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Archive for the ‘Geschichten’ Category

Folgend die Worte aus der letzten Schreibrunde vom Samstag: Zeitreise, gleichmäßig, Eieruhr, Unendlichkeit, Mitternacht, die ich mir selbst eingebrockt habe, da sie in meinem Mindmap standen 😉 .

Hier mein kleiner Text, in dem alle Worte, bis auf Mitternacht, vorkommen:

Zeit ist unendlich, gleichmäßig, monoton. Tick, tack, tick, tack. Zeit kommt nie aus der Puste. Egal wie sehr wir hetzen und jagen, die Zeit läuft nicht mit. Tick, tack, tick, tack.

„Diese blöde Eieruhr macht mich nervös“, schreit Markus, springt auf und wirft die Küchentür geräuschvoll hinter sich zu.

„Und du machst mich nervös“, murmelt Sandra.

Sie starrt auf das brodelnde Wasser, schaut zu wie die Eier von den heißen Blubberblasen hin und her geschubst werden. Die Eieruhr klingelt. Sandra nimmt den Topf vom Herd, gießt das Wasser ab und stellt den Topf auf die Spüle.

Unschlüssig steht sie da, hebt den Blick, schaut aus dem Fenster. Blätter fallen, vom Wind losgerissen, segeln davon. Wie lange ist es her, dass Markus und ich Spaß hatten, denkt sie und erinnert sich an lange Winterabende eingekuschelt in dicke Decken, Küsse, geflüsterte Liebesworte. Davon ist nichts geblieben. Markus lief der Zeit hinterher. Ständig im Stress, immer mit wichtigen Dingen beschäftigt.

„Ich muss up to date sein“, hört sie ihn genervt sagen. „Jetzt ist gleich schon vorbei und ehe ich mich versehe haben die anderen mich ausgebootet und ich stehe auf der Straße. Und wer kauft dir dann deine Klamotten und bezahlt deine Reisen?“

Sandra denkt an die kleine zwei Zimmerwohnung. Gemütlich war es da. Sie hatten wenig Geld, aber sie hatten einander. Mit jedem Schritt auf der Karriereleiter musste die Wohnung größer werden, das Auto schneller, die Kleidung teurer. Was sollten die Kollegen denken, wenn er nicht mithielt?

Sie hatten nicht nur die Zeit verloren, sie hatten sich auch in der Zeit verloren.

Sandra betrachtet die Eieruhr. Ein gelbes Küken, mit rotem Schnabel. Markus hatte sie ihr damals geschenkt. Sie wohnten gerade ein paar Wochen zusammen.

„Hier mein Schatz, damit du nicht immer zu harte oder zu weiche Eier kochst“, hatte er lachend gesagt und sie stürmisch geküsst.

Sandra konnte nicht zählen, wie oft sie versucht hatte Markus zu bremsen, ihn an ihr Gestern zu erinnern und wie das Morgen sein könnte. Irgendwo in einem kleinen Haus, an irgendeinem Strand oder auf irgendeinem Berg. Wieder das haben, was wirklich zählte. Wenn sie einen Wunsch frei hätte, würde sie sich eine Zeitreise wünschen, zurück an den Anfang.

Sandra öffnet das Fenster, greift sich die Eieruhr und wirft sie in hohem Bogen hinaus. Sie schaut ihr nach. Ein gelbes Küken, das wie ein Komet durch den Garten rast und irgendwo aufschlägt.

Sandra muss lachen. Ein Kükenkomet. Es ist an der Zeit ihrem Stern zu folgen.

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Gestern habe ich für meine „Schreiberlebentipps“ einen Artikel geschrieben (erscheint in den nächsten Tagen) in dem es um das „Ideen finden“ geht. Wie die meisten von uns wissen und erfahren haben, küssen einen die Musen meistens sehr überraschend. Meine sind besonders während (längerer) Autofahrten sehr aktiv. So geschehen gestern abend.

Ich fuhr über die Bundesstraße zur Kinderbetreuung. Auf den Brücken, die an einigen Stellen über die Straße führen sind großteils Graffitis zu sehen. Mein Scheinwerfer erfasste an einem Brückenpfeiler das Wort: Kobold. Es war in großen Buchstaben geschrieben und farbig ausgemalt.

