leben schön, überlege ich. Soll ich damit aufhören? Oder braucht die Welt die Süßigkeit der Romanzen? Schlimmes gibt es schon so viel. Solange es Träume und Träumer gibt, solange würde es Ideale und Paradiese geben. Auch wenn sie nur in den Köpfen der Menschen existierten. Um sie zu verwirklichen, müssen sie erst einmal geträumt werden.

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„Eine heiße, an triebhafter Illusion sich ergötzende Begierde, ergriff Besitz von ihr. Sie hatte sich gegen ihn gewehrt, aber je länger er sich um sie bemühte, um so mehr nahm er Besitz von ihren Gedanken. Seine Gestalt, seine kräftigen Hände, die breite Brust, die strahlenden Augen und der sinnliche Mund brannten sich in ihre Gedanken und ließen ihr keine ruhige Minute mehr. Als er sie dann beim Frühlingsball zum Tanzen aufforderte, erfüllte sie ein seltsames Gefühl wilden Begehrens, das ihren ganzen Körper in Aufruhr versetzte. Er spürte es und ein wissendes Lächeln huschte über seine Lippen. Seine Hand glitt etwas tiefer auf ihre Hüften und drückte ihr Becken gegen seine Lenden. Er hörte, wie sich ihr Atem beschleunigte und sie sich wie ein Kätzchen an ihn schmiegte. Heute war die Nacht, in der es endlich geschehen würde. Seine Beharrlichkeit und Ausdauer  hatten sich gelohnt und ihr herrlicher Körper war der Preis, den er sich errungen hatte. Er wusste, dass er dies auch ihrem alten lethargischen Ehemann zu verdanken hatte, dem sie außer den Füßen nicht mehr viel wärmen konnte.“

Donnerwetter! Was so herauskommt, wenn man einfach die Worte laufen lässt, ohne sich groß Gedanken zu machen. Der Unterschied zwischen Geschichten erzählen und zu schreiben ist nicht so groß, wie ich dachte. Man geht einfach seinen Ideen nach. Aber das Schreiben hat den Vorteil, dass man die vorbei huschenden Einfälle sofort notieren und die verschiedenen Möglichkeiten ausprobieren kann, während man sich beim Erzählen sofort entscheiden muss. Eine neue Zeile taucht auf:

„Ich glaube an die Sehnsucht, die wir nacheinander haben. Egal was passiert, egal wo wir sein werden, wir werden uns wiedersehen“, sagte Raoul mit leuchtenden Augen, „niemals werde ich deine Augen und dein Lächeln vergessen. Ich muss gehen, damit wir wieder zueinander finden können. Es ist nicht deinetwegen, es sind meine Zweifel, die mich forttreiben.“

Tränen treten mir in die Augen. Ist es das? Sind es seine Zweifel, seine Ängste, die ihn von mir weg führten, wann wird sich sein Herz entschieden haben, zu mir zurückzukehren. Werde ich dann wieder in seiner Welt sein?

Der Stift nimmt seine Arbeit wie von selbst wieder auf:

„Ganz Paris träumt von der Liebe“, dachte sie, „nur ich kann nicht mehr daran glauben.“ Gestern wollte sie sich mit einer Freundin in einem kleinen Cafe, auf Sacre Coeur treffen. Sie ging am Seine-Ufer entlang, genoss den träge dahin fließenden Fluss und die warmen Sonnenstrahlen der ersten Maitage. Ein Monat geschaffen für die Liebe. Mai in Paris. Sie dachte an Jean. Ein Mann wie aus dem Bilderbuch. Gutaussehend, charmant, ein exzellenter Küsser. Wenn er sie besuchte, brachte er Rosen und Konfekt. Verträumt sah sie aufs Wasser, als ihr Blick sich an einem Liebespaar verfing, das eng umschlungen nicht weit von ihr stand. Erst lächelte sie, von ihrem eigenen Glück beseelt, aber dann durchfuhr es sie wie ein Stich. Der Mann, der eine aparte junge Französin im Arm hielt und mit Blicken förmlich auffraß, war Jean. Kein Unglück hätte größer sein können, als dies.“

Ich stoße einen tiefen Seufzer aus. Das soll angeblich erleichtern. Aber das erwünschte Gefühl tritt nicht ein. Raoul, der eine andere genauso begehrlich anschaut wie mich?

Worte erscheinen auf der Buchseite:

„Meine Gedanken strecken sich nach dir aus, immer und immer wieder. Ich kann nichts dagegen tun. Ich sah dich und nichts ist mehr wie vorher. Alles hat sich umgekehrt. Hell ist dunkel, schwarz ist weiß. Du ahnst nichts davon, und doch ist es immer da. Du bist immer in meiner Nähe, egal wie viele Kilometer uns trennen“, oder Zeiten, ergänze ich in Gedanken.

Die Tinte läuft aufs Papier:

„Oder werden wir uns, wenn wir uns wieder begegnen, höflich sagen: wie nett dich wieder zu sehen. Verlegen von einem Fuß auf den anderen tretend, ein paar Floskeln austauschend. Sehe ich den Ring an deiner Hand und weiß, dass ich dich verloren habe. Eine andere Frau hat deine Wege gekreuzt und dein Herz erobert.“

Das ist das Leben. Schicksal hin oder her. Man sieht sich, verliebt sich, trennt sich, vergisst und alles beginnt von vorn. Ich hasse das Leben. Ich will nicht, dass sich alles wiederholt. Ich will mein Schicksal. Mein Schicksal mit Raoul. Aber mir ist klar, die Zeit läuft davon. Wer weiß, wie viele Tage, Monate schon vergangen sind, in meiner und in seiner Welt. Besonders wenn ich davon ausgehe, dass ich nicht weiß, wo ich bin und wie ich wieder zurückkomme. Es gibt nur eine Möglichkeit. Ich muss einen Bahnhof finden und dass möglichst bald.

Meine Hand diktiert die Worte:

„Wie wünscht ich mir du, würdest dich erinnern“, sagte sie.

Sie blickte in seine Augen, die starr gegen die Decke gerichtet waren. Er lag schon viele Jahre im Koma. Damals als der Unfall passierte, war ihr Sohn noch klein. Gerade ein Jahr alt. Sie musste für ihn sorgen und arbeiten gehen, ihm Vater und Mutter sein. Heute war er erwachsen, studierte weit fort von zu Hause. Trotzdem besuchte sie ihn, sooft es ihr möglich war. Sie hätte so gern ihr Herz noch einmal verschenkt, aber es wäre ihr wie Verrat vorgekommen.

„Die Zeit vergeht so schnell. Wie Rauch, der durch ein Schlüsselloch zieht“, flüsterte sie, „wahrscheinlich würdest du dich nicht erinnern, wenn du mich sehen würdest und wenn doch, dann wärst du sicher enttäuscht.“

Traurig blickte sie in den Spiegel. Ihre schwarzen Haare durchzogen Silberfäden und ihre Augen wirkten traurig und müde. Wie viele Nächte hatte sie Tränen vergossen. Sie hatte am Anfang gedacht, es würde vorübergehen, aber es ging nicht vorbei. Vielleicht weil es nie ein Ende gegeben hat.“

Es hatte nie ein Ende gegeben. Etwas, das gerade begonnen hatte, wurde jäh unterbrochen ohne das Entscheidendes passierte oder überhaupt passieren konnte.

Jemand schlägt den Vorhang des Zeltes zurück. Die ersten Sonnenstrahlen fallen auf die kostbaren Teppiche im Eingangsbereich und lassen sie in den schönsten Farben erstrahlen. Die Farben des Tages. Alles beginnt von Neuem. In dieser Nacht war alles so still, so fern. Ein sanfter Duft hüllte mich ein. Zimt und Gewürze, ein Hauch von Kakao und Marzipan. Jetzt erfüllt eine frische Brise das Zelt. Die kühle Morgenluft riecht nach Quellwasser und frisch gemähtem Gras.

„Guten Morgen“, höre ich eine angenehme Stimme und sehe Isidors Meister auf mich zu kommen, „hast du gut geschlafen?“

„Ja, danke“, sage ich, „könnte ich bitte ein Bad nehmen?“

Milans neugieriger Blick entgeht mir nicht, aber ich versuche mir nichts dabei zu denken.

„Folge mir bitte.“

Er macht eine einladende Handbewegung. Sein Gang ist geschmeidig und Milans Haltung drückt Stolz und Selbstbewusstsein aus. Seine silbernen Haare fallen heute Morgen offen über seine Schultern und geben ihm ein jungenhaftes, ja beinahe zeitloses Aussehen.

Milan schlägt einen dicken Vorhang zurück und lässt mich eintreten. In der Mitte des Raumes steht eine große Wanne mit Löwentatzen als Füßen. Das Wasser dampft und ein wohlriechender Schaum bedeckt die Oberfläche.

„Ich danke dir“, sage ich und lächele versöhnlich.

Milan deutet eine Verbeugung an und zieht sich zurück. Schnell entledige ich mich meiner Kleidung und lasse mich in das angenehm temperierte Wasser gleiten. Ich schließe die Augen. Der Duft der Badeessenzen ruft Bilder in meinem Inneren hervor. Warme Tage in südlichen Gefilden. Zypressen, Pinienwälder, Natursteinhäuser in Weinbergen, der Duft reifer Kornfelder und Lavendelplantagen. Sternklare Nächte, die Lieder der Zikaden, funkelnder Wein, sehnsuchtsvolle Lieder. Immer weiter versinke ich in meinen Träumen.

Eine zärtliche Hand streicht über meine erhitzte Haut, ich strecke mich ihr entgegen, ohne Scheu. Warme Lippen küssen meinen Hals, Finger umkreisen meine Brustknospen, die sich sofort unter seinem Begehren aufrichten. Immer wilder werden die Küsse. Immer weiter dringen seine Hände an meine geheimen Stellen vor. Er lässt sich zu mir in die Wanne gleiten. Ich dränge mich an seinen muskulösen Körper, spüre seine harte Erektion an meinem Bauch. Die Hitze des Wassers und seiner Verführung hat mich weich und fließend werden lassen.

„Komm zu mir“, höre ich mich in Gedanken flehen.

Mit einer geschickten Bewegung hebt er mich über sich auf seinen steifen Schwanz. Meine Liebessäfte lassen ihn wie ein scharfes Schwert hineingleiten und ein lustvolles Zucken durchzieht meinen Unterleib, als er mich so perfekt ausfüllt. Ich werfe meinen Oberkörper zurück, strecke ihm meine Brüste entgegen, die er sanft mit seinen Händen umfasst, und lasse mich auf und niedergleiten. Ich suche Halt an dem gewölbten Wannenrand. Immer schneller lasse ich mein Becken kreisen, heben und senken, bedacht ihn so tief wie möglich aufzunehmen. Mein Herz rast und mein ganzer Körper ist bis zum Zerreißen gespannt. Seine kräftigen Hände liegen auf meinen Hüften und halten mich in meinem zügellosen Ritt, bis mich ein wildes Pochen und Zucken, ein lustvoller Schrei durchfährt, meine Venus seinen Phallus mit heftigem Pulsen umklammert, er seine Lenden noch einmal mit aller Kraft nach oben drückt und sich heiß in mir verströmt.

Erschöpft und glücklich lasse ich mich auf seine Brust sinken. Er legt seine Arme um mich, bedeckt mein Gesicht mit vielen kleinen Küssen. Ich öffne meine Augen, sehe in Raouls Augen.

„Ich will dich“, steht darin geschrieben. Dann küsst er meine Lippen und nimmt mir den Atem.

„Noelle!“, eine ferne Stimme ruft nach mir, „Noelle!“

Verwundert öffne ich die Augen. Ich muss mich kurz sammeln.

„Ja, gleich!“, antworte ich verwirrt.

Wo bin ich? Wo ist Raoul? Mein Körper ist noch ganz satt und schwer von der Liebe. Er ist nicht hier. Ich bin allein. Das ist unmöglich. Ich spüre ihn noch in meinem Körper. Seinen harten Schwanz, seine Hände, die meine Brüste umfassen, seine Finger, die meine Knospen necken. Das kann kein Traum gewesen sein! Und doch bin ich allein in dem Baderaum. Meine Lippen brennen von seinen gierigen Küssen, und selbst sein harter Stoß lässt meine Hitze erneut aufsteigen, wenn ich es mir vorstelle.

„Noelle, das Frühstück ist bereit.“

Das ist Isidor.

„Ich bin gleich da, nur noch einen Moment.“

Hastig steige ich aus der Wanne und kleide mich an. Ich taumele, weil mir schwindelig ist. Ich bin ausgelaugt von der Heftigkeit meiner Ekstase. Ich habe mich solange danach verzehrt ihn endlich ganz zu fühlen, dass die Erfüllung mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Die Befriedigung, die mich erfüllt, macht mich lasziv und aufreizend.

Isidor sieht mich mit einem merkwürdig forschenden Blick an. Er führt mich zurück in den Hauptraum, wo auf einem niedrigen Tischchen ein reichhaltiges Frühstück breitet wurde. Wir sitzen auf Kissen, auf dem Boden. Ich lasse mich so anmutig wie möglich darauf nieder. Meine Augen halb geschlossen, mein Körper weich, wie der einer schläfrigen Katze, noch völlig gefangen von dem ungestümen Liebesakt, versinke ich in den Bodenpolstern. Ich spüre Milans Blick und hebe meine Augen. Für einen winzigen Moment sehe ich ein goldenes Glitzern in ihnen, aber meine Gedanken sind einfach zu schlaff, um mir jetzt den Kopf zu zerbrechen.

Nach dem Frühstück, dränge ich drauf weiter zugehen, auch wenn sich meine Beine wie Wackelpudding anfühlen.

