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Archive for März 2012

Im Kreuzgang

Im Kreuzgang trafen wir uns. Hastig durcheilte ich den Kreuzgang, denn ich war schon furchtbar spät dran, und unser Kunstprofessor, Dr. Himmelblau, war so pingelig, was Pünktlichkeit betraf. So gehetzt verpasste ich die letzte Stufe, die am Ende des Gangs lauerte und fiel mit samt den Büchern in seine Arme.

Was für ein Glück, dass er gerade des Weges kam! So lernte ich ihn endlich kennen, denn schließlich himmelte ich ihn schon seit zwei Monaten an. Er lächelte, brachte mich wieder in eine aufrechte Position, und sagte:

„Darf ich dich zum Kaffee einladen?“

Dr. Himmelblau wartete an diesem Vormittag vergeblich auf mich!

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Ein winziges Liebesgedicht

Er sah sie.

Sie sah ihn.

Ein Lächeln tauschten sie.

Ein Strahlen der Augen noch dazu.

Er liebte sie.

Sie liebte ihn.

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Es ist soweit! Der lang ersehnte Urlaub liegt vor mir. Endlich ans Meer! Freier Blick bis zum Horizont und noch weiter. Der verbaute Alltag fällt von mir ab, die Verstellungen, das Hetzen und Jagen.

Endlich kann ich wieder ich selbst sein. Meinen eigenen Rhythmus finden, leben, atmen und denken. Keiner, er mich für seine Zwecke beansprucht, niemand mit dem ich reden oder Gedanken teilen muss. Ich beginne wieder hinzuhören, zuzuhören und zuerkennen, was in mir ist.

Die Wellen rollen an den Strand und verebben im Sand. Die Sonne lässt das Meer glitzern, wie Millionen Diamantsplitter. Ich kann nur noch sehen. Ich denke an nichts, nicht an Hunger oder Kälte, nicht an Wachen oder Schlafen. Mein Herz kann mit den Wellen an den Strand schlagen. Ruhig und gleichmäßig.

Die Möwen schreien im Wind, der meine Gedanken zerzaust und verweht. Mal Krause und mal Glatte. Der Sand unter meinen Füßen ist warm und weich, wie Watte. Die Wärme steigt in mir auf. Ganz langsam schmilzt der Panzer des letzen Jahres dahin und gibt die Seele wieder frei, die sich dahinter versteckt hat.

Die Kinderseele, die nichts anderes will als spielen, Sandburgen bauen, herumtollen, lachen, unbeschwert und fröhlich sein. Der es nichts ausmacht mit bonbonverklebten Fingern und eisverschmiertem Mund herum zulaufen. Die Kinderseele, die einfach alle Fünfe gerade sein lässt. Die weiß, wie man das Leben genießen kann, ohne Geld und Prunk.

Im Alltag vergesse ich oft, mich an den kleinen Dingen zu freuen, aber hier, in der unendlichen Weite des Meeres und des Himmels, in der mir jedes mal bewusst wird, wie klein und unbedeutend alles ist, begeistert es mich schon ein kleines Muschelgehäuse zu finden.

Und wie damals als Kind, als die Kleinigkeiten noch Gewicht hatten und ich den großen Dingen keine Bedeutung beimaß, halte ich es mir ans Ohr, schließe die Augen und höre dem Rauschen des Meeres zu. Mein Ich kehrt zu mir zurück.

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Franz stand vor dem Kloster hinter der dicken Eiche. Das pfahle Licht der Mondsichel warf einen schwachen Lichtschein auf die nächtliche Szene. Nur in der Zelle des Abtes brannte noch eine Lampe. Franz zappelte ungeduldig von einem Bein auf das andere.

Der Alte dehnt sein Abendgebet heute besonders lange aus, dachte er verzweifelt. Sein Magen knurrte. Seine Geschwister und seine kranke Mutter warteten zu Hause auf ihn, in der Hoffnung auf ein herzhaftes Abendessen. Dieses erhoffte er sich hinter den Klostermauern, denn er wusste, dass sich die Mönche in einem umzäunten Gelände im Klostergarten Gänse hielten, die sie bis zum Weihnachtsfest mästeten.