Sofort baute sich in meinem Kopf eine Szene zusammen. Zwei Kinder, etwa 13 bis 14 Jahre, die im Dunkeln unterwegs sind (Grund wäre noch zu überlegen). Sie kommen an einer alten, gemauerten Brücke vorbei (ich hätte da schon eine Idee 😉 ) und das Mädchen sieht das Wort Kobold. Was sie nicht weiß ist, nur sie erkennt die Zeichen, die in einer alten Sprache geschrieben wurden.

Hier ist meine kleine Koboldszene:

„Hier gibt es Kobolde“, flüsterte Luna.

„Woher weißt du das?“, Roman sah sich um, doch die Dunkelheit war nicht zu durchdringen, „ich kann nichts entdecken.“

„Es steht dort am Brückenpfeiler.“

Luna richtete den Strahl ihrer Taschenlampe auf das verwitterte Mauerwerk der alten Eisenbahnbrücke. Die verschlungenen Buchstaben leuchteten erneut auf.

„Sorry, ich sehe gar nichts.“ Roman versuchte das mulmige Gefühl abzuschütteln. „Du willst mir nur Angst machen. Aber das schaffst du nicht.“

„Quatsch. Wie so sollte ich dir Angst machen wollen?“ Luna sah die Buchstaben auf dem Mauerwerk so plastisch vor sich, als wären sie in Reliefs hervorgehoben. So etwas hatte sie schon einmal im Museum gesehen. „Ich schwöre dir, es steht da auf der Mauer.“

„Glaubst du etwa, dass es Kobolde gibt?“ Romans Stimme klang ungläubig. Was ihr nur wieder einfällt, dachte er genervt, ständig hat sie so merkwürdige Ideen.

„Keine Ahnung.“ Luna überlegte kurz. „Wenn du mir sagst, warum es keine geben sollte, dann vielleicht glaub ich nicht daran.“

„Ich kann dir tausend Gründe aufzählen“, erwiderte Roman hastig und überlegte fieberhaft, was er sagen könnte, „der erste wäre, dass du vierzehn Jahre alt bist und nicht mehr vier. Du solltest den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Märchen erkennen.“

„Und du bist fast fünfzehn und solltest wissen, dass es mehr gibt, zwischen Himmel und Erde, als nur die sichtbaren Dinge.“

„Hast du etwa schon einen Kobold gesehen?“ Roman ärgerte sich, dass er so überrascht klang.

„Nein, nur darüber gehört. Und es war furchteinflössend, das kannst du mir glauben.“

Luna zupfte Roman am Ärmel. Der zuckte erschrocken zusammen. Eine Gänsehaut zog sich über seinen Schultern und er schüttelte sich.

„Mensch, Luna, ich krieg noch einen Infarkt!“ Seine erhobene Stimme echote unter dem hohen Bogen der Brücke

„Sei nicht so laut. Nachher können sie uns hören.“ Luna war sauer. „Deinetwegen finden sie uns noch. Komm, lass uns weitergehen.“

„Ach, die bestimmt nicht. Sonst wären sie schon hier. Die sind bestimmt in die andere Richtung gelaufen.“

„Oder auch nicht“, hörten die beiden eine höhnische Stimme.

Sie fuhren herum und wurden von einem gleißenden Lichtstrahl geblendet.

Fortsetzung folgt…

 

Nacharbeit:

Nun ist diese Szene ein junges Pflänzchen. Es gibt da noch eine Menge zu klären.

  • Wer sind Luna und Roman? Welchen Charakter/Geschichte und welche Motivation haben sie?
  • Wo genau befinden sie sich und warum?
  • Wer sind „sie“ die Verfolger? Ihr Charakter, ihre Motivation usw.
  • Was ist mit den Kobolden? Gibt es sie und wie sehen sie aus? Es müssen ja keine klassischen Kobolde sein.
  • Aus dieser Überlegung ergibt sich die Frage, in welchem Setting befinden wir uns? Es könnte Jetztzeit sein, Distopie Fantastic, Horror…
  • Worauf läuft das Ganze hinaus?