„Du kannst gerne noch bei uns bleiben“, sagt Milan freundlich und seine hellen Augen sehen mich durchdringend an, „es ist Platz genug in meinem Zelt.“

„Nein, dank. Ich schätze deine Gastfreundschaft, aber ich muss jemanden finden. Außerdem muss ich versuchen, meinen Auftrag zu erledigen und eine Geschichtenerzählerin zu werden.“

Milan nickt verständnisvoll.

„Wirst du auch über uns erzählen?“

„Natürlich“, ich lächele ihn an, „ich bin mir nur nicht sicher ob ihr ein Produkt meines Geistes oder einfach nur einer anderen Zeit entsprungen seit. Aber ohne euch wäre die Geschichte nicht vollständig.“

„Ich möchte dir zum Abschied etwas schenken“, Milan greift nach einem kunstvoll geschnitzten Kästchen, „öffne es.“

Er reicht es mir und ich hebe den Deckel. Darin liegt ein Kartenspiel mit verschlungenen geheimnisvollen Bildern und Zeichen. Farbenprächtig und von Meisterhand gestaltet.

„Es ist ein besonderes Kartenspiel“, erklärt er, „es trägt nicht nur die Bedeutung des Bildes, dass du auf jeder Karte siehst, sondern jede Karte trägt auch seine ganz eigene Geschichte. Wenn du genau darauf hörst, wirst du sie erkennen und sie wird deine Erzählungen bereichern und dir ein Weg der Inspiration sein.“

„Ich danke dir, Milan.“

Ich stecke den Kasten in meinen Rucksack. Dann reiche ich ihm die Hand. Er zieht sie an seine Lippen und drückt einen warmen Kuss auf meinen Handrücken, während sein Blick mich durchdringt. Ein aufreizend wissender Ausdruck liegt darin, der mir sagt, dass es Dinge gibt, die sich meiner Kontrolle entziehen. Ich bin mir über diese Dinge im Klaren, aber es gefällt mir nicht unbedingt.

„Ich wünsche dir eine gute Reise, mögest du finden, was du suchst. Isidor wird dich zum nächsten Bahnhof geleiten.“

Ich sehe ihn noch einmal ganz aufmerksam an, schüttele nur meinen Kopf und folge Isidor.

Wir sind noch nicht lange unterwegs, als ich in der Ferne ein Bahnhofsgebäude sehe und der Wind das Rauschen eines Zuges herüberträgt. Ich bleibe stehen und sehe mich nach Milans Zelt um, aber es ist wie vom Erdboden verschluckt.

„Tja, hier verändern sich die Dinge in Sekundenschnelle“, bemerkt Isidor, als er meinen verwunderten Blick auffängt.

„Das sehe ich. – Du darf ich dich mal was fragen?“

„Klar, immer doch“, antwortet er und schaut mich gespannt an.

„Wie lange war ich hier?“, frage ich vorsichtig.

Nach meiner Erfahrung bei Lady Shelley bin ich vorsichtig geworden.

„Einen Tag, eine Nacht und einen halben Tag“, beantwortet Isidor meine Frage umständlich.

„Zum Glück“, atme ich auf.

„Wieso? Ist das ein Problem?“

„Nein, aber als ich das letzte Mal ausgestiegen bin, war ich drei Monate dort gewesen, obwohl ich das Gefühl hatte, es wäre nur eine sehr kurze Zeit gewesen.“

„Oh, da mach dir nur keine Gedanken. Hier läuft die Zeit parallel zu eurer Zeit.“

Wir sind inzwischen in der Nähe des Bahnhofgebäudes angekommen.

„So“, Isidor stellt meinen Koffer ab, „ich werde mich jetzt von dir verabschieden, die da“, er deutet auf den Bahnhof, „müssen mich nicht sehen.“

Ich beuge mich zu ihm herunter, streiche über seinen Wuschelkopf und umarme ihn.

„Ich wird dich vermissen“, flüstere ich, „schön, dass ich dich getroffen habe und vielen Dank noch mal, dass du mich vor Poseidon gerettet hast.“

„Kein Problem“, Isidor zwinkert mir zu, „ich wünsche dir eine gute Reise und denk manchmal an mich.“

„Das werde ich“, sage ich leise.

Ich blicke hinter ihm her, bis er sich meinen Blicken entzieht. Aufgelöst in einer leichten Brise. Ein Elementar zu sein hatte auf jeden Fall nicht zu unterschätzenden Vorteile. Man kann sich in Luft auflösen, die unberechenbaren Götter in ihre Schranken verweisen und sich ein Feuer anzünden, wann immer man es braucht. Soviel Macht haben nicht einmal die Götter, dass ihre Pläne nicht von einem höheren Wesen durchkreuzt werden können. In gewisser Weise beruhigt mich das. Allein Zeus mit seinem cholerischen wollüstigen Wesen braucht jemand, der auch ihn in seine Schranken weist, damit er nicht zu viel Dummheiten anstellt. Die Olympier sind wie Kinder, die die Menschen als ihre Spielzeuge ansehen und sie willkürlichen Experimenten aussetzten, um zu sehen, was wohl dabei herauskäme. Keine nette Art mit Schwächeren umzugehen.

Ich ziehe meinen Trolley zu dem Bahnhofsgebäude und steige die Treppen hinauf. Als ich die Schwingtür aufdrücke, steigt mir ein herrlicher Duft von Kaffee in die Nase. Wenn der nur halb so gut schmeckt, wie er riecht, dann muss er ausgezeichnet sein. In der schlichten Halle ist ein kleiner Backshop. Hinter dem Tresen steht eine dralle Verkäuferin, die das Thema Backwaren verkörpert, als sei sie dazu geboren. Ihre blonden Locken fallen in großzügigen Wellen über ihren Rücken, gehalten von bunten Bändern. Die weiße Schürze überstrahlt die Sahnetorten um ein vielfaches und ihr Blümchenkleid schreit „bunte Zuckerstreusel“. Ihre rosa Wangen riechen nach Weihnachtsbäckerei und sie duftet auch so. Marzipan, Zimt, Orangeade und Pfefferkuchen. Der ganze Backshop ist zudem in eine wundervolle Wolke aus frisch geröstetem Kaffee gehüllt. Die Verkäuferin strahlt mich an, und als ich auf sie zusteuere, fragt sie mich:

„Darf ich ihnen einen Kaffee machen?“

„Oh, das wäre herrlich“, seufze ich und sauge sämtliche Wohlgerüche ein, die mir entgegenströmen.

„Café au Lait?!“

„Sie sind eine Hellseherin“, schmunzele ich.

„Und eine Blätterteig-Nuss-Nougat-Schnecke?“

„Oh ja!“

Ich strahle die nette Dame an. Sie gibt das Strahlen zurück und verpackt mir das Blätterteigstückchen in eine weiße Schachtel, deren Ränder hübsch perforiert sind, und bindet sie mit einer roten weiß gepunkteten Schleife zu. Dann lässt sie einen dampfenden Espresso in einen schlichten weißen Porzellanbecher fließen und vermischt ihn mit einer Portion heiß schäumender Milch. Der Duft ist so himmlisch, dass es mir den Atem verschlägt.

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„Da sind wir, Noelle, schau!“

Isidor deutet auf ein Licht ganz in der Nähe. Er läuft vertrauensvoll darauf zu, während ich zögernd folge.

Vor mir steht ein Nomadenzelt ungewöhnlicher Größe. Ich mir sicher, dass es vorhin noch nicht da gewesen sein kann, denn in der Ebene, hätte es auffallen müssen. Normalerweise würde ich mir Gedanken darüber machen. Jetzt ist es mir egal. Wieso sollte ich meine Energie darauf verwenden über ein riesiges Nomadenzelt mitten in der Einöde nachzudenken, wenn irgendwo da draußen ein ominöser Schatten lauert, der mich wegen ein paar Notizbüchern verfolgt und mir ans Leder will.

„Komm, ich will dir meinen Meister vorstellen!“, Isidor winkt mich heran.

„Ach, Isidor“, seufze ich müde.

Der Junge schiebt mich energisch vor sich her ins Zelt hinein. Kostbar ausgestattet mit Teppichen, Fellen, edlen Teakholzmöbeln, seidenen Vorhängen wird es von Lampen erhellt und macht den Eindruck direkt aus 1000 und einer Nacht hier hergezaubert worden zu sein.

„Ist es nicht wundervoll.“

Ehrfürchtig steht Isidor neben mir und seine großen Augen glänzen vor Entzücken.

„Ja, ganz toll.“

Ich lasse mich auf einem Bodenkissen nieder. Meine Füße tun mir weh, mein Rücken fühlt sich an, als wäre er um 10 Jahre gealtert und mein Hirn verweigert mir jeglichen Enthusiasmus.

„Guten Abend“, ertönt eine volle Stimme hinter mir.

„Guten Abend“, erwidere ich den Gruß und drehe mich nach dem Sprecher um.

„Ich sehe ihr seid erschöpft.“

Der Mann tritt aus dem Schatten und kommt auf mich zu. Seine weißen Haare sind zu kunstvollen Zöpfen geflochten und seine hellen Augen sehen mich aufmerksam an. Langsam komme ich mir vor wie eine besonders leckere Auslage in einem Delikatessenladen.

„Ihr seid wirklich so außergewöhnlich, wie ihr mir geschildert wurdet“, sagt er und ein Lächeln huscht über seinen Mund.

„So? Wer hat ihnen denn das geschildert?“, frage ich gereizt.

„Nun“, sagt er geheimnisvoll, „ich habe gute Verbindungen.“

„Oh, alles klar. Bloß keine klaren Worte, alles schön im Dunkeln lassen. Es wäre ja auch zuviel verlangt, mir zu sagen, was los ist. Stattdessen lassen mich alle wie einen Tölpel durch die Gegend laufen. Wenn interessiert schon, dass ich verfolgt werde und demnächst vielleicht in Luft auflöse. Gibt es eigentlich einen von euch, der mir die Wahrheit gesagt hat?“

Der Meister der Elemente sieht mich überrascht an. Er hat wohl damit gerechnet, dass ich mich mit der Situation zufriedengebe. Pech. Ich habe keine Lust mehr auf diese Spielchen und bin Müde. Vielleicht ist alles nur ein Spiel. Ein dummes abgekartetes Spiel. Ich sehe mich um. Da fällt mir eine Lagerstatt auf. Viele weiche Kissen liegen darauf. Ich stehe auf, ziehe meine Schuhe aus und mache es mir bequem. Der Meister sieht mir mit großen Augen zu.

„Mein Name ist Milan.“

Es ist das Letzte, was ich höre, bevor mich ein todesähnlicher Schlaf überfällt.

Ich sah dich

Dunkel deine Silhouette

Gegen die Abenddämmerung

Komponiere dir ein Lied

Aus Stille und Septemberlicht

Irgendwo in dieser Straße

Die mir völlig unbekannt

Lebst du hinter einem leuchtenden Fenster

Zum Teufel mit der Sehnsucht

Ich weigere mich Masken zu tragen

Die mein Gefühl verschleiern

Das Herz ist ein geräumiger Friedhof

Und die bitteren Stricke

Die mich an dich binden

Werden mir zur Falle

Bis die Liebe fragt

Warum weinst du

Ich weiß keine Antwort

Suche sie vergeblich

In meinem Herzrevier

Das übervoll und unendlich leer

Vor meinen Augen steht

In dem ich Worte zu Grabe trage

Denn du bist nicht hier

Um sie entgegen zu nehmen

In dieser verzweifelten Nacht

In der ich vor deinem Haus warte

Auf ein Zeichen von dir

So wünscht ich mir

Du würdest dich erinnern

An meine Augen und mein Lachen

Meine Liebe die du darin sahst

Doch du hast mich verloren

Du konntest nicht glauben

Dass es noch Engel gibt

Das Liebe existiert

Die dir begegnen könnte

So floss mein Herz davon

Mit den Strömen meiner Tränen

Doch meine Liebe hielt sich fest

Am Strohhalm meiner Sehnsucht

Und wenn mein Herz brennt

Es in der Dürre vertrocknet

Der Regen es flutet

Der Sturm es verweht

Nichts kann diese Sehnsucht tilgen

Denn sie durchdringt mich

Jede Pore meiner Haut

Jede Zelle meines Körpers

Hat dich aufgesogen

Du bist ein Teil von mir

Verschmolzen mit meiner Fantasie

Solange ich träumen kann

Wirst du bei mir sein

Umsponnen von unsichtbaren Traumfäden

Spielst du das Theater meiner Sinne

Für ein Lächeln von dir

Sprenge ich meinen Elfenbeinturm

Lege mich in Schutt und Asche

Gebe mich auf

Gebe mich hin

Erschöpft lasse ich den Stift erschöpft. Nachdem ich aus einem traumlosen Schlaf erwachte, fand ich ein Tablett mit Speisen und Getränken vor meinem Lager. Mein Magen knurrte, wie ein wilder Löwe. Ich stillte meinen Hunger, trank ein Glas Wein und holte eines der Notizbücher aus meinem Rucksack.

„Der Beginn eines verschwundenen Zeitalters“.

Genau dass entsprach meinem Zustand. Alles begann neu und doch war es schon verschwunden. Ich wusste nicht wo, bei wem, in welcher Zeit ich mich befand. Alles was ich kannte war verschwunden. Und der, den ich am meisten verloren glaubte, war Raoul. Trotzdem war er es, der mir als Erstes einfiel, als ich meine Augen öffnete.