Franz war wütend, wenn er daran dachte. Seine Familie hungerte und die Mönche lebten in Saus und Braus. Da lobte er sich den Eremiten, der in einem entlegenen Winkel des Waldes hauste. Dieser lebte wenigstens so wie er es predigte, bescheiden und zufrieden.

Da! Das Licht im Zimmer des Abtes erlosch und Franz wollte sich gerade hinter seiner Eiche hervor wagen, als er ganz in seiner Nähe ein Geräusch vernahm und innehielt. Vielleicht war es nur ein Tier, das sich bewegt hatte? Er starrte in die Dunkelheit.

Unterdessen wurde die kleine Seitentür, neben der großen Klostertür geöffnet, und im Lichtstrahl einer Laterne erkannte Franz den Eremiten an seinem langen Bart. Sicher hatte er seinen Glaubensbrüdern einen Besuch abgestattet und wollte nach seinen Gebeten nach Hause gehen. Da geschah etwas, das Franz den Atem stocken ließ. Ganz in seiner Nähe kam hinter einem Baum eine Person aus ihrem Versteck. Franz erkannte Lotte. Seine Lotte! Seine Verlobte Lotte! Er fürchtete in Ohnmacht zufallen.

Lotte trug den Strohhut, den er ihr als Verlobungsgeschenk gekauft hatte. Vom Munde hatte er ihn sich abgespart, immer mit dem schlechten Gewissen seiner Mutter und seinen Geschwistern gegenüber. Und sie, die Treulose, schlich nachts in der Gegend herum und traf sich mit diesem angeblich ach so keuschen, weltabgewandten Ordensbruder.

Franz wurde übel, als er sah, dass die beiden übereinander herfielen, während die Lampe scheppernd zu Boden fiel. Er hörte ihr Gestöhne. In seiner Ohnmacht ballte Franz die Fäuste.

Ich töte diesen Bastard! Nimm mir die Frau und verlustierte sich mit ihr. Wer weiß, wie lange die zwei es schon miteinander trieben, rasten die Gedanken durch seinen Kopf, soll ich sie auch töten? Mir hat sie diese Art der Zuneigung immer verweigert und mich mit auf unsere Hochzeitsnacht vertröstet. Dieses Luder! Ich werde sie mit bloßen Händen erwürgen.

Während Franz über eine Rache nachdachte, die ihn am meisten befriedigen würde, war das Pärchen vor der Klostertür so miteinander beschäftigt, dass es die Zuschauer, die sich um sie herum versammelt hatten, nicht bemerkte. Erst die donnernde Stimme des Abtes riss sie aus ihrer Ekstase.

„Bruder Lucius, wie konntest du mein Vertrauen so schändlich enttäuschen? Zieh deine Hosen hoch und sofort in die Büßerzelle!“

Zwei Minuten später lag das Kloster wieder im Dunkeln, nur Lotte stand halbangezogen auf der Wiese. Franz brach hinter seiner Eiche in hysterisches Gelächter aus. Verwirrt sah Lotte sich um.

„Franz?“, fragte sie ängstlich.

Er kam aus seinem Versteck.

„Du untreues Luder!“, schrie er sie an, „komm mir ja nicht mehr unter die Augen!“

Er ohrfeigte sie mit aller Kraft, riss ihr den Strohhut aus den Händen und machte sich auf den Heimweg.

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Eintauchen…

Faul sein. Das wäre jetzt toll. Nichts tun, nichts denken. Keinen Gedanken an ein Problem oder eine Arbeit verschwenden. Faul in den Dünen liegen, die Sonne auf mich scheinen lassen, das Rauschen des Meeres hören, des ewige rauschenden Meeres. Keine Zeit, keine Termine, keine finanziellen Sorgen im Nacken. Einfach da sein und den Tag genießen. Die Zeit durch die Finger rinnen lassen, wie Sand. Aufatmen. Keine Eile. Morgen, morgen nur nicht heute, sagen alle faulen (entspannten) Leute.