 

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Lea saß auf einem umgekippten Baumstamm und sah zu, wie Sam mit einem mächtigen Vorschlaghammer auf die Mauer einschlug. Er hatte das Ding fluchend durch den Wald getragen, bis zu der zugemauerten Höhle.

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Auf dem Weg dorthin hatte Lea überlegt umzudrehen und wegzulaufen. Sam hätte sie mit dem Hammer niemals eingeholt. Nun war es zu spät. – Nein, habe ich gesagt, nein! Aber er wollte nicht hören. Erinnerst du dich an das letzte Mal? Habe ich gesagt. Wir sind nur durch einen unglaublichen Zufall dem Sensenmann von der Schippe gesprungen, habe ich gesagt. Warum lasse ich mich nur immer wieder von Sam zu solchen Himmelfahrtskommandos überreden? Weil er dein ältester Freund ist. Selbst Schuld. Dabei habe ich mir geschworen: Keinen Rückfall mehr! –

Lea fröstelte. Sie schaute auf die Uhr. Halb sechs. – Es dauert nicht mehr lange, bis es dunkel wird. – Sie sehnte sich nach der Wärme in ihrem Labor, der Kaffeemaschine in ihrem gemütlichen Büro im Museum. Es war sicher, trocken und völlig ungefährlich, es sei denn, sie schnitt sich in den Finger. Lea liebte ihre Arbeit als Archäologin und Restauratorin. Im Museum und in der Feldforschung. Nur mit Sam, war es jedesmal ein Abenteuer auf Leben und Tod. – Bitte, ich brauch dich. Du bist die einzige, die mir helfen kann. Hat er gesagt. Du kannst mir sagen, ob es wirklich alt ist oder nicht. Diesmal ist es völlig ungefährlich. Es wird nichts Schlimmes passieren. Hat er gesagt. –

Der Hammer krachte gegen die Mauer. Steine polterten.

„Ich bin durch!“ Sam riss Lea aus ihren Gedanken, bevor sie den Teil mit dem Tod näher durchdenken konnte.

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Das kann außerordentlich entspannend und motivierend sein: ein anregender Nachmittag mit der Schreibgruppe! Gestern war es endlich wieder soweit. Es sind sechs schöne, melancholische, spannende, kriminelle, mysteriöse, lustige Texte entstanden. Hier mein Text.

Ich hatte die Worte: Lupe, düster, Herrenhaus, junge Dame, Nebel zur Verfügung. Es sind Assoziationen zu dem Gegenstand, den ich aus einer ‚Schatztruhe‘ gezogen habe: einem Monokel.

Jasmin starrte aus dem Fenster. Nebel lag über den Feldern und hüllte das stattliche Herrenhaus in einen feuchten, weißgrauen Mantel. In dem offenen Kamin knisterte ein Feuer, doch seine Wärme erreichte die junge Dame nicht. Jasmin fröstelte und zog die Strickjacke enger um die schmalen Schultern. In diesem alten Haus schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Tante Polly brütete über einer Stickarbeit. Das zierliche Monokel hielt sie ihm linken Auge, was ihrer Miene einen merkwürdig schiefen Zug verlieh. Onkel Anthony saß versteckt hinter einer Zeitung, nur ab und zu kroch ein Wölkchen hinter ihr hervor, das von seiner Pfeife rührte.

Jasmin langweilte sich unendlich. Ihre Mutter hatte sie zur Strafe in diese Einöde verbannt, weil sie von einer der Erzieherinnen im Internat dabei erwischt worden war, wie sie nachts durch ein Fenster hinauskletterte, um zu einem verbotenen Tanzvergnügen zu gehen. Nun hat sich William bestimmt mit dieser dummen Sally getröstet, dachte sie halb wütend, halb traurig.

„Liebes, kannst du mir bitte einmal die Lupe aus dem Arbeitszimmer holen?“, sagte Onkel Anthony mit seiner tiefen Stimme.

Jasmin zuckte zusammen. Sie fühlte sich ertappt und errötete. In ihrer Vorstellung, beugte sich William zu ihr herunter, sah ihr tief in die Augen und war kurz davor sie zu küssen.  „Natürlich, Onkel.“ Erwiderte Jasmin und eilte hinaus.

