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Archive for the ‘Historischer Roman’ Category

London, acht Wochen später:

„Sagen sie Misses Morse vielen Dank für den Tee und fantastischen Zitronenkuchen, John.“

„Sehr wohl, Miss.“

John entfernt sich leise aus dem Salon. Rosalie wendet sich wieder ihrem Gesprächspartner zu.

„Und sie sind sicher, dass sie das wollen?“, fragt der ältere Herr, „nachdem sie als Alleinerbin eingesetzt worden sind?“

„Das bin ich, lieber Malcolm. Wer könnte das Anwesen, seine historische Bedeutung und die Schätze, die gefunden wurden, besser verwalten als der National Historic Trust. Im Grunde sind sie doch Eigentum des englischen Volkes.“ – Dad wäre stolz auf mich. –

„Das ist wohl wahr“, Lord Malcolm Rutland nippt an seinem Tee, „wie sind sie eigentlich darauf gekommen, dass der Schlüssel im Herzen der Madonna liegt?“

Rosalie lächelt.

„Es war ein Puzzle. Der Rubin des Anhängers und der des Rings ergaben zusammen die Form des Herzens der Madonna. Als wir es in die Statue einpassten öffnet sich der Mechanismus unter dem Triptychon.“

„Sehr passend gewählt“, gibt der Lord zu, „der Rubin, als Symbol des Herzens.“

Rosalie lächelt wehmütig.

„Anthony hat sich einfach zu sehr auf das Collier versteift. Er wollte den Schatz um jeden Preis und hat dabei das Ganze aus den Augen gelassen.“ – Und das hat sie beide das Leben gekostet. Hätte Gil sich nicht mit letzter Kraft über mich geworfen, wäre ich gestorben.  –

Lord Rutland zieht ein kleines Kästchen aus der Jacketttasche und reicht es Rosalie.

„Das ist für sie, meine Liebe. Im Vergleich zu dem unfassbar hohen Wert ihrer Schenkung nur der winzigste Bruchteil. Ich denke, sie sollten ihn als Erinnerung behalten. Ihr Vater wäre unendlich stolz auf sie.“

Rosalie lächelt wehmütig. Sie öffnet die Schachtel. Aus dunkelblauem Samt leuchtet ihr der Rubinring entgegen.

„Ich danke ihnen, Malcolm.“

Sie entnimmt den Ring und steckt ihn an den Finger.

„Einer unserer Goldschmiede hat ihn wieder perfekt in die Fassung eingepasst. Das Collier werden sie zur Ausstellungseröffnung in seiner ganzen Pracht in Augenschein nehmen können.“

Die Tür zum Salon öffnet sich. John tritt ein.

„Entschuldigen sie, Miss. Mister Nathan Robins möchte sie sprechen“, sein Ton drückt tiefe Missbilligung aus, „er ließ sich nicht auf einen späteren Zeitpunkt vertrösten.“

Rosalies Herzschlag beschleunigt sich. – Er ist da. – Lord Rutland erhebt sich.

„Das trifft sich gut. Ich werde in einer halben Stunde zu einer Besprechung erwartet“, er haucht Rosalie einen Kuss auf den Handrücken und zwinkert ihr zu, „wir führen unser Gespräch ein anderes Mal fort.“

„Sehr gerne, Malcolm“, sie wendet sich an John, „führen sie Mister Robins bitte in mein Arbeitszimmer.“
Der Butler nickt und geht. Rosalie trinkt noch einen Schluck Tee. – Ganz ruhig bleiben. Vielleicht will er nur einen Anstandsbesuch machen. –  Dann geht sie in ihr Arbeitszimmer hinunter.

***

Nathan steht am Fenster und blickt in den Garten. Als Rosalie eintritt dreht er sich sofort um.

„Guten Tag, Miss Graville“, sagt er förmlich.

Rosalie zieht eine Augenbraue hoch.

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie haben einen Schlag auf den Kopf bekommen, Nathan. Ich erinnere mich, dass wir diese gezierte Anrede schon hinter uns gelassen hatten.“

„Entschuldigen sie, Rosalie.“ Nathan macht ein paar Schritte auf sie zu, „es ist schön sie zu sehen. Wie geht es ihnen?“

„Dank ihrer schnellen Hilfe, wieder gut“, ihre Blicke begegnen sich, dann sprechen beide gleichzeitig – „Wo“ – „Ich wollte“

„Bitte nach ihnen“, sagt Nathan leicht verlegen.

Rosalie zögert kurz, dann gibt sie sich einen Ruck.

„Wo waren sie? Ich habe Constable Collins eine Nachricht für sie hinterlassen“, sie versucht ihre Aufregung zu unterdrücken, „ich befürchtete schon, sie wollen mich nicht wiedersehen.“

Nathan sieht Rosalie mit einem intensiven Blick an. Dann macht er den letzten Schritt und zieht sie in seine Arme. Seine Wärme hüllt sie ein und sein angenehmer Duft steigt ihr in die Nase.

„Es tut mir leid“, sagt er leise, „ich war ein Dummkopf. Aber du und ich – ich konnte mir nicht vorstellen, dass wir zusammenpassen.“

„Und was hat dich bewogen, deine Meinung zu ändern?“

Rosalie legt die Arme um seinen Hals. Ihre Fingerspitzen gleiten zu seinem Haaransatz hinauf. Nathans Puls schnellt in die Höhe.

„Nichts. Ich glaube immer noch nicht, dass wir wirklich zusammenpassen. Aber ich musste jeden Tag, jede Minuten an dich denken. Daran hat sich in den ganzen Wochen nichts geändert. Ich bin beinahe verrück geworden vor Sehnsucht.“

Rosalie schmiegt sich enger an ihn. Fühlt eine deutliche Reaktion seines Körpers und schmunzelt.

„Also denkst du, wir sollten es versuchen und sehen, wohin es uns führt?“

Er schaut ihr tief in die Augen.