Ich angelte mir einen Stift aus meinem Mäppchen und meine Worte hatten Lust auf ein Gedicht. So schrieb ich alles so, als säße er vor mir, würde mich mit seinem wunderbaren braungoldenen Blick anschauen und mir die Worte von den Lippen ablesen. Meine Worte fielen wie mit kristallenem Klingen aus meiner sehnsüchtigen Seele und flossen aufs Papier. Aus Allerweltsgedanken wurden silberne Fische im Ozean meiner Sinne. Jedes Wort duftete nach Sinnlichkeit und Lust, die mich fast um den Verstand brachte. Wenn Raoul jetzt hier vor mir stände, würde aus meiner wollüstigen Erinnerung eine Begierde entspringen, dich ich nicht zurück halten könnte.

In meinen Träumen, und auf dem Papier, konnte ich mir alles vorstellen. Gegen die Realität konnte ich gar nichts tun. Dichter leiden an ihrer ach so großen Fantasie. An der Vorstellung der perfekten Liebe, der alles Umfassenden. Und doch hält die Wirklichkeit dem niemals stand. Wenn noch nicht einmal die Götter die Liebe halten konnten, wie sollte es dann jemals ein schwacher von Zweifeln geplagter Mensch können? Das Leid löste Poesie und Lyrik aus, als würden die Musen allein deswegen existieren.

Ich überlege, ob sie Amor dazu auffordern manchmal daneben zu schießen, um einen neuen Dichter zu erschaffen. Warum? Hatten die Musen keine eigene Stimme? Bedienen sie sich der Menschen, um ihren Neigungen nach Kunst Ausdruck zu verschaffen, da sie selbst nur den Anlass geben, aber nicht die Schöpfer sind? Wir sind also nichts anderes als der Spielball der Götter. Wie schon in allen Zeiten vor uns. Nur unser angeblich so fortschrittlicher Glaube hindert uns, die Mächte hinter der Fassade zu sehen.

„Ja, so ist es, Noelle“, höre ich eine silberhelle sanfte Stimme.

Irritiert blicke ich auf. Mein Blick sucht fieberhaft die Umgebung ab, aber ein großer Teil des Zeltes liegt im Schatten. Plötzlich schimmert vor mir ein silberner Nebel auf, der sich zu der Gestalt einer Frau verdichtet. Ich kann nicht anders, als sie anzustarren. Noch nie in meinem Leben habe ich eine so schöne Frau gesehen. Ihr Körper wird nur durch einen zarten Schleier bedeckt und lässt ihre Reize in aller Deutlichkeit zur Geltung kommen. Ihre langen goldenen Locken fallen ihr bis zu den Hüften hinab, wie flüssiges Gold und ihr Gesicht ist ein vollkommenes Bild an Proportion. In der Hand trägt sie eine Laier.

„Sie mich an.“ Traurig blickt sie an sich herab und vergießt eine goldene Träne. „Die Götter haben mir die vollkommene Schönheit gegeben. Ich bin Erate, die Geliebte, und gleichwohl ich alle inspiriere, werde ich von niemandem inspiriert.“

Sie kommt näher und ein lieblicher Duft aus Frühlingsblumen schwängert die warme Luft.

„Ich trage die Leier, als Erkennungszeichen und kann sie doch niemals spielen, weil ich keine Seele habe, wie ihr Menschen. Freud und Leid sind mir fremd. Liebe und Ekstase löse ich aus, fühle sie aber niemals selbst.“

„Was für ein schreckliches Schicksal“, flüstere ich benommen von den schweren Wohlgerüchen, die Erate verströmt, „aber du hast eben eine Träne vergossen.“

„Das ist nur ein Abbild für dich“, sagt sie, „die perfekte Illusion der perfekten Frau. Ich stelle die Abhängigkeiten her und pflanze so den Gedanken zur Schöpfung von Kunst in die Seelen der Menschen.“

„Warum erzählst du mir das?“, frage ich ärgerlich, „wenn wir alle nur ein schlechtes Experiment und die Liebe so eine groß angelegte Täuschung ist, warum bist du dann hier?“

Ein perlendes Lachen entspringt ihren sinnlichen Lippen und wie sie gekommen, verschwindet sie wieder. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Ich habe das Gefühl am Rand des Wahnsinns zu stehen. Nichts ist real, aber doch ist nicht alles Illusion.

Mir fällt da ein russischer Dichter ein, der sich, getrieben von dem Wunsch Schriftsteller zu werden, in schwülstiger Poesie verstieg. Um dem Ganzen ein Ende zu setzen, ging er ins Leben hinaus. Er arbeitete in vielen Berufen, lernte viele Menschen kenne, lebte an verschiedenen Orten. Er schrieb in diesen 10 Jahren seines Wanderdaseins kein Wort. Als die Zeit gekommen war, ließ er sich nieder und begann zu schreiben und hörte sein ganzes Leben nicht mehr damit auf. Leben, um zu schreiben. Das Leben muss gelebt werden, mit allen Höhen und Tiefen, aber es darf die Fantasie nicht auslöschen. Beides muss sich in einer ausgleichenden Symbiose verbinden.

Was mich wegen dieser Sache sehr verwundert ist, dass viele Schriftsteller zu einer ungewöhnlichen Verstiegenheit und größenwahnsinnigen Exzentrik neigen, die dieser Form von Kunst, in meinen Augen, nicht angemessen erscheint. Es ist eine leidenschaftliche Gabe schreibend die Welt zu erkunden, berechtigt aber nicht zu Stolz und Arroganz. Auch wenn ich erhoffe, dass mein Kunst zu meinem Lebensunterhalt und zu meiner Anerkennung beiträgt, so ist dies nur ein Aspekt, der geringe Bedeutung einnehmen muss, im Gegensatz zu der Freude und Befriedigung, die das Schreiben verschafft. Und habe ich nur einen einzigen Leser erreicht und seine Herz erfreut, seine dunklen Stunden leichter gemacht, seine langweiligen mit Spannung gefüllt, seinen unbedarften Geist zum Überlegen gebracht, dann habe ich mein Ziel erreicht. Ich habe unterhalten.

Ich wende meinen Blick von der Dunkelheit ab, hin zu der Seite in meinem Notizbuch. Vor mir steht ein Satz, den ich nicht gedacht, der mir aber aus der Feder geflossen ist.

„Ein Mädchen in schwarzen Seidenstrümpfen, anmutig wie sie wiegenden Schrittes den Raum erobert …“

Ich kann sie direkt vor mir sehen.

„Lasziv beugte sie sich vor und schaute dem Mann an der Bar in die Augen. Sie hauchte ihm ein „Hallo“ entgegen und eine verführerische Wolke ihres Parfüms hüllte ihn ein und macht seine Sinne schwach. Das stillschweigende Versprechen ihm alles zu gewähren verblendete ihn. Er vergaß alles, sah nur noch ihre dunklen Augen mit den langen Wimpern, die erhitzen Wangen und die weiße Haut ihres Brustansatzes, der aus ihrem Mieder quoll. Er dachte nicht mehr an seine Frau, seine Kinder, er gab alles für den Augenblick der Begierde. In ihrem kleinen Zimmer strich er über ihre seidenbestrumpften Beine, berührte andächtig das blaue Strumpfband und löste ihr das Mieder. Ihre rosa Knospen und ihre weißen Brüste wurden von seinen Händen und Lippen gekost, bis sie sich ihm hingab und er einen kurzen Moment der Leidenschaft erlebte. Dann wurde es hell, er legte einen Schein auf ihren Nachtisch, zog sich an und ging wortlos. Für diese wenigen Minuten der Ekstase verfiel er in Schwermut. Denn sein Zuhause erschien im plötzlich glanzlos und leer.“

Ich setze den Stift ab. Lese die Zeilen noch einmal. Interessant, denke ich. Einfach so. Ein Wort an das andere reihen und sehen was passiert. Das gefällt mir sehr. Ich warte einen Moment und schon erscheint ein neuer Satz:

„Sie suchte in Büchern eine eingebildete Sättigung ihrer persönlichen Lebensbegierden. Kein Buch, keine Buchhandlung und keine Bibliothek waren vor ihr sicher. In ihren vier Wänden standen Bücher in allen Zimmern. Die Regale und Schränke vollgestopft mit herrlichen Romanen, die sie verschlang und die ihre Sehnsüchte schürten, obwohl sie sich niemals in Gesellschaft begabt, um Menschen kennenzulernen. In den Ecken stapelten sich Atlanten und Bildbände ferner Länder, die ihre Reiselust entfachten, obwohl sie nicht reiste. Auf dem Beistelltisch in der guten Stube lagen Bücher über Tiere, die sie liebte, obwohl sie nie eins besessen hatte. Die Küchenschränke waren angefüllt mit Kochbüchern aller Art, die ihre Leidenschaft für gutes Essen förderten, obwohl sie nicht kochen konnte. Auf ihrem Nachtisch lagen erotische Romane, die ihr die Nächte versüßten, obwohl sie niemanden hatte, der diese Lust mit ihr teilte.“

Ich halte inne. Geht es mir nicht ähnlich? Ich höre viele aufregende Dinge, begegne interessanten Menschen und doch lebte ich nicht wirklich. Ich sitze in Zügen, steige an Bahnhöfen aus und wieder ein. Meine Lebensgier stille ich durch Komplimente attraktiver Männer, die ich nie wieder sehe, wenn sie an der nächsten Station aussteigen. Bis jetzt hat mir das nichts ausgemacht, aber nun gibt es Raoul. Er hatte etwas in mir ausgelöst, dass ich nicht wieder rückgängig machen konnte. Buchstaben erschienen:

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Wieso war Raoul ausgestiegen, obwohl ich ganz deutlich spürte, dass er sich zu mir hingezogen fühlte? Angst vor Verletzungen? Lieber gleich alles aufgeben, bevor auch nur die geringste Möglichkeit bestehen könnte, sich eine Wunde zu zuziehen? – Das sind mir zu viele wenn’s und aber`s. Wunden. Wie viele Wunden kann ich mir zuziehen, bevor ich rettungslos verloren bin? Wie viel kann ein Mensch ertragen, bis die Seele sich so sehr verdunkelt, dass sie keinen Ausweg mehr sehen kann? Meine Reise erscheint mir sinnlos. Wohin soll ich gehen, wenn ich Raoul nicht mehr finden kann? Es wird keinen Ort geben, an dem ich ohne ihn sein möchte. Ich will gar nichts mehr. Ich habe keine Lust in den Büchern zu lesen, keine Lust zu denken, und wenn ich an Schokolade denke, dann wird mir plötzlich übel. Die Sache mit Justin hat mich mehr mitgenommen, als ich dachte. Ich will lieben und kann es nicht, weil ich nicht frei bin. In meinen eigenen Gefühlen verstrickt bis zum Ersticken.

Es geht ein leichtes Rucken durch den Zug. Ich blicke aus dem Fenster. Auf dem Bahnhofsschild steht: Lands End. Genau der richtige Ort um auszusteigen. Ende des Landes, Ende der Hoffnung. Ich nehme mein Gepäck und verlasse den Zug. Ein Pfiff und die Lok setzt sich in Bewegung. Ganz allein stehe ich hier. Kein aufgeregter Bahnhofsvorsteher, keine Fahrgäste, die warten oder ausgestiegen sind, außer mir. Aber was habe ich auch erwartet? Einen großen Bahnhof jedenfalls nicht. Ich setze mich auf die schäbige Bank auf dem Bahnsteig und starre auf die Gleise. Ich bin kraftlos, am liebsten würde ich mich auf die Gleise werfen und auf einen Zug warten, der mich erlöst. Gleichzeitig schießt mir ein absurder Gedanke durch den Kopf: was wenn gar kein Zug mehr kommt? Dann werde ich auf den Gleisen verhungern und verdursten. Ich entschließe mich dazu, auf eine Art zu reisen, die ich lange nicht mehr ausgeübt habe. Auf Schusters Rappen, heißt das glaube ich.

Ich erhebe ich mich, schultere meinen Rucksack und verlasse das Bahnhofsgebäude, dass diese Bezeichnung keineswegs verdient hat. Es ist nur eine gemauerte Attrappe, mehr nicht. Vor dem Bahnhof ist nichts. Lands End. Zumindest diese Bezeichnung passt hervorragend. Einzig eine staubige Straße, die wie ein unendliches Band vor mir liegt, und am Ende meines Blickes auf den Horizont trifft ist zu sehen. Mich wundert allerdings, dass sie von hier fortführt. Ich habe schon befürchtet, dass man nur an diesen Ort gelangen, ihn aber nicht mehr verlassen kann. Es muss Nachmittag sein, denn der Glast lag in seinem ganzen Schimmer über der kargen Ebene.

Ich las dieses Wort an einem fernen Tag und seitdem hat es sich in meinem Gedächtnis niedergelassen, ohne es wieder verlassen zu wollen. Ich habe dieses besondere Licht schon lange nicht mehr gesehen. Dazu waren Züge zu schnell. In dem Wort Glast verbirgt sich dieses ganz besondere Licht, das sonst nur Dichter benutzen, weil es für die triviale Prosa zu Aufsehen erregend ist.