„Wozu brauchst du deine Lupe?“ Polly sah auf. Das Monokel fiel ihr aus dem Auge und baumelte an der kleinen Kette mit den lila Blüten über ihrem üppigen Busen. „So düster finde ich es heute nicht.“

Anthony senkte die Times und sah seine Frau irritiert an. Er schien sie während des Lesens völlig vergessen zu haben.

„Wir können John bitten die Lampen anzuzünden.“ Fuhr Polly fort, als er nicht antwortete.

„Nein, ist schon gut. Daran liegt es nicht, aber die Schrift dieser Anzeige ist auch wirklich sehr klein.“ Wehrte Anthony ab. Er stellte die Pfeife in den dafür vorgesehenen Holzständer.

Polly runzelte die Stirn. Ehe sie fragen konnte, um was für eine Annonce es sich handelte, erschien Jasmin und brachte ihrem Onkel das Vergrößerungsglas.

„Danke Kind.“ Sagte er und hielt die Lupe über den Anzeigenteil.

Neugierig beugte Jasmin sich über seine Schulter um einen Blick auf die geheimnisvolle Annonce zu werfen.

„Suche Bernstein, Tennisballgroß mit Einschlüssen, und Meteoritengestein, silberfarbig, ebenso groß, zahle Höchstpreise. Bitte schreiben sie unter Chiffre.“

Die Zahlen der Chiffre konnte Jasmin nicht erkennen. Doch sie wusste, wo sich die gesuchten Dinge befanden. Zu oft war sie in den letzten Wochen daran vorbei gelaufen. Es war eine der großen Vitrinen mit den kuriosesten Exponaten, die man sich denken konnte. In diesem privaten Museum befanden sich die gewünschten Kostbarkeiten.

Onkel Anthony atmete schwer. Sein Gesicht hatte die fahle Farbe des Nebels angenommen.

„Das ist unmöglich.“ Keuchte er. „Unmöglich.“

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„Ist das eine Waffe?“

„Nein, das ist ein Föhn!“

Harry schüttelte müde den Kopf. Wieso war er nur mit diesem Nervenbündel gestraft.

„Ich spüre da eine gewisse Aggression zwischen uns“, sagte Alex und verzog die schmalen Lippen.

„Was erwartest du? Du willst ein Privatdetektiv werden! Meinst du wir werfen mit Wattebäuschen herum?“

Harry ballte die Fäuste. Alex antwortete nicht. Sein zartes Gemüt verkraftete solche Anfeindungen nicht besonders gut, nachdem er die Antidepressiva abgesetzt hatte. Harry überkam der intensive Wunsch die Waffe sofort zu benutzen und den unerwünschten Partner Six-Feet-Under zu legen. Mario schuldete ihm noch einen Gefallen. Wenn die Italiener das in die Hand nahmen, würde Alex nie wiedergefunden. Andererseits konnte er es sich nicht leisten, ihn jetzt schon in der Versenkung verschwinden zu lassen. Harry war so pleite, wie man nur sein konnte und Alex war so reich, wie man nur sein konnte.

„Los, steig endlich ein“, herrschte Harry Alex an.

„Na gut, aber das Thema ist noch nicht zu Ende“, erwiderte der pikiert und gehorchte.

Stimmt, dachte Harry, Mario schuldet mir noch was.

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„Dein Plan wird uns sehr wahrscheinlich töten. – Ich bin dabei.“

„Das dachte ich mir. Und ehrlich, dass macht mir Sorgen! Dein Hang zu selbstmörderischem Verhalten, ist beängstigend.“

Dean grinste und seine grünen Augen funkelten.

„Aber du brauchst mich. Ich habe den Plan.“

Er tippte sich an die Schläfe. Ich zuckte mit den Achseln.

„Leider! Aber da das Ganze ist sowieso ein Himmelfahrtskommando, auch ohne deine suizidale Ader. Darum ist es egal.“

„Richtige Einstellung“, stellte Dean selbstzufrieden fest.

Unter anderen Umständen hätte ich eine Diskussion über das Für und Wieder seines rücksichtslosen Verhaltens angezettelt, doch es blieb nur wenig Zeit das Ende der Welt abzuwenden, und die wäre definitiv verschwendet gewesen.

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„Wird Mister James Warner die Nacht hier verbringen?“ fragte Nadine spitz.