Die Hetze bringt uns keinen Schritt weiter. Höchstens näher an den Infarkt. Am schönsten ist faul sein mit einem Menschen, den man liebt. Auf dem Sofa liegen, seinen warmen Körper spüren, seine Hand, die meinen Arm streichelt, ein leichter lauer Windhauch, der über meine nackte Haut streicht… ich glaub, ich werde gerade ganz schwer und schläfrig. Ist Faulsein ansteckend? Vielleicht ein Bisschen, aber was macht das schon? Die Arbeit läuft nicht weg und da wir nur ein Leben haben, gehört eben auch das Genießen dazu.

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Ist schon komisch hier zu sitzen, Musik zu hören und die Füße kaum stillhalten zu können. Ich würde so gerne tanzen, tanzen…immer weiter…und natürlich am liebsten zu meiner Musik. Tanzen bis mir die Füße abfallen, ohne Pause durch, bis sie mich rausschmeißen.

Mir fehlt das aufregende Leben. Und ich merke, dass mir T. fehlt. Dieses „vor sich hin dümpeln“ ist doof. Als wir noch in derselben Stadt wohnten, musste ich mich nicht anstrengen um an ein Abenteuer zu kommen (auch wenn es manchmal ziemlich abgefahren war). T. hatte soviel Verrücktheiten um die Ohren, dass ich immer noch was mit abbekommen habe.

Leben aus zweiter Hand, sozusagen. Ist nicht immer toll, aber es war zumindest was los. Ich bin manchmal zu phlegmatisch, um mir soviel Aufregung zu gönnen (oder sie vom Zaun zu brechen). Aber ich fühle mich, was den Erregungslevel meines Lebens betrifft, doch stark unterfordert. Außerdem ist es viel schöner, wenn man jemand hat mit dem man über das ganze Übel lachen kann… Ok, mit S. konnte ich über einige Dinge lachen, aber T. und ich haben dieselben Interessen geteilt und was den „Alterstick“ von S. betrifft, darüber haben wir Zwei nie diskutieren müssen…Frau ist so alt, wie sie sie fühlt, basta!

Dieses Schriftstellerleben von der Kante aus nervt mich. Weil nichts Gravierendes passiert. Die „alten Meister“ haben sich so einiges zugemutet, um den Schreibfluss in Gang zu bringen: Alkohol, Drogen, Frauen, Männer, beides…, dass würde ich nicht unbedingt wollen, aber ein bisschen mehr dürfte es schon sein.

Fragt sich nur was? Und wo finde ich, was ich vermisse. Also, es geht nicht um Sex,…es geht um anarchischen Spaß, völligen sinnfreien Blödsinn, verrückte Ideen und Gedanken, die „Andere“ nicht nachvollziehen können. Ich vermisse die alte Nudel einfach!!! Das wird’s wohl sein…

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Da ist es wieder! Dieses Lächeln, ein Zwinkern und schon fühle ich mich besser. Ach, was heißt besser? Ich fühle mich super, auch wenn es insgeheim nicht so ist. Die Klamotten sind vom vorletzten Jahr, die Haare widerspenstig und ich bin blass von den kurzen sonnenlosen Wintertagen und hey, wie hübsch fühlt man sich morgens um sieben? Ich sehe ihn an und tatsächlich, er sieht mich(!)an, seine Augen strahlen und ich weiß, was auch passiert, an diesem Tag werde ich keine schlechte Laune haben. Ich werde daran denken, dass mir ein netter Mann seine Aufmerksamkeit geschenkt hat und das vertreibt jeden jämmerlichen Gedanken.