Während ich meinen ersten Schritt auf die Straße setze, erfasse ich den Glast mit allen Sinnen. Ich rieche die Wärme, die der Sand gespeichert hat, und höre das Zirpen der Grillen, die sich kaum bändigen können vor Überschwang. Und über dem Land liegt dieser eigentümliche Glanz, ein Flirren in der Mittagshitze. Am schönsten ist es, wenn der Glast über einem Gewässer zu sehen ist. Ein mattes Gleißen und Schimmern. Wenn eine leichte Brise über das Wasser streicht, verwandelt der Glast die durchsichtige Flüssigkeit in ein funkelndes Meer aus Silber. Immer weiter tragen mich meine Füße. Und in Gedanken höre ich die Worte die Bilbo zu Frodo sagte:

„Es ist gefährlich, Frodo aus der Tür zu treten und seine Füße auf die Straße zu setzen, denn man weiß nie, wo sie einen hinführt.“

Aber er sagte auch:

„Die Straße gleitet fort und fort, weg von der Tür, wo sie begann. Weit über Land, von Ort zu Ort, ich folge ihr so gut ich kann.“

Ich möchte mir nicht anmaßen, den Hobbits Konkurrenz zu machen, aber ich werde der Straße folgen und sehen, wohin sie mich bringt. Ich werde sehen, ob ich mich in einem gekrümmten Raum befinde oder ob die Straße gerade vor mir herlaufen wird. Allerdings habe ich das Gefühl mich in einer verbogenen Zeit zu befinden. Ich rase in einer Schleife durch die Zeiten und komme niemals an. Aber vielleicht kann mich das archaische Ritual des Wanderns aus der Schleife befreien.

Ich bin schon eine ganze Weile unterwegs. Wie lange kann ich nicht sagen, unter diesem strahlenden Himmel und in der Weite, lässt sich dass nicht einschätzen. Da sehe ich vor mir eine Baumgruppe. Das ist ein schöner Platz zum Ausruhen. Ich wandere darauf zu und bin erfreut, als ich sehe, dass die Bäume an einem See stehen.

Das Wasser ist glatt wie ein Spiegel. Ich stelle mein Gepäck ab, entkleide mich ohne Scheu, hier in dieser Einöde wird mir niemand begegnen, da bin ich sicher, dann prüfe ich die Wassertemperatur. Mit einem Satz springe ich ins erfrischende Nass. Mit langen Zügen durchmesse ich den See. Lange habe ich mich nicht mehr so wohl und entspannt gefühlt. Das Schweben auf dem Wasser, die Leichtigkeit, das kühle Wasser, dass meine erhitze Haut umschmeichelt, versetzt mich in einen tranceartigen Zustand. Das Wasser umschließt mich wie ein Kokon. Die Vorstellung ich könnte mich einspinnen, schlafen bis meine Verwandlung abgeschlossen ist, und dann als ein schöner Schmetterling aus meiner Zelle schlüpfen, gefällt mir.

Entgegen den Meinungen der Männer, die mir viele Komplimente gemacht haben, finde ich mich nicht besonders schön. Ich mag meine roten Locken und meine Augen, aber mein Mund ist zu klein und die Sommersprossen auf der Nase, na ja. Meine Leidenschaft für Schokolade lässt meinen Körper nicht eben wie den einer Gazelle erscheinen. Ich bin nicht dick, aber meine Rundungen sind eher barock zu nennen. Gut proportioniert, fest und glatt, aber mit einem Hauch Rubens. Ich steige aus dem See und betrachte mein Spiegelbild. Mir gefällt, was ich sehe. Meine Silhouette ergibt ein ausgewogenes Bild und meine weiße Haut schimmert im Wasser.

Plötzlich gerät das Wasser in Bewegung. Hastig weiche ich zurück und fixiere den Wasserspiegel. Vor meinen Augen öffnet sich ein Strudel. Wie gebannt stehe ich da und kann mich nicht abwenden. Immer stärker rauscht das Wasser, dann durchbricht ein Mann die Oberfläche und nähert sich dem Ufer. Über seinen muskulösen Körper läuft das Wasser und zwei strahlend blaue Augen sehen mich mit begehrlichem Blick an. In seinem blonden Schopf und seinem Bart hängen glitzernde Tropfen. Am meisten irritiert mich allerdings der Dreizack in seiner Hand. Seine Augen haben eine hypnotische Wirkung. Langsam gehe ich auf ihn zu. Je näher ich dem Wasser komme, je stärker wird seine Anziehung auf mich. Ich sehe nur noch seine Augen, blau wie der Himmel, der sich in seinem See spiegelt. Aber hinter diesem Blau erkenne ich eine unendliche Tiefe, die des Meeres. Er spricht kein Wort und doch höre ich seine Stimme, die mich umschmeichelt, ein leichtes Säuseln, das mich schwindlig macht. Kurz bevor meine Füße wieder das Wasser berühren, höre ich eine aufgeregte helle Stimme hinter mir:

„Nein! Nicht weiter gehen! Sonst sind sie verloren.“

Aufgeschreckt aus meiner Trance weiche ich zurück. Eine kleine Hand packt meinen Arm und reißt mich vom Ufer weg.

„Ihr dürft das Wasser nicht berühren, sonst gewinnt Poseidon Macht über euch und ihr kehrt nie wieder zurück.“

Neben mir steht ein Junge, nicht älter als zehn Jahre.

Verwirrt sehe ich von ihm zu dem Mann im Wasser. Poseidon. Ich würde mich wundern, wenn ich auf meiner Reise nicht schon soviel außergewöhnliche Dinge gesehen hätte. Poseidons Blick sprüht Funken. Er scheint sehr wütend darüber zu sein, dass sein Fangversuch schief gegangen ist. Ich höre ein wildes Rauschen und Stürmen. Blitzschnell taucht er ab und eine gewaltige Woge überrollt ihn und überspült den Strand bis zu meinen Füße. Knöcheltief stehe ich in der Flut. Der Junge zerrt an mir.

„Komm, komm weg aus dem Wasser“, schreit er aufgeregt, „das ist sein Element. Es wird dich in die Tiefe ziehen!“

Noch ehe ich reagieren kann, reißt es mich von den Füßen. Das Wasser besteht plötzlich aus Händen, die mich packen und immer weiter zum See zerren. Ich wehre mich aller Kraft, aber gegen diese geballte Macht kann ich bestehen. Da ertönt eine laute gebieterische Stimme. Sie spricht in einer fremden Sprache. Ich kann die Worte nicht verstehen, aber ich spüre ihre große Macht. Immer lauter hallt die Stimme über den See. Von Sekunde zu Sekunde lässt das Zerren an mir nach, bis das Wasser völlig zurückgegangen ist. Der Junge steht auf einem großen Stein, beide Arme ausgebreitet und die Augen geschlossen. Er hat diese Stimme hervor gerufen und Poseidon zurück in sein Reich gedrängt.

„Komm, wir müssen weg von hier. Ich kann Poseidon eine Weile aufhalten, aber jetzt wo er dich gesehen hat, wird er wieder kommen.“

Schnell ziehe ich mich an und folge dem Jungen zurück zur Straße. Er trägt einen hübschen Anzug aus blauer Seide, mit Troddeln und silbernen Tressen, dazu schwarze glänzend polierte Stiefel.

„Danke für deine Hilfe. Wie heißt du?“, frage ich ihn.

„Isidor Lilienstein“, sagt er und lächelt, „und du bist Noelle, nicht wahr.“

„Ja. Woher weißt du das?“

„Nun, ich kenne die Orte sehr gut, wo sich die Elfen und ihr Gefolge treffen.“

„Dann kennst du also Puck, wenn ich richtig liege?“

Isidor lacht.

„Genau. Und er hat mir von dir erzählt.“

Ich stimme in sein Lachen ein.

„Warum wundert mich das nicht?“

„Weil du ein kluges Mädchen bist.“

„Sag mir“, frage ich ihn, „bist du ein Zauberer?“

Er macht eine unbestimmte Handbewegung.

„Nicht so ganz. Man nennt so etwas wie mich Elementare. Wir beherrschen die Elemente: Feuer, Wasser, Erde und Luft. Ich bin noch ein Schüler und beherrsche immer nur eins auf einmal. Aber die Meister können mit allen vier jonglieren, als wären sie nichts.“

„Das hört sich sehr spannend an“, stelle ich fest.

„Ist es auch, glaub mir.“

Isidors helle Augen strahlen mich begeistert an. Sein hübsches Gesicht wird von einer Stupsnase mit Sommersprossen dominiert, eingerahmt von schwarzen Locken, die beim Lachen auf und ab wippen.

„Würdest du gerne meinen Meister kennenlernen?“

„Warum nicht?“, sage ich möglichst emotionslos.

Immerhin kann man nie wissen, was sich hinter diesem harmlosen Meister verbirgt. Wenn aus einem hübschen kleinen  See Poseidon persönlich steigt und mich in die Tiefe des Ozeans reißen will, wer weiß, was dann mit einem Mann los ist, der mit vier Elementen gleichzeitig um sich wirft.

„Toll. Er wird sich freuen dich zu sehen“, Isidor hüpft fröhlich neben mir her, „es ist nicht mehr weit.“

Ich halte Ausschau nach irgendetwas, dass wie eine Behausung aussieht. Ein Zelt oder eine Höhle. Vielleicht auch nur ein Lagerfeuer, aber es ist nichts zu sehen. Ich weiß nicht wie viele Kilometer ich heute zurückgelegt habe, aber die Umgebung hat sich noch nicht grundlegend verändert. Immer noch wandere ich in einer steppenartigen Ebene. Inzwischen sind am Horizont, wie ein Gebilde aus Nebel ferne Berge zu erkennen. Neben dem niedrigen Gestrüpp bereichern jetzt Büsche und kleine Bäume das Landschaftsbild. Nur von einer Behausung ist nichts zu sehen.

„Sag mal“, frage ich Isidor, „ist Poseidon wirklich so schlimm?“

„Schlimmer“, erwidert der Junge und macht ein besorgtes Gesicht, „er lockt Mädchen an, dann verwandelt er sie in seinesgleichen und bringt sie in seinen Unterwasserpalast. Dort werden sie gehalten wie Gefangene. Sie gehören nicht zu den echten Meernixen und können doch nicht mehr zurück an Land. Oder hast du schon einmal einen Menschen mit Fischschwanz gesehen.“

„Nein, habe ich nicht“, gebe ich zu.

„Manchmal, in Vollmondnächten erlaubt Poseidon ihnen an die Wasseroberfläche zu kommen. Dort vergießen sie heiße Tränen und singen traurige Lieder, die die Seeleute in den Wahnsinn treiben und Schiffbruch erleiden lassen. Dann solltest du Poseidons Lachen hören“, Isidor schüttelt traurig den Kopf, „und die armen Mädchen vergießen noch heißere Tränen, weil sie Unschuldige in den Tod gerissen haben.“

„Könnt ihr Elementare nichts dagegen tun?“

„Nicht sehr viel. Sich mit Poseidon anzulegen ist nicht sehr ratsam. Schließlich hat er es sich nicht ausgesucht, der Herrscher der Meere zu sein, sondern Zeus hat ihn dort hin verfrachtet. Diese Schmach hat er bis heute nicht vergessen.“

„Findest du nicht, dass Götter weniger rachsüchtig sein sollten? Wenn sie die Schöpfer der Menschen und der Erde sind, sollten sie ihrer Schöpfung helfen und nicht zu einem Spielball ihrer Leidenschaften machen.“

„Du hast Recht, aber sag das mal den Göttern“, er senkt die Stimme, „die sind nicht gerade mit Intelligenz und Sanftmut gesegnet.“

„Sag mir, Isidor, du bist doch ein schlaues Kerlchen, kannst du mir sagen, wo ich eigentlich bin? Ich bin schon lange auf der Reise, aber noch nie, habe ich solche außergewöhnlichen Erlebnisse gehabt.“

„Weißt du noch, wann es anfing?“, fragt er.

„Ja, es war kurz, nachdem ich die Notizbücher von Herrn Grimm fand.“

„Und du hast sie aufgeschlagen?“

Isidor ist ganz blass um die Nase. Er schaut mich an, als sei ich ein Gespenst.

„Ja, warum nicht? Es war ein Brief dabei, der an mich gerichtet war und ich dachte mir nichts Böses dabei.“

„Na, das kann ich mir vorstellen. Dein Wagemut grenzt an Dummheit. Hat man dir als Kind nicht beigebracht, nichts von Fremden anzunehmen?“

Isidor ist für sein jugendliches Alter sehr bestimmt und altklug.

„Ich weiß es nicht. Ich bin eine Verlorene“, erkläre ich.

„Jetzt wundert mich nichts mehr“, seufzt Isidor.

„Hör bitte auf, herum zu orakeln. Erkläre mir lieber, was das bedeuten soll.“

„Wie soll ich dir das erklären?“

Isidor macht ein unglückliches Gesicht.

„Fang einfach an.“

„Also, Herr Grimm reist schon seit ewigen Zeiten durch die Lande, um einen Nachfolger für sich zu finden. Er ist auch ein Verlorener gewesen und hat das Amt des Geschichtenerzählers vor vielen, vielen Jahren von einem Reisenden übertragen bekommen, genau wie du. Aber das Entscheidende ist, dass jeder neue Geschichtenerzähler von einer schrecklichen Kreatur verfolgt wird, die versucht seine Fantasie und seine Liebe zu fressen und die Welt in einen kalten Rationalismus zu stürzen, der jegliche Farbe und Freud verschlingt. Alles wird dann automatisch ablaufen, für Spontaneität und Ideen wird es keinen Platz mehr geben.“

Er macht eine bedeutungsvolle Pause. Ich versuche das Gehörte zu verarbeiten. Aber das, was Isidor mir eben gesagt hat, kommt mir völlig wiedersinnig und verrückt vor.

„Kannst du dir eine Welt ohne Musik, Tanz, Kunst und Lachen vorstellen?“

Ich schüttele den Kopf.