Sie legte mir die kostbare Perlenkette um. Im Spiegel konnte ich ihren missbilligenden Blick sehen. Ich hatte bemerkt, dass meine Zofe ebenfalls gewisse Gefühle für Mister Warner hegte. Nun, das war der kleine Unterschied, ich besaß die Mittel und die Verbindungen, um mir diese Liaison zu gönnen.

„Natürlich, wird er die Nacht hier verbringen“, erwiderte ich mit einem wissenden Lächeln, „obwohl ich gedenke, es ihm nicht so leicht zu machen.“

Eine Witwe Mitte Zwanzig zu sein, die einen steinalten reichen Mann überlebte, war keine Kunst. Die Kunst bestand darin, mir das Leben zu nehmen, dass ich wollte, ohne auf die schönen Augen der Männer hereinzufallen, die es auf mein ehrlich verdientes Vermögen abgesehen hatten und mich ein paar Wochen nach der Hochzeit mit einer 16-Jährigen betrogen.

Nadine schnaubte hörbar. Ich ignorierte es geflissentlich und dachte ernsthaft darüber nach eine neue Zofe einzustellen. Leider war gutes Personal rar gesät. Ich drehte mich zu ihr um.

„Liebe Nadine, wenn du deine Stelle nicht an eine andere verlieren möchtest, halte deine Unmutsäußerungen zurück!“, sagte ich ruhig, aber bestimmt, „nicht jeder schöne Mann, ist auch ein guter Liebhaber. Auch wenn Mister Warner dieser Ruf vorauseilt. Er muss sich mein Urteil erst noch verdienen.“

Nadine zog die Augenbrauen zusammen.

„Aber Mylady, sowas gehört sich nicht“, begehrte sie auf.

„Sagt wer?“, ich musste lachen, „die ehrenwerten Herren, die es heimlich mit jedem Rock treiben, und die vertrockneten Damen der Gesellschaft?! Lass sie reden, Nadine. Wenn sie könnten, würden sie dasselbe tun. Ich bin eine ehrbare Witwe. Ich besitze genug Geld, mich nie wieder unter Wert an einen Mann verkaufen zu müssen!“ Ich verbarg meinen Zorn, über den Kuhhandel meines Vaters hinter einem Lächeln. „Ich nehme mir, was mir gefällt. Und ich darf behaupten, ich habe einen exquisiten Geschmack, was die Männer in meinem Boudoir angeht.“

„Und was ist mit der Liebe?“, diesmal klang Nadine kleinlaut.

Ich seufzte.

„Liebes Kind, ich verstehe deine Gedanken. Aber Liebe ist nichts weiter als eine romantische Vorstellung, die Dichter uns eingetrichtert haben. Am Ende zählt, was du bist, hast und geben kannst.“ Ich hielt kurz inne. „Glück ist, wenn du einen Menschen triffst, der dir ebenbürtig ist. Da hält sich Geben und Nehmen etwa die Waage. Und ich gebe zu, die Illusion habe ich in unserer degenerierten Gesellschaft aufgegeben.“

Nadine zuckte mit den Schultern. Sie huschte hinaus, um Mister Warner in den Salon zu geleiten. Ich warf einen letzten Blick in den Spiegel. James Warner sollte diese Nacht nie wieder vergessen, auch wenn es die erste und letzte Nacht in meinem Bett sein würde. Ich hatte meine unumstößlichen Prinzipien. Verlieben kam in meiner Lebensplanung nicht vor! Nie wieder.

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Da steht: Eintritt verboten!“

Ich hielt Dean am Arm fest.

„Ich betrachte solche Schilder als gutgemeinte Vorschläge.“, sagte er lässig und zog die Waffe.

Ehe ich reagieren konnte, trat er gegen die Tür. Das morsche Holz zersplitterte unter der Wucht des Tritts. Das Krachen hallte durch die unterirdischen Gänge und war mit Sicherheit im ganzen Gemäuer zu hören.