Das Wort „flirten“ gefällt mir, denn es hat etwas von flirren, flimmern oder flittern. Im Englischen heißt Flirt: flirtation, was vermuten lässt, dass wir das Wort nur eingedeutscht haben. Es wird mit Liebesspiel und Tändelei übersetzt, und sicher ist es unter bestimmten Voraussetzungen der Beginn einer Liebelei (aber dann ist es schon kein Flirt mehr). Allerdings empfinde ich das für mich selbst nicht so. Ich genieße einfach diesen kleinen prickelnden, flüchtigen Moment, füttere mein Selbstwertgefühl und hoffe, dass mein Lächeln dasselbe bewirkt. Das sich jemand gut fühlt, weil ich ihm Aufmerksamkeit schenke.

Vielleicht ist dies das ganze Geheimnis an der Sache? Aufmerksamkeit. Wer bekommt wirklich die Aufmerksamkeit, die er sich erhofft? Kinder erreichen das entweder durch absolutes Wohlverhalten oder durch ein stark aggressives Verhalten. Aber wir Erwachsenen? – Wann lobt uns unser Chef? Wie viel Interesse verspüren wir von unserem Partner? Wer erkennt unsere Bemühungen an oder macht uns ein Kompliment? Oft sind wir auf uns allein zurückgeworfen, müssen uns selber die Anerkennung geben, die uns andere verweigern oder unwissentlich vorenthalten. Wer von uns sagt zu seinem Chef/Freund/Partner/Eltern: bitte, sag mir etwas Nettes. Lob mich doch, bitte. Und wenn wir es sagen, sind wir oft schon so frustriert, dass es seinen Wert verliert, wenn sich der Angesprochene zu einer Anerkennung herablässt. Wir möchten freiwillig bestätigt werden und nicht weil wir darum bitten.

Ich würde gerne noch mehr loben oder anerkennen, als ich es tue. Meistens suche ich gezielt nach Dingen, die ich positiv hervorheben kann. Allerdings gibt es Bereiche in denen es mir schwer fällt, weil ich Bedenken habe, dass mir mein Kommentar falsch ausgelegt wird. Zum Beispiel habe ich total nette Arbeitskollegen. Ohne sie hätte ich manchmal schon das Handtuch geworfen, aber der Gedanke morgens mit einem Lächeln von Menschen empfangen zu werden, die ich als sehr hilfsbereit und freundlich empfinde (und die ich sehr mag und schätze), lässt mich mit Spaß zur Arbeit gehen. Ich würde gerne jedem sagen, weißt du, es ist toll, dass du da bist und wenn du gehen würdest, würde ich dich vermissen. Allerdings sind die Mehrzahl meiner Kollegen Männer und ich weiß nicht, ob sich das „gehört“ oder ob ich das als Frau sagen kann, ohne dass ich unangebrachter Gefühle verdächtigt werde.

Wie man sieht bin ich ebenfalls ein Opfer der Konventionen, wie alle anderen. Mein Herz sagt, wieso kannst du das nicht sagen? Und mein Kopf sagt, sei nicht albern und halt die Klappe. Ich bin gerade vom Hundertsten ins Tausendste gerutscht, nur um festzustellen wie schwierig die menschlichen Beziehungen sind und wie viel Angst ich habe, etwas falsch zu machen.

Auf diese ganze „Sache“ bin ich durch einen Artikel in der neuen „NEON“ (Ausgabe April 2012) gekommen. In dem Artikel ging es darum, dass man „jemand am Haken hat“. Heißt: es gibt einen (oder mehrere Personen) die Mann/Frau sich als Freundin/Freund hält, mit der er niemals eine Liebesbeziehung hätte, während ihn die andere Person aber als Liebespartner betrachte (wenn seine derzeitige Beziehung doch endlich in die Brüche gehen würde, dann…). Es handelt sich hierbei nicht um andersgeschlechtliche Freunde, sonder um eine dieser schrecklichen, unerfüllten, einseitigen Lieben. Und unter uns, davon kann ich ein Lied singen. Nur dass ich die am Haken war und nicht die, die die Angel hielt. Dafür kenne ich einige Freundinnen, die eine ganze Wand voller Trophäen ihr Eigen nennen. Gestandene Männer, die glaubten, wenn sie es nur lange genug aushielten, dann würde sie erkennen, dass er der Richtige wäre. Sorry Jungs, ich kann euch da keine Hoffnung machen, das wird nichts. Ich habe es am eigenen Leib erfahren und muss leider eingestehen, dass der schöne Spruch: Sie/er steht nicht auf dich, zutrifft. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen.