„Ich verstehe, dass dir das auf den Magen schlägt. Wenn man das zum ersten Mal hört, haut einen das bestimmt um.“

„So könnte man das auch nennen. Aber wer sollte Interesse daran haben, die Fantasie und die Liebe abzutöten?“

„Kannst du dir das nicht denken?“, fragt Isidor, „es sind Mammon, Arroganz, Dummheit und Bosheit. Du hast doch schon selbst die Erfahrung gemacht. Erinnerst du dich nicht?“

„Doch, leider“, antworte ich, „aber ich wünschte ich könnte das vergessen.“

„Du solltest nicht vergessen. Wissen ist dein einziger Schutz. Die Menschen sind von Hektik, Gier nach schnellem Geld und Rücksichtslosigkeit geprägt, da bleibt für die wichtigen Dinge im Leben keine Zeit. Die Geschichtenerzähler sind die Einzigen, die sich dieser Krankheit des Vergessens in den Weg stellen, aber dafür müssen sie ihre eigenen Dämonen und die Schatten besiegen, die sie zerstören wollen.“

Ich habe plötzlich das Gefühl, mein Rucksack, mit den Büchern des Jacob Grimm, ist schwer wie Blei. Sie lasten auf mir, wie Felsbrocken. Ich kann keinen Schritt mehr gehen.

„Es tut mir leid, Isidor, aber ich kann nicht weiter gehen. Ich bin müde und mein Rucksack lastet auf mir.“

Erschöpft lasse ich mich auf einem Stein nieder, der am Wegesrand liegt.

„Du Arme, das hat dich aber ganz schön mitgenommen!“, stellt Isidor erschrocken fest, „aber ich darf dich nicht hier lassen. Mein Herr hat mir aufgetragen dich sicher zu ihm zugeleiten. Wenn ich dich nicht zu ihm bringe, dann kriege ich riesigen Ärger.“

Für einen langen Augenblick sehe ich Isidor an.

„Na, gut, aber lange kann ich nicht mehr laufen. Das ist heute einfach zu viel gewesen.“

„Gut, dann komm, bevor die Nacht hereinbricht. Ich werde dir helfen und deinen Koffer ziehen.“

Diensteifrig schnappt er sich den Trolley und marschiert los. Wortlos schultere ich meinen Rucksack wieder und folge ihm. Ich frage mich, warum Herr Grimm ausgerechnet mich ausgesucht hat? Liam sagte doch, es gäbe andere Verlorene. Ich wollte doch nur einen Ort finden, der meine Heimat werden könnte. Nun war ich praktisch auf der Flucht. Da kommt mir der Gedanke, dass alles nur ein Traum sein könnte. Ich werde irgendwann aufwachen und alles ist wieder normal.

„Leider nicht“, höre ich Isidor, „das hier ist kein Traum.“

„Liest du etwa meine Gedanken?“, frage ich gereizt.

„Entschuldige, nur ein bisschen. Wenn ich nicht aufpasse, kommt das vor, aber nur ausversehen“, rechtfertigt Isidor seinen Ausrutscher.

„Na, gut. Aber jetzt ist Schluss“, gebiete ich ihm energisch.

Isidor nickt eifrig. Schweigsam gehen wir weiter.

Rasch verwandelt sich die Dämmerung mit einem wilden Aufflammen aller Rotschattierungen in Nacht.

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„Oh, Miss, wie schön, dass sie da sind!“, höre ich die dienstbeflissene Stimme des Bahnhofsvorstehers, „es hat ja lange gedauert, aber heute fährt endlich wieder ein Zug.“

„Wie lange hat es denn gedauert?“, frage ich vorsichtig und ich befürchte insgeheim, die Antwort könnte mir nicht gefallen.

„Nun, der Aufenthalt bei Lady Shelley muss sehr unterhaltsam gewesen sein, wenn sie sich nicht mehr erinnern, wie lange sie hier waren.“ Er lächelt Beifall heischend. „Immerhin ist es schon drei Monate her, dass sie angekommen sind.“

Drei Monate!? Das kann nicht sein. Darf einfach nicht sein.

„Sind sie sicher?“, frage ich ängstlich nach, es könnte ja möglich sein, dass ich mich verhört habe.

„Aber ganz sicher, Miss“, er reckt sich zu voller Größe auf, „ich bin Bahnhofsvorsteher und muss darüber bescheid wissen.“

Der Mann nimmt meinen Koffer und schleppt ihn in den Bahnhof. Antriebslos folge ich ihm. Drei Monate. Raoul. Drei Monate. Der Zug steht auf den Gleisen. Der Schaffner läuft aufgeregt auf und ab.

„Miss, endlich“, atemlos bleibt er vor mir stehen, „wir warten schon seit einer halben Stunde auf sie. Da wird der Zugführer aber ordentlich Kohle schaufeln müssen, um die Zeit wieder aufzuholen. – Kommen sie, steigen sie ein!“

Der Bahnhofsvorsteher wuchtet meinen Koffer in den Zug und schubst mich fast hinter her. Eine halbe Stunde warten? Drei Monate! Ich stehe kurz vor einer Krise. Der Schaffner steigt in den Wagon, lässt den schrillen Ton seiner Trillerpfeife ertönen und schwenkt seine Kelle.

„Gute Reise, Miss.“

Der Bahnvorsteher schwenkt seine Mütze zum Abschied und der Zug setzt sich mit quietschenden Rädern in Bewegung. Ich gehe in ein leeres Abteil, lasse mich erschöpft in den Sitz am Fenster fallen und sehe hinaus. Das kann doch nicht wahr sein? Mein Verstand will nicht verstehen, was mein Herz gesehen hat.

„John, was hast du getan“, flüstere ich.

„Darf es etwas sein? Ein Kaffee vielleicht?“, reißt mich die freundliche Stimme einer Zugbegleiterin aus meinen Gedanken.

„Ja, gerne. Ich habe heute Morgen noch keinen getrunken.“

Mein Magen knurrt.

„Hätten sie auch etwas Essbares?“

„Aber sicher doch. Sie sehen aus, als hätten sie eine schlimme Nacht hinter sich.“

Die nette Dame gießt mir einen großen Becher Kaffee ein und reicht mir einen Teller mit zwei Muffins. Sie verströmen einen tröstlichen Duft nach Frischgebackenem.

„Ja, da haben sie Recht“, sage ich und denke, „drei Monate! Drei!“

Die Dame nickt mir mit einem liebenswürdig Lächeln zu.

„Machen sie sich keine Sorgen, Zeit heilt alle Wunden.“

„Danke“, erwidere ich.

Und die Wunde wird alle Zeiten heilen. Ich habe Raoul verloren, John hat sich für mich geopfert und Lancelot irrt durch die Zeit, um mich zu beschützen. Ich nippe an meinem Kaffee und ein paar Tränen fallen in die heiße Flüssigkeit. Ich fürchte, ich bin nicht nur verloren, sondern auch verflucht. Was sagte Lancelot damals? Es gibt jemand der Menschen verfolgt, die Welten von Fantasie in sich tragen und ich würde zu diesen besonderen Menschen gehören. Kann das wahr sein? Dann wünschte ich, dass sie in diesem Moment verfliegt, damit niemand meinetwegen mehr leiden muss.

„Wünsch dir das niemals!“

Lancelot sitzt plötzlich neben mir.

„Aber siehst du nicht, was geschieht?“, frage ich verzweifelt.

„Alles wird gut“, beruhigt mich Lancelot und streicht zärtlich über meine Hand, „glaub mir. Aber wünsch dir nie wieder, den Verlust deiner Fantasie. Wenn du dies tust, hat ER schon gewonnen und alles was ich und die anderen erlitten haben, wird umsonst gewesen sein.“

„Was soll ich tun?“

„Das, was deine Bestimmung ist. Du musst finden, was du suchst und dein Schicksal erfüllen.“

Mutlos sehe ich Lancelot an.

„Was ist mein Schicksal?“

Lancelot lächelt und küsst sanft meine Hände.

„Sieh in dein Herz und du wirst es wissen.“

Sein Bild verschwimmt vor meinen Augen. Er löst sich in einem Bündel aus Sonnenlicht auf, der durch das Abteilfenster fällt. Zurück bleiben nur die schwebenden Staubpartikelchen, die in den goldenen Strahlen blinken, wie glitzernde Fischschuppen.

„Sei eine Geschichtenerzählerin“, höre ich ein Flüstern.

„Geschichtenerzählerin“, murmele ich.

Das wollte ich schon immer sein, aber ich traute mich nicht. Ich las gerne vor, wenn andere mich darum baten, aber eigene Geschichten erzählen? Bin ich dazu fähig? Lancelot sagte, ich sollte auf mein Herz hören, aber ich habe gerade nicht das Gefühl, mein Herz könnte mir irgendetwas Zuverlässiges sagen. Da war die Sache mit John. Während ich Liam als Freund betrachten kann, ist die Sache mit John anders gelagert. Ich kann hören, was mein Herz mir sagt:

„Er hätte der Richtige sein können.“

Und ich bin ehrlich genug es zuzugeben. Ich hatte es gespürt. Aber es war nur ein „hätte“. Denn ich habe mein Herz schon längst verschenkt. Raoul hatte es mit genommen, als er mich verließ. John füllte diese Lücke und ich hatte solche Sehnsucht nach Nähe, Zärtlichkeit, dass ich mir keine Gedanken machte. Raoul hat mir das Kostbarste gestohlen, die Freiheit. Ich kann nicht lieben, wen ich will, denn Raoul lässt es nicht zu. Solange er mein Herz in Händen hält, bin ich verlorener denn je. Es gibt nur eine Möglichkeit, ich muss versuchen mein Herz zurückzuholen. Ich liebe ihn voller Schmerz, aber ein Geschichtenerzähler braucht das Glück genauso, wie den Schmerz. Wir können keine Gefühle auslassen. Freude, Trauer, Angst, Erleichterung, Hochmut, Bescheidenheit, Liebe und Hass, gehören zu unserer Fantasie. Meine Suche wird also weiter gehen. Der Duft der Muffins dringt immer stärker in meine Gedanken. Ich spüre meinen Hunger, nehme das Muffin mit dem feinen Schokoladenguss und beiße hinein. Eine Welle des Wohlgefühls durchströmt mich. Ich werde einen Weg finden, die zu sein, die ich bin.

Ich erwache aus einem tiefen dunklen Schlaf. Ich bin mir sicher, dass ich etwas geträumt habe, denn ein beunruhigendes Gefühl hat mich erfasst. Außerdem fühle ich mich zerschlagen und gereizt. Ich kann mich kaum noch erinnern, wann ich das letzte Mal in einem weichen Bett geschlafen habe. Der Zug durchquert eine steppenartige Landschaft unter einem stahlgrauen Himmel, der heftige Windböen über die niedrigen Gräser jagt. Mir ist kalt. Ich hole einen breiten Wollschal aus meinem Koffer und hülle mich darin ein. Ich bemerke eine silberne Thermoskanne, an der ein Zettel hängt. „Mit besten Grüßen, der Bordservice“, steht darauf. Dem Himmel sei dank, wenigstens ein Kaffee zum Aufwärmen. Froh über das fürsorgliche Geschenk, öffne ich die Kanne und gieße mir einen Kaffee ein. Ich trinke in kleinen Schlucken und genieße es, das heiße Getränk meine ausgetrocknete Kehle hinab laufen zu lassen. Ich seufze leise. Um mir die Zeit zu vertreiben, nehme ich eins der Notizbücher zur Hand. „Beginn eines unbekannten Zeitalters“

Ich schlage es auf der ersten Seite auf und beginne zu lesen:

„Ich war verliebt. So verliebt, wie man es nur sein kann. Nicht in irgendetwas Bestimmtes oder in irgendjemand. Nein, ich war verliebt in das Leben und die Liebe an sich. Ich erhielt mir diese Verliebtheit manchmal sogar auf künstliche Weise. Nur um diesen Rausch, die Ekstase zu verspüren und in einen unglücklich, glücklichen Zustand zu gelangen, der meine Kreativität und meine Inspirationen, gemeinhin als Musenküsse belächelt, frei zu setzen.

Das gelang mir in dem ich, sobald ich eines schönen Mädchens ansichtig wurde, ein romantisches Gefühl für sie entwickelte und in ihr meine große Liebe erkannte, bis mir das nächste Mädchen über den Weg lief. So wurde mir niemals langweilig, da ich nach Belieben eine neue Romanze aus meinen Fantasien schöpfen konnte, ohne jemals in das triste Gefühl eines grauen Alltags abgleiten zu müssen. Die Herzen der Mädchen flogen mir zu und ich konnte mir aussuchen, wem ich mein Herz, oder dass was ich dafürhielt, schenken wollte. Mein Leben malte sich in den buntesten Farben, ohne jemals den bittersüßen Scherz des Verlassenen zu spüren, da ich immer einer neuen Raupe begegnete, die sich in meinen Illusionen zu einem Schmetterling verwandelte.

Damals wusste ich noch nichts von der Liebe, obwohl ich dachte, alles zu wissen. Dann kam der Tag, an dem ich erfahren sollte, was Liebe ist. Das neue unbekannte Zeitalter begann damit, dass ich erkannte, dass ich meine beste Freundin Sara liebte. Wir kannten uns seit Kindertagen, hatten Freud und Leid geteilt. Jeder kannte den Gedanken des anderen, ohne ihn ausgesprochen zu haben. Durch verwickelte Umstände verließ sie mich, weil sie dachte, ich hätte mich ernsthaft in ein anderes Mädchen verliebt. Und noch bevor ich es wusste, wusste Sara, dass zwischen uns mehr war als Freundschaft. Um meine Beziehung zu dem anderen Mädchen nicht zu gefährden, ging sie fort. Es dauerte nicht lange und ich spürte, dass mir etwas fehlte. Sara. Ich dachte immer an sie. Kaum eine Minute verging, in der ich nicht daran dachte, was Sara jetzt sagen oder tun würde, ob sie sich ärgern, oder glücklich sein würde. Nachts sah ich ihr Gesicht in meinen Träumen, spürte ihren biegsamen warmen Körper in meinen Armen, nur um am Morgen aufzuwachen und allein zu sein. Noch nie in meinem ganzen Leben hatte ich mich so einsam und leer gefühlt. Mein törichtes Herz hatte meine wechselnden Schwärmereien für Liebe gehalten, aber die wahre echte Liebe hatte ich nicht gesehen, obwohl sie direkt vor mir gestanden hatte. So begann die Suche nach Sara, meiner einzig wahren Liebe.“

Ich blättere die Seite um und lese weiter. Mit einer Neugier, die man beinahe voyeuristisch nennen könnte, sauge ich die Sehnsüchte eines Mannes auf, der mir noch nie begegnet ist. Andererseits ist es nicht ausgeschlossen, dass der nette Herr Grimm diese Texte nicht selbst geschrieben hat.