„Dean“, zischte ich, „was soll das! Du hättest uns gleich mit Megaphone ankündigen können!“

„Ich bitte dich“, sagte er sarkastisch, „als ob die noch nicht gemerkt hätten, dass wir da sind.“

„Und wenn schon. Es ist echt unnötig, dass wir uns auf ihr Silbertablett schmeißen.“

Dean lachte und die Grübchen auf seinem Kinn faszinierten mich ein weiteres Mal. Der Kerl war lebensmüde, aber hinreißend.

„Eins ist jedenfalls klar, sie nehmen uns nicht ernst, sonst hätten sie uns nicht so weit kommen lassen.“

Wie um seine Überlegung zu bestätigen, hörten wir eine spöttische Stimme hinter uns.

„Wir haben euch früher erwartet. Was hat euch aufgehalten?“

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„Ich bin glücklich“, sagte er nachdrücklich.

Sein strahlendes offenes Lächeln, das mein Herz jedes Mal höherschlagen ließ, schmolz zu einem pragmatischen Geschäftsgrinsen zusammen. Es erreichte seine Augen nicht ansatzweise.

Ich sah ihn aufmerksam an. Seine ganze Haltung deutete Spannung an. Die Lippen leicht gepresst, die schlanken Finger ineinander verschlungen.

„Ich bin glücklich“, widerholte er.

Es klang trotzig.

Ich überlegte, was ich darauf sagen sollte. Die beiden zusammenzusehen hatte mir einen Stich versetzt. Ich versteckte es. Wer war ich, dass ich ihm sagen durfte, was ich sah? Ich kannte ihn und kannte ihn nicht, aber ich spürte die Spannung und das Machtgefälle zwischen den beiden, dass nicht zu seinen Gunsten ausfiel.

Eine Erfahrung, die ich nur allzu gut kannte. Hatte ich mich in meiner Ehe nicht ebenfalls oft genug angepasst, um den Frieden zu wahren und nicht aufs Spiel zu setzen, was ich als mein Leben oder meine Zukunft betrachtete? Ich wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte, wenn aus Liebe Nett sein, aus Leidenschaft Gewohnheit wurde, gepaart mit Bequemlichkeit und der Sicherheit eines goldenen Käfigs.

Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach, hörte ich den Satz, den mir meine Mutter immer wieder vorgebetet hatte und erkannte erst spät, dass ich selbst lieber Taube, als Spatz sein wollte.

Ich fing seinen dunklen Blick auf, der mir unter anderen Umständen eine Gänsehaut über den Körper gejagt hätte.

„Sag mir was du denkst!“, forderte er mich auf.

Vermutlich sah er die Gedanken auf meiner Stirn geschrieben, wie dunkle Wolken, die Vorboten eines Gewitters.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Was soll ich dir sagen? Du sagst, du bist glücklich.“

„Aber du glaubst mir nicht.“

Es war eine Feststellung, keine Frage. Ich schwieg. Wie konnte ich das ernstlich glauben? Seine Küsse, seine Berührungen, das, was er mir anvertraut hatte – er und ich – es kam mir vor, als hätte es niemals jemand anderen gegeben – nur er und ich. Aber ich war meiner selbst nicht sicher. Liebe ist ein Januskopf. Man sieht was man sehen möchte und das Herz sagte mir, du liebst ihn, du hältst es aus, auch wenn er gebunden ist und du ihn niemals für dich haben kannst – und dann…?

„Ich werde nicht an deinem Kartenhaus rütteln“, sagte ich ruhig, „aber ich glaube dir nicht, das ist wahr.“

An seinem Blick konnte ich erkennen, dass er ärgerlich war. Es erstaunte mich immer wieder, wie gut wir uns lesen konnten. Obwohl wir so wenig übereinander wussten, war da ein geheimes Verständnis, dass uns ein Gespür für die Stimmungen des anderen gab.

„Dann kannst du mir auch sagen, wie du darauf kommst!“, seine Stimme klang gereizt, „glaubst du, ich lüge dich an?“

„Nein. Es ist keine Lüge, sondern dass, was du glauben willst“, ich hielt inne. Einfach den Mund halten, ermahnte ich mich und dachte, würdest du dir die Wahrheit eingestehen, könntest du so nicht mehr leben. Die Sehnsucht nach der Welt hinter dem Horizont würde dich auffressen und das Gefühl machte einen kaputt. „Ich habe wirklich genug gesagt. Du willst kämpfen, dann tu es. Du bist glücklich. Gut.“

„Was hast du dagegen einzuwenden?“, fragte er und beugte sich etwas vor.