„Genau das denke ich.“

Nathans Lippen legen sich auf Rosalies Mund und ein erregendes Kribbeln breitet sich in ihrem Körper aus. – Und dafür haben wir ein Leben lang Zeit. –

– Ende –

Liebe Blogleser,

vielen Dank, dass ihr der Geschichte so aufmerksam gefolgt seid. Aus einem „Spaßprojekt“ aus Genre und 10 Worten ist ein Text von 57 Seiten geworden. Nach den ersten paar Seiten hat sich das Ganze verselbstständigt und ich wollte die Geschichte nicht mittendrin abbrechen, sondern sie zu einem guten Ende führen. Da ich außerdem 365-Tage-Projekt meinen Fantasy-Roman (560 Seiten) überarbeite und an einem neuen erotischen Liebesroman schreibe(die ersten 45 Seiten, plus Plot und Charakterstudien) , mögt ihr mir den ein oder anderen Schnitzer verzeihen. Ich habe jeden geposteten Text dieses kleinen Krimis an dem Tag veröffentlicht, an dem ich ihn geschrieben habe. Also im Grunde gepostet, wie geschrieben. 😉

liebe Grüße und danke fürs Lesen

Caroline

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Mit dem, was Rosalie auf der anderen Seite erwartet, hat sie trotz aller Fantasie nicht gerechnet. Über ihr, getragen von kunstvoll gestalteten Säulen, öffnet sich die Kuppel einer Kapelle. Sie ist nachtblau mit goldenen Sternen. Der Raum wird von einigen Fackeln erhellt, die an den Säulen hängen. Auf zwei Seiten stehen schlichte Holzbänke, die zu einem Altar führen, über dem ein Triptychon hängt. An der unteren Kante des Aufsatzes wurden die Leisten gewaltsam entfernt. Sie liegen zersplittert auf dem Altartisch.

Vor dem Altar liegt Gil auf dem Boden. Er stöhnt und drückt sich den Oberschenkel ab. Zwischen seinen Finger sickert Blut hindurch, der Fleck vergrößert sich schnell. Rosalies Herz schlägt schneller. – Hoffentlich komme ich nicht zu spät. Wo ist Anthony? –

„Es muss hier sein!“, schreit Anthony wütend.

Rosalie schaut nach rechts. In einer Nische steht eine Madonna mit Kind. Sie ist wunderschön. Im Schein der Fackeln glitzern die vergoldeten Heiligenscheine. Vor dem Heiligenbild stand eine Holzbank, auf der man zur Andacht niederknieen konnte. Anthony hat sie direkt vor die Statue geschoben. Er steht darauf und untersucht die Statue. In einer Hand hält er einen eisernen Kerzenleuchter.

„Du gibst dein Geheimnis preis, so oder so!“, schreit er und holt mit dem Leuchter zum Schlag aus.

„Nein!“, ruft Rosalie, „nicht!“

Aufgeschreckt dreht Anthony sich zur Seite und stürzt von der Bank. Stöhnend bleibt er liegen. Rosalie huscht zu Gil.

„Gil, was ist passiert?“

Sie reißt einen Stoffstreifen aus ihrem Kleid und bindet sein Bein ab.

„Ich wollte ihm das Collier nicht geben“, keucht er, fasst nach Rosalies Hand, „verzeih mir.“

„Was hast du getan?“

„Ich habe auf den Wahnsinnigen gehört“, murmelt er.

Die Augen fallen ihm zu.

„Gil bleib bei mir“, ruft Rosalie.

„Du hast alles kaputt gemacht“, Anthony rappelt sich auf, „deinetwegen wollte er den Schatz nicht mehr heben. Seit Wochen habe ich nach dem Geheimgang gesucht. Und nach dem die alte Schachtel endlich erledigt ist und wir das Collier in den Händen halten, kommst du und verdrehst ihm den Kopf.“

Anthony zieht eine Pistole aus der Jackentasche zielt – gleichzeitig ertönen zwei Schüsse. Anthony geht tödlich getroffen zu Boden. Gil gibt ein Röcheln von sich. Blut läuft aus seinen Mundwinkeln, tropft auf Rosalies Kleid.

„Rosalie!“

Sie antwortet nicht. Nathan zerrt Gils leblosen Körper von Rosalie herunter. Vorsichtig untersucht er ihren Kopf. An ihrem Hinterkopf tritt Blut aus.

„Rosalie, hören sie mich?“

Nathan tätschelt ihre blasse Wange. Sie reagiert nicht. Er hebt sie hoch, trägt sie zum Ausgang.
Im Zellentrakt kommt ihm Constable Collins mit drei weiteren Kollegen entgegen.

„Collins, gut dass sie da sind. – Bringen sie Miss Graville ins Haus und rufen sie einen Arzt. Es ist dringend!“

Er legt Rosalie in Collins Arme und gibt weitere Befehle an seine Mitarbeiter aus.

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Rosalie leuchtet in den Hohlraum und ist überrascht. Tatsächlich ist es der Anfang einer Treppe. – So komme ich nicht hinein. – Sie prüft die anderen Dielen. Vier weitere Bretter lassen sich ebenfalls anheben und wegschieben. Der Einstieg zur Treppe ist frei. Rosalie schickt sich an hinabzusteigen, als sie ihren Namen hört. – Da ist wohl der Wunsch der Vater des Gedanken. – Konzentriert horcht sie. – Da ist es wieder! Nathan! – Erleichtert atmet sie auf.

„Rosalie!“

„Nathan!“

Die Tür des Turms wird aufgestoßen. Eine kalte Windböe zieht herein, die Tür schlägt krachend gegen die Wand.

„Rosalie, wo sind sie?“

Sie wedelt mit der Taschenlampe.

„Hier Nathan! Gut das sie da sind!“, begrüßt sie ihn aufgeregt, „ich habe einen geheimen Eingang entdeckt!“

„Sie wollen da hinunter steigen?“

„Ja! Ich habe es ihnen doch gesagt. Gil und Anthony suchen den Schatz.“ Sie setzt ihren Fuß auf die erste Stufe. „Kommen sie mit oder wollen sie warten?“

„Lassen sie mich voran gehen“, sagt er ernst, „Bitte!“

„Sehr gerne, Nathan. Ich schätze einen Gentleman.“

Rosalie lässt ihm den Vortritt. Am Fuß der Treppe bleibt er abrupt stehen. Rosalie stößt mit ihm zusammen und stolpert. Nathan fängt sie auf. Für einen atemlosen Augenblick hält er sie fest an sich gedrückt.

„Nicht so hastig“, sagt er und seine Stimme vibriert.

Rosalie schieb ihn sanft von sich und sagt kess:

„Entschuldigen sie. Wenn sie beim nächsten Mal so plötzlich stehen bleiben, warnen sie mich bitte vor.“

„Sie sollten nicht hier sein“, ignoriert er ihren Wunsch, „ich könnte mir nicht verzeihen, wenn ihnen etwas zustößt.“

„Dass ist nett, aber niemand wird mich vermissen. Höchstens mein Butler – der liebe John. Der Rest meiner Familie ist da unter auf Schatzsuche und vielleicht bereit einen weiteren Mord zu begehen – also wollen wir hier streiten oder gehen?“

„Wenn das so ist, dann kommen sie. – Geben sie mir ihre Taschenlampe. Es ist besser, wenn wir meine für den Rückweg aufheben.“

Rosalie reicht Nathan die Lampe und folgt ihm in den Gang. Anfangs ist er mit glatt behauenen Steinen ausgekleidet. Je weiter die beiden in den Untergrund vordringen, umso rauer werden die Wände, bis sie nur noch aus rohem Fels bestehen.