„An die Geliebte:

Mein Herz zerspringt vor Sehnsucht. Keine Minute vergeht, in der ich nicht an dich denke. Ich sehe dich vor mir, wie bei unserer ersten Begegnung. Je weiter du fort bist, um so mehr verzehre ich mich nach dir. Meine Seele ist leer ohne deine Liebe. Wo bist du? Gib mir ein Zeichen dich zu finden. Meine Tränen füllen Ströme. Mein Herzblut tropft in einem fort. Du bist mein Herz, mein Leben. Gib mir ein Zeichen, dass ich hoffen kann, wo es keine Hoffnung mehr gibt. Meine Einsamkeit lässt mich erfrieren und doch wärmt meine Liebe zu dir mein krankes Herz. Im Fieber seh ich dein Gesicht, deine dunklen Augen verbrennen meine Seele, deine Lippen kosten meine salzigen Tränen. Warum gingst du ohne ein Wort? Meine Verzweiflung verschlingt mich, ein Abgrund in der Nacht. Ich kann nicht essen, nicht schlafen, nicht atmen ohne dich. Liebe ist wie ein wildes Tier. Hat dich ihr Biss erst infiziert, gibt es keine Heilung. Nimm mir alles, nackt und bloß will ich vor dir sein, aber nimm mir nicht deine Liebe. Meine Haut sehnt sich nach deinen Liebkosungen, mein Körper verzehrt sich nach deinem, meine Lippen suchen deinen Mund. Ohne dich gibt es nichts. Du bist Anfang und Ende. Mein Leben, meine Liebe beginnen mit dir, enden mit dir. Durch dich hab ich mich gefunden. Als du fortgingst hab ich mich verloren. Ich erinnere meine Träume, alle sprechen von dir. Deine Augen wachen über meinen Schlaf. Vergiss mich nicht. Komm zurück und liebe mich.“

Ich schließe die Augen und presse das Buch an meine Brust. Die Worte haben mir aus der Seele gesprochen. Ganz fest stelle ich mir Raouls Augen, sein Lächeln und seine Hände vor. Ich spüre, wie seine Fingerspitzen über die empfindliche Haut an meinem Hals gleiten. Fühle seine sinnlichen Lippen, die den gleichen Weg nehmen, über meine Wangen, meine Stirn und meine Nase, bis zu meinem Mund.

„Hallo, ist alles Ok mit ihnen?“

Erschrocken reiße ich die Augen auf und lasse mein Buch fallen.

„Sorry, ich wollte sie nicht erschrecken“, sagt ein schöner Mund, der zu einem ebenmäßigen Gesicht gehört und aus dem mich zwei dunkelbraune Augen neugierig anschauen.

„Dann hätten sie das nicht tun sollen!“, erwidere ich wütend, reiße ihm das Notizbuch aus der Hand, dass er aufgehoben hat und mir entgegenhält.

„Ich bin übrigens Justin“, stellt er sich vor und streckt mir die Hand entgegen.

Sein entwaffnendes Lächeln macht es mir schwer zornig zu bleiben und ich lege meine Hand in seine.

„Ich bin Noelle“, entgegne ich.

„Schön sie kennenzulernen, Noelle. Darf ich fragen, wohin sie reisen?“, fragt Justin und setzt sich mir gegenüber.

„Sie dürfen fragen, aber ich muss ihnen nicht antworten.“

„Sie scheinen eine misstrauische junge Dame zu sein“, stellt Justin amüsiert fest.

„Früher war das nicht so, aber ich fürchte, dass ich vorsichtiger werden muss, wenn ich mein Ziel erreichen will.“

Justin sieht mich interessiert an, oder sollte ich sagen, er mustert mich ausgiebig. Lässig hat er die Beine übereinandergeschlagen. Sein enges Shirt lässt einen Blick auf seinen trainierten Körper zu, und seine gepflegten Hände hat er ineinander verschränkt in seinen Schoß gelegt. Ein bemerkenswertes Bild aus Selbstbewusstsein und gutem Aussehen. Ich muss zugeben, dass mir ein Mann mit so einem Auftreten noch nicht oft begegnet ist, um nicht zusagen, nie. Es sei denn, er hätte ein gewisses Alter und ein Bewusstsein erreicht, dass ihm dieses Auftreten sichert. Justin ist noch keine dreißig Jahre alt, aber seine Selbstsicherheit ist die eines gereiften, erfahrenen Mannes. Diese Mischung aus Jugend und Reife wirkt sehr anziehend, ja geradezu aufreizend attraktiv. Besonders da Justin sie auf ganz natürliche Weise ausstrahlt. Nichts Aufgesetztes oder Falsches ist an seinem Auftreten zu erkennen.

„Gefällt ihnen was sie sehen?“, fragt er spöttisch.

„Dasselbe könnte ich sie auch fragen“, erwidere ich schlagfertig.

„Touche!“

Justin lacht und die winzigen Fältchen um seine Augen geben ihm den letzten Schliff.

„Sie sind sehr dreist“, bemerke ich, „wir kennen uns nicht und sie stellen solche Fragen.“

„Ich würde das pragmatisch nennen. Denn, wie sie ja wissen, ist Zeit ein relativer Faktor. Da wir uns in einem Zug befinden, aus dem einer von uns demnächst aussteigen könnte, muss man diese Dinge sobald wie möglich klären.“

Vor Erstaunen bleibt mir der Mund offen stehen. Die Direktheit mit er diese These in den Raum stellt, haut mich um.

„Mit welchem Ziel“, frage ich, „müssen sie das feststellen?“

Justin grinst und beugt sich vor. Seine Augen dringen dabei tief in meinen Blick.

„Muss ich dir auf diese Frage tatsächlich eine Antwort geben?“

Ich kann es nicht glauben. Er ist nicht nur dreist, er ist geradezu frech und mein Herzschlag erhöht sich um einige Schläge, während mir die Hitze ins Gesicht steigt.

„Seit wann duzen wir uns?“, frage ich aus Ermangelung einer besseren Idee.

Justin hält meinem empörten Blick stand und schmunzelt nur zufrieden. Es macht ihm Spaß mich aus der Fassung zu bringen. Ich sollte meine Sachen packen und das Abteil wechseln. Noch ehe ich mein Buch in meinem Rucksack verstaut habe, hält mir Justin eine kleine Metalldose unter die Nase. Sie sieht antik aus, ein kleines Kunstwerk. Kleine Blüten sind darauf eingraviert. Justin schüttelt das Döschen.

„Kandierte Veilchen“, lockt er mit sanfter Stimme, „mit Vanille- und Schokoladenaroma.“

Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Ich zögere einen Moment zu lange. Justin hat den Deckel der Dose entfernt und ein unwiderstehlicher Duft strömt mir entgegen. Noch nie habe ich solch ein berauschendes Aroma gerochen. Dabei dachte ich, eine Kennerin von Schokoladen aller Art und Geschmacksrichtungen zu sein. Justin hält mir die Dose hin und schaut mich mit seinem unergründlichen Blick an, der mich immer tiefer in einen Strudel reißt. Mein Sinn, meine Geschmacksnerven verspüren ein unbändiges Verlangen nach dieser Süßigkeit. Dieses verheißungsvolle Aroma gepaart mit Justins betörendem Blick lässt alle Dämme brechen und als er fragt:

„Was bekomme ich dafür?“

Erwidere ich nur:

„Alles, was du willst.“

Justin setzt sich neben mich, die Dose in der Hand und flüstert mir mit rauer Stimme ins Ohr:

„Du weißt, was das bedeutet?“

Ich nicke hilflos.

„Ich will dich. Aber nicht nur deinen Körper. Ich will deine Hingabe mit ganzer Seele.“

Bei diesen Worten läuft ein Schauer durch meinen Körper. Der Duft der Süßigkeit, seine intensive Nähe, der Sog seiner Worte und dieser hypnotische Blick machen mich schwach, lähmen meinen Willen. Je länger er neben mir sitzt und mir zärtliche Worte zuflüstert, um so mehr verliere ich den Sinn für die Wirklichkeit. Seine Gegenwart und sein Zauber verschleiern meine wahren Gefühle und meine Gedanken sind schwer wie Blei. Justin dringt in meine Seele ein und ich kann nichts dagegen tun. Ich schließe die Augen, versuche mich auf Raoul zu konzentrieren, aber es gelingt mir nicht.

„Öffne deinen Mund“, flüstert Justin.

Ich gehorche. Justin legt mir eine kandierte Blüte auf die Zunge. Wie zufällig berührt er mit den Fingerspitzen meine Lippen. Ich schließe den Mund.

„Nicht kauen“, mahnt er mich, „lass es auf der Zunge zergehen.

Ich tue, was er mir sagt. Eine Geschmacksexplosion ist die Folge. Mein Atem geht schneller, meine Haut beginnt zu kribbeln. Alles ist in mir ist in Aufruhr. Justins Lippen gleiten über meine Wange, bis zu meinem Mund und nehmen ihn in Besitz. Ich spüre, wie das Blut in meinen Adern kocht, ein Kreislauf aus Feuer und Eis. Immer schneller drehen sich meine Gedanken. Mein Verstand sackt in eine gnädige Bewusstlosigkeit.

Als ich erwache, halte ich die kleine Dose in meiner Hand. Ich bin in einem Zug, auf der Reise. Alles ist in Ordnung, rattere ich diese Sätze wie Mantren herunter. Das monotone Rattern des Zuges hilft mir mein Gleichgewicht wieder zu erlangen. Nach einer Weile beruhigt sich mein aufgewühlter Geist und mein erregter Körper. Justin hat sich in meine Seele geschlichen. Raffiniert und skrupellos. Hätte mir das jemand vorher gesagt, ich hätte es nicht geglaubt.

Meine Gefühle sind total durcheinander geraten und dass nicht erst seit Justin. Aber seine wissenden tiefgründigen Augen, die mir das Gefühl gaben, dass er alle meine Wünsche erfüllen könnte, hatten mir die innere Balance und Selbstverständlichkeit geraubt.

Ich fühle mich elend. Steht Justins Erscheinen mit dem Brief in Zusammenhang, den ich in dem Notizbuch gelesen habe? Hätte denn nicht Raoul erscheinen müssen? Schließlich hatte ich seine Augen gesehen und nicht Justins. Oder wahr Justin die Essenz aus allen meinen geheimen Wünschen und Neigungen, die sich durch meine Schwärmerei manifestiert haben.

Wenn ich ihn vor mir sehe, dann hat er etwas von allen Männern, denen ich in der letzten Zeit begegnet bin. Sein Aussehen, seine Augen, sein Charme, seine Zielstrebigkeit und sein Wissen, das sich in seinem Verhalten mir gegenüber äußerte. Justin hatte alle versteckten Gefühle in mir angesprochen, die ich unterdrückte, weil ich auf Raoul warte. Das hatte eine Ekstase in mir ausgelöst, der ich nur durch eine Ohnmacht entkommen konnte.

Justin hätte immer mehr von mir Besitz ergriffen, bis Raoul nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung gewesen wäre. Ich muss an Lancelots Warnung vor diesem ominösen Verfolger denken, der meine Fantasie und meine Liebe fresse will, weil ihm diese Eigenschaften zuwider sind. Justin hätte meine Liebe genommen und meine Fantasie, die ich in seiner Person nährte, bis sie aufgebraucht gewesen wäre. Zum Glück hat mir mein Verstand rechtzeitig die Energie entzogen, und mich auf einen halbwegs normalen Zustand heruntergeholt, wenn man bei mir von normal sprechen kann.

Dabei fällt mir ein Mythos aus längst vergangenen Zeiten ein. Der Sukkubus. Ein Dämon, der sich von der Energie und den Träumen schlafender Menschen ernährt, mit denen sie sich nachts paaren. Wirklich eine böse Sache, wenn man überlegt, dass der Schläfer sich nicht wehren kann.

War es möglich, dass Justin so ein Sukkubus war? Mein Verstand wehrt sich dagegen, dass es einem Trugbild möglich sein sollte, mich so sehr zu beeinflussen. Das würde bedeuten, dass ich verführbar bin und mehr als mir lieb ist.

Will ich verführt werden? Ich schüttele den Gedanken ab, weil ich Angst vor der Antwort habe. Denkt Raoul noch an mich, oder lässt er sich verführen, um mich zu vergessen? Ich könnte es ihm nicht einmal verdenken. Was gab es zwischen uns? Blicke, ein wildes Gefühl, dass alles durcheinander wirbelt und diese Stimme, die mich so verzaubert hat. Reicht das, um zu wissen? Lancelot, John und auch Liam haben mir versichert, dass sie mich lieben. Woher diese Gewissheit? Ist es das ständige Kreisen um diese eine Person? Was mich betrifft, muss es wohl so sein, denn Raoul geht mir nicht aus dem Kopf. Ich fühle mich hoffnungslos, verzweifelt und einsam. Verloren gegangen auf meiner Reise zu mir, habe ich die Chance verpasst, den Menschen kennen zulernen, der diese eine besondere Person für mich sein könnte.