Das Leidenspotential eines Liebenden am Haken ist groß, sehr groß. Wir weinen uns in den Schlaf (wohl eher so ein Frauending) und lachen dem Angehimmelten am nächsten Tag wieder unbeschwert ins zuckersüße Antlitz, aber der Mistkerl/Miststück (oh, entschuldigt die Entgleisung, der/die Herzallerliebste muss es natürlich heißen) merkt nichts davon und wenn doch, dann fühlt er/sie sich geschmeichelt wie Bolle, nur vom Haken lassen sie uns nicht. Ich weiß, ich rede schlau daher, sagen die armen Hakenhänger jetzt, aber ich weiß, wie das ist. Dieses unselige Gefühl: wenn er/sie doch nur genau hinschauen würde, dann würde er/sie erkennen, dass ich die richtige Person bin.

Das Einzige, das wirklich hilft, ist ein Herzbruch und wenn es noch so verdammt wehtut. Das ist die Chance unsere Wunden zu lecken, unser Herz zu kitten und uns die Person zu suchen oder zu finden, die es wert ist. Und jeder, der einen anderen am Haken hat, sollte darüber nachdenken, ob dies nicht ein sehr unfaires, egoistisches Verhalten diesem Menschen gegenüber ist. Denn ihr haltet ihn davon ab, echte wahre Liebe zu finden. So schließt sich der Kreis und ich komme auf die Flirterei zurück.

Der Mann im Cafe sah mich an. Schon das zweite Mal. Sogar meine Tochter bemerkte es. Sie grinste uns sagte: „der Typ vom Nachbartisch schaut dich die ganze Zeit an“, und ich dachte, toll, ausgerechtet heute. Mit Schrecken dachte ich an meine schlabbrige Hose und mein Gewicht von heute morgen. Trotzdem warf ich ihm ein strahlendes Lächeln zu, als ich mich nach ihm umdrehte. Er hatte graue Schläfen und sah ein bisschen nach Sean Connery aus, Typ kerniger Mittfünfziger. Ich fühlte mich geschmeichelt und obwohl diese Begegnung schon mindestens drei Monate her ist, habe ich sie nicht vergessen. Sie streichelt mein Ego immer noch. Darum mag ich flirten viel lieber, als am Haken hängen. Beide wissen, dass sie gerade flirten. Ein kurzer, glitzernder Augenblick und mehr nicht (darüber sollte man sich im Klaren sein, wenn man kein Single ist).

Also Jungs, wenn euch das nächste Mal eine nette Frau zu lächelt, könnte es sein, dass ich es bin.

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Gebrochenes Herz

Knut trat wütend in das Rosenbeet. Noch mal und noch mal. Die Blüten flogen durch die Gegend und blieben unbeachtet auf dem Bürgersteig liegen.

„So ein Mist“, dachte er, „über eine Stunde habe ich gewartet und sie ist nicht gekommen. Dabei hatte sie es hoch und heilig versprochen. Gelächelt hatte sie, wie ein Engel. – Adelheid, diese blöde Kuh.“

Wie versteinert stand er da. Sollte sie doch sehen, wo sie blieb, falls sie jetzt käme, wäre es sowieso zu spät. Knut wollte gehen und war doch unfähig auch nur einen Schritt zu tun.

„Aber jetzt gehe ich wirklich“, drohte er laut, aber niemand hörte ihn.