„Es ist also wahr. Hier wurden die Flüchtlinge vor dem Tudor Regime versteckt“, flüstert Rosalie.

„Vielleicht stimmt auch der Teil mit dem Schatz?“, gibt Nathan zu bedenken.

„Aber warum dann die Heimlichkeiten? Gil hätte Lady Edna um das Collier bitten können. Vielleicht hätte sie es ungern hergegeben – aber für das Haus?“

„Scheinbar war die alte Dame nicht so bereitwillig, wie sie denken. Und Lady Ednas Ableben ging Lord de Clare nicht schnell genug“, bemerkt Nathan zynisch, „warum sollte die Elite unseres Landes andere Gründe zum Morden haben, als der Pöbel in der Gosse.“

Unerwartet öffnet sich der Gang und die beiden stehen in einer Vorhalle. Sie ist rund, der Boden mit einem schlichten Holzboden ausgelegt. An den Wänden stehen einfache Stühle.

„Sieht aus wie eine Empfangshalle“, stellt Nathan fest. „Dort drüben, die Tür, da geht es weiter.“

Der Lichtkegel der Lampe schwebt über eine zweiflügelige Tür mit dicken Eisenbeschlägen.

„Kommen sie. Wir sind auf dem richtigen Weg“, Nathan geht auf die Tür zu, „sie wurde geöffnet.“

Rosalie schlüpft hinter Nathan durch den Türflügel in einen langen Gang, von dem auf beiden Seiten viele Türen abgehen. Neugierig werfen sie einen Blick in einen der Räume. Eine spartanisch eingerichtete Mönchszelle, wie in einem Kloster.

„Was für eine Entdeckung! Danach würde sich jeder Historiker die Finger lecken!“

Ein Schrei hallt durch die unterirdischen Gewölbe.

„Darum müssen sie sich später kümmern – kommen sie.“

Nathan eilt den Gang hinunter, Rosalie dicht hinter ihm. Am Ende liegt ein weiterer kreisförmiger Raum, der sich in sechs weitere Flure öffnet.

„Wohin?“, fragt Nathan.

Er leuchte mit der Taschenlampe beide Gänge ab. Sie sehen identisch aus. Keine Bilder, keine Möbel. Kein Hinweis.

„Wir nehmen den rechten Gang“, entscheidet Rosalie und biegt in den Flur ein. „Kommen sie Nathan. Vertrauen sie eine Historikerin.“

„Was hat das, mit der Wahl des Weges zu tun?“, brummt Nathan.

„Es gibt eine Theorie entwickelt von einem geschätzten Kollegen, William Henry Matthews, wonach die Chance einen Irrgarten zu verlassen am größten ist, nach rechts zu gehen. Das liegt einerseits an der kulturhistorischen Bedeutung der rechten Hand, als bevorzugter Hand. Außerdem gibt es eine Erhebung, dass in Labyrinthen Zielwege mit Abzweigungen rechterhand meistens zum Zielführen. Oder zumindest schneller, als links.“

„Interessant“, gibt Nathan zu, „Das Thema sollten wir bei einer Tasse Tee vertiefen, nachdem wir diesen ungastlichen Ort verlassen haben.“

Ein dumpfes Hämmern ist zu hören. Die beiden beschleunigen ihre Schritte. Das Hämmern wird lauter. Sie erreichen ein Portal, dass dem einer Kirche ähnelt. In das Holz sind biblische Szenen eingeschnitzt. Ein weiter Schrei. Rosalie stürzt nach vorn, will die Tür aufstoßen. Nathan hält sie zurück.

„Warten sie“, flüstert er, „lassen sie mich zuerst gehen.“

„Hören sie Nathan, ich schätze ihre Sorge, aber wäre es nicht besser ich lenke die beiden ab und sie sind der Mann für den Notfall?“

„Würde es etwas nützen, wenn ich nein sage?“

Rosalie muss lächeln.

„Ich glaube nicht.“

Nathan seufzt.

„Ich habe es befürchtet.“ Nathan fasst sie am Arm. „Tun sie mir einen Gefallen, passen sie auf sich auf und riskieren sie nichts.“

„Danke für den guten Rat, Inspektor.“

Sie haucht ihm einen Kuss auf die Wange, dann schlüpft sie eilig durch das Portal.

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Rosalie tritt aus dem Haus. Der alte Turm ist nur einen Steinwurf entfernt. In der mondlosen Nacht unter einem wolkenverhangenen Himmel hebt er sich nur schemenhaft gegen die Landschaft ab. Ihre Finger klammern sich um den Griff der Taschenlampe. Um nicht auf sich aufmerksam zu machen, nähert sie sich dem Turm ohne sie einzuschalten. Ein kühler Wind fährt in die Baumkronen der alten Eichen und erfüllt die Luft mit einem anwachsenden Rauschen.

Rosalie zieht den Kragen ihrer Jacke höher. Wachsam geht sie um den Turm herum. Sie kann nichts Auffälliges entdecken. Dann legt sie die Hand auf die Klinke der schweren Eichentür und drückt sie herunter. Der Riegel springt auf und die Tür öffnet sich einen winzigen Spalt. Rosalies Herz macht einen aufgeregten Hüpfer.

Sie drückt die Tür weiter auf, tritt ins Treppenhaus. Drinnen lauscht sie angestrengt. Doch das Tosen des Windes macht es unmöglich andere Geräusche zu erkennen. Sie schaltet die Taschenlampe an. Neben der Tür windet sich eine abgetretene Steintreppe in die Höhe, vor ihr öffnet sich ein Durchgang. Rosalie leuchtet hinein. Es öffnet sich ein Innenraum von der Grundfläche des Turms. Der Boden ist mit Holzplanken ausgelegt. Sie haben im Lauf der Jahrhunderte einen dunklen, beinahe schwarzen Ton angenommen. An einigen Stellen wurden sie durch neue ersetzt, dort ist ihre Farbe heller. An einer Stelle hat jemand ein paar Möbelstücke zusammengeschoben. Rosalie tritt ein und lässt den Strahl der Lampe durch den Raum gleiten.

– Was ist das? – Sie schwenkt den Strahl ein Stück zurück und hält dich über dem Boden an. Es sieht aus, als hätte sich eine der Holzplanken gelöst. Sie wölbt sich ein Handbreit nach oben. Rosalie geht vorsichtig weiter. Sie spürt die Bewegung der Dielen unter ihren Füßen. Als sie näher kommt erkennt sie, dass das Brett aus dem Boden gewuchtet wurde. Sie legt die Lampe neben sich und hebt das Brett an. Darunter öffnet sich eine unheimliche Leere.