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Das Essen verlief auf angenehme Art und Weise. Meine Gastgeberin und ihre Gäste interessierten sich sehr für mich, aber ich hielt mich soweit es ging bedeckt. Ich erzählte nichts davon, dass ich ein verlorenes Kind war. Lady Shelley schien ein ausgesprochen großes Interesse an der Wissenschaft zu haben, denn die meisten der anwesenden Herren waren Ärzte, Physiker oder Chemiker. Der Einzige, der wohltuend anders war, war John. Er saß neben mir und versuchte mich, so gut es ging, von den hochtrabenden Gesprächen abzulenken. Er flüsterte mir kleine Anekdoten der gelehrten Herren ins Ohr und ich konnte mir das Lachen kaum verkneifen.

Nach dem Abendessen teilt sich die Gesellschaft. Die Damen werden in den blauen Salon geführt, wo Sherry gereicht werden soll. Unterdessen begeben sich die Herren ins Raucherzimmer, um sich einen Zigarre zu genehmigen und zu fachsimpeln.

Ich trödele etwas herum und es gelingt mir, der langweiligen Damenrunde zu entwischen und in die Bibliothek zu gelangen. Leise schließe ich die Tür hinter mir. In dem großen Kamin brennt ein hell loderndes Feuer, das Buchenholz knistert leise und erfüllt den Raum mit einem angenehmen Duft. Ich schreite die langen Regalreihen entlang und kann kaum glauben, was für Klassiker sich hier verbergen. Jeder Sammler würde sich glücklich schätzen so eine Bibliothek zu besitzen. Ich nehme hier und da eines der kostbaren in weiches Leder gebundenen Bücher in die Hand. Viele sind echte Erstausgaben, aus dem Jahr, in dem sie das erste Mal gedruckt wurden. Wer auch immer diese Bücher gekauft hatte, muss eine Menge dafür ausgegeben haben. Immer weiter wandere ich in dem Regallabyrinth umher. Eins ist sicher, hier wird mich niemand so schnell finden. In der Mitte des Labyrinths steht ein Buchständer von gigantischen Ausmaßen. Darauf liegt ein ungewöhnlich großes Buch. Neugierig trete ich näher und schaue mir den Einband an. Es ist aus dunkelbraunem Leder und mit goldenen Lettern beschrieben. Die Buchstaben sind in Latein und italienisch geschrieben. Ich kann ein paar Brocken und lese etwas über Anatomie und Mensch, und einen Namen. Vor Ehrfurcht bleibt mir die Luft weg. Leonardo Da Vinci. Ich sehe mich ängstlich um, kein Laut ist zu hören. Dann schlage ich das Buch auf. Die Seiten sind aus dickem Pergament. Jede Seite ist mit detaillierten Zeichnungen der menschlichen Anatomie gefüllt. Der Mensch an sich, der Mensch ohne Haut mit Sehnen und Muskeln, nur das Skelett, die inneren Organe, Herz, Nieren usw, Augen, Zunge, Hirn und das von allen Seiten. Faszinierend zu sehen, wie genau Leonardo war, aber ich weiß, wie er zu seinen Zeichnungen kam und das ist keine angenehme Sache. Leichen sezieren, gut muss wohl sein, aber Leichen stehlen, oder frisch getöteten Verbrechern die Haut von den Knochen ziehen, ich weiß nicht, das kann nicht gut gewesen sein. Aber andererseits musste Leonardo so vorgehen, da ihn die Kirche sonst als Ketzer verurteilt hätte und vermutlich wäre er auf dem Scheiterhaufen gelandet. Wenn ich mich nicht irre, haben sie sogar Jagd auf ihn gemacht. Schade, dass die wirklich genialen Geister immer solche Probleme hatten.

„Oh, sie scheinen eine vielseitig interessierte junge Dame zu sein!“

Ich schrecke zusammen, und als ich mich umdrehe, fängt der Buchständer an zu wackeln. John kann ihn gerade noch abfangen, bevor er umkippt.

„John haben sie mich erschreckt. Mein Herz ist fast stehen geblieben.“

John lacht und nimmt meine Hand.

„So schnell bleiben Herzen nicht stehen. – Wie kommt es, dass sie aus der ehrenwerten Damengesellschaft geflüchtet sind?“

„Ich hatte keine Lust auf Gespräche über Sticken und Kinder“, sage ich und zwinkere ihm zu, „ich liebe Bücher und musste sie mir unbedingt einmal ansehen. Ich habe recht daran getan. Sie sind wundervoll. Haben sie sich die Bände schon einmal richtig angesehen? – Bestimmt. – Aber wie kommen sie eigentlich hier her? Und wie haben sie mich in dem Labyrinth gefunden?“

„Also erstens habe ich mir die Bücher angesehen, ich habe viele davon gesammelt.“

Ich schaue ihn mit großen Augen an. Wann hat er diese Bücher gesammelt und wo hat er sie aufgetrieben. Er ist kaum dreißig Jahre alt.

„Und“, fährt er fort, „ich kenne die Bibliothek wie meine Westentasche und wer sich für Bücher interessiert, der landet früher oder später bei Leonardo.“

„Donnerwetter, das ist ja ungeheuerlich.“

„Finde ich auch. Was ich besonders bedenklich finde ist, dass ein so schönes Mädchen, wie sie, diese wundervolle Nacht in einer dunklen Bibliothek verbringt. Was halten sie davon, wenn wir zum Strand hinunter gehen?“

„Das wäre wundervoll“, stimme ich begeistert zu.

Wie lange habe ich das Meer nicht mehr gesehen. Eine wilde Sehnsucht beginnt in mir zu schlagen. Das Meer.

„Komm, wir nehmen den Weg durch die Küche. Die anderen müssen nicht mitkriegen, dass wir fort sind.“

Ich kann vor Aufregung nicht sprechen und nicke nur. John sieht mich mit einem zärtlichen Blick an, schnell beugt er sich vor und küsst mich auf die Wange. Auf meinen tadelnden Blick hin sagt er entschuldigend:

„Verzeih, sie sehen so hinreißend aus, ich konnte einfach nicht anders.“

„Na, gut, ihnen sei verziehen. Komm, last uns jetzt ans Meer gehen.“

John lacht leise.

„Dann schnell, bevor sie mich auch noch vermissen.“

„Haben sie mich vermisst?“

„Was denken sie, warum ich sie gesucht habe?“

John öffnet eine geheime Tür in einer der Regalreihen. Der geheime Mechanismus ist, mich wundert gar nichts mehr, hinter Robinson Crusoe versteckt. John führt mich durch einen dunklen engen Gang, dann höre ich ein Klicken, eine weitere Geheimtür springt auf und wir stehen in der Küche. Zum Glück sind die Bediensteten schon fertig mit Aufräumen und niemand sieht wie wir das Haus durch den Dienstboteneingang verlassen. John durchquert den Garten, bis zu einer kleinen schmiedeeisernen Tür, die er mit einem Schlüssel, den aus seiner Jackentasche zaubert, öffnet. Von dort aus führt eine Steintreppe den Hügel hinab zum Strand. Ich ziehe die Schuhe aus und bohre meine Zehen in den warmen Sand. Die Wellen rollen sanft an den Strand. Ein dünner weißer Saum aus Gischt schmückt den feinen Sandstrand, wie eine Spitzenbordüre. Der riesige Mond wirft eine verschwenderische Fülle von Diamantsplittern auf das Wasser. Ich kann mich nicht sattsehen.

„Gefällt es ihnen?“, fragt John.

„Und wie! Danke! Vielen Dank! Es ist wundervoll!“

Ich umarme ihn begeistert und er legt seine Arme mich. Mein Kopf lehnt an seiner Schulter und John vergräbt seine Nase in meinem Haar. Ich spüre seine Wärme, seinen verführerischen Duft, sein Atem streicht sanft über meine Haut und ich habe plötzlich ein völlig zwiespältiges Gefühl. Ich schwanke zwischen Sicherheit, Wehmut, Liebe, Traurigkeit, Nostalgie, Deja-vu, Illusion und Realität. Ich rühre mich nicht vom Fleck und auch John hält mich ganz still in seinen starken Armen. Ich kann durch den teuren Stoff sein Muskelspiel spüren. Am liebsten würde ich die Augen schließen, mich ganz diesem Augenblick und ihm hingeben. Es kostet mich große Anstrengung es nicht zu tun, aber der Gedanke an Raoul, lässt nicht zu, dass ich mich verliere.

„Wo bist du nur so lange gewesen“, flüstert John und drückt mir einen Kuss auf die Locken.

„Ich weiß es nicht“, antworte ich leise.

„Solange habe ich auf dich gewartet und nun muss ich feststellen, dass dir ein anderer Mann begegnet ist, der dein Herz für sich eingenommen hat.“

„John“, versuche ich eine Erklärung, aber er unterbricht mich und legt mir einen Finger auf die Lippen.

„Psst! Sag nichts. Lass uns einfach hier stehen und den Augenblick genießen. Heute ist heute und morgen ist morgen.“

Ich schließe meine Arme noch fester um ihn und schmiege mich an ihn. Die Zeit hat plötzlich ihre Bedeutung verloren. Immer höher steigt der Mond und wird immer kleiner.

„Wir müssen langsam zurückgehen“, flüstert John und drückt einen Kuss auf meine Stirn.

„Müssen wir wirklich? Können wir nicht hier am Strand bleiben?“

„Du zitterst schon. Ich würde es mir nicht verzeihen, wenn du krank wirst.“

„John.“

„Ja?“

„Ich habe Angst in dem großen Zimmer, ganz allein in einem fremden Haus.“

„Musst du nicht. Ich sagte dir doch, dass du dich auf mich verlassen kannst. Außerdem schlafe ich in dem Zimmer neben an, wenn du mich rufst, werde ich sofort zu deiner Hilfe eilen.“

„Höre ich da etwas Spott in deiner Stimme?“, frage ich und sehe zu ihm auf.

Ein Lächeln liegt auf seinem schönen Gesicht. Johns Augen sind dunkel, wie das nächtliche Meer und halten meinem Blick stand.

„Nein“, sagt er zärtlich, „nur ein ganz kleines Bisschen. Aber ich schwöre dir, dass ich mein Leben dafür geben werde, dich zu beschützen.“

„So etwas darfst du nicht sagen“, erwidere ich erschrocken.

„Es ist mein Leben und ich gebe es, wem ich will.“

Ich sehe ihn ängstlich an.

„Hab keine Angst, Noelle, alles wird gut.“

Er fasst in mein Haar, zieht meinen Kopf in den Nacken und küsst mich unendlich sanft. Schwer atmend lehne ich meinen Kopf an seine Brust. Ich muss zugeben, dass mich dieser Kuss durcheinander bringt. John nimmt meine Hand.

„Komm, lass uns gehen.“

Schweigend gehen wir zurück zum Haus. Dort ist inzwischen alles still. Scheinbar hat sich die Gesellschaft schon in ihre Gemächer zurückgezogen. Wir schleichen die Treppe hinauf und John begleitet mich zu meinem Zimmer.

„Schließ deine Tür und sollte etwas sein, klopf einfach an die Wand hinter deinem Spiegeltisch. Dort liegt mein Zimmer. Ich nicke und sehe ihn mit großen Augen an. Die kleinen Lampen in den Gängen geben nur wenig Licht, aber ich kann in seinen Augen lesen und was ich sehe macht mich verlegen.

„Du bist wunderschön“, flüstert John, „dieser andere Mann – ich hoffe, er ist dich wert.“

Er zieht meine Hände an seine Lippen, ohne meinen Blick loszulassen und drück zärtliche Küsse auf meine Handflächen. Zögernd gehe ich in mein Zimmer und verschließe die Tür hinter mir, so wie John es mir geraten hat. Verwirrt von diesem Haus, seinen Bewohnern und besonders von diesem außergewöhnlichen Mann, ziehe ich mir das Nachthemd über, dass Jenny mir auf dem Bett bereitgelegt hat. Im Kamin verglühen langsam die Holzscheite. Ich nehme einen Kienspan, entzünde ihn an der Glut und zünde mir ein paar Kerzen an. Ich bin zwar erschöpft, aber in meinem Kopf rasen die Gedanken kreuz und quer. Dieses Haus ist geschmackvoll eingerichtet, seine Bewohner sind in teure Stoffe gehüllt, die Speisen sind auserlesen und doch, etwas stimmt nicht. Dabei ist es noch nicht einmal die antiquierte Art zu leben, sondern die geheimnisvolle Aura, die alles hier umweht, wie ein undurchdringlicher Nebel. Ich kann mich nur schrittweise vortasten. Wenn ich den Blick auf das nächste Bild werfen kann, dann ist das Vorherige schon wieder so verschwommen, dass nichts von allem zu einem Ganzen wird. Wie ein Puzzelspiel von dem man ein paar passende Teile zusammensteckt und sobald man einige weitere findet, jemand kommt und die Ersten böswillig wieder auseinanderreißt. Nichts erscheint vollständig, nur winzige Teilstücke sind zu entziffern.