„Und wenn sie doch noch kommt?“, überlegte er angespannt, „blöde Adelheid, blöder Tag, blöder Bus, blöde Rosen…, alles ist blöd!“

Knut überlegte, wie er bloß auf den irrsinnigen Gedanken verfallen war, dass Adelheid, die Beliebte, sich mit ihm, Knut, dem Looser, treffen wollte.

„Mist!“, schrie er und schlug mit den Fäusten gegen die Scheibe des Buswartehäuschens.

Er fühlte sich so elend. Am liebsten hätte er geheult. Aber Knut schluckte die Tränen herunter. Ein Junge weinte nicht, auch wenn ihn keiner sah. Er brauchte niemand. Knut hasste sie alle und am meisten Adelheid. Bestimmt saß sie jetzt irgendwo mit ihren Freundinnen und lachte sich über ihn kaputt. Morgen in der Schule würde er zum Gespött der Klasse. Er konnte ihre Schadenfrohen Gesichter schon vor sich sehen.

„Scheiße, jetzt reicht es! Ich gehe“, redete Knut sich zu. Er vergrub seine Fäuste in den Hosentaschen und trottete wütend davon. So fühlte es sich also an, wenn man verliebt war und einem das Herz gebrochen wurde. Knut konnte den Schmerz kaum aushalten.

„Wie lange das wohl anhält“, überlegte er.

Da hörte er hastige Schritte hinter sich. Adelheid! Knut drehte sich um…

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Aus dem Radio drang Musik in das Wageninnere. Die Klänge vereinten die beiden Menschen in ungefährlichem Schweigen. Sie hingen ihren Gedanken nach. Lea versuchte sich auf die Straße zu konzentrieren. Normalerweise gelang ihr das mühelos, aber der herrliche Frühlingstag füllte ihren Kopf mit anderen Gedanken, die sie am liebsten sofort in eine Geschichte verwandelt hätte.

Schreiben wäre jetzt schön. Einfach schreiben. Fenster auf. Sonne und Luft herein lassen.

Sätze flossen durch ihren Kopf. Absätze. Sie formte, änderte, verdichtete, verwarf, nur um sie in einem neuen Gedankengang wieder auferstehen zu lassen.

Liebe, immer wieder diese verfluchte, komplizierte Liebe. Gibt es denn nichts anderes? Gut, Liebe und Tod. – Auch nicht besser! Am Ende läuft es doch immer wieder auf dasselbe raus: Ohne Liebe geht nichts. – Das ist Jacks Schuld.

Heute Morgen war er wieder durch ihre Träume gegeistert und hatte sie in Aufruhr versetzt.

Immer wieder Jack. Dabei ist er nur eine Figur aus einem Film. Was hat der Mann nur an sich, dass ich auf ihn anspringe, wie eine Zecke und mich so festbeiße, dass er sogar vor meinen Träumen keinen Halt macht?

„Wild, Wild, one“, tönte Iggy Pop aufreizend aus dem Lautsprecher. Seine tiefe, gefühlvolle Stimme fuhr Lea in den Bauch und versetzte sie in lustvolle Vibrationen.

Wild sein, das wäre toll. – Ich bin viel zu brav.

Sie warf ihrem Beifahrer einen hastigen Seitenblick zu. Er hieß David, hatte sie auf ihrem Adresszettel gelesen, und ein Augenschmaus, das war selten. Lea atmete seinen Duft ein. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen.

Er riecht gut. Beinahe lecker. Als würde die ganze Wohnung nach frisch gebackenem Schokokuchen duften. – Es sollten viel mehr Männer so gut riechen. „The New Fragrance For Man – David Brownie – von Bossy”. Vielleicht sollten Frauen nach Steak riechen, wenn sie Männer aufreißen wollen?

Sie musste lächeln. Bei der Begrüßung, am Auto heute Morgen, hatte David ihr einen angenehm, erfreuten Blick zu geworfen und als sie sein Gepäck einladen wollte, strikt abgelehnt.

„Kommt gar nicht in Frage! Wäre ja noch schöner!“

Ohne Probleme hatte er seine Taschen im Kofferraum verfrachtet. Geschmeidig und lässig, jeder Zentimeter selbstbewusst und mit einer knackigen Rückenansicht.