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Rosalie schaut auf die Uhr über dem Kaminsims. Inzwischen ist eine dreiviertel Stunde vergangen. – Was kann zu dieser Zeit so lange dauern? – Rosalie verlässt Gils Zimmer und tritt auf den Flur. Kein Laut ist zu hören. Sie zögert. – Ach, was soll`s. –

Rosalie geht die Treppe hinunter. Zuerst versucht sie ihr Glück im Arbeitszimmer. Der Raum ist dunkel und unbenutzt. In der Bibliothek hat sie mehr Glück. Im Kamin glühen die letzten Holzscheite und der imposante Schreibtisch wird von einer Lampe erhellt. Rosalie tritt näher. Bücher liegen aufgeschlagen auf dem Tisch, Karten entfaltet, mit Linien, Kreisen und Kreuzen gekennzeichnet.

Einen Plan erkennt Rosalie wieder. Er fiel ihr am Morgen in die Hände, als sie auf die Chroniken eines ehemaligen Klosters stieß, das unter der Schirmherrschaft der de Clares stand, bevor Henry Tudors Säuberungsaktion in Kraft trat. – Ich habe ihn doch wieder in das Buch zurückgelegt? – Rosalie faltet den Plan auseinander. Dort sind die Grundrisse der alten Kellergewölbe aufgezeichnet. Mit Tinte sind einige neue Linien eingezeichnet. Rosalie hatte am Morgen dasselbe gedacht, aber niemals hätte sie gewagt einen so kostbaren Plan mit eigenen Notizen zu bekritzeln. – Anthony. Das ist es also, was er Gil zeigen wollte. – Ihr Herz schlägt schneller. – Gil und Anthony – Lady Edna – haben sie es zusammen geplant? – Ihr Inneres wehrt sich energisch gegen den Gedanken. – Andererseits, da ist der verheißungsvolle Schatz. Vielleicht altes Kirchengold, das die geflohenen Mönchen in den Gängen versteckten. An Anthonys Normannen-Theorie mag ich nicht glauben. Hat er Gil mit seiner Begeisterung angesteckt? Das Collier als Schlüssel? –

Rosalie eilt hinauf in ihr Zimmer. Hastig zieht sie eins ihrer schlichten Alltagskleider über, und zieht sich feste Schuhe an. Bevor sie das Haus verlässt, geht sie ins Arbeitszimmer. Dort steht ein Fernsprecher. Sie wählt die Nummer, die Inspektor Robins ihr gegeben hat. Es dauert einen Moment, dann hebt er ab.

„Robins.“

Verschlafen hört er sich nicht an. –

„Hier ist Rosalie. Ich meine, Miss Graville.“

„Guten Abend, Rosalie. Was kann ich für sie tun.“

Sie hört das Schmunzeln in seiner Stimme.

„Es tut mir leid, dass ich sie so spät störe.“

„Kein Problem. Worum geht es?“

„Ich glaube, ich weiß, wer Lady Edna getötet hat.“

„Ja?!“

Rosalie zögert. Ihr Verdacht bereitet ihr Unbehagen.

„Ich glaube es war Gilbert.“

Sie hört, wie sich der Inspektor am anderen Ende der Leitung räuspert.

„Wie kommen sie darauf?“

„Es geht um seine horrenden Schulden und den mysteriösen Schatz. Ich nehme an, er hofft das Gold zu finden, bevor seine Gläubiger ihn finden.“

„Finden sie nicht, dass ihre Bedenken doch etwas weit hergeholt sind? Hätte es nicht gereicht, Lady Edna um das Collier zu bitten?“

„Ich bin mir nicht sicher“, Rosalie resigniert, „entschuldigen sie nochmals die Störung, Inspektor. Ich muss gehen, bevor noch ein Mord geschieht.“

„Wohin?“, Nathan klingt besorgt.

„In die alten Keller unter dem Turm. Dort vermutet Anthony den Eingang.“

„Rosalie, warten sie!“

Sie hat aufgelegt.

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„Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, was kann ich für dich tun?“

Gil streift sein Jackett ab und wirft es auf eine niedrige Sitzbank. Sein Zimmer ist schlicht, aber geschmackvoll eingerichtet. Ohne Schnörkel und Pomp. Nur die schweren Samtvorhänge mit den goldenen Bordüren verbreiten etwas Glanz. Rosalie blickt sich um, setzt sich dann in einen Sessel in der Nähe des Kamins.

„Und wie ich  sagte, vielleicht kann ich etwas für dich tun.“

„Wie kommst du darauf?“

Er löst seine Krawatte, öffnet die oberen Knöpfe des Leinenhemdes.

„Wenn man Gerüchten glauben schenken darf, hat dich diese ganze Erbangelegenheit verändert.“

Er lacht kurz auf.

„Die gute Misses Morse. Sie macht sich zu viele Gedanken.“

Das glaube ich nicht. – „Warum lehnst du das Erbe nicht ab?“

Unwirsch schüttelt er den Kopf.

„So einen Vorschlag kann nur jemand machen, der deinen Hintergrund hat.“

Rosalie verschränkt ihre Finger krampfhaft ineinander. Sie versucht die aufsteigende Wut zu unterdrücken.

„Welchen Hintergrund habe ich denn?“

„Du hast frei von der Last drohender Verantwortung gelebt“, stößt er hervor und seine eiserne Fassade der Beherrschung bricht zusammen. „Sicher hast du gehört, dass dein Großvater Richard gespielt hat“, Gil geht vor Rosalie in die Hocke, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein, „Mein Vater hat alles versucht ihn abzuhalten. Es hat nichts genützt. Ich weiß nicht erst seit gestern, dass ich ein marodes Anwesen mit einer Unsumme Schulden übernehmen muss. Andrew, der Halbbruder deines Vaters starb vor 18 Jahren, so lange schwebt das Damokles Schwert über mir.“

Traurig schaut Rosalie ihn an. – In seiner Verzweiflung ist er noch schöner. –

„Und was willst du tun?“, fragt sie leise.

Gil zuckt mir den Schultern. Rosalie sieht Tränen in seinen Augen glitzern. Unwillkürlich streckt sie die Hand aus, legt sie sanft auf sein Wange.

„Ich weiß es nicht“, Er legt seine Hand auf ihre, „wenn ich mir nicht in aller Ehre eine Kugel in den Kopf jagen will, muss ich eine Möglichkeit finden, die Schulden zu tilgen. Und zwar schnell. Die Gläubiger haben mir glaubhaft versichert, dass sie nicht länger warten wollen.“

Gil zieht Rosalies Hand an seine Lippen, haucht einen Kuss in ihre Handfläche. Ein Schauer rinnt durch ihren Arm.