Mein Herz schlug schneller. Wenn er mir so nah war, fiel er mir schwer klar zu denken. Sein Duft benebelte mir das Hirn und ich wollte nur eins, mit ihm ins Bett gehen und jedes Tabu brechen.

„Wenn man um eine Beziehung kämpfen muss, läuft was schief“, rutschte es mir heraus.

Verdammt! Sei endlich still, schalt ich mich.

„Aber sie ist nett!“, warf er dazwischen.

Ich atmete tief durch. Ja, nett, dachte ich, aber Liebe? Liebe ist nicht nett. Liebe ist alles. Konnte er wirklich lieben? War ich es, die mehr in ihm sah, als da war? Konnte er eine einzige Frau lieben, leidenschaftlich, mit Haut und Haar. Konnte er eine Frau entdecken, ihre Höhen und Tiefen erforschen, ohne oberflächlich verliebt zu sein und gleich zur nächsten verführerisch winkenden Blüte zu gaukeln, wie ein betrunkener Schmetterling in der Sommersonne, geblendet und unfähig die Schönheit einer tiefen innigen Liebe zu erkennen, die freiwillig gab und den anderen so nahm, wie er wahr und dadurch ein Universum an Leidenschaft öffnen konnte?

Ich gab mir einen Ruck und lächelte.

„Ja, sie ist nett“, sagte ich, aber sie behandelt dich, wie einen ungezogenen Jungen, der sich zu weit von der schützenden Mutter entfernt hat und dem sie die Leviten lesen muss, damit er wieder in der vorgegebenen Spur geht. In meiner Fantasie hatte sie ihm ein Gängelband angelegt, an dem sie ihn jederzeit zurückzerren konnte.

Andererseits, das eine bedingte das andere. Zu einer Beziehung gehören zwei, einer, der es tut und einer, der es geschehen lässt. Eine Erkenntnis, die ich gerade erst selbst gemacht hatte. Und ich war diejenige, die es mit sich machen ließ. Deswegen verstand ich es so gut, wenn er von Freiheit sprach.

Wer war ich, dass ich vorwegnehmen durfte, was er vielleicht irgendwann erkennen würde? Und wenn er es nie erkannte, dann war es auch nicht an mir, die Karte aus dem Stapel zu ziehen. Es lag in seiner Verantwortung seine Verstrickungen zu erkennen und wenn er die Fesseln nicht abwerfen wollte, war dies ebenfalls seine Entscheidung. Egal, wie sehr ich ihn liebte, es war nicht mein Leben, es war seins.

„Ja, sie ist nett. Wir haben uns was aufgebaut, das will ich nicht verlieren“, wiederholte er sein Argument.

Ich nickte. Wer weiß, was morgen ist, dachte ich, Carpe diem, lagen mir die Worte auf der Zunge. Ich schluckte sie herunter.

“Sei glücklich”, sagte ich, beugte mich zu ihm herunter und küsste ihn sanft auf den Mund. Ich liebe dich, mehr als du je wissen wirst, dachte ich und sagte, „Ich werde dein Kartenhaus nicht stürzen.“

Erstaunt sah er mich an. Ich wendete mich ab und ging schnellen Schrittes davon. Meine Tränen sollte er nicht sehen.

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Er erinnerte sich noch genau daran, was er dachte, als er sie das erste Mal sah, aber nicht daran, was sie anhatte, wie sie ging, welches Wetter oder welche Tageszeit war. Merkwürdig, überlegte er und betrachtete ihr strohblondes Haar, in das die Sonnenstrahlen goldene Lichtpunkte woben, heute wäre es undenkbar für mich, nicht zu wissen, wie sie in welcher Situation aussieht. Alles an ihr ist so ungewöhnlich, so wichtig für mich, dass allein der Gedanke, sie für kurze Zeit aus den Augen zu verlieren, nicht zu ertragen ist. Dass es eine Zeit ohne ihre Anwesenheit gab, kann ich mir heute nicht mehr vorstellen. Sie ist die Einzige, die ich will und ich werde alles, alles tun, um sie nicht zu verlieren.

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