Warum der wohl bei uns zur Reha war? Er sieht überhaupt nicht versehrt aus.

Leas Blick blieb an seinem ebenmäßigen Gesicht hängen. David war der dunkle Typ, Sonnyboy mit Restgeheimnis.

Oh, Gott. Kitsch as Kitsch can. Du solltest es besser wissen, als Schriftstellerin. – Er würde eine gute Figur als Vampir abgeben. – Kuck auf die Straße!

Der Kofferraum schnappte zu. Lea beklagte es selten auf der Rückfahrt keinen Fahrgast zu haben. Heute, ohne Davids kribbelnde Gesellschaft, bedauerte sie es doch. Sie wollte ihm gerade die Hand zum Abschied reichen, als er fragte:

„Müssen sie gleich weiter? Oder darf ich ihnen noch einen Kaffee anbieten?“

Davids Stimme hatte eine rote Melodie, die sich in Leas Sinne schmeichelte. Barry Whites Soulsexstimme. Das war es. Ihr Herz entzündete sich.

Wild sein! Jetzt! Das kommt nie wieder.

Der Gedanke rannte ihr wie Opium durch den Kopf und betäubte ihre letzten Skrupel.

„Ja“, sagte sie. Es klang wie eine Frage.

David hielt ihr die Tür auf. Die Wohnung war gemütlich. Bilder, Pflanzen, ein weiches Sofa mit Kissen. Ein vollgestopftes Bücherregal fiel Lea sofort ins Auge. Eilig flogen ihre Blicke über die Buchrücken. Garcia-Marquez, Shakespeare, Lasker-Schüler, Hesse, Rilke, Kästner, Hohlbein, Kunstbände. Lea beruhigte sich. Die meisten Bücher besaß sie selbst. Letzte Zweifel an David verflogen. Das war ein gutes Omen.

„Der Kaffee ist fertig.“ David stellte zwei Kaffeetassen auf den Couchtisch. „Milch und Zucker?“

„Milch, danke.“

Ihre Finger berührten sich, als David Lea die Tasse reichte.

Fehlt nur das Zischen und Funken sprühen, dachte Lea.

Sie lagen Seite an Seite. Ihre Blicke berührten sich. Tauchten ineinander, streichelten, liebkosten, verschmolzen.  Silberne Fische im Strom.

Lea sah David atemlos an. Jede Linie seines Gesichts war ihr vertraut. Tausendfach erinnerte es sie an die sehnsuchtsvollen Nächte, in denen sie Jacks Gesicht vor sich gesehen hatte. David war Jack.

„Ich will dich.“

Seine Stimme rieb über Leas Haut. Warm und fest. Ihre Sinne und ihr Körper öffneten sich für ihn. Füllten ihre vereinsamten Herzkammern mit glühender Lust.

„Ich will dich jetzt.“

Davids Stimme brach die letzte Brücke ihres alten Lebens ab. Die Zeit blieb stehen, verging, hielt an. David wurde ihr Schöpfer. Seine Lippen, seine Hände, sein Körper erschafften einen neuen Menschen. Lea war nicht länger eine Hülle, sondern ein Gefäß. Ihre Gefühle waren keine Illusion aus schlaflosen Nächten, sondern greifbare Wirklichkeit. David verwandelte Lea mit loderndem Feuer und sengender Hitze aus Lust und unbändigem Verlangen. Mit donnerndem Strom und plätscherndem Regen. Mit lieblicher Brise und brüllendem Sturm, der sie zerfetzte und neu zusammensetzte. Dem heißen Atem der Wüste und der kalten Stille des Eises. Leas Körper schrie vor Begierde nach mehr. David entfesselte das Meer für sie. Hoch aufgepeitscht, begrub seine Leidenschaft alles unter sich. Er riss Lea in seinen Abgrund der Sinnlichkeit, bis sie im Rausch jeden Halt verlor. David nahm Leas Sehnsüchte und ersetzt sie durch seine.