„Lass dir von mir helfen“, Rosalies Stimme zittert.

„Das Collier wäre eine Hilfe gewesen.“

„Ich kann dir den Ring geben“, biete sie ihm an und will ihre Hand aus seiner lösen.

Gil hält sie fest.

„Nein. Es wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein. An deiner Hand hat er mehr wert.“ Erneut drückt er seinen Mund in ihre Hand. Gil sinkt auf die Knie, legt seinen Kopf auf Rosalies Oberschenkel. Mit dem freien Arm umschlingt er ihre Taille. „Ich bin müde. So unendlich müde.“

Zärtlich streicht sie durch seine Haare.

„Es tut mir so leid. Wenn ich dir irgendwie helfen kann“, seufzt Rosalie, „lass es mich wissen.“

Wenn die Schulden so hoch sind, weiß ich nicht wie die Hilfe aussehen könnte. –

„Das versucht Anthony auch schon. Er sucht den sagenumwobenen Schatz“, Gils Lippen gleiten auf Rosalies Puls, „es gibt etwas, das mir mehr helfen könnte.“ Gil richtet sich auf. Seine hellen Augen bohren sich in Rosalies. „Du bist wunderschön. Alles an dir.“

Rosalie rührt sich nicht. Gil übt eine unglaubliche Faszination auf sie aus. Seine angenehme Stimme, die zarten Berührungen und auf der anderen Seite die Kälte und Unnahbarkeit. Ihr Verstand und ihr Gefühl krallen sich in einem verworrenen Knäul ineinander.

„Darf ich dich auf den Mund küssen“, fragt Gil.

Sein warmer Atem streift über ihre Haut. Rosalie will sich nicht wehren. Vorsichtig nimmt Gil ihr Gesicht in seine Hände. Sie schließt die Augen. Gil küsst sie. Seine Zärtlichkeit überrascht Rosalie. Sanft verstärkt er den Druck, öffnet ihre Mund. Seine Zunge erkundet ihre feuchte Mundhöhle. Rosalies Atem geht schneller. Hitze läuft ihre Kehle hinunter bis ihren Schoß. Ihre Finger suchen Halt auf seinen Schultern. Gil öffnet den Gürtel ihres Morgenmantels, streift ihn von ihren Schultern. Aufreizend langsam schiebt er das seidenen Nachthemd über ihre Knie hinauf.

Rosalie genießt das erregende Gefühl, dass Gils Hände auf ihren Schenkeln hinterlassen. Sie spreizt ihre Beine. Unter halbgeschlossenen Lidern sieht sie Gils triumphierendes Lächeln. Er packt sie bei den Hüften, zieht sie an die Sesselkante. Ein tiefes Stöhnen entringt sich ihrer Kehle.

„Gil“, nur ein Wispern.

„Ich will dich ganz“, seine Stimme ist rau, geht ihr unter die Haut.

Ein unnachgiebiges Pochen an der Tür. Rosalie zuckt zusammen.

„Gil, wir müssen reden.“

„Es ist alles gesagt, Anthony.“

Rosalie schiebt Gil sanft von sich, wirft sich ihren Morgenrock über.

„Bitte, geh nicht“, flüstert Gil und zieht Rosalie zu sich heran.

Rosalie lächelt. Nickt zustimmend. Erneutes heftiges Klopfen.

„Mach auf! Ich will dir etwas Wichtiges zeigen. Es ist auch in deinem Interesse.“

„Moment!“

Gil schaut Rosalie mit flehendlichem Blick an.

„Bitte warte auf mich.“ Er streicht ihr eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht, haucht einen Kuss auf ihre Stirn. „Ich bin gleich zurück.“

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Rosalie musste das Dinner allein einnehmen, da die Herren durch Abwesenheit glänzten. Inzwischen ist es kurz nach Zehn. Rosalie hat es sich auf ihrem Bett gemütlich gemacht und brütet über einem alten Buch, das die Geschichte der de Clares im 17.Jahrhundert beschreibt.

Energische Schritte auf der Treppe dringen durch die angelehnte Tür und lassen Rosalie aufhorchen. Eilig schwingt sie sich aus den Kissen, wirft den warmen Morgenmantel über und schlüpft in ihre Pantoffeln. Vorsichtig drückt sie die Tür ein Stück weiter auf. Sie hört Anthonys und Gils gedämpfte Stimmen. Die Worte kann sie nicht verstehen. Plötzlich werden die Stimmen lauter.

„Du wirst sehen, was du davon hast.“ – Anthony – „Und, was willst du tun?“ – Gil. –

Eine Tür fällt krachend ins Schloss. – Das muss Gils Tür sein. Sein Zimmer liegt näher an der Treppe. – Erneutes ein Krachen. – Anthony. –

Rosalie lauscht. Es bleibt still. Sie wartet eine Weile, bevor sie zu Gils Zimmer geht und zaghaft anklopft. Er öffnet nicht. Rosalie macht einen zweiten Versuch. Sie wartet. – Gut. Dann eben nicht. – Sie hat die ersten Schritte gemacht, als die Tür geöffnet wird. Rosalie hält inne.

„Was kann ich für dich tun?“, Gils kühle Stimme ergießt sich über sie.

Sie legt den Kopf in den Nacken und blickt zu ihm auf.

„Die Frage ist wohl eher, was ich für dich tun kann?“

Gil zieht die Augenbrauen hoch. Kurz zögert er, dann gibt er Rosalie den Weg in sein Zimmer frei.

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Nachdem sich der Inspektor verabschiedet hatte, zog sich Rosalie in die Abgeschiedenheit der Bibliothek zurück, während Anthony  Gil, nach der denkwürdigen Besichtigung der Ahnengalerie, zu einem Ausritt drängte. Rosalie war froh ihren Recherchen ungestört nachgehen zu können.

Die Tür der Bibliothek öffnet sich mit leisem Knarren. Misses Morse lauscht, macht ein paar Schritte in den Raum, reckt den Hals und sieht sich aufmerksam um.

„Miss Rosalie“, ruft sie unsicher, „sind sie da?“

„Ja, Misses Morse“, hört sie Rosalies dumpfe Stimme, „ganz hinten links.“

Vorsichtig balanciert die Köchin ein Tablett mit frischem Brot, Butter, kaltem Hühnchen und einer Flasche Weißwein zwischen den langen Regalreihen hindurch. Erstaunt zieht sie die Augenbrauen hoch, als sie die junge Frau in einem Durcheinander aus Karten, Büchern und Grundrissen auf dem Boden sitzen sieht. Es hat den Anschein, ein Sturmwind hätte die Regale geleert.