Um wenigstens etwas Ruhe zu finden, hole ich die Notizbücher von Herrn Grimm aus meinem Rucksack und blättere darin herum. Aber auch mit ihnen stimmt hier etwas nicht. Die Buchstaben ähneln willkürlich hingeworfenen Kritzeln und ergeben keinen Sinn, geschweige denn ein vernünftiges Wort. Ich will die Bücher gerade wieder weglegen, als auf einer Seite Linien erscheinen, wie vor Kurzem, als das Buch mir Raouls Gesicht zeigte. Gebannt blicke ich auf die Seite, als vor meinen Augen eine schreckliche schmerzverzerrte Fratze erscheint. Ein Gesicht mit weit aufgerissenem Maul, scharfe Zähne blitzen daraus hervor, die Haare hängen wirr in dem gequälten Gesicht. Einzig seine Augen haben etwas Menschliches. Ich kann meinen Blick nicht von dem Gesicht abwenden. Hin und her gerissen von Mitleid und Grauen. Langsam verschwimmen die Linien wieder und nur ein grauer Schleier bleibt auf der Seite zurück. Ich klappe das Buch zu und verpacke die Bücher hastig in meinem Rucksack.

„Geh!“, höre ich eine warnende Stimme.

Ängstlich sehe ich mich um. Vermutlich werde ich jetzt verrückt.

„Geh, Noelle. Verlier keine Zeit.“

Atemlos springe ich auf. Es ist Raouls Stimme, also habe ich mich doch nicht geirrt. Hastig packe ich meine Sachen, ziehe mir bequeme Reisekleidung an und lösche alle Lichter. Dann öffne ich vorsichtig meine Zimmertür, versichere mich besorgt, ob auch niemand meine Flucht bemerken wird, und husche den Gang entlang zur Treppe. Die Eingangshalle ist leer. So lautlos wie möglich schleiche ich die Treppe hinunter, als ich plötzlich ein lautes Schreien höre. Mein Herz krampft sich zusammen. Das ist der Schrei eines Menschen, dem etwas Schreckliches angetan wird. Ich bin schon fast an der Tür, als wieder ein Schrei durch das Haus hallt. Es sind nur noch ein paar Schritte und ich bin frei.

„Lauf fort Noelle!“, höre ich wieder eine besorgte Stimme aus den Schatten.

„John“, durchzuckt es mich.

Für einen Moment zögere ich, dann stelle ich meinen Koffer neben die Tür, und gehe dem Schreien nach. Ich gelange zu einer Tür, die mich rohe Steinstufen hinab, in einen dunklen Kellergang, führt. Das Klischee aus einem Horrorfilm. Tu genau das, was kein normal denkender Mensch tun würde. Ich kann nicht anders. Mein Verstand schimpft wie ein Rohrspatz, um mich von diesem Wahnsinn abzuhalten, aber mein Herz sagt mir, dass ich meine Augen nicht vor dem Unglück eines anderen verschließen darf.

Die Schreie werden immer lauter. Mein Herz zerspringt fast vor Angst. Ich muss weiter gehen. Welche Kreatur hat es verdient solche Schmerzen zu erdulden? Jäh bricht das Schreien ab. Abrupt bleibe ich stehen. Was ist passiert? Ich befürchte, dass der Gefolterte entweder bewusstlos oder tot ist. Ich lausche in die Dunkelheit. Nicht weit entfernt höre ich Schritte und Stimmen. Ich raffe all meinen Mut zusammen und taste mich weiter an den rauen Wänden entlang. Da sehe ich einen Schimmer Licht. Die Stimmen werden lauter. Ich halte den Atem an und versuche einen Blick auf den Raum vor mir zu erhaschen.

Der Anblick, der sich mir bietet, lässt mich an meinem Verstand zweifeln. Unter dem englischen Landhaus erstreckt sich eine Art Krypta. An den marmornen Säulen hängen Fackeln, die der unterirdischen Gruft ein gespenstisches Aussehen geben. An den Wänden stehen Sarkophage, die auf ihren Deckeln Reliefe der Menschen tragen, die in ihnen bestattet wurden. In der Mitte des Raumes, unter einer Art Baldachin, steht ein Holzgestell, auf dem eine Kreatur festgeschnallt ist. Halb Mensch, halb Bestie. Lady Shelley und drei der Männer, die ich beim Dinner gesehen habe, stehen vor dem Holzgestell und streiten sich. Der Baldachin ist mir Symbolen bestickt, die mir nicht fremd sind. Ich habe sie auf einigen Seiten von Leonardos Buch gesehen. Lady Shelley trägt Handschuhe und hat ein Skalpell in der Hand.

„Sie Dummkopf“, schreit sie einen der Männer an, „sehen sie was sie angerichtet haben! Statt sich zu verwandeln, ist er ein Hybride. Halb Mensch, halb Monster. So war das nicht gedacht.“

Sie schlägt den Mann mit der flachen Hand ins Gesicht. Der gibt nur ein leises Stöhnen von sich, ohne Mary etwas entgegenzusetzen.

„Wir brauchen noch einen Katalysator. Er ist einfach zu sehr Mensch, als dass er sich freiwillig verwandeln würde“, wirft ein anderer Mann ein.

„Was soll denn das heißen? Wir haben alles so gemacht, wie Leonardo es beschrieben hat. Wir haben ihn infiziert und haben ihn einem hohen Stresspegel ausgesetzt. Das Adrenalin müsste bewirken, dass der Virus sich rasend schnelle vermehrt und die Verwandlung in Gang setzt.“

Lady Shelley ballt die Fäuste und nähert sich dem Mann, der ängstlich zurückweicht.

„Ja, aber“, stammelt er, „er ist stark. Sein Wille ist ungebrochen. Alles in ihm wehrt sich dagegen sich zu verwandeln.“

„Und was jetzt?“, Lady Shelleys Stimme schnappt über, „tun sie was, verdammt!“

Dann versetzt sie dem Mann einen heftigen Stoß gegen die Brust, die ihn taumeln lässt. Im letzten Moment kann er sich an einer Säule festhalten.

„Holen sie das Mädchen“, schlägt der erste Mann vor, „um sie zu beschützen, wird John sich verwandeln.“

Ich presse die Hände vor meinen Mund, um nicht zu schreien. Es ist John. Das Gesicht in meinem Buch, ich sehe wieder die Augen des Monsters vor mir. Es sind seine Augen. Flehende Augen. Oh, John, wie kann ich dir nur helfen? Fieberhaft überlege ich, was ich tun kann.

„Gute Idee! Los, machen sie schon!“, befiehlt Lady Shelley gereizt, „sie sind allesamt Stümper. Wenn das nicht klappt, dann Gnade ihnen Gott“, ein böses Lachen hallt durch die Krypta, „Gott, es gibt keinen Gott!“

Die drei Männer setzen sich hastig in Bewegung und ein wilder Schreck durchzuckt mein Gehirn. Sie suchen mich. Die Lady ist eine Art Frankenstein, besessen von Leonardos Forschungen. Aber das Leonardo solche perversen Forschungen angestrebt hat, ist mir neu. Allerdings war er, der Meister der Erfindung, wohl selten in der Lage, seine Erfindungen auch zu verwirklichen. Ein Genie auf dem Papier. Ich stehe hinter einer Säule und halte den Atem an. Was jetzt. Die drei Männer hasten an mir vorbei. Mir bleiben nur wenige Minuten, bis sie unverrichteter Dinge zurückkehren werden. Lady Shelley ist allein. Ich muss die Gelegenheit ergreifen und John helfen. Ich taste mich nach vorne, nehme eine Fackel aus ihrem Halter und trete hinter meiner Säule hervor.

„Sie sind ein kranker Mensch, Lady Shelley.“

Ich versuche meiner Stimme einen festen Klang zu geben, kann aber nicht verhindern, dass sie zittert. Mary fährt herum und ein teuflisches Lächeln spielt um ihre Lippen.

„Ich würde mich eher als Genie bezeichnen“, erwidert sie gelassen, „denn sehen sie, eigentlich wollte ich sie verwandeln, immerhin ist mir John lieb und teuer. Aber er hat mir sein Leben für ihrs gegeben.“

Bei diesen Worten geht mir ein Stich durchs Herz und Tränen treten mir in die Augen. Jetzt bloß nicht weinen, ermahne ich mich.

„Und welch glückliche Fügung! Dadurch werde ich tatsächlich erreichen, dass Leonardos Forschungen wahr werden. Ihren Willen hätte ich vielleicht nicht brechen können, aber John liebt sie und er wird alles tun, um sie zu verteidigen.“

Ich bin wie gelähmt. Der Plan ist tatsächlich perfide und gleichzeitig brillant. Meine Liebe gilt Raoul und hätte, statt mich zu schwächen, gestärkt. Johns Liebe zu mir wird ihn dazu bringen, alles zu tun mich vor dem Übel zu beschützen, dass mir Lady Shelley zu gedacht hat.

„Warum?“, ich bin verzweifelt.

„Forschung, meine Liebe. Ich werde das Leben neu erschaffen. Eine bessere, stärkere Kreatur hervorbringen.“

„Das ist ein Sakrileg!“

„Nein, Herzchen, das ist Genie.“

Sie nähert sich mir, als plötzlich ein Stöhnen zu hören ist.

„Lass sie!“

Johns Bewusstsein ist zurückgekehrt. Er atmet schwer. Mary fährt herum und mit ein paar Schritten ist sie neben ihm.

„Dann lass los und verwandele dich.“

„Nein, John, bitte nicht!“, rufe ich voller Angst.

„Ich muss es tun, sie wird dich sonst töten.“

Seine Augen sind auf mich gerichtet und ich sehe in seine Seele. Reine Liebe strömt mir entgegen.

„Nein!“, höre ich mich schreien.

Ich stürze auf ihn zu, werfe mich auf John und lege schützend meine Arme um ihn. Das darf nicht sein.

„Ihr seid so niedlich, aber die Verwandlung wird stattfinden. Er hat sich schon entschieden, sieh hin!“

Ein hysterisches Lachen erfüllt den Raum. Grauen erfüllt mich.

„Lancelot, wo bist du?“, flüstere ich.

„Hier, meine Herrin. Du hast mich gerufen.“

Lancelot tritt aus den Schatten. Er trägt einen Kampfanzug aus Leder, mit silbernen Nieten beschlagen, die in den flackernden Flammen der Fackeln aufblitzen. In seiner Hand hält er ein Schwert mit einem großen Namen: Flammenzunge.

„Oh, Verstärkung“, höhnt Lady Shelley, „du armer Junge. Liebst du sie etwa auch? Sie wird dich heute in den Abgrund  stoßen.“

Lancelot ignoriert ihre Tirade und tritt neben mich. Mitleidig blickt er auf John, der sich in Schmerzen windet und immer mehr zu der Bestie mutiert, die Mary aus ihm machen will.

„Bitte, hilf ihm“, flehe ich Lancelot an, „er wollte mich beschützen.“

Wortlos nickt Lancelot. Er steckt ihm einen Ring an den Finger.

„Nein!“

Lady Shelley schreit wie eine Furie und stürzt auf Lancelot zu. Aber es ist zu spät. Lancelot hat an dem Ring gedreht und John löst sich vor unseren Augen in Luft auf.

„Das wirst du büßen!“, tob Mary und stößt einen schrillen Ruf aus.

Plötzlich sind schnelle Schritte zuhören und Männer mit Masken bevölkern den Raum.

„Lauf“, flüstert Lancelot mir zu, „ich komme nach!“

Er hebt sein Schwert, und als die Maskierten angreifen, stürzt Lancelot der Menge entgegen. Ich kann nichts tun, um ihm zu helfen. Also gehorche ich seinem Rat und laufe dem Ausgang entgegen, aber Lady Shelley stellt sich mir in den Weg.

„Das hast du dir so gedacht?! Aber mir entkommst du nicht.“

Was ich sehe lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Für den Bruchteil einer Sekunde schließt sie die Augen und als sie sie wieder öffnet, sind sie rot wie Blut. Mary öffnet ihren Mund und entblößt zwei spitze Eckzähne.

„Sie sind ein Vampir! Nein, das ist unmöglich.“

„Nichts ist unmöglich“, lacht sie kalt und kommt näher, „John sah dich in seinen Träumen und ich habe dich gerufen. Und wie du siehst hat mein Plan funktioniert.“

„Nur fast!“, stoße ich hervor.

Ich reiße eine Fackel aus ihrer Halterung und senke sie ihr mit einer schnellen Bewegung entgegen. Ehe Lady Shelley sich in Sicherheit bringen kann, hat ihr kostbares Kleid Feuer gefangen. Ihr gellender Schrei lässt die Maskierten innehalten. Als sie sehen, wie ihre Gebieterin in Flammen steht, strecken sie die Waffen und verschwinden in der Dunkelheit, aus der sie kamen. Immer höher lodert das Feuer, immer schriller dröhnt das Geschrei durch die Krypta. Es ist nicht auszuhalten und ich presse mir verzweifelt die Hände auf die Ohren. Lancelot packt mich am Arm und zieht mich hastig hinter sich her.

„Raus hier“, keucht er.

Vor dem Haus steht die Kutsche, angespannt und bereit loszufahren.

„Lancelot“, stammele ich.

„Frag nicht, geh“, sein eindringlicher Blick mahnt mich zur Eile, „schnell. Sieh nicht zurück!“

Ich umarme ihn, dann steige ich ein und Lancelot gibt dem Kutscher ein Zeichen. Ein leises Schnalzen und das Pferd setzt sich in Bewegung. Das Letzte, was ich von Lancelot sehe, ist das Aufblitzen von Flammenzunge im Licht der ersten Sonnenstrahlen.

Die Kutsche fährt auf den kleinen Platz vor dem Bahnhof. Die Morgensonne scheint warm und in dem kleinen Cafe sitzen die alten Männer, rauchen und trinken Kaffee. Der junge Kutscher reicht mir die Hand und hilft mir auszusteigen. Er stellt mir meinen Koffer und meinen Rucksack auf die Eingangstufen zum Bahnhof, lüpft zum Abschied das Hütchen und fährt davon.

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