„David?“, flüsterte sie atemlos.

„Ich bin hier. Du gehörst mir.“

Seine sanfte Stimme drang Lea bis ins Blut und zeigte ihr den Weg.

„Ja, ich weiß. Ich habe es immer gewusst.“

David lachte leise, dann zog er Lea in den nächsten hemmungslosen Strudel.

Lea lag in Davids Armen. Ihr Atem ein erschöpftes Keuchen. Sein Verlangen hatte alles genommen, ihre Gier alle Grenzen gesprengt. Ihre bedenkenlose Unersättlichkeit hatte alle Hemmnisse abgebrannt.

Wild, Wild one.

Die Worte flackerten in Neonfarben hinter ihren geschlossenen Augenlidern auf und ab. Wild war sie gewesen, wie noch nie in ihrem Leben. Kein Kitsch, kein Klischee auf Papier. Einfach sie und die Lust, die sie spürte. David, der ihren Körper in Besitz nahm, sie zum Fließen brachte, ihr seinen Rhythmus gab, sie zu diesem ekstatischen Tanz verführt und eine ungeahnte Lust verschafft hatte. Er beherrschte das Spiel meisterlich. Das war Leben zum Anfassen. David betrachte sie mit dunklen Augen. Lea hatte ihn genauso überrascht, wie sie sich selbst.

Weggefegt habe ich ihn. Alles aus ihm rausgeholt. Ihn fertig gemacht.

Lea lachte leise. Sie hatte das Gefühl, David immer noch hart und tief in sich zu spüren. Ein letztes Mal fuhren ihre Finger über Davids warme Haut. Unauslöschlich in ihr Leben gebrochen, hatte er wilde Samen auf ihre Zurückhaltung gesät. Melancholie sprang sie an.

„Ich muss gehen.“

Lea griff nach ihren Sachen, wollte sich anziehen.

„Born to be wild.“

Davids Worte hakten sich in Leas Gedanken. Energisch zog er sie zurück in seine Arme.

Geboren um wild zu sein.

Die Saat zerstörte Leas Widerstand. Das Ende war ein Anfang.

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„Wie kann man nur so süchtig sein? Auf was haben wir uns da bloß eingelassen, mit den ganzen Geschichten.“ Kam eine Mail von Tina.

Wenn ich wüsste, worauf wir uns da eingelassen haben? Was wäre wenn ich das vorher gewusst hätte? Darauf weiß leider keine Antwort.

Besser, dass wir es nicht wussten. Wäre schade um die Texte und die Geschichten, und schließlich kann Frau ja nicht alles im Kopf behalten. Ich bin schon immer untröstlich, wenn ich abends eine Idee habe, sie nicht aufschreibe und morgens ist sie weg. Dann denke ich immer: Warum hab ich es mir nicht notiert, ich hätte doch wissen müssen, dass ich es morgens vergessen habe. Trotzdem passiert es mir immer mal wieder.

Schlimm wenn man Entzugserscheinungen hat – vom Schreiben. Ist beinahe wie eine Drogensucht. Frau muss einfach schreiben. Sonst fängt sie an überzuschnappen, bis hin zur Depression, grenzt fast ans Manische. Und das tut weh. Schlaflosigkeit, Nervosität, Gehirnbrand….und so weiter.

Da hilft auch kein Kaffee, einzig: HER MIT DEM SCHREIBGERÄT UND LOSGELEGT. Sucht kann nicht schlimmer sein. Dieses gehetzte Gefühl es jetzt unbedingt tun zu müssen und wenn man es dann nicht kann…dieses böse Kribbeln in den Fingern zu spüren…wie grausam kann das sein…..schlimm, schlimmer, am schlimmsten…und noch schlimmer…..absolut das aller, aller, aller Schlimmste……..davon kann jeder Schreiberling ein Lied singen.

Aber unter uns: die beste Sucht, die es gibt.

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