„Miss Rosalie“, sagt sie mit leisem Vorwurf in der Stimme, „das schöne Kleid.“

Rosalie lächelt und steht vorsichtig auf, um keines der kostbaren Schriftstücke zu beschädigen.

„Liebe Misses Morse, sie haben so Recht! Ich war ganz vertieft in meine Recherche, dass ich gar nicht darüber nachgedacht habe.“ Sie streicht das blau schimmernde Seidenkleid glatt und rückt ihre warme Wolljacke zurecht. „Stellen sie den Tee doch auf den Tisch am Fenster. Dann kann ich die letzten Sonnenstrahlen genießen.“

„Zum Glück haben sie eine warme Jacke an. Sie holen sich in diesen zugigen Räumen noch den Tod.“ Die ältere Frau schüttelt besorgt mit dem Kopf und sagt mehr zu sich selbst, „heutzutage sind die jungen Leute so leichtsinnig, wenn es um ihre Gesundheit geht.“

Das Porzellan klirrt leise, als Misses Morse das Tablett auf dem Spieltisch vor dem Fenster abstellt. Sie richtet Rosalie einen Teller mit Brot und Hühnchen, gießt ihr ein Glas Weißwein ein. Rosalie setzt sich und kostet einen Schluck.

„Ein edler Tropfen“, stellt sie fest.

„Aus unserem Weinkeller“, erklärt Misses Morse, „der alte Lord war immer sehr eigen, was seine Weine betraf“, Rosalie horcht auf, „aber ich dachte, nach den schrecklichen Ereignissen der letzten Nacht, könnte ihnen ein kleine Aufmunterung nicht schaden.“

Die Köchin zwinkert Rosalie verschwörerisch zu.

„Danke, liebe Miss Morse. Würden sie sich zu mir setzen und mir Gesellschaft leisten? Ich denke, das Hühnchen reicht für zwei und der Wein ebenso.“

Misses Morse errötet verlegen und setzt sich ganz vorne auf die Stuhlkante. Rosalie reicht ihr einen Teller und schmunzelt.

„Und einen Schluck Wein?“

„Nein, Miss, danke. Lieber nicht.“

Rosalie bestreicht das warme duftende Brot mit Butter, die sofort zerläuft.

„Sie sind eine begnadete Köchin“, Rosalie saugt den Geruch ein, „ich erwäge ernsthaft sie abzuwerben. John, mein Butler, liegt mir seit Wochen in den Ohren endlich wieder eine festangestellte Köchin einzustellen.“

Misses Morse Augen leuchten auf und Rosalie weiß, dass sie ihren Trumpf an der richtigen Stelle ausgespielt hat. Tatsächlich spielt sie mit dem Gedanken die freundliche Frau in ihren Haushalt aufzunehmen.

„Wissen sie, ob die Weinkeller zu dem alten oder neuen Teil des Hauses gehören?“

„Sie wurden auf einem alten Teil des Hauses aufgebaut, soweit ich weiß“, Misses Morse belegt ihr Brot mit einem Stück Hühnchen, „aber Mister Smith kennt sich besser mit diesen Dingen aus, schon sein Vater und Großvater haben den de Clares gedient. Ich bin erst mit vierzehn als Küchenmädchen hergekommen.“

„Danke für den Hinweis“, Rosalie gießt sich etwas Wein nach, „aber sie haben meine Theorie schon bestätigt. Wissen sie zufällig, ob es so etwas wie Eiskeller oder Erdgewächshäuser gab?“

Misses Morse kaut bedächtig an ihrem Bissen. Dann nickt sie.

„Ja, ich erinnere mich. Ich muss etwa 16 gewesen sein, als ich in der Nähe des großen Turms in ein Loch stürzte. Es hatte die Form einer kleinen Vorratskammer. Es dauerte drei Stunden, bis man nach mir suchte und mich befreite.“

„Ich nehme an, dass das Loch danach zugeschüttet wurde?“

Misses Morse zuckt mit den Schultern.

„Tut mir leid, Miss Rosalie. Ich weiß es nicht. Ich war nur heilfroh, dass sie mich da rausholten.“

„Macht nichts. Mir wäre es vermutlich genauso gegangen.“

Rosalie lächelt verständnisvoll. Sie hat erfahren, was sie wissen will.

Ihr Vater ermöglichte es ihr Geschichte zu studieren. Ein Wissensgebiet, dass ihm mehr als alles andere am Herzen lag. Wann immer sich die Gelegenheit bot, besichtigte er mit Rosalie Herrenhäuser, Schlösser, Kirchen, Museen, Galerien und Bibliotheken. Ihr Vater erzählte ihr die Legenden über Uther Pendragon und König Artur, der ebenso ein Bastardkind war, wie er selbst. Er brachte ihr bei, wie man recherchierte, Karten las und welche Bedeutung Symbole und Zeichen hatten.

Rosalies erste Arbeit, in langen Stunden recherchiert, handelte von der Verfolgung katholischer Gemeinden unter Heinrich dem VIII. Sie wusste von den Plünderungen der Kirchenschätze, den Morden an einzelnen Priester und ganzen Ordensbruderschaften. Wer nicht auf Heinrichs Seite war, war gegen ihn. Allerdings gab es auch die andere Seite. Zufluchtsstätten, geheime Schatzkammern, Menschen, die ihr Leben für das Leben fremder Menschen aufs Spiel setzten und den Tod fanden.

„Ich glaube, ich sollte mich wieder in die Küche aufmachen“, reißt Misses Morse Rosalie aus ihren Erinnerungen. „Seine Lordschaft und Mister Douglas werden sich hungrig sein, wenn sie von ihrem Ausritt zurückkehren.“

Sie steht auf und räumt das Geschirr zusammen.

„Sie kennen seine Lordschaft seit seiner Kindheit?“

„Ja, Miss Rosalie“, die Köchin seufzt, „ein liebenswürdiger, fröhlicher Junge. Und so hübsch. Seit er den alten Lord beerbt hat und die Last dieses düsteren Hauses tragen muss, hat er sich sehr verändert. Leider nicht zum Vorteil, wenn ich diese Meinung äußern darf.“ Sie nimmt das Tablett auf. „Er ist ein musischer, künstlerisch begabter Mensch. Ich glaube nicht, dass Mister Gil für diese Art der Verantwortung geschaffen ist.“

„Da mögen sie durchaus Recht haben, Misses Morse“, stimmt Rosalie nachdenklich zu. – Ich sollte ein ernsthaftes Gespräch mit seiner Lordschaft führen. –

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Mister Smith steckt den Schlüssel ins Schloss. Er dreht ihn. Es knirscht. Die anderen Schlüssel an dem großen Eisenring stoßen geräuschvoll aneinander. Es kostet ihn Mühe die Klinke herunterzudrücken. Der Riegel klemmt. Erst nach mehrmaligem Ruckeln springt er auf.

Als Mister Smith die Flügeltür aufdrückt, geben die Scharniere ein unangenehmes Kratzen und Knarzen von sich. Um die Bilder vor der Sonne zu schützen sind die Fensterläden geschlossen. Mister Smith zündet Petroleumlampen an und verteilt sie an den Inspektor und seinen Sergeant. Eine nimmt er selbst und geht voran.

Der Ahnensaal ist riesig. Er hat die Form eines breiten Flures und läuft in der ersten Etage über die komplette Länge des Hauses. Der muffige Geruch abgestandener Luft und die Kälte jagen Rosalie eine Gänsehaut über den Rücken. Sie zieht die leichte Seidenstola enger um die Schultern.

„Sie zittern ja“, flüstert Anthony.

Hastig zieht er sein Jackett aus und legt es ihr um die Schultern. Rosalie erschnuppert Anthonys angenehmen Duft und genießt seine Wärme, die aus dem weichen Wollstoff in ihren Körper fließt. Dankbar nickt sie ihm zu und drückt kurz seine Hand. Anthony ist versucht seinen Arm um Rosalies Schultern zu legen, als er Nathans warnendem Blick begegnet. Er zuckt leicht mit den Schultern und zieht den Arm, unbemerkt von Rosalie, zurück.

Langsam schreitet die kleine Gruppe an den Porträts der de Clares vorüber. Mister Smith geht voraus, dicht hinter ihm die beiden Polizisten, gefolgt von Rosalie und Anthony und einige Schritte dahinter Gil.

Zwischen den Gemälden hängen Kerzenleuchter und weit über ihnen befinden sich die großen Kronleuchter. In der Dunkelheit wirken sie wie vielarmige Ungeheuer, die auf ihre Beute lauern. Es ist viele Jahre her, dass sie angezündet wurden und ihr warmes glitzerndes Licht bei einem glanzvollen Ball über ein fröhliche Menschenmenge verströmen durften.

„Und hier sehen sie eines der ersten Gemälde, auf denen das Collier abgebildet ist.“ Mister Smith hält inne. Er hebt die Lampe in die Höhe, damit das Porträt besser zu sehen ist. „Das Bild entstand ca. 1292 und zeigt Lady Johanna de Clare.“

Nathan und Rosalie treten näher an das Bild.

„Sie ist wunderschön“, flüstert Rosalie ehrfürchtig.

Das Ganzkörperporträt präsentiert eine Frau mit feinen, vergeistigten Gesichtszügen, in einem dunkelgrünen Samtgewand mit goldener Bordüre. Sie breitet die Arme aus und zeigt dem Betrachter ihre offenen Handflächen. Lady Johanna steht vor einer lieblichen Hügellandschaft. Auf langen blonden Haaren trägt sie ein fein gearbeitetes Diadem und um den Hals ein stilisiertes Collier mit einem Anhänger. Das Collier hat die Form eines Spitzenkragens.

Mister Smith setzt den Weg an der Ahnenreihe fort, Rosalie fällt es schwer sich von dem Gemälde zu trennen. Gerne hätte sie länger verweilt, um alle Einzelheiten aufzunehmen.

„Kommen sie, Miss Graville“, flüstert Nathan neben ihr.

Rosalie spürt seinen warmen Atem auf ihrem Hals und ihre Nackenhärchen stellen sich auf. Er legt ihr die Hand in den Rücken und schiebt sie sanft weiter. Anthony beobachte es und drängt sich zwischen den Inspektor und die junge Frau.

„Es gibt noch bessere Abbildungen des Colliers“, sagt er, nimmt ihre Hand und klemmt sie unter seinen Arm, „es ist wirklich einmalig.“

Nathan lässt sich nicht abschütteln. Er wechselt auf Rosalies andere Seite.

„Da wird gerade davon sprechen, Mister Douglas. Wie ich hörte sind sie der Experte, wenn es um die Gerüchte bezüglich der Verwendung des Colliers geht.“

Anthony stößt einen unwilligen Laut aus.

„Bitte Inspektor Robins“, sagt er kühl, „das sind keine Gerüchte, allenfalls Legenden und somit steckt ein Körnchen Wahrheit darin. Die unterirdischen Gänge existieren. Zur Zeit Heinrich des VIII, versteckten die de Clares dort katholische Ordensleute. Sie wurden von einem missgünstigen Verwandten verraten, die Gänge verschlossen. Heute weiß niemand mehr, wo der Eingang zu den geheimen Gängen ist.“

Mister Smith hält erneut vor einem Gemälde inne. Seine Begleiter bilden einen Kreis um ihn. Nur Gil hält sich abseits. Ab und an von den Rändern eines Lichtkegels erfasst, bewegt er sich wie ein Geist unter den Geistern seiner Ahnen.

„Das ist ihre Urgroßmutter, Lady Mary Rosalie de Clare, Miss Graville“, erklärt er in sachlichem Tonfall.
Rosalie zuckt erschrocken zurück. Ihre Finger krallen sich in Anthonys Arm, mit der freien Hand, fasst sie nach Nathans Arm.

„Sie sieht aus wie ich?“

Die junge Frau trägt ein schlichtes weißes Kleid. Sie steht aufrecht vor einem großen Fenster und blickt den Betrachter direkt an. Ihre blauen Augen werden von langen Wimpern gerahmt. Die blonden Locken sind kunstvoll aufgesteckt und leuchten im Licht der einfallenden Sonne wie gesponnenes Gold. In der Hand hält sie einen Pinsel und steht vor einer Staffelei. Um ihren schlanken Hals liegt das kostbare Collier. Ein Detail das nicht zu der schlichten Szene passen will.

Doch es sind nicht nur die äußeren Merkmale, die ihre Urgroßmutter mit ihr gemeinsam hat, auch die Form des Gesichts und der offene neugierige Ausdruck. Lady Mary Rosalie de Clare könnte beinahe Rosalies Zwillingsschwester sein. Nur ihre Lippen sind voller und das Blau ihrer Augen dunkler und geheimnisvoller, als bei ihrer Ahnherrin.

Rosalie löst ihre Hand von Anthonys Arm und tritt einen Schritt vor. Mit der anderen hält sie immer noch Nathans Arm. Beruhigend legt er seine warme große Hand auf ihre zierliche und drückt sie sanft.

„Die Ausführung des Colliers ist meisterhaft“, bewundert Rosalie die Malerei, „an jeder Spitze hängt eine große Perle oder ein kleiner Rubin und in der Mitte ein Anhänger, der die Form eines roten Sterns hat.“

„Die Legende besagt, wer den Stein in das dafür vorgesehene Schloss steckt, finde den sagenhaften Schatz, den die Normannen auf ihren Eroberungsfeldzügen durch England erbeuteten“, erklärt Anthony.

„So, so“, sagte Nathan und der Spott in seiner Stimme ist nicht zu überhören, „Sagenhafte Schätze und Legenden. Allen hübschen Geschichten zum Trotz müssen wir einen Dieb fassen und möglicherweise einen Mörder.“ Er wendet sich an Mister Smith. „Wenn sie bitte vorangehen.“

Mister Smith waltet seines Amtes und führt die Herrschaften zurück ins Arbeitszimmer. Gil hat nicht ein Wort gesprochen.

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„Mister de Clare, würden sie bitte ihren Butler rufen? Ich habe einige Fragen.“

Gil zieht an dem Klingelknopf hinter seinem Schreibtisch, dann tritt er an den Rauchtisch vor dem Barschrank und zündet sich einen Zigarillo an. Sergeant Collins steht neben der Tür und beobachtet seinen Vorgesetzten. Nathan räuspert sich, um Gils Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Trotzdem dauert es einen Moment, bevor er sich umdreht und ihn mit gereiztem Gesichtsausdruck anschaut.

„Stellen sie ihre Fragen“, knurrt er. „Ich nehme an sie verdächtigen mich?“

Nathan ignoriert Gils Frage. Seine ganze Haltung drückt Widerwillen gegen den Hausherrn aus.

„Können sie sich vorstellen, warum der Dieb nur das Collier mitgenommen hat?“

Gils Antwort ist ein Schulterzucken, während er ein Wölkchen aus weißem Rauch in die Luft bläst. Rosalie blickt von einem zum Anderen.

„Ich werde zu Misses Moore gehen und sie um einen Tee zu bitten“, wirft sie in die schweigende Runde und geht zur Tür.

„Ich begleite sie“, bietet Anthony ihr an, erleichtert der unangenehmen Situation zu entkommen.

„Bitte beeilen sie sich, ich habe auch noch Fragen an sie“, ruft Nathan ihm hinterher.

Rosalie schmunzelt. Der Inspektor stellt nachdrücklich klar, dass er bestimmt, wer wann wohin geht. Die Tür fällt ins Schloss.

„Nun, Mister de Clare, beantworten sie meine Frage oder möchten sie lieber aufs Revier kommen?“

Gil zuckt gleichgültig mit den Schultern.

„Ich habe keine Ahnung. Aber ich kann dankbar sein, dass der Dieb ein paar Preziosen übrig gelassen hat, dass ich versetzen und mit dem ich einen Teil der Schulden meines Großonkels abbezahlen kann.“

Der Sarkasmus seiner Antwort bringt ihm einen misstrauischen Blick des Inspektors ein. Er saugt den Rauch seine Zigarillo tief ein.

„Was sehen sie mich so an? Ich habe Lady Edna nicht von der Treppe gestoßen und ihre Juwelen an mich genommen.“

„Es gibt Mittel und Weg.“ Das Erscheinen von Mister Smith und Anthony unterbricht Nathans Ausführungen. „Gut, dass sie kommen, Mister Smith. Sergeant Collins teilte mir mit, dass sie dafür Sorge tragen, das Haus am Abend ordnungsgemäß abzuschließen.“

Mister Smith strafft die Schultern und wird noch  steifer, als er sowieso schon ist.

„Ja, Sir“, sagt er einsilbig.

„Ist ihnen gestern Abend etwas besonderes aufgefallen, ein defektes Schloss, ein offenes Fenster?“

„Nicht, das ich wüsste, Sir.“

Nathan hatte befürchtet, dass er nichts aus dem Butler herausbekommen würde. Hausdienern wurde die Loyalität gegenüber ihrer Herrschaft mit den silbernen Löffeln eingeprügelt, die sie so sorgfältig putzen mussten.

„Haben sie das Haus überprüft, nachdem Lady Edna gestürzt war?“

„Nein, Sir. Seine Lordschaft vermutete, wie wir alle, einen unglücklichen Unfall.“

Nathan wirft einen fragenden Blick in Gils Richtung. Er blickt immer noch aus dem Fenster, aber er spürt an der eintretenden Stille, dass er als Haushaltsvorstand gefragt ist.

„Warum sollten wir die Sicherheit des Hauses überprüfen – das Fehlen des Colliers wurde erst entdeckt, als der Leichenwagen eintraf. Zu dem Zeitpunkt waren etliche Türen und Fenster bewegt worden.“
Nathan gibt Sergeant Collins einen Wink.

„Collins, sie begleiten Mister Smith bei einem Rundgang durchs Haus. Überprüfen sie alle Türen und Fenster im Erdgeschoss. Achten sie besonders darauf, ob die Schlösser unversehrt sind, oder Beschädigungen aufweisen.“

„Ja, Sir“, Sergeant Collins, der Wichtigkeit seiner Aufgabe bewusst, schreit sofort zur Tat. „Mister Smith, darf ich bitten.“

Er hält dem Butler die Tür auf, der sich, nach einem Rückversicherungsblick zu seinen Brotherrn, zügig in Bewegung setzt.

„Danke Mister Collins“, Rosalie trägt ein Tablett mit Tee herein, „habe ich etwas verpasst?“
Interessiert blickt sie in die Männerrunde.

„Ich glaube nicht“, lächelt Anthony und nimmt ihr das schwere Tablett ab.

„Ich wollte Mister Douglas gerade fragen, was es mit dem geheimnisvollen Collier auf sich hat“, klärt Nathan Rosalie auf und seine Stimme trieft vor Sarkasmus, als er weiter spricht, „seine Lordschaft kann sich leider keinen plausiblen Grund denken, der den Dieb veranlasst haben könnte, nur das Collier zu stehlen“, er lässt einen Zuckerwürfel in seinen Tee gleiten.

Für einen Moment tritt eine angespannte Stille ein. Anthony wirft Rosalie einen fragenden Blick zu, die ihn offen erwidert.

„Wenn sie meine Theorie hören möchten, sollten sie sich zuerst das Collier anschauen.“

Nathan zieht erstaunt eine Augenbraue hoch. Er fängt einen skeptischen Blick von Rosalie auf.

„In der Ahnengalerie des Hauses hängen einige Gemälde, auf denen das Collier der de Clares auf den Dekolletés ihrer Ehefrauen abgebildet ist.“

„Dann sollten wir uns das Collier aus der Nähe ansehen.“ Nathan stellt seine Tasse auf das Tablett, „gehen sie voran, Mister Douglas?